Diffus.

Bisher war das Säbelrasseln der Weltmächtigen eher diffus. Es wurden Sanktionen verhängt, wenn Länder bombadiert oder unterstützt wurden, dann immer mit einem unschuldigen Blick, erhobenen Händen und dem Hinweis auf Rechtmäßigkeit. Kein kalter Krieg, sondern ein diffuser. Ein Verschwimmen der Grenzen inklusive. Verbrüderung und Sanktionen im Gleichschritt.

Jetzt der offene Schlagabtausch und die Welt schwankt zwischen Fassungslosigkeit, Kopfschütteln – und Angst, die nicht mehr so diffus scheint.

Ich versuche tatsächlich, die Bedrohungslage weitgehend zu ignorieren, merke aber mit Erschrecken, dass mich das gleiche unterschwellige Unruhe- und Angstgefühl packt, wie in meiner Jugend, als der Krieg noch kalt war.

Vor einiger Zeit schrieb ich mal über die heile Welt, in der wir aufwuchsen: RAF, Kalter Krieg, Tschernobyl und Besatzungszone. Ein latentes Gefühl der Bedrohung prägte meine Kindheit und Jugend.

Dieses Gefühl ist wieder da. Nach vielen Jahren ist es mit zwei Machthabern zurückgekehrt, die ihre Raketen vergleichen wollen. Und man sieht an meiner lachsen Beschreibung, dass ich versuche es zu verharmlosen.

Weil alles andere die Bedrohung näher heran lassen würde, näher an unser tägliches Fühlen und Handeln und damit vielleicht Konsequenzen fordern würde. Die Erkenntnis, dass wir eben – auch als vermeintlich nicht politische Menschen – immer mittendrin stecken und immer betroffen sind.

Wir leben in einer Welt, in der Krieg jeden Tag die Nachrichten füllt. Wir haben uns daran gewöhnt. Die Kriege sind weit weg, die Folgen für uns in Form von Flüchtlingen sichtbar. Aber unser Alltag ging weiter. Zu weit waren die Krisenherde entfernt, die Bomben und die Zerstörung.

Jetzt stecken wir wieder irgendwie mittendrin in der latenten Bedrohung und ich fühle mich genauso ohnmächtig, wie damals als Kind.

 

 

WMDEDGT

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Nicht viel und nichts spannendes heute.

Die Nachtruhe wird unterbrochen um halb 5, weil die Katzen bitte jetzt sofort gefüttert werden wollen. Wir diskutieren ein bisschen, aber sie haben definitiv die besseren Argumente („Wenn du nicht fütterst, hören wir nicht auf zu nerven“). Noch mal ins Bett. Finden die Katzen auch gut und so wache ich dann um kurz vor 8 durch lautes Schnurren und verdammt wenig Platz im Bett auf. „Familienbett“ wäre nichts für mich, ich bin nicht stur genug beim Platzverteidigen gegen Kleingemüse mit Ausbreitungsdrang.

Nach dem aus dem Bett pellen erstmal Kaffee und Zeitung lesen: Wochenendroutine. Wir haben heute nicht so lange Zeit, um 10 Uhr kommt Schwiegermutter mit der Bahn.

Zum Glück hat sie Vernunft über Stolz gewinnen lassen und so steigt sie mit Rollator aus der S-Bahn und wir machen uns auf den Weg Richtung Einkaufsstraße unseres kleinen Städtchens. Da ist samstags Markt und sie hat noch einen Gutschein von uns einzulösen.

Um halb 12 kommen wir nach Schaufensterbummeln und Mikroshopping (ein bisschen Wurst) am Weinstand unseres Vertrauens an und treffen die üblichen Verdächtigen aka Freunde, um mit ihnen ein Gläschen Sekt zu trinken aufs Wochenende, das Leben, die Gesundheit und alles andere, was es zu feiern gäbe.

Noch eine Bratwurst hinterher und mit Schwiegermutter weiter, der es einfach zu langweilig wird, so bald sie eine halbe Stunde auf einem Fleck bleiben muss. Jetzt waren es sogar eineinhalb Stunden, wir düsen weiter und machen Halt im Teeladen, wo sie sich eine Single-Tee-Tasse mit Sieb aussucht.

Kuchen beim Bäcker und zurück nach Hause. Dank Schneckentempo waren wir dann fast vier Stunden unterwegs und essen zuhause noch das auf dem Markt gekaufte Matjesbrötchen, bevor wir uns über den Kuchen hermachen. Ja, meine Schwiegermutter ist mit einem gesunden Appetit gesegnet.

Um 17 Uhr bringt der Mann sie nach Hause, ich gehe mal kurz online und telefoniere dann länger als geplant mit meiner Mutter. Urlaubsplanungen („Kommst du?“ – „Weiß nicht.“) und technische Fragen („Passt das Fahrrad ins Auto?“) müssen geklärt werden. Der Mann kommt nach Hause und wir lassen den Nachmittag bei einem Kaltgetränk auf dem Balkon Revue passieren.

Dann nochmal Raubtierfütterung.

Um 20 Uhr geht es auf die Couch, die Katzen teilen voller Elan ihre Körperwärme und ihr Fell mit mir und wir beginnen mit Dexter auf Netflix. Mein Wunsch. Der Mann ist nur mittelbegeistert. Wir haben definitiv unterschiedliche Serien- und Filmgeschmäcker. Während ich mich über Fargo, Big Lebowski und eben Dexter köstlich amüsieren kann, trifft das Absurde und Skurrile in keiner Weise den Humor des Mannes. Was er aber mäßig geschickt überspielt und mir zuliebe mitguckt. Ist wohl Liebe.

Jetzt sitzen wir hier, 21.37 Uhr, ich schreibe diesen Post für Frau Brüllens „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“ an jedem 5. eines Monats und halte damit einfach mal einen der umspektakulärsten Tage meines Lebens fest.

Muss auch mal sein.

 

Von falschen Helden.

In jedem Heldenepos/-film gibt es diesen Moment: den Moment der Gewissensfrage. Der Held wagt einen Blick auf die dunkle Seite. Er sieht, was er dort erreichen könnte. Wie gut es für ihn sein könnte, wenn er den einfachen, den dunklen Weg einschlagen würde. Wenn er nicht Recht und Gewissen folgen würde und den umständlichen, den schwierigen Weg gehen müsste, sondern rechtlos, gesetzlos weitermachen könnte. Natürlich, um das Gute durchzusetzen und das Böse zu besiegen.

Aber der Held weiß, dass er damit auch zu etwas Bösem wird. Dass er sich damit auf die falsche Seite der Sache schlägt. Der Held entscheidet sich natürlich dagegen. Er bleibt auf der guten Seite. Er bleibt der mit dem Gewissen.

Aber was ist mit den Helden, die nicht nur auf die dunkle Seite blicken, sondern die dunkle Seite betreten?

Was passiert mit den Helden, die Gutes tun und getan haben, aber auch Dinge tun, die nicht gut sind? Die lügen und betrügen, aber trotzdem als ein guter Held gesehen werden möchten und immer noch Gutes tun? Was passiert mit diesen Grenzgänger, die sich nicht für die gute Seite entscheiden, sondern für beide.

Es gibt diese Grenzgänger. Die nach Anerkennung und nach der Bewunderung der Mitmenschen streben und alles dafür tun, um die Menschen zu beeindrucken, ihnen zu helfen und für sie da zu sein. Aber die auch nicht mehr von der anderen Seite lassen können, deren bittersüße Früchte sie gekostet haben. Die im Herzen geteilt sind in gut und böse. Die vielleicht viel Böses tun, um für sich Gutes zu erreichen.

Macht das, was sie Gutes tun, wett, dass sie andere verletzen? Macht ihr Fehlverhalten ihre guten Taten kaputt?

Wir bewundern unsere Helden. Wir bewundern ihre Stärke, ihre Kraft, ihre Ausdauer, ihre Leidenschaft, ihre Unbeirrbarkeit. Wir möchten Helden haben in unserer Welt, die uns daran erinnern, dass man etwas ändern kann. Auch als einzelner. Wir möchten das glauben, weil wir sonst verzweifeln würden. Unsere Helden sind diejenigen, die uns im Alltag zeigen, dass nicht alles verloren und schlecht ist, die vorangehen, wenn jemand Hilfe benötigt und alle Hebel in Bewegung setzen, um der Person diese Hilfe zu geben – und Menschen zu mobilisieren. Unsere Helden sind diejenigen, die uns zeigen, dass es Hoffnung gibt.

Wir möchten glauben, dass diese Helden unfehlbar sind. Was wir nicht möchten, ist das Gegenteil zu sehen. Wir möchten keine gefallenen Helden. Wir möchte glorifizieren. Und wenn jemand es wagt, den Helden in vermeintlichen Misskredit zu bringen, versuchen wir, den Jemand in Misskredit zu bringen. Wir suchen Gründe, warum wir ihm nicht glauben wollen, warum er lügt, warum er der Böse ist in der Gleichung.

Helden sind unberührbar. Wenn wir es in unseren Köpfen zulassen, dass ein Held angreifbar wird, weil er Fehler macht, können wir nicht mehr differenzieren zwischen seinen Erfolgen und seinen Fehlern. Wir können nicht mehr seine Leistung anerkennen, sondern sehen immer den Makel auf der Leistung. Auch, wenn diese nichts miteinander zu tun haben.

Deswegen versuchen wir, jeden Makel von einem Helden fernzuhalten.

Wenn wir nun erfahren würden, dass ein Held ein Arschloch ist, wenn hinter seinem Lächeln auch etwas falsches steckt, wenn uns jemand sagt, unser Held habe die dunkle Seite betreten und wäre nicht nur gut, sondern auch sehr verletzend –  wir kämen uns verraten vor, weil wir jemanden bewundert haben, jemanden geliebt und gemocht haben, der nicht nur gut ist, sondern vor uns seine bösen Gedanken und Taten verborgen hat.

Wir würden uns verraten fühlen, weil wir einem Trugbild aufgesessen wären, dass der Held uns bewusst vorgespielt hätte.

Doch was tun wir mit diesem Wissen?

Brüllen wir es heraus, um unserer Wut Luft zu machen? Denken wir uns bei jeder Erwähnung seiner Heldentaten, bei jeder Glorifizierung seiner Person, dass es so viel mehr gäbe zu sagen? Haben wir den Wunsch, das Bild des Helden gerade zu rücken, weil wir verletzt und belogen wurden? Ertragen wir die Glorifizierung nicht, weil wir verletzt wurden und deswegen nicht ertragen können, wenn seine Heldentaten das einzige sind, was erwähnt wird, obwohl es so viel Dunkles gäbe?

Oder schweigen wir, um die Taten, die gut waren und Gutes erreicht haben, die Menschen geholfen haben und etwas vermitteln, was das Leben besser machen würden, nicht zu zerstören, zu beflecken? Schweigen wir, um sein Ansehen nicht zu beschmutzen, seine Maske nicht fallen zu sehen, um diejenigen zu schützen, denen er Gutes getan hat? Die guten Taten nicht in den Dreck zu ziehen, in dem man den Helden demaskiert?

Was macht es mit einem Menschen, wenn er erfährt, dass sein vermeintlicher Held zwei Gesichter hat? Was macht es mit einem Menschen, der unendlich verletzt wurde, und der nun entscheiden muss, ob er seinen Schmerz herausschreit oder herunterschluckt und den Helden schützt, um andere vor der Verletzung durch ihn zu schützen.

Sie vor der Ent-Täuschung zu schützen?

Kann jemand mit seinem Schmerz, seiner Enttäuschung, so umgehen, dass er andere vor diesem Schmerz schützen kann, in dem er schweigt? Besonders dann, wenn die anderen besonders schützenswert und verletzlich sind und er  das weiß?

Kehren wir zurück zu unserem Helden und stellen uns vor, er könne kein Grenzgänger mehr sein. Er habe keine Kraft mehr, um den Schein zu wahren. Keine Kraft mehr, so viel Gutes zu tun, damit niemand das erkennt, das sieht, was ihn sonst antreibt oder beschäftigt. Was er im Verborgenen tut und mit dem Guten versucht zu egalisieren.

Stellen wir uns einen Helden vor, zerrissen und voller Selbstzweifel, wissend dass viele in ihm einen Helden sehen – aber nur so lange, bis sie von seiner dunklen Seite erfahren würden. Und seine Kraft schwindet. Sie schwindet, weil beide Seiten unendlich Kraft von ihm fordern. Die gute Seite muss Gutes zeigen und produzieren, muss Optimismus und Kraft versprühen und Hoffnung und Leidenschaft geben. Die dunkle Seite ist aber viel spannender für ihn und er kann nicht anders, als immer wieder das zu tun, von dem er selbst weiß, dass er damit täuscht und sich selber immer tiefer dahin treibt, wo es allen weh tut, wenn sie es wüssten. Süchtig nach Anerkennung, Liebe und Aufmerksamkeit.

In jedem Heldenepos gibt es diesen Punkt, an dem der Held an sich zweifelt und den falschen Weg einschlagen könnte. In jedem Heldenepos entscheidet sich der Held für den richtigen Weg.

Das echte Leben ist kein Heldenepos. Und für Hollywood fehlt das Happy End.

Perspektive.

„Ich habe heute Adipositas.“

Eine liebe Freundin hat mir das neulich erzählt. Dass sie sich manchmal dick fühle. Und ich kenne das nur zu gut. Es gibt diese Tage im Zyklus, da verzweifelt man schier beim Blick in den Spiegel, weil man sich einfach nur dick fühlt. Adipöse Tage. Im doppelten Sinne.

Nun kann ich diese Tage bei mir nur erahnen, merke sie aber, wenn sie da sind (heute zum Beispiel) anhand des adipösen Grundgefühls.

Die Freundin sagte mir, sie schaue an sich herunter und denke „hey, alles ok“, schaue in den Spiegel und denke „hey, alles kacke“.

Ich denke darüber nach und merke, dass viele eine Frage des Blickwinkels, der Perspektive ist. Wie kann der gleiche Körper ok und nicht ok sein? Nur aufgrund des Blickwinkels. Ist es vielleicht sogar der Blickwinkel in unserem Kopf?

Es ändert nichts daran: heute habe ich Adipositas und hoffe, dass es morgen wieder besser aussieht. Oder übermorgen.

Bis dahin überlege ich mir mal, was ich mir heute zu Essen mache. Und handhabe die Spiegelsache einfach, wie ein Vampir.

 

Easy.

Mittwoch. Es ist Mittwoch vormittags. Ich sitze am Schreibtisch und höre das Klackern meiner Tastatur. Und noch was anderes. Ich höre auf zu tippen.

Die Katze schnarcht. Es klingt ein bisschen so, als ob sie Polypen hätte oder einfach eine verstopfte Nase. Sie schnarcht schon, seit wir sie haben. Manchmal so laut, dass man davon aufwacht, nachts.

Draußen fällt eine Autotür zu. Der Motor springt an. Irgendwo hustet eine Frau. Ich schätze mal, es ist die Nachbarin von gegenüber, die Asthma hat. Im Sommer, wenn die Fenster geöffnet sind, hört man sie oft. Man hört auch alles andere:

Im Nachbarhaus spielt jemand Klavier. Auch da ist das Fenster geöffnet. Ich hoffe inständig, dass der Übende bald Fortschritte macht… Ich höre Flöte. In der Nachbarstraße ist eine private Musikschule. Ein Auto fährt vorbei.

Ein Specht scheint auf Nahrungssuche zu sein. Es klopft und klopft in einem der Bäume vor dem Fenster. Eine große Wildkirsche und eine Tanne. Gestern hat es einen lauten Knarz gegeben und von unserem Apfelbaum ist ein morscher Ast runtergekommen. Wir müssen den Baum beschneiden. Er ist so alt, dass sich niemand mehr daran erinnern kann, wer ihn gepflanzt hat. Die Äste hängen gefährlich schief.

Eine Mutter schimpft mit ihrem Kind und ein Hund kläfft. Die Katze hört auf zu schnarchen und guckt Richtung geöffnetem Fenster, durch das das Kläffen hereingetragen wird. Irgendwann ist es ihr langweilig und sie schläft weiter.

Vögel. Ich höre Vögelgezwitscher. Es ist nicht mehr so laut und viel, wie noch vor zwei Monaten, als es früher hell wurde und die Vögel in den Sträuchern Party ab dem Morgengrauen machten. Hauptsächlich die Meisen vor dem Fenster. Die hört man kaum. Stattdessen oft die Eichelhäher und Amseln.

Es rauscht in den Blättern des Kirschbaums und der Specht klopft nicht mehr. Ob er satt ist? Oder einfach weitergeflogen? Ich höre einen Bus, der irgendwo langfährt. Dieses typische Seufzen, das sie von sich lassen. Ächzen und schnaufen.

Im Haus läuft irgendwo Musik. Es hört sich an, wie eine immer gleiche Abfolge von vier Noten. Ich sehne mich nach dem Klavier. Da gab es wenigstens mehr Abwechslung.

Ich höre das Summen des Briefträger-Fahrrads. Ssssssssssssssst. Dann das Klappen des Ständers und das Klappern der Briefschlitze. Ssssssssst, er fährt weiter. Wir haben den besten Briefträger. Keiner, der alles reinstopft, wenn es nicht richtig passt. Er klingelt dann und gibt es persönlich ab. Zu Weihnachten bekommt er einen Stollen von uns mit Trinkgeld. Und eine Weihnachtskarte.

Er summt weiter und ich höre die Tauben auf dem Dach gurren. Ein Flugzeug fliegt über uns hinweg. Man hört das Brummen. Nicht laut. Nicht so laut wie das Auto, das draußen langfährt. Aber es ist da. Je nach Windrichtung gehen die Flugrouten auch über unsere Stadt. Zum Glück sind wir so weit weg vom Flughafen, dass es nicht wirklich laut ist.

Draußen meckert eine Amsel empört. Vielleicht hat jemand in ihr Nest geschissen. Man weiß es nicht.

Mein Schreibtischstuhl knarzt, als ich mich zum Fenster umdrehe, weil ich eine Kreissäge höre. Gleichzeitig fliegt eine Propellermaschine über das Haus. Wahrscheinlich zum kleinen Flughafen fünf Orte weiter. Der Hund bellt wieder und draußen fahren plötzlich mehrere Autos lang. Ich höre zwei Frauen, die sich laut auf Französisch unterhalten und an unserem Haus vorbeilaufen.

Dann ist es plötzlich still. Als ob jemand die Mute-Taste gedrückt hätte.

Vielleicht hört irgendjemand das Klackern meiner Tastatur.

Danach.

Was für eine Woche! Echt, ey. Irgendwas mit Auf und Ab und Rollercoaster.

Gefühlsmäßig sehr in Schieflage, fand das Depeche Mode-Konzert einen Tag nach meiner Vakuum-Saug-Biopsie statt. Nicht tanzen, nicht klatschen, nichts tun, was weh tut :D Und das bei einer meiner liebsten Bands. Katastrophal.

Dank bester Sitzplätze konnte ich oft pausieren, wenn es zu weh tat, das leise Schunkeln zu den neuen Liedern und das leichte Tanzen zu Klassikern, wie Everything Counts, Enjoy the Silence, Stripped, Personal Jesus, Walking in My Shoes.

Ja, ich habe gerne Sitzplätze. Dieses stundenlange Rumstehen in der Menge ist nichts für mich und mein Arthrose-Knie. Und bei meiner Größe ist die Sicht in Menschenmengen nur bedingt gut, bzw. habe ich dann oft die Schultern von Größeren im Gesicht, einen Riesen vor mir oder stehe so weit hinten, dass ich lieber einen Tribünenplatz habe mit Sicht, Platz und der Möglichkeit, aufs Klo zu rennen, ohne dass gleich mein Platz aufgefüllt ist.

Was macht man also, wenn man das beste aller Ergebnisse bekommen hat? Tanzen und schlafen. Also rockte ich innerhalb meiner Möglichkeiten und blutete nach. Die Schmerzen danach waren das Konzert wert. Ich fand, es war eins der besten der letzten Jahre. Die letzte Tour hat mich nicht so erreicht. Diese hat es wieder wett gemacht. Es war typisch DM: dunkel, ein bisschen dramatisch und mit einem tanzenden und rotierenden Dave auf der Bühne, dem man sein Alter zwar ansieht, der aber nichts von seiner unglaublichen Bühnenpräsenz verloren hat. Als eine der ganz wenigen brauche ich den Martin Gore-Teil mit A Question of Lust und Co. nicht wirklich. Aber es gehört halt zu den Konzerten dazu.

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Danach? Schlafen. Ich war müde und müde und müde. Und wusste noch nichts vom Ergebnis der ersten Biopsie und der zweiten.

Das kam am Mittwoch Mittag. Mit dem Ergebnis, dass es zwar gutartig sei, aber es ein Ärztekonzil gäbe, in der man meinen Fall bespräche und ob man noch eine Biopsie machen müsse. Nach dem Tief der Biopsie, dem Hoch des DM-Konzerts, kam das Hoch-Tief dieser Nachricht. Dicht gefolgt von einem Hoch, denn am Mittwoch Abend wurde mir ein Kindheitstraum erfüllt: Pet Shop Boys live. Ja, ich war als junge Jugendliche / älteres Kind ein Fan. Ich habe mir „Introspective“ zu Weihnachten gewünscht und bekommen.

Auf dem Album sind so Sachen drauf, wie Left to My Own Devices, Domino Dancing und Always on My Mind. Und ich liebte es. Es war die Zeit, als man sonntags in der Eissporthalle war und Hand in Hand zu It’a a Sin übers Eis schlitterte.

Danach holte ich mir noch „Actually“ und „Please“. Westend Girls, Suburbia und Rent liefen in Dauerschleife, später dann auch die übrigen Songs, deren Schlichtheit und Klarheit bei einer tiefen Doppeldeutigkeit und Melancholie, mich heute noch packen.

Als ich sah, dass sie nach Mainz kommen, musste ich hin. Als ich die Kritiken zur Show sah, war es um mich geschehen. Die Phoenixhalle (oder jetzt Halle 45) kannte ich als kleine, feine Location mit Industriecharme – also der perfekte Rahmen für Synthiepop und Lasershow.

Ich tanzte wie bekloppt, war fast eindreiviertel Stunden in einem kleinen Rausch und ertrug auch die kitschigen Parts mit Sonnenuntergang und Co. gelassen. Himmel, die waren schon immer so.

Zwei Stunden ablenken von der Biopsie am nächsten Tag.

Am Freitag kam dann das nächste Konzert: Coldplay. Ich bin kein großer Fan. Ich höre nur einige Lieder einfach gerne mal. Viele sind auf meiner Playlist, die ich zum Putzen laut laufen habe. (Ja, ich habe eine Putzen-Playlist…) Coldplay sind für mich die fleischgewordene gute Laune. Weltverschönerer mit bunten Noten und einem dicken Grinsen im Gesicht. Happy Time in Reinkultur.

Das Konzert ist für mich dann auch so zu beschreiben: Hippies in den 40ern feiern auf LSD einen großen Kindergeburtstag mit Konfettikanonen. Die Masse hebt die Arme und singt und springt auf Kommando, das Stadion leuchtet in allen Farben, und jeder Prediger schaut wohl neidvoll auf die Fähigkeit dieser Band, die Massen mit ihrer Anwesenheit zu begeistern.

Coldplay sind die Mischung aus Yogastunde auf Bali und Love-Parade in Berlin.

Am Samstag dann noch ein Treffen mit Herzmenschen, die das zweite Konzert von Coldplay besuchten und dafür nach Frankfurt anreisten. Ein gemeinsames Essen, ein bisschen Zeit zum Quatschen – und mitgerissen vom Coldplay-Farbrausch und meiner Erleichterung, gönnte ich mir noch ein paar neuer Turnschuhe.

Warum auch immer, aber im Moment steh ich sehr auf bunte Sneaker. Vielleicht, weil Lebenslust und Tanzen zusammen gehören und diese Woche so voll von beidem war. Intensives (er)leben und tanzen.

 

 

Juchhuuu!

Juchhuuu

Ergebnis ist gutartig!

Danke Euch für Eure lieben Worte, das Lesen meines Geheules und meiner verbalisierten Ängste. Es hat mir so geholfen.

Ich bin gerade unendlich dankbar und erleichtert. Sechs Wochen Angst fallen gerade ab und lassen mich ganz leicht sein. Sechs Wochen mit Ärzten, Untersuchungen und Hoffen und Bangen sind vorbei und ich freu mich wie verrückt über mein so großes Glück!

Danke!

MRT gestützte Biopsie.

Rin inne Röhre, raus ausse Röhre, rin inne Röhre…

Zweite Biopsie habe ich geschafft. Dieses Mal MRT-gestützt. Nachdem man mir vier Mal versucht hat, einen Zugang im linken Arm zu legen für das Kontrastmittel, hat man die rechte Hand genommen. Danach wurde ich auf dem Bauch positioniert, so dass meine rechte Brust in eine Vorrichtung hineinhing.

Wieder wurde die Brust leicht eingeklemmt in eine Gittervorrichtung, damit sie fixiert ist. Mit den Armen nach vorne, eingeklemmt, wurde ich in die Röhre geschoben und ein normales MRT gemacht. Dann raus aus der Röhre. Nicht bewegen. Kontrastmittel wurde eingespritzt. Wieder rein in die Röhre. Wieder MRT. Raus aus der Röhre.

Dann wurde ich markiert, bzw. meine Brust. Wieder rein in die Röhre, gecheckt. Raus aus der Röhre, örtliche Betäubung wurde gegeben. Ein leichtes Brennen, nicht schlimm. Im Anschluss wurde direkt die Biopsie-Nadel platziert. Wieder rein in die Röhre, um im MRT den Sitz der Nadel zu kontrollieren.

Ich hatte Glück: sie saß an der richtigen Stelle. Ok, bei 2,5 cm auch nicht soooo schwierig. Also raus aus der Röhre und mit der Stanzung beginnen.

Die ganze Zeit durfte ich mich nicht bewegen, musste möglichst ruhig atmen (haha, enge Röhre, Platzangst, Nadeln, Biopsie, juchhe!) und bekam im MRT nicht nur diese unglaublich lauten Geräusche auf die Ohren, sondern auch noch den kalten Hauch der Radiologie. Also, so ein Mistgebläse, das mir eiskalte Luft auf den Schultern und den Nacken blies. Nach einer halben Stunde war ich dann auch derbe verkrampft.

Die Biopsie selber gab immer einen kleinen Schlag in der Brust, insgesamt vier Mal. Begleitet mit einem Klacken, wenn der Gewebezylinder ausgestanzt wurde Wie ich heute gesehen habe, nach dem Pflasterwechsel, gab es auch vier Einstichstellen, also Biopsiekanäle.

Da man wieder von rechts außen bis nach links innen musste, hat die Nadel wieder die ganze Brust durchquert. Nach der Entnahmen wurde mir noch ein Titan-Marker eingesetzt. Das ist ein kleines Plättchen, das den Bereich markiert, an dem die Proben entnommen wurde.

Dies ist notwendig, sollte man operieren, um die Stelle auch ohne MRT wiederzufinden. Zur Kontrolle der Einstichkanäle und der Platzierung des Plättchens, ging es dann nochmal ins MRT.

Ich hatte keine Schmerzen, es war etwas unangenehm, ein leichtes Ziehen. Aber nichts schlimmes. Einzig die Lagerung auf dem Bauch mit dem Druck auf dem Brustbein und die Unbeweglichkeit, haben mir leichte Schmerzen bereitet, weil die Muskeln verkrampften.

Leider hat es dieses Mal aber ordentlich geblutet, denn als ich aufstehen sollte, lief mir Blut und irgendein Gewebe-Glibber-Zeuchs die Brust runter und ich konnte sehen, dass in dem Brust-Behälter auch einiges drin war.

Den Tag habe ich dann auf der Couch verbracht.

Heute tut es immer noch weh. Wie ein starker Muskelkater, ein Ziehen und Berührungsempfindlichkeit. Ich habe einen dicken Bluterguss um die vier Einstichkanäle und zwei bluten immer noch ab und zu ganz leicht. Nicht viel! Ein Pflaster zum Auffangen reicht.

Da es heute auf ein Konzert geht, hab ich mich jetzt erstmal in einen Sport-BH gezwängt. Das stabilisiert hoffentlich ein bisschen. Denn wenn sie die Brust bewegt, tut es jedes Mal weh. Kein Wunder nach zwei Biopsien quer durch die Brust… Da drin ist wohl Hackfleisch. Und die Zysten wurden ja vielleicht auch durchstochen.

Bis Montag Abend bekomme ich Bescheid. Und dann geh ich feiern…