Ein Piep.

Erstmal das Gute: die Proben der Mikrokalzifikation, die am Montag entnommen wurden, waren gutartig. Und während ich mich kringelig freute, sprach die Radiologin leider mit einem „Aber…“ weiter.

Aber bedeutete, dass sie das Ergebnis mit in eine Ärztekonferenz am Donnerstag mitnahm, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Die Ärzte waren sich einige: es muss noch eine Biopsie gemacht werden. Dieses Mal im MRT.:

  1. Ich habe zwei Mikrokalzifikationen.
    Diese werden nur in der Mammographie angezeigt.
  2. Ich habe eine Kontrastmittelanreicherung.
    Diese ist natürlich nur im MRT zu sehen.
    Die Anreicherung ist ein Hinweis auf eine Veränderung in der Brust.
  3. Die Biopsie war mammographiegestützt, also man konnte damit nur die Mikrokalzifikationen ansteuern.
  4. Wäre die Kalzifikation bösartig gewesen, hätte man die Anreicherung ignoriert, weil man ja eh die Brust ausgeräumt hätte. Man wäre dann davon ausgegangen, dass die Kalzifikation die Anreicherung erklärt.
  5. Nach dem gutartigen Befund, müssen die Ärzte nun abklären, ob die Veränderung des Gewebes, die die Kontrastmittelanreicherung verursacht, auch gutartig ist oder vielleicht doch bösartig.
  6. Die neue Biopsie wird nun MRT-gestützt gemacht mit Gabe von Kontrastmitteln, um den Bereich genau lokalisieren und ansteuern zu können.
  7. Der Bereich ist 2,6 cm groß.

Noch eine Woche Kopfkino (die Brust muss erstmal abheilen von der ersten Biopsie), noch eine Woche Angst vor einer neuen Biopsie, noch eine Woche Angst vor dem Ergebnis.

Die Biopsie wird händisch durchgeführt, nicht computergesteuert. Die Ärztin wird mir im MRT Gewebeproben entnehmen.

Eigentlich haben wir Urlaub. Eigentlich hatte ich mich auf eineinhalb Wochen Entspannung von dem ganzen Stress gefreut. Auf Badeseen und Wanderungen, auf Sonnenbaden und Büchertürme.

Jetzt werde ich nach der ganzen Sache – hoffentlich mit Entwarnung – zurück an den Schreibtisch gehen und mich fragen, wann ich mir nochmal freinehmen kann.

 

 

Diazepam und ich.

Wir sind best Buddies. Jedenfalls waren wir das am Montag… Aber von vorne:

Um 12.45 Uhr sollte ich mich in der Radiologie einfinden, was ich auch tat. Mit einem Blutdruck, der jenseits von Gut und Böse war. Aufregung trotz einer Woche Baldrian-Kur  ;) Das Team im Krankenhaus war sensationell: die Radiologin, die Oberärztin der Gynäkologie und zwei MTAs (oder wie heißen die?) haben mir das Gefühl gegeben, sehr gut aufgehoben und zu sein.

Erster Schritt: Zugang legen.

Dann wurde eine Mammographie gemacht, um den zu bioposierenden Bereich genau zu definieren für die Lokalisierung. Ich bekam ja eine stereotaktische Vakuum-Saug-Biopsie, das heißt, die Entnahme war unter bildgebender Zielführung und Kontrolle, in meinem Fall mammographisch und computergesteuert.

Nach der Mammo durfte ich mich dann auf eine Liege legen. Auf die Seite. Der untere Arm mit dem Zugang lag auf einer tieferen Ablage, der obere Arm angewinkelt unter meinem Kopf. Dann bekam ich die erste Dosis über den Zugang vom guten Stoff: Diazepam. Binnen Sekunden bekam ich ein sehr leichtes Gefühl im Kopf. Und wurde ein bisschen ruhiger.

Liegend schob man mich zum Mammographiegerät und fixierte meine Brust. Es wird dabei nicht so stark eingespannt, wie bei der Mammographie. Dann wurden wieder Aufnahmen gemacht, um das Gerät auszurichten. Ich hatte Glück und alles war beim ersten Versuch perfekt. Das Gerät wurde eingestellt und meine Brust vor der Betäubungsspritze kurz betäubt mit Eisspray oder ähnlichem.

Die Spritze habe ich – entgegen der Voraussage der Ärztin – kaum gemerkt. Eigentlich sollte diese Brennen und einen Druckschmerz verursachen. Bei mir war nichts. Ok, Diazepam machte es vielleicht möglich.

Da ich immer noch sehr aufgeregt war, bekam ich noch den Rest des Diazepam und war dafür sehr dankbar. Den Schnitt in die Brust merkte ich dank örtlicher Betäubung nicht.

Tatsächlich zwickte die Biopsie ein bisschen. Ich möchte nicht sagen, dass es weh tat, sondern es war ein Pieksen, als ob man in der Brust gezwickt wird. So konnte ich alle Probeentnahmen mitzählen. Jedes Zwicken und Stechen war ein abgeschnippeltes Gewebewürmchen.

Es war also nicht so schlimm, wie ich mir in den letzten zwei Wochen ausgemalt habe, es war aber auch nicht so schmerzlos, wie erhofft. Die Schmerzen sind aber absolut gut auszuhalten – ach ja, Diazepam…

Die Wunde wurde mit zwei Klammerpflaster versorgt, danach wurden mir Kühlkissen zum Beschweren auf die Brust gelegt, um zu kühlen und die leichte Blutung zu stillen. Und dann kamen – leider – noch zwei Mammographieaufnahmen. Die Kompression brachte natürlich nochmal ein bisschen Nachblutung. Aber nicht viel.

Die ganze Zeit war das Team für mich da. Sie sprachen mit mir, haben mich abgelenkt und ernst genommen, mich beruhigt und getröstet, mir erklärt, was passiert. Ich hatte absolutes Vertrauen in alle Anwesenden.

Um 14 Uhr war ich wieder draußen. Alles zusammen, vom Zugang legen bis zur Mammographie am Schluss, dauerte es eine knappe Stunde. Und der beste Mann von allen brachte mich Vollberauschte nach Hause. Denn: Begleitung muss sein nach der Ruhigstellung.

Den Nachmittag verbrachte ich auf der Couch. Es tat danach etwas weh, was ich aber mit  Kühlkissen und Ibuprofen gut aushalten konnte. Und den Nachwirkungen von, jaja, Diazepam.

Ich schreibe das hier auf, weil ich weiß, dass viele vor einer Biopsie googeln. Und auch diese Horrorstorys lesen wie ich. Und ich möchte einfach aufschreiben, wie ich die Biopsie erlebt habe und sagen: in der Vorstellung ist es schlimmer, als in Wirklichkeit.

Es gibt schöneres, was man machen kann. Aber es ist nicht dramatisch! Die Angst davor ist schlimmer, als der minimalinvasive Eingriff selbst.

Jetzt heißt es warten auf das Ergebnis. Zwei bis drei Tage dauert es. Ich bekomme also heute oder morgen Bescheid.

Juni.

Nachdem wir unseren Wanderurlaub abgesagt haben, konzentriere ich mich jetzt auf die schönen Dinge, die wir im Juni vor uns haben. So langsam komme ich aus meinem Loch raus und beginne wieder mit zwischenmenschlicher Kommunikation :D

Ja, in knapp zwei Wochen bekomm ich zwar die Biopsie, aber davor und danach wird es großartige Dinge geben:

  • ein kleines Musikfest im Dorf
  • ein Geburtstagsbrunch in Stuttgart
  • eine Gartyparty am Rhein
  • ein Depeche Mode-Konzert
  • ein Pet Shop Boys-Konzert
  • ein Coldplay-Konzert
  • eine Jahresfeier in der Ebbelwoi-Wertschaft im Nachbardorf-Stadtteil

Ich finde, das sind Sache, auf die man sich viel mehr konzentrieren sollte, also auf dies blöde Biopsie :D Los geht’s!

Nein.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich gerade schlecht drauf bin.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass mein Themenspektrum gerade sehr fokussiert ist.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich über meine Angst spreche.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich meine Freunde um ein offenes Ohr bitte.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich jetzt gerade mehr nehme, als geben kann.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich weniger lachen kann.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass dich das triggert.

Ich bin dankbar für die Menschen, die für mich da waren die letzten vier Wochen. Die mich angerufen, mir Nachrichten geschickt haben oder einfach nur vorbeigekommen sind. Ich bin deswegen dankbar, weil sie mir zeigen, dass man sich auch sehr nah sein kann, wenn man nicht beieinander wohnt. .

Beruhigung.

Vielleicht muss ich mal was zum Status Quo schreiben:

Ultraschall schafft es nicht, mein Brustgewebe ausreichend beurteilen zu können. Ich leide unter Mastapathie und Mastodynie. Das bedeutet, dass ich „Konglomerate von Zysten“ habe, Fibroadenome, Knoten und weiß der Teufel, wie die Wucherungen noch alle heißen. Diese schwellen an, schmerzen zyklusabhängig manchmal sehr stark. So stark, dass jede Berührung weh tut. Wenn die Zysten sehr groß sind, kann man sie problemlos von außen fühlen.

Hinzu kommt, dass ich ein sehr dichtes Brustgewebe habe und nur relativ wenig Fettgewebe. Oder wie der Brustspezialist sagte: ich habe ein unruhiges Brustbild.

Daher wurde ich von meiner Gynäkologin zur Mammographie geschickt.

Bei der Mammographie vor einem halben Jahr wurden Mikrokalzifikationen festgestellt. Diese Verkalkungen kommen oft vor. Viele Frauen haben das. Mikrokalzifikationen können eine Vorstufe zum Brustkrebs sein. Sie können aber auch harmlos sein. Daher wurden sie als kontrollbedürftig, aber BI-RADS 3 eingestuft.

Bei der Kontrollmammographie vor zwei Wochen war man sich nicht sicher, in wie weit sich die Mikrokalzifikationen verändert haben. Der Bereich ist sehr klein. Die Ärztin sagte, der Raum wäre gleich geblieben, aber die Zahl der Mikrokalzifikationen wäre gestiegen. Darum wurde ein MRT angeordnet.

Das MRT zeigt keine Mikrokalzifikationen und ähnliches, sondern zeigt mit Hilfe des Kontrastmittels, ob bestimmte Bereiche „gut durchblutet“ sind, also ob sie versorgt werden. Bei harmlosen Veränderungen in der Brust passiert nicht viel. Bei suspekten Bereichen liegt eine „erhöhte Versorgung“ vor. Das kann wiederum auf das Entstehen eines Tumors hindeuten.

Bei mir wurde eine Mikrokalzifikation als suspekt (BI-RADS 4) eingestuft. Eine andere als harmlos (BI-RADS 3). Bei mir sind also zwei Punkte, die die Gynäkologen und Radiologen aufhorchen lassen: Mehr werdende Mikrokalzifikation und hohe Versorgung des Bereichs. Beides kann auf ein Entstehen eines Tumors hindeuten.

Da man weder bei der Mammographie, noch beim MRT bei mir beurteilen konnte, was die Ursache für die suspekte Kalzifikation ist und ob da was entsteht, muss eine Biopsie durchgeführt werden.

Im schlimmsten Fall stellt sich bei der Biopsie heraus, dass da was bösartiges entsteht oder entstehen kann. In diesem Fall würde ich operiert werden, der Bereich würde großzügig ausgeräumt und die Gefahrenstelle beseitigt. Gleichzeitig würde man in der linken Brust den kontrollbedürftigen Bereich mitentfernen. Danach werde ich häufiger zur Vorsorge gehen müssen, um die Stellen im Auge zu behalten.

Dank Vorsorge, dank frühzeitiger Erkennung der Gefahrenstelle, werde ich dort keinen Tumor bekommen.

Das ist beruhigend.

Was bleibt ist die Angst.

Die Angst, vor der Biopsie. Die Angst davor, dass man was findet, was nicht gutartig ist. Die Angst vor einer möglichen OP. Angst, dass ich eine von denen bin, die gefährdet sind. Die Angst bei jeder halbjährlichen Ultraschall- und Mammographieuntersuchung, dass sie doch was finden. Vielleicht woanders. Die Angst, dass es jetzt immer so weiter geht.

Nach meiner Hysterektomie wegen des Uterus myomatosus vor zwei Jahren, war ich die jahrelange Angst vor der Vorsorge los. Ich hatte nicht mehr die Angst im Nacken sitzen, dass man einen Tumor entdeckt.

Jetzt ist die Angst wieder da. Nur nach oben gerutscht. Wenn ein Mal was da war, bleibt der Gedanke im Hinterkopf, dass da immer was sein kann. Es bedeutet, dass es wieder zu meinem Alltag gehören wird, dass ich mir Gedanken um Krebs mache.

Ich sollte dankbar sein, dass die Vorsorge dazu geführt hat, dass ich diese Option habe und nicht in einem Jahr gesagt bekommen könnte, dass da ein Tumor sei und warum ich nicht früher zur Vorsorge gegangen wäre. Ich sollte dankbar sein.

Und ganz sicher bin ich das auch, wenn die Biopsie vorbei ist und ich für den Moment die Entwarnung bekomme.

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Weiter warten.

Ok. Der Brustpapst *hihihihi* hat jetzt nochmal einen Ultraschallblick auf das Gekröse geworfen und stimmt zu, dass möglichst bald eine Vakuumbiopsie gemacht werden soll. Er berät sich jetzt nochmal mit dem Radiologen, um die Mammographiebilder von vor einem halben Jahr und vorletzter Woche zu vergleichen und zu entscheiden, ob beide Mikrokalzifikationen biopsiert werden oder nur eine.

Was erstmal vernachlässigt wird, ist die linke Brust. Hier sieht er nur Handlungsbedarf, sollte rechts was bösartiges festgestellt werden und sie operieren müssen. Dann würde er das in der OP mitentfernen. Ansonsten nur beobachten. So ungewöhnlich das wäre, aber er sagt, es sähe aus wie ein Lymphknoten. Nur die Stelle ist merkwürdig…

Ansonsten sind auch meine Lymphknoten noch völlig unauffällig und so werden wir wohl die Biopsie in, Achtung, ca. zwei bis drei Wochen durchführen. Wenn die Brust maximal entspannt sei.

Das würde die Untersuchung für mich angenehmer machen.

Generell sagte er, dass eine Biopsie nicht wirklich weh täte. Die meisten Frauen würde sie nicht merken, je nach Stelle würden aber einige von „Zwicken“ und „Piksen“ sprechen. Er meinte, Schmerzempfinden sei sehr individuell und auch Tagesform abhängig. Daher sein Bestreben, die Biopsie an einem für mich angenehmen Tag durchzuführen.

Finde ich gut. Allerdings muss ich nun noch länger warten, bis ich es hinter mir habe. Aber immerhin wird es hier in der Nachbarstadt gemacht.

Positiv denken.

Warten.

Ich warte seit Freitag. Heute soll mich der Brustspezialist anrufen und mit mir das weitere Vorgehen besprechen. Vielleicht wird diese Woche schon biopsiert.

Irgendwie habe ich mir diese kurze, sonnige, sommerliche Woche anders vorgestellt. Mehr so mit Garten und Co.

Nun denn.

Bis es soweit ist, frisst mich wohl diese Ungewissheit innerlich auf.

Unwetter.

Ein Unwetter hängt über mir. Mit Blitz und Donner. Leider hilft das mit dem Verstecken unter der Decke nicht. Es würde vielleicht schaden.

Vielleicht ist das Wort der Stunde. Oder auf „befundisch“ formuliert: BI-RADS 4.

BI-RADS 4 steht in der Brustkrebsdiagnostik für „ungeklärt“ und „suspekt“. Es ist, wie schon die ganze Zeit, dieses Zwischending. Schrödingers Mammakarzinom. Ist es da oder ist es nicht da. Es ist keine Entwarnung, es ist nicht bösartig. Es ist jetzt gerade nichts. Gar nichts. Es ist eine Parallelwelt, in der ich schwebe. Oder in Zahlen ausgedrückt 50:50.

Aber die Maschinerie ist angelaufen. Meine Gynäkologin organisiert für mich jetzt den Biopsietermin, möglichst nächste Woche. Sie meldet sich im Laufe des Tages und sagt mir dann, wann ich antreten muss. Darf? Kann? Nein, muss.

Ich muss es positiv sehen: Bei einer gesicherten Krebszellen-Diagnose nach Biopsie befinden wir uns am Anfangsstadium. Therapierbar mit OP. Nahezu 100% Überlebenschance.

Jetzt habe ich einfach nur Angst vor der Untersuchung. Nein, erstmal nicht vor dem Ergebnis. Nur vor der Untersuchung. Davor, dass diese stereotaktische Vakuumbiopsie weh tut. Ich habe Angst vor den Schmerzen.

Und versuche, nicht weiter zu googlen.

 

Unwissenheit.

Gestern Nacht gab es hier Gewitter. Und jedes Mal, wenn der Himmel hell erleuchtet war von Blitzen, gab es danach diesen Moment der Stille. Und der Unwissenheit: Wann kommt der Donner? Wie laut ist er? Wie nah ist das Gewitter?

Als Kinder haben wir Sekunden gezählt und wollten dann ausrechnen, wie weit das Gewitter von uns weg ist. Und wenn auf Blitz Donner folgte und wieder Blitz und wieder Donner, dann haben wir uns unter unseren Bettdecken verkrochen und weitergezählt, bis der Abstand wieder größer war und das Gewitter weiterzog.

Dieser eine Moment der Unwissenheit, der Aufgeregtheit, der Spannung und Erwartung, aber auch der Angst, zwischen Blitz und Donner.

Es gibt bei Vorsorgeuntersuchungen auch diesen einen Moment. Diesen einen Moment der Unwissenheit. Selige Unwissenheit, aufreibende Unwissenheit. Es ist diese Zeitspanne zwischen Untersuchung und Mitteilung des Ergebnisses. Oder zwischen erster Vermutung und Entwarnung – oder Bestätigung.

Wenn erstmal der Verdacht oder die Diagnose gestellt ist, gibt es keine Unwissenheit mehr. Dann gibt es kein Zurück mehr in die Zeit davor. Die Zeit von Unbeschwertheit und Nichtwissen.

Und je nachdem, wie die Diagnose dann ausfällt, fällt der Stein der Erleichterung ab oder man sehnt sich genau zu dem Zeitpunkt zurück, als man noch nichts wusste. Zu dem Moment, als man noch hoffte oder ignorieren konnte.

Ich befinde mich gerade irgendwo dazwischen, weil ich diesen Moment jetzt zum zweiten Mal erlebt habe und das dritte Mal kurz bevor steht. Ich halte mich gerade daran fest, dass „es auch alles nichts bedeuten muss“.

Die zweite Mammographie hat leider keine Entwarnung gebracht. Kein erhofftes „alles so, wie vor einem halben Jahr, keine Veränderung“, sondern ein „der Raum ist der gleiche, aber die Anzahl ist mehr geworden. Leider können wir es auf der Mammographie nicht beurteilen aufgrund ihres dichten Brustgewebes. Wir versuchen es mit einem MRT. Hier ist ihr Termin in vier Tagen.“

Nun zum dritten Mal dieser luftleere Raum vor der Untersuchung. In meinem Kopf schwirren „das kann ein sich verkalkendes Fibroadenom sein“ und „es kann auch eine Vorstufe zum Mammakarzinom bedeuten“ herum.

Ich sitze nun hier, hefte Rechnungen ab. Starre auf den Bildschirm. Starre auf den Kaffee. Starre auf meine Hände. Und möchte nichts anderes tun, als mir die Decke über den Kopf zu ziehen und zu warten, bis das Gewitter weitergezogen ist. An mir vorüber.

Blockiert.

Ich könnte jetzt über meine zahllosen Wirbelblockaden schreiben, die mich begleiten. Über das erleichternde Knacken und das schöne Gefühl, wenn der Bereich wieder warm wird.

Aber es geht tatsächlich um emotionale Blockaden bei mir, Handlungsunfähigkeit, wenn es um meine Gesundheit geht.

Der Mann ist ein vorbildlicher Vorsorge-Patient: Zahnarzt, Internist, Dermatologe, Kardiologe, Proktologe, Urologe – sie alle besucht er regelmäßig. Ich bin da eher so unterengagiert. Das ist vielleicht meiner Historie geschuldet, die geprägt davon ist, dass mit jedem Arztbesuch eine Hiobsbotschaft kam.

Seit Kindheitstagen bin ich wegen diverser Baustellen in Behandlung. Immer noch. Ich bin alle sechs Monate beim Gynäkologen, beim Zahnarzt, beim Internisten, beim HNO. Und jeder neue Kontrolltermin macht mir Druck. Das Kopfkino fängt an, die wildesten Filme aufzuführen, das Gedankenkarussell dreht seine Runden. Ich gebe mich locker und bin doch angespannt.

Am Ende des letzten Jahres hatte ich dann die Arztblockade: Ich konnte und wollte einfach keine Kontrolltermine mehr ausmachen. Als ob in mir eine Mauer wäre, die jeden Arzt aussperren wolle.

Ich hatte das Gefühl der Ohnmacht, des Kontrollverlustes und wurde bockig. Ich blockierte. Ich wusste, dass ich Anfang des Jahres eine neue Mammographie machen sollte. Und müsste. Ich wollte nicht. Ich konnte einfach nicht. Nicht mehr.

Scherzhaft nannte ich es Arztmüdigkeit. Ich war die letzten zwei Jahre so oft bei Ärzten, Chiropraktikern, Osteopathen und Physiotherapeuten, dass ich die Termine nicht mehr zählen kann. Dass für die Steuererklärung 1400 Kilometer an Arztwegen in den zwei Jahren zusammenkamen, sagt wohl schon alles. Denn wir wohnen städtisch…

Der Gedanke an jede Art von Vorsorge, Kontrolle oder Check haben mir Bauchschmerzen gemacht. Und jeder sagte mir, dass es doch aber nichts brächte, wenn man es schieben würde, weil dann könnte es ja noch schlimmer werden, wenn war wäre. Und, ja, ich weiß das. Aber es war auch des öfteren schlimm, wenn ich regelmäßig gegangen bin.

Dieses innere Gefühl der Blockade lähmte mich völlig. Und weitete sich auf andere Bereiche aus. Seit Ende letzten Jahres fehlte mir der Elan, Dinge umzusetzen, anzugehen oder voranzutreiben. Keine Kraft, kein Elan, keine Lust. Völlige innere Verweigerung.

Jetzt, vier Monate später, löst sich der Knoten langsam.

Ich habe heute die ersten Kontrolltermine ausgemacht für Radiologie, Gynäkologie, Dermatologie und Dentologie. Die internistische Kontrolle habe ich schon hinter mir. Alles in den nächsten vier Wochen. Fehlen noch Proktologie und Kardiologie…

Ich habe bei der Yogaschule angerufen und werde den nächsten Anfängerkurs besuchen (leider erst ab Juli), um herauszufinden, ob Yoga was für mich ist.

Ich habe eine interessante Stellenanzeige gesehen und werde mich wohl einfach mal bewerben. Auch, wenn es nur zu 50% meinen Erfahrungen entspricht.

Und, was das wichtigste ist, ich habe seit knapp vier Wochen eine Ernährungsumstellung auf eine proteinreichere, aber kohlehydratärmere Ernährung vollzogen und endlich die zwei Kilo wieder runter, die ich vom intermittierendem Fasten zugelegt hatte. Und es fällt mir nicht mal schwer. Im Gegenteil. ich fühle mich besser.

Vielleicht ist das dieses Alter. Oder diese Midlife-Crisis. Oder was auch immer.