Nie wieder. Oder doch?

Es gibt bei uns die Tradition des Adventsanglühens. Seit mittlerweile sieben Jahren (mit Ausnahme des letzten Jahres) laden wir jährlich ein paar liebe Menschen zu uns ein, um die Adventszeit einzuläuten mit Punsch, ein bisschen was zu essen und netten Gesprächen.

Die Zahl der Gäste schwankt, aber im Schnitt sind es zwanzig Leute. Ohne Kinder. Es gibt dieses eine Datum, an dem wir keine Kinder dabei haben möchten. Noch nie. Es ist eine Veranstaltung für Erwachsene.

Jedes Jahr geben wir rechtzeitig den Termin bekannt, laden ein und geben so den Leuten die Möglichkeit, die Sache zu planen: Termin eintragen, Babysitter buchen, Einkäufe drum herum planen, etc.

Das klappte auch immer recht gut. Es gab mal ein Jahr, an dem ein eingeladenes Paar einfach ohne Bescheid zu geben ihre Kinder mitbrachten. Fanden wir nicht ok, das Paar war uneinsichtig und war ab da nicht mehr dabei.

Ein anderes Mal gab es die explizite Ausnahme für zwei Paare, weil die Kinder gerade erst Frischlinge und zwei, bzw. vier Monate alt waren. Die würde ich auch nicht dem Babysitter anvertrauen ;)

Was es jedes Mal gibt, sind kurzfristige Absagen wegen Krankheit. Im Schnitt zehn Prozent. Das ist nun Mal leider so im Herbst/Winter.

Es gibt jedoch eine Sache, die von Jahr zu Jahr schlimmer wird und die es uns wirklich schwer macht, uns zu solchen Veranstaltungen aufzuraffen: die Spontan-Gäste und Nicht-Melder.

Wir haben in diesem Jahr 38 Personen eingeladen. Von diesen 38 Personen waren dann 11 Leute da.

Was ich aber auch erst an dem Tag definitiv wusste, nachdem es losging um 15 Uhr.

Denn die letzten Absagen erhielt ich per Mail am Tag vorher, per WhatsApp um 16 Uhr am gleichen Tag und per WhatsApp vormittags um 11 Uhr, nachdem man am Abend vorher noch munter zugesagt hatte.

Von den 38 Personen gab es sogar einige, die explizit noch eingeladen werden wollten – um dann abszusagen, weil sie dann doch noch was anderes hätten, was sie machen wollten.

Mich nervt das. Mich nervt nicht, wenn jemand nicht kann und mir das sagt. Oder wenn jemand krank wird. Das ist eben so. Was mich nervt, sind diese Unentschlossenen, die sich alle Optionen offenhalten. Wenn es eben nichts „besseres“ gibt, dann kommen sie.

Das ist ein Schlag ins Gesicht. Es ist ein Schlag in unser Gesicht. Es ist keine Wertschätzung der Einladung. Es ist unhöflich.

Was ist das mittlerweile für eine Art, mit Einladungen umzugehen?

Wenn ich eingeladen werde, checke ich meinen Terminkalender und sage zu oder ab. Möglichst zeitnah zur Einladung. Der Gastgeber möchte ja auch planen und wissen, ob die Einladung angekommen ist. Wenn ich zusagen, bedeutet das für mich, dass ich auch komme. Wenn ich danach zu etwas anderem eingeladen werde, sage ich diesen anderen Termin ab, weil ich ja schon was habe. Ich sage nicht den ersten Termin ab oder warte einfach mal ab, worauf ich Bock habe und entscheide dann spontan. Eine Zusage ist eine Zusage.

Da sitzt jemand, der mich eingeladen hat, weil er mich gern als Gast hätte. Und ich sage zu, weil ich gerne dort Gast wäre. Oder ich sage ab, weil ich zeitlich nicht kann. Aber ich halte mich an das, was ich zugesagt habe. Das ist ein Zeichen von Respekt dem Einladenden gegenüber.

Alles andere ist einfach unhöflich: sich nicht melden, nicht rechtzeitig zu- oder absagen oder einfach spontan zu entscheiden.

Wie gesagt, es gibt für mich durchaus Gründe, die ich absolut nachvollziehen kann – auch bei spontanen Absagen. Die Gesundheit zum Beispiel. Ich finde es auch absolut ok, wenn jemand einfach keine Lust hat und absagt.

Ich finde es nicht ok, sich alle Optionen offen zu halten oder sich nicht zu melden.

Die Leute haben abgesagt mit folgenden Begründungen:

  1. Ich hab mich spontan zu einem Seminar angemeldet und fahre nach Berlin.
  2. Ich ziehe nach Hongkong.
  3. Mir wird das zu viel.
  4. Ich habe mein Smartphone auf Werkseinstellung zurückgestellt und die Einladung nicht erhalten.
  5. Ich habe Krebs.
  6. Wir haben eine eigene Veranstaltung.
  7. Es ist zu weit.
  8. Einer bleibt beim Kind.
  9. Unser Babysitter ist nur für abends.
  10. Die Eintracht spielt gegen Dortmund.
  11. Wir haben Halsschmerzen.
  12. Ich weiß noch nicht, ob ich Lust habe.
  13. Wir können die Hunde nicht mitbringen.
  14. Wir können die Kinder nicht mitbringen.
  15. Wir haben eine Weihnachtsfeier.
  16. Wir fahren weg.

Alles von meiner Seite aus ohne Wertung aufgelistet.

Bis kurz vor Beginn der Veranstaltung haben wir mit 16 Leuten gerechnet. Und entsprechend eingekauft und vorbereitet.

Nun denn.

Dafür war es mit denen, die da waren, sehr schön und sie geben uns das Gefühl, dass wir es im nächsten Jahr wieder machen sollten. Vielleicht. Na, mal sehen.

Oder doch nie wieder…?

„Es ist nur ein Punkt weniger.“

Die ewige Diskussion zwischen Redaktion und Medienproduktion.

Während die Redaktion ihre Texte um jeden Preis unterbekommen möchte und um jedes Wort feilscht, obliegt es der Medienproduktion das Produkt so zu gestalten und setzen, dass es einem festgelegten Raster entspricht.

Dieses Raster nennt man Corporate Design und es definiert alles. Die Enteilung der Seiten, die Ränder, die Spalten, das Raster, die Schriftgröße, die Zeilenabstände, die Platzierung. Den Stand von Text und Bild, den Stand des Logos, etc. etc.

Ich kenne CDs, in denen gibt es Spielräume. Ich kenne CDs, die sind genau festgeschrieben. Auf den Zehntelmillimeter genau. Die Headline auf einer A4-Seite ist z.B nicht „ungefähr 36 Punkt“, sondern genau 36 Punkt. Mit einem Zeilenabstand von 43,2 Punkt, was 120% der Textgröße ist. Es gibt keine Abweichung, damit das Bild nach außen immer unverändert ist, wiedererkannt wird.

Das ist der Sinn eines CDs.

Jetzt gibt es immer wieder diese Diskussion, warum man nicht einen oder zwei Punkt kleiner werden kann, damit der Text passt.

Klar kann man das. Aber dann stimmt das Gesamtbild nicht mehr. Irgendjemand hat sich mal viele Gedanken gemacht, warum der ZAB 120% betragen soll. Er hat es vielleicht sogar ausgerechnet anhand der übrigen Aufteilung der Seite, der Laufweite der Schrift oder der  Harmonie und Lesbarkeit.

Wenn ich nun in der Medienproduktion sitze und dafür bezahlt werde, dass ich mich an das CD halte – und für einen Schriftsetzer ist das CD in diesem Fall das Gesetz – und ein Redakteur kommt an und will, dass ich dieses Gesetz breche, dann ist es so, als ob ich von ihm verlange, ein Wort falsch zu schreiben, damit es einen Buchstaben weniger hat und besser passt.

Der Redakteur möge also bitte das tun, wofür er bezahlt wird: Schreiben. Und wenn er das nicht so kann, dass es in das vorgegebene Raster passt, ist er sein Geld nicht wert. Er bekommt ja auch nicht vier Zeilen mehr am Ende der Seite, weil er so einen dollen Schlussatz verfasst hat und ihn nicht kürzen will. Er hat nun Mal nur eine begrenzte Anzahl Zeilen.

„Einen Punkt weniger, das sieht man doch gar nicht.“

Mag sein, dass das Auge es nicht wahrnimmt. Aber gibt man ein Mal einem Redakteur nach, verschwimmen die Grenzen immer mehr. Dann kommt der nächste und sagt, man habe das ja schon mal gemacht. Oder die zwei Punkt weniger würde man auch nicht sehen. Oder man könnte doch den Abstand von Subhead zu Copytext einfach um vier Millimeter verringern, damit man eine Zeile mehr unterbekommen kann…

Ich habe genau das immer wieder erlebt. Immer wieder. In zahllosen Diskussionen habe ich es erlebt, wie die Meister der Inhalte meinen, dass nichts so wichtig sei, wie der Inhalt. Erst recht nicht das Erscheinungsbild.

Dass ihre Inhalte aber nur gelesen werden, wenn sie so aufbereitet werden, dass sie gut zu erfassen sind für das Auge, das vergessen sie gerne.

Oder warum gibt es Editorial-Design? Bestimmt nicht nur, um Redaktionen einen Grund zu geben, sich zu ärgern…

 

 

Himmel

Morgenrot. Ganz großes Ding. Mega! Morgenrot ist sogar „the next big thing“. Jedenfalls bekomme ich diesen Eindruck zur Zeit auf allen Social Media Kanälen. Jeden Morgen, pünktlich zum Sonnenaufgang, werden meine Timelines mit Bildern von Morgenrot geflutet. Dreißig Bilder hintereinander sind keine Seltenheit.

Und alle sehen gleicredh aus:

Orange-pink-roter Himmel über Baumspitzen oder Häuserdächern, leicht durchzogen von Wolkenformationen.

Frenetisch gefeiert von denen, die scheinbar sonst nie zum Sonnenaufgang wach sind oder selten einen regenfreien Himmel haben.

Im Kollektiv scheinen morgens Horden von Menschen mit ihren Smartphones an ihren Fenstern zu stehen und den Sonnenaufgang mit dem rotgefärbten Himmel abzulichten. Warum auch immer. Und dann auch noch jeden Morgen wieder!

Ja, ich finde Morgenrot und Abendrot auch sehr schön. Aber ich muss es doch nicht jeden Morgen und Abend fotografieren und online stellen?

Heute Morgen fragte ich dann auch, ob das jetzt jeden Morgen so weitergehen würde und bekam die Antwort bei Twitter, „Ja, so lange es staunenswerten Himmel gibt“. Und ich frage mich ernsthaft, warum die Menschen dann nicht einfach staunen und genießen, sondern immer alle zeitgleich den Himmel fotografieren und veröffentlichen müssen, als ob der Rest der Welt noch nie eine Morgenröte gesehen hätte.

Und wenn ich mir meine Timelines mal so ansehe, woher die Leute kommen, dann kann ich mit gutem Gewissen behaupten: Diese Morgenröte tritt zur Zeit quasi quer durch die Republik auf…

Mir wurde dann als Argument für die ganzen Morgenröte-Bilder gesagt, dass es dann ja auch keine anderen Motive, wie Urlaub und Essen geben müsse. So wäre halt das Internet.

Es gibt nur einen Unterschied: Bei Twitter habe ich noch nie eine Stunde lang permanent Bilder von Essen in die Timeline gespült bekommen.

Warum also die Leute sich bei Twitter nicht auf die Sprache konzentrieren und ihre grottigen, verwackelten, interpolierten und immer gleichen Morgenröte-Bilder nicht wenigstens nur bei Instagram posten, wird wohl ein Mysterium bleiben.

Und ich werde eben morgens nicht mehr auf den Social Media Kanälen vorbeischauen oder die entsprechenden Leute muten.

Schlimmer als PokemonGo. Echt, ey.

Lieber Sternfahrer,

aus Frankfurt, der du am Samstag so zauberhaft versucht hast, dein Ego aufzuplustern.

War es das wirklich wert? War es das wert, dass deine Familie aus deinem Auto gestiegen ist und zu uns sagte, dass du einfach spinnen würdest? War es das wert, dass sie lieber zu Fuß nach Hause gehen, als bei dir im Auto sitzen zu bleiben?

Was hat es dir eigentlich gebracht, dass du entgegen der Straßenverkehrsordnung und entgegen jeder Vernunft mitten auf der Straße stehen geblieben bist, statt einfach nach deinem Wendemanöver auf deiner Straßenseite stehen zu bleiben vor dem parkenden Auto?

Ich habe dich höflich gefragt, ob ich dir zeigen soll, wo der Rückwärtsgang ist, da du ihn ja scheinbar nicht finden konntest. Oder nutzen wolltest, nachdem du die Straße für alle anderen Teilnehmer blockiert hast, weil du unbedingt wolltest, dass wir die ganze Straße an allen auf deiner Seite parkenden Autos zurückfahren, weil du da zuerst durchfahren wolltest.

Es war dir so wichtig, deinen Motor mitten auf der Straße auszumachen und lautstark zu verkünden, dass du ja Zeit hättest und es von dir aus den ganzen Tag dauern könnte. So lange, bis wir dich in deinem Auto vorbei lassen. Die Mär von der eingebauten Vorfahrt bei den Autos mit dem Stern. Nein, Du wolltest nicht zurückfahren. Keinen Meter Platz machen.

Warum eigentlich nicht?

Deine Motive sind mir eigentlich egal. Mein Mann hat zum Glück einen so großen Penis*, dass er sich und anderen nichts beweisen muss. Weder mit einem großen Auto, noch mit Bockigkeit wie ein Kleinkind in bester Trotzmanier. Das habe ich dir dann auch gesagt. Fandest du gut. War das Neid? Jedenfalls ist mein Mann den Weg rückwärts gefahren, damit du deinen kleinkindlichen Willen bekommst.

Warum? Ganz einfach: weil wir Mitleid mit dir hatten. Mit deinem scheinbar kleinen Ego, das dich dazu bringt, deinen Trotz auf diese Weise ausleben zu müssen. Dass dich dazu veranlasst, lieber als Vollidiot dazustehen, als einen Meter zurück zu fahren.

Deine Frau und deine Töchter haben dich entnervt allein gelassen in deiner Kindergartenwut. Haben wir dann auch. Ich hätte dir gerne noch den Kopf gestreichelt und dir ein Butterbrot geschmiert. Du scheinst es nötig zu haben: Liebe.

Denn nur so kann man so Furzpimmeln wie dir entgegen treten. Denn ernst nehmen kann ich dich nicht. Dafür benimmst du dich zu albern.

Vielleicht bist du Banker, Immobilienhai oder Finanzberater. Vielleicht Anwalt, Arzt oder sonst was mit viel Geld. Leider hast du eins noch nicht gelernt in deinem ganzen Leben, trotz Geld und Erfolg: Achtung und Respekt bekommt man nicht damit, dass man sich benimmt wie eine Amöbe auf Speed.

Komm mal klar. Oder um es in kindgerechter Sprache zu sagen: Chill mal. Mit einem Schritt zurück kommt man weiter im Leben. Und wird auch ernst genommen.

Einen schönen Gruß von den anderen Leuten, die das mitbekommen haben und sich köstlich über dich amüsiert haben. You made our day, Trotzköpfchen.

 

 

*aka Selbstbewusstsein

 

 

 

 

 

 

Ich verstehe Eure Säue nicht…

…die Ihr durchs Dorf treibt. Ernsthaft. Während ich es bei wichtigen Dingen noch verstehen kann (sowas wie „Wie wird mein Kind zum UN-Botschafter“ oder „Wie bekomme ich den Legostein aus meinem Fuß ohne zu verbluten“), verstehe ich manches überhaupt nicht. Und dazu gehört gerade Eure Diskussion über Adventskalender.

Euch scheint echt zu langweilig zu sein. Sucht Euch doch mal einen Job. Oder wenn Ihr den habt, ein Hobby. Dann habt Ihr auch nicht mehr so viel Zeit, Euch über Dummfug Gedanken zu machen.

Ich geh jetzt basteln. Ich bastel mir jetzt 24 Tüten.

Nein, ist es nicht.

Nein, 2016 ist kein schlechteres Jahr, als die davor. 2016 ist so gut oder beschissen, wie alle anderen auch.

Eine Musiklegende ist verstorben, Leonard Cohen, und ich lese vermehrt „so ein schlimmes 2016“ in allen Varianten. Und ich frage mich, auf welcher Insel die Leute leben, die sowas schreiben.

In jedem Jahr sterben Leute. Auch berühmte. Für mich, die ich diese berühmten Menschen nicht kenne, nur ihr Werk oder ihre öffentliche Seite, ist das tragisch für ihre Familien und Angehörigen, aber nicht für mich.

Musiker sterben, ach, auch. Ältere Musiker, Leonard Cohen wurde in den 30er-Jahren geboren, sterben auch. Er war über 80. Meine Schwiegermutter ist auch über 80. Mein Schwiegervater war es auch, als er starb.

Für mich ist 2016 bisher ein Jahr, das mich etwas aufatmen lässt. Ja, auch dieses Jahr war ich – wie in den letzten Jahren auch – wieder auf einer Beerdigung. Ich kann mich an kein Jahr in den letzten 10 erinnern, in dem ich nicht auf einer Beerdigung war. Oder mehreren. Es gab Jahre, da haben wir innerhalb von zwei Monaten drei, vier Todesfälle erlebt. Im Familienkreis, im Freundeskreis, im Bekanntenkreis, im Jobumfeld.

Aber es war 2016 nur eine Beerdigung. Das ist eine Erleichterung. Und 2016 lief bisher für mich deutlich besser, als 2015. Beruflich, privat. Alles ist besser in diesem Jahr.

Es sterben in diesem Jahr ebenso viele Menschen, wie im Jahr davor. Und im Jahr davor. Aber ich kenne von denen, die sterben, zum Glück keinen.

Warum kommt es also den Leute so vor, dass es ein schlimmes Jahr ist? Ganz einfach, weil jetzt die Toten diejenigen sind, die uns von klein auf begleitet haben. Die wir bewusst erlebten, die immer da waren, so lange wir denken können. Es sind die, deren Musik wir seit Kindheit an kennen, zu deren Worten wir bei unserem ersten Liebeskummer weinten, die uns mit ihren Liedern am Wochenende begleiteten. Der Soundtrack unseres Lebens, die Erinnerungen an die Kindheit. An Bütterkes auf dem Sofa, an Schwofen auf der Klassenparty, an die ersten eigenen Gitarrenriffs, an Martini aus der Flasche.

Wenn die Leute also sagen, dass 2016 besonders schlimm ist, weil diese Musiklegenden und Künstler sterben, dann betrauern sie eigentlich ihre eigene Vergänglichkeit.

Jetzt sind wir bald die Generation, die als nächste sterben wird. Wir sind die nächsten. Wir werden älter. Unsere Vorbilder gehen schon…

Was nicht geht, wenn sie sterben, sind unsere Erinnerungen an ihr Werk. Und deshalb finde ich auch nicht, dass 2016 ein schlimmeres Jahr ist. Für mich jedenfalls nicht. Nur weil Künstler, Politiker, Musiker oder Schriftsteller sterben. Die sterben jedes Jahr.

Aber sie haben uns vielleicht nicht so geprägt.

 

 

Ab in den Süden?

Little B schrieb vor einigen Tagen bei Twitter:

Und ich sehe das ähnlich, aber vielleicht aus anderen Gründen. Oder doch nicht?

Für mich bedeutet das nämlich Resignation. Die Aufgabe, bevor es überhaupt passiert ist. Ein vorauseilendes Eingestehen des Scheiterns gegen die Idioten dieser Welt.

Wenn ich jetzt schon überlege, auszuwandern, sollte ein rechtsorientiertes Wahlergebnis bei uns passieren, dann versetze ich mich selbst in die Bedeutungslosigkeit und kapituliere vor denen, die das wollen.

Es gibt diesen Spruch „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ und es liegt an uns, ob wir den Rechten das Feld kampflos überlassen wollen. Wollen wir das? Wer das möchte, soll bitte direkt gehen. Er zeigt mir damit, dass er weder unsere Demokratie verstanden hat, noch für sie einstehen möchte oder die Konsequenzen trägt.

Ja, es ist nicht schön, wenn rechtsorientierte Parteien bei uns 20% holen. Aber es liegt an uns anderen, das zuzulassen.

Wenn wir nicht gegen den Rechtsruck angehen, wird er sich manifestieren in den Wahlergebnissen. Und dagegen angehen kann man nicht, in dem man den Kopf in den Sand steckt. Wir müssen also nicht nur wählen gegen rechts, sondern auch gegen rechts einstehen. Wir müssen kämpfen gegen den Hass, die Vorurteile und die vielen Parolen, die scheinbar in unserer heutigen Zeit der Unzufriedenheit mehr wirken, als Tatsachen und eine unaufgeregte Politik.

Und welches Zeichen setze ich, wenn ich so etwas wie oben sage? Dass ich auswandere, wenn es soweit kommen sollte? Genau: das falsche.

Ich sage damit, dass ich nicht für meine Überzeugungen einstehen würde, wenn Gegenwind käme. Ich sage damit, dass ich feige bin. Ich zeige damit, dass ich diejenigen im Stich lassen würde, die unter einer rechten Regierung leiden müssten. Körperlich leiden. Emotional leiden. Ich würde gehen und denen das Feld überlassen, die nur ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen. Ich, die ein Teil der Mehrheit wäre, würde mich von der Minderheit einschüchtern lassen. Mich vertreiben lassen.

Und genau das passiert jetzt gerade in ganz Deutschland. Ein kleiner Teil der Menschen gröhlt, ist laut und schreit ihre Propaganda ins Volk und die Mehrheit schweigt, schaut zu und schüttelt den Kopf. Aber mit Kopfschütteln kommen wir nicht mehr weiter. Wir müssen von unserem hohen Ross herunterkommen und auf die zugehen, die auch ein Recht haben zu wählen, aber dies unter falschen Vorzeichen tun.

Mir müssen den Unentschlossenen zeigen, dass wir keine schweigende Mehrheit sind, sondern eine, die zu ihren Überzeugungen steht. Dass es auch andere gibt, die laut sein können.

Und eins sollten wir nicht sein: diejenigen, die das Feld räumen.

 

PS: Noch was hinterher. Ein Zitat des heute verstorbenen Leonard Cohen:

Klein-Bloggerdorf

Als ich damals* begann mit dem Bloggen, noch unter meinem ersten Bloggernamen, war das Bloggerdorf recht beschaulich. Auch die Themenblogs (Mode, Lifestyle, Kochen, Windel, Nähen, Politik) waren noch nicht so ausgeprägt. Blogrollen wurden noch gepflegt, die Kommentarkultur war eine bunte und man interessierte sich für den anderen, schrieb sehr offen und teilte viel.

Eine Bloggerin davon war „Der Giftzwerg“. Hinter diesem Namen verbarg sich eine junge Frau, Mutter, die sehr intensiv über vieles schrieb. Anne. Sie gehörte zu den von mir oft amüsiert betrachteten Windelblogs, heute eher Familienblogs. Ich kannte sie, ich las sie als Inspiration, ich war ihr suspekt ob meiner Schreibe und Theme – kurz: eine Wellenlänge war da nicht, auf der wir hätten surfen können. Zu groß waren die Unterschiede, das Alter, die Interessen, die Lebenssituation.

Trotzdem hörte ich immer mal wieder von ihr. Auf Facebook, über zu Freunden gewordene Blogger.

Jahre und diverse Blogs später kam die zweite Schnittstelle (ja, man begegnet sich immer zwei Mal im Leben): Beim sehr lustigen 40. Geburtstag von amidelanuit (jetzt thoughts) kamen viele der alten Bewohner von Klein-Bloggerdorf. Es gab interessantes Kennenlernen, Wiedertreffen und viele „Ach, duuu bist das!“-Ahamomente. Himmel, wir waren alle 5 bis 10 Jahre älter, immer noch schön und zu sagen hatten wir uns auch viel. Wie gesagt, man kannte sich, teilte viel und wusste daher noch mehr von seinem Gegenüber.

Zu diesem 40. Geburtstag war auch Anne eingeladen, die aber nicht kommen konnte. Kurz vorher hatte sie die niederschmetternde Diagnose „Krebs“ bekommen. Nach vielen Monaten Arztrennerei, Fehldiagnosen und nicht erkanntem Tumor. Ein Stadium 4-Krebs im Kopf an der Schädelbasis. Eine niederschmetternde Diagnose. Klein-Bloggerdorf schmiss zusammen und schickte Anne ein Mutmach-Genesungspäckchen.

Anne wurde operiert, sie wurde bestrahlt. Das Ganze in Heidelberg, weil es nur dort die Möglichkeit für diese genaue Bestrahlung für diesen heiklen Tumor gab. Bei einer normalen Bestrahlung wäre sie vermutlich blind geworden (Kollateralschaden) und es hätte mehr drumherum kaputt gehen können.

Alles sah sehr gut aus. Ein großes Wunder, dass der Tumor operiert werden konnte, so nah an der Hirnschlagader.

Ein Jahr später ist der Tumor zurück. Und er hatte schon in einen Lymphknoten am Hals gestreut. In einer OP wurden ihr die Lymphknoten am Hals entfernt und Proben genommen von diesem Ding, das man im MRT wieder gefunden hatte. Leider mit unschönem Ergebnis: ein Wachstum von einem Zentimeter binnen vier Wochen. Die Proben sind eindeutig.

Es beginnt von vorne: Bestrahlung, Hoffen, Bangen.

Anne ist Mutter von zwei Kindern. Sie hatte gerade begonnen, sich eine Existenz als Tagesmutter aufzubauen, als der Krebs kam. Die finanzielle Situation ist die zweite große Sorge neben der neuen Diagnose. Da alles jetzt gerade wegen der lebensbedrohlichen Situation sehr schnell gehen muss, hat die Familie kaum die Chance, sich über ihren weiteren (finanziellen) Weg Gedanken zu machen. Sicher ist nur: ihre Einkünfte sind weggefallen, als Selbstständige ganz am Anfang hat sie noch nicht die Rücklagen aufbauen können oder die Top-Absicherung, um das aufzufangen. Hinzu kommen die Aufenthalte in Heidelberg (nicht im Krankenhaus, sondern in einer Ferienwohnung), die Fahrten von ihrem Heimatort im Norden der Republik dahin und die laufenden Kosten.

Neben der Angst vor dem Tod, der Sorge um die Gefühle der Kinder und die verlorene Jobperspektive, gesellt sich nun ganz plötzlich die Existenzangst.

Klein-Bloggerdorf, das mittlerweile gar nicht mehr nur aus Bloggern besteht, sondern seine Kommunikationskanäle auf Facebook, Twitter und Co. hat, ist wieder da. In Form einer Fundraising-Initiative. Viele Freunde von Anne haben sich zusammen geschlossen, um Geld zu sammeln für die Familie.

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Ja, sie wissen, dass damit die Ursachen der finanziellen Probleme nicht gelöst werden können. Aber sie hoffen, dass man der Familie damit die Zeit verschaffen kann, sich erst um den Kampf gegen den Krebs zu kümmern. Ohne Existenzangst. Und sich dann, wenn Kraftressourcen frei sind, um die finanziellen Nöte zu kümmern und zu überlegen, welche Schritte gegangen werden müssen. Ein kleiner Aufschub.

Ich bin kein Fan von öffentlichen Spendensammlungen und -aufrufen. Es ist oft ein zweischneidiges Schwert, eine Gradwanderung zwischen Hilfe und Übergriffigkeit. Es gibt viele Hater im Netz, die solche Aktionen torpedieren. Und auch ich sehe hier vieles mit Skepsis, wenn man diese Dinge an die Öffentlichkeit bringt. Radio, Fernsehen, Zeitung… Man kann schwer abschätzen, was aus dieser Sache wird, wenn man sie ein Mal losgetreten hat.

Trotzdem sehe ich den Sinn dahinter, die Hilfe, die hier geleistet werden soll. Und möchte deswegen meinen Beitrag dazu leisten, in dem ich helfe, diese Aktion publik zu machen. Hier kann jeder selbst entscheiden, ob er ein, fünf oder hundert Euro spenden möchte, den Link teilt oder sich einfach nur umdreht. Es ist alles ok.

Ich danke jedenfalls allen, die sich hier engagieren und die Aktion auf die Beine gestellt haben. Klein-Bloggerdorf ist eben ein Dorf. Und wir wissen alle, dass man sich in einem Dorf gegenseitig hilft.

Danke.

Hashtag bei Twitter:
#HilfefuerAnne

Weitere Blogs, die darüber berichten:
Thoughts
Frische Brise
Kleines Brüllen
AbraxaFrau Mutti

Daily Pia

*2006

„Es fällt gar nicht auf…“

Diesen Satz höre ich häufig, wenn wir Gäste einladen. Denn in unserem Bekanntenkreis gibt es einige Eltern und dieser Satz bezieht sich auf ihr Kind. Oder ihre Kinder.

Bei Einladungen zu einem Umtrunk bei uns, Feiern oder Essen kommt immer zwangsläufig die Frage, was denn mit den Kindern sei. Bei vielen Anlässen sind uns die Kinder herzlich willkommen, wobei wir immer darauf hinweisen, dass sie bitte Spielsachen mitbringen sollen, weil es sowas in unserem kinderlosen Haushalt nicht gibt.

Trotzdem ist dieser Kinderbesuch für uns mit Aufwand und Stress verbunden: Kindertaugliche Getränke und Snacks müssen organisiert werden, ein Raum gefunden, in dem die Kinder spielen können (bei drei Zimmern übrigens nicht so einfach) und die Katzen müssen eingesperrt werden. Die Wohnung muss – je nach Kindesalter – gesichert werden. Uns wichtige Dinge, die weder angesabbert noch runtergeworfen oder zerstört werden sollen, müssen weggeräumt und weggesperrt werden.

Die Sache mit den Katzen hat sich als besondes heikel herausgestellt. Unsere Katzen reagieren auf Kinder höchst panisch. Das liegt daran, dass Kinder beim Anblick von Katzen gerne auf sie zustürmen, laut sind, unbedingt mit ihnen kuscheln wollen und das Zimmer belagern, in denen wir den Katzen einen sicheren Rückzugsort eingerichtet haben. Das stresst die Katzen so sehr, dass sie sich oft noch Stunden später verängstigt irgendwo verkriechen.

„Es fällt gar nicht auf…“ ist von vielen Eltern trotzdem der nicht dezente Hinweis darauf, dass sie ihr Kind mitbringen möchten. Und es mag sein, dass ein Kind nicht auffällt. In unserem Bekanntenkreis gibt es jedoch viele Eltern mit Kindern im Alter zwischen einem und zwölf Jahren. Das klassische Alter also, in dem Eltern meinen, ihr Kind wäre nicht in der Lage, einige Stunden bei den Großeltern, einem Freund, Babysitter oder sogar alleine zu bleiben. Meist steckt aber auch dahinter, dass sie sich nicht die Mühe machen wollen, einen Babysitter zu suchen oder zu bezahlen…

Ein Kind mag nicht auffallen. Bei kleinen Events bei uns sind das aber im Durchschnitt schon sechs bis zehn Kinder. Und die schaukeln sich in Lautstärke und Aufregung gegenseitig hoch, ihnen wird irgendwann langweilig, sie stören mitunter permanent die Gespräche der Erwachsenen, fordern Aufmerksamkeit – und nerven dann.

Ja, auch das Kind, das gar nicht auffällt. Im Rudel sind sie einfach unberechenbar.

Darüber hinaus gibt es aber Erwachsene, die keine Lust auf Kinder haben, wenn sie sich mit anderen Erwachsenen unterhalten. Jeder, der es erlebt hat, wie er versucht ein Gespräch mit Eltern zu führen und dabei ständig vom Kind des Gesprächspartners unterbrochen wird, weil das Kind irgendwas erzählen/haben/beichten will, weiß wovon ich rede. Die Eltern sind abgelenkt, ständig passen sie auf, was der Nachwuchs macht und kümmern sich dann doch die meisten Zeit um ihr Kind.

Nach unserer letzten Feier mit sieben Kindern, einem Büro mit eingetretener Schokolade auf dem Teppich, Weingummi in den Sofaritzen und diversen zerstörten und umgeräumten Gegenständen, haben wir beschlossen, dass es bei uns auch Events geben wird, die als „Adult-Edition“ ausgewiesen werden. Hier möchten wir gerne ausschließlich unter Erwachsenen sein.

Das bedeutet für uns weniger Organisationsstress, weniger Kollateralschäden, weniger Krach, weniger Kosten, mehr Gesprächsmöglichkeiten, weniger Stress für die Katzen.

Liebe Eltern, wir mögen Eure Kinder. Und es wird auch weiterhin die Möglichkeit geben, dass ihr sie mitbringt. Habt aber bitte Verständnis, dass wir auch mal nur euch haben möchten, ohne euren Anhang. Es mag für euch selbstverständlich sein, dass ihr immer Gewusel um euch herum habt. Für uns ist es das nicht. Und soll es auch nicht werden.

Und wenn ihr meint, dass ihr dann nicht mehr zu unseren Events kommen könnt oder wollt, weil ihr es aus welchen Gründen auch immer nicht kindlos schafft, dann ist das so. Dann akzeptier ich das genauso gerne, wie ihr unseren Wunsch nach einer normalen Feier ohne Kinder akzeptieren müsst.

So. Ende der Ansage.

PS: Es soll sogar Eltern geben, die sich auf diese kindfreien Stunden bei uns freuen – weil sie endlich mal wieder ungestört von Blagen sein können…

 

Ermüdend.

Es gibt Dinge, die mich ermüden. Meistens sind es Menschen. Menschen ermüden mich. Nicht alle, sondern diejenigen, die sich unfair verhalten.

In letzter Zeit sind mir viele ermüdende Menschen begegnet.

Da ist derjenige, der hinter unserem Rücken bei gemeinsamen Bekannten über uns lästert, weil er so versucht, seine Position zu stärken, um etwas zu bekommen, was er will.

Da ist die Jugendliche, die mich bei etwas unterstützen sollte, es aber nicht tat – und nicht nur Ausreden dafür findet, sondern auch noch die Belohnung dafür einsackt.

Da ist dann die Auftraggeberin, die das Verhalten der Jugendlichen auch noch entschuldigt („Kinder eben“) und als Wertschätzung meiner Arbeit sagt, dass das dann die Jugendliche das nächste Mal ganz alleine macht.

Da ist die Internetbekanntschaft, die mich als arrogant bezeichnet und dann auf meine Antwort beleidigt ist und alle Kontaktwege blockiert.

Zum Glück gibt es noch viele andere Menschen, die nicht so sind. Die das Gespräch suchen, wenn etwas schief läuft. Die Dinge mit einem direkt klären. Die darüber informieren, wenn sie Zusagen nicht einhalten können. Die nach Lösungen suchen.

Und ich stelle fest, dass ich mich einfach mehr auf diejenigen konzentrieren sollte, die fair sind. Statt mich über die zu ärgern, die es nicht sind.