WMDEDGT

Heute ist der 5. Und wie immer fragt Frau Brüllen: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“

Da heute Tag zum Wegwerfen war – oder eben einer, an dem mir so viel passiert ist, was andere nicht an drei Tagen erleben – mach ich mal wieder mit.

5.45 Uhr.
Der Mann ist schon weg. K1 und K2* sind mit dem Futter nicht zufrieden und kloppen sich lautstark vor meinem Bett. Dann kann ich ja auch gleich aufstehen. Erstmal Kaffee. Beim Weg in die Küche finde ich Katzenkotze. Was für ein Start in den Tag.

6 Uhr.
Ich sitze am Rechner mit dem ersten Kaffee. Internet leerlesen und Mails abrufen. Jaaa! Sie funktionieren! Nachdem ich am letzten Freitag einer Spamattacke ausgesetzt war, freu ich mich jetzt darüber, dass die Mails wieder laufen, ich meine neuen Postfächer korrekt eingerichtet habe und scheinbar keine Mails verloren gegangen sind.

6.15 Uhr.
Mit halboffenen Augen ändere ich die Größen von Anzeigen, die die PR-Agentur mir falsch mitgeteilt hat. Weil es zeitlich eng wird mit der Deadline, bin ich froh, dass die Mail nicht verloren gegangen ist.

7 Uhr.
Erstmal Rechnungen schreiben und Blutdruckmittel nehmen. Und, nein, kein kausaler Zusammenhang.

8 bis 10 Uhr.
Ich pröddel so vor mich hin. Erledige einige Kleinaufträge, mache Buchhaltung und kämpfe gegen leichtes Bauchgrummeln an. Das habe ich seit gestern Abend und fürchte, ich habe einen leichten Magen-Darm-Virus.

11 Uhr.
Pause. Ich räume ein bisschen die Wohnung auf. Und finde zwei Plätzchendosen mit Weihnachtsrestplätzchen von der Schwiegermutter. Ich esse eins – und erstarre: irgendwas hartes! Ich spucke den Brei aus und finde einen kleinen Glassplitter von ca. 2 mm Länge. Als lupenreiner Hypochonder geht das Kopfkino los: Habe ich schon Glassplitter verschluckt? Habe ich womöglich meine Speiseröhre aufgeschlitzt? Meinen Magen perforiert? Innere Blutungen? Drama! Ich versuche zu erbrechen und scheitere. Ich kann das einfach nicht mit dem Finger im Hals. Kurz überlege ich, mein Testament zu machen und mich niederzulegen zum Sterben. Statt dessen frage ich Dr. Google.

12 Uhr.
Dr. Google sagt, dass so kleine Splitter eigentlich nichts machen und so lange ich kein Blut spucke, Schmerzen bekomme oder mir schlecht/schwindelig würde, soll ich mich mal entspannen. Ja, ist ja genau meine Baustelle… Um mein Trauma zu verarbeiten, erzähl ich der Welt über Instastories von meinen Tagesdramen. Reden soll ja helfen. Bei mir bewirkt es vor allem, dass ich die ganze Zeit überlege, ob ich nicht doch da irgendwo Schmerzen bekomme. Oder ist mir nicht irgendwie schwindelig? Vielleicht hilft Essen. Ich koche mir also Kartoffeln zum Erbspürree.

13 Uhr.
Ich muss noch ein bisschen weiterarbeiten und führe ein paar Telefonate, schreibe Mails und bastel an zwei, drei Aufrägen rum.

14.45 Uhr.
Ich fahre Katzenfutter holen. Schließlich sollen die Katzen auch weiterhin Munition für ihre Kotzangriffe haben. Im Anschluss fahre ich den Mann von der Arbeit abholen.

15.30 Uhr.
Ich hole den Mann ab und wir fahren nach Sulzbach. Da ist ein Gastrobedarf und die führen die Wunschteller vom Mann. Der sucht seit Wochen nach den perfekten, schwarzen, großen, matten Tellern. Jetzt hat er die, die er gut findet. Da es aber eine Marke ist, die Restaurants ausstattet und nicht den Privathaushalt, geht es nur über den Gastrobedarf. Oder online.

16 Uhr.
Wir finden die richtigen Teller, geben unseren Auftrag auf, alle glücklich.

16.30 Uhr.
Ich möchte bar zahlen und fahre zur Bank. Karte in den Geldautomaten, PIN, Betrag eingeben, auszahlen, Geld entnehmen, Geld entnehmen, Geld entnehmen, GELD ENTNEHMEN! Geht nicht. Der Automat öffnet einfach nicht das Geldfach und plötzlich steht da, dass das Geld aus technischen Gründen nicht ausgezahlt werden kann. Ich bin ja eher der Zocker, also das gleiche nochmal, dieses Mal mit Erfolg. Beim Blick auf den Kontostand dann aber eher so miese Laune. Denn beide Beträge wurden abgebucht… Ich bekomme schlechte Laune und versuche, die Hotline anzurufen. Erfolglos.

17 Uhr.
Während wir die Teller zahlen, erreiche ich endlich die Hotline. Man sagt mir, ich müsse entweder in der Filiale Bescheid sagen (haha, die ist umgezogen) oder einen Auftrag über meine Hausbank aufgeben.

17.30 Uhr.
Wir fahren zur umgezogenen Filiale. Der nette Jungspund in der Filiale erklärt erstmal freimütig, dass das eine längerfristige Sache wird, weil „Service sei nicht seine Kernkompetenz“. Mir schwant, er meint eher die technische Kundenberatung und nicht den Kundenservice. Er füllt gewissenhaft ein Formular aus, lässt sich von Kollegen noch beraten und verspricht zuversichtlich, dass das bald geregelt sein würde.

18 Uhr.
Wir sind auf dem Rückweg. Ich stelle fest, dass ich wenigstens kurzzeitig vergessen hatte, dass ich ja innerlich verblute und eine geöffnete Speiseröhre habe, bin mir aber kurz darauf wieder sicher, dass es da sicher irgendwo zwickt. Und darüber hinaus fehlen mir 300 Euro. Dafür freut sich der Mann über sein verfrühtes Geburtstagsgeschenk.

18.15 Uhr.
Wir sind zuhause, schaffen Platz in den Küchenschränken in dem wir umräumen und beschließen dann, erstmal was zu essen. Da wir beide mittags schon warm gegessen haben, gibt es Salzbrezn und Spundekäs. Ich kipp einen Schnappes und ruf meine Mutter an. Mitleid ist sooooo wichtig.

18.45 Uhr.
Meine Mutter hat mir sämtliche hypochondrischen Anfälle meines Vaters erzählt und meinte, der Schnaps würde wenigstens desinfizieren. Praktisch denken kann sie ja. Es muntert mich aber nur bedingt auf. Brennt der Schnaps nicht irgendwie an der Stelle, an der sicherlich das Loch in der Speiseröhre ist…? Derweil verräumt der Mann seine neuen Teller.

19 Uhr.
Wir sitzen auf der Couch und reden über das, was wir am Wochenende für Freunde kochen, die zu Besuch kommen. Es wird wohl was mit Terrine und Salat als Vorspeise werden, Dreierlei vom Schwein (Filet sous vide gegart, Bäckchen geschmort und Speckstreifen) als Hauptgericht und zum Dessert Schokoladenmousse, Lavendeleis und was mit Limettenshot. Oder so.

20 Uhr.
Nachrichten, Blogbeitrag schreiben, Rezepte wälzen. Nebenher läuft TV, was keiner von uns wirklich guckt. Wir diskutieren weiter über das Samstagabendmenü und verzweifeln.

20.40 Uhr.
Ich höre auf zu schreiben und gehe wohl gegen 21.15 Uhr ins Bett. Ich bin müde und muss mich außerdem von meinen inneren Verletzungen auskurieren.
*Katze 1 und Kater 2

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Aber was ist mit Chips…?

Wenn der Kardiologe und Internist ein sehr gründlicher ist und man zudem noch das Glück hat, Privatpatient zu sein (und ja, ich könnte jetzt darüber schreiben, dass ich es generell eher schlimm finde, dass es diese Zweiklassenmedizin gibt und gesetzlich Versicherte eher schwer haben, solche gründlichen Untersuchungen zu bekommen, weil die Krankenkassen mit ihrem Abrechnungssystem unsere Ärzte zu weniger sozialem und mehr gewinnorientiertem Arbeiten zwingen – mach ich aber nicht, weil es hier jetzt um was anderes geht), dann kann es auch mal sein, dass sein Ehrgeiz geweckt wird, wenn man mit allen möglichen Beschwerden zu ihm kommt, denen sonst keiner auf die Spur gekommen ist.

In meinem Fall hieß das: Müdigkeit, Leistungsabfall, Atemlosigkeit, Gereiztheit, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Erschöpfung, schlechtes Hautbild, Verdauungsstörungen, Blähbauch, Bauchschmerzen, Gewichtszunahme, Migräne/Kopfschmerzen, Verspannungen, verstopfte Nase, Schwindel, geschwächtes Immunsystem und daduch dauernde Erkältung, Sinusitis und Co.

Man machte Blutuntersuchungen, Ultraschall aller Organe, MRT der Hals- und Brustwirbelsäule, CT des Kopfes, Stuhluntersuchung, Abhören, Allergietests etc.

Laut Blutuntersuchung war ich gesund. Alle Organwerte super. Der Allergietest (auf der Haut und drei zusätzliche Werte über Blut) war negativ. Mein IgG-Wert sei im Normbereich. Alles sähe gut aus. Vielleicht mal eine Immunaufbaukur? Und bitte weniger Stress. Eine Ernährungsumstellung bittesehr.

Wer sich erinnert: Stress war ein Hauptbegleiter dieses Jahres. Den sollte ich also reduzieren? Ok. Fing ich damit eben an. Kürzer treten, mehr auf mich hören, Abendrituale zum Einschlafen, neue Matratze, Yoga-Einführungskurs, regelmäßige Bewegung an der Luft.

Ich bekam Nahrungsergänzungsmittel zum Immunaufbau und Darmflorazeug, Vitamin B-Komplex und Spurenelemente. Meine Ärztin empfahl, eine proteinreichere Ernährung. Also begann ich den Tag mit Müsli mit Quark und einem Löffel Honig und trank abends einen Eiweißshake. Die Bewegung fiel mir schwer: Atemlosigkeit und null Leistungsfähigkeit sind keine guten Motivatoren. Ich konnte nicht mal mehr in den ersten Stock die Treppe steigen, ohne zu japsen.

Es ging mir schlecht.

Im November reichte es mir: ich ging zum Kardiologen. Seine Blutuntersuchungen sind etwas umfangreicher. Die Auswertung umfasst nicht nur die Standards, sondern quasi jeden Pups. Er schallte die Organe nochmal: alles ok, nur die Schilddrüse hat einige Knötchen. Er machte ein Herzultraschall (alles ok), einen Leistungs-EKG (oh, nicht so gut). Ich bekam ein 24-h-EKG und -Blutdruckmessgerät. Die Auswertung beider Untersuchungen gab den Aha-Effekt.

Bluthochdruck. Mein Durchschnittswert lag bei 133/106. Auch nachts ging der diastolische Wert nicht unter 90.

Zum Vergleich: Als Normbereich gilt 120–129 / 80–84.
Als Optimalbereich 105–119 / 65–79.

Er war überrascht, dass ich noch schlafen konnte. Wunderte sich nicht mehr über den Leistungsabfall und verordnete Blutdrucksenker. Baustelle 1.

Baustelle 2 war da mysteriöser: mein IgG-Wert (Antikörper im Blut) war um das 13-fache erhöht. Der Wert, der einige Monate vorher noch in Ordnung war. Sein Verdacht: Nahrungsmittel. Es gab also einen weiteren Test. Und der gab den zweiten Aha-Effekt: Ich reagiere auf Zwiebeln, Honig, schwarzen Pfeffer, Feigen, Kuhmilch – und Hefe.

Ich habe also bei meiner Ernährungsumstellung genau das gemacht, was mir nicht geholfen hat: Milchprodukte vermehrt konsumiert. Dazu Honig. Den Rest konsumiere ich quasi täglich. Jetzt folgt also eine Zeit der Elimination. 5 Wochen darf ich diese Lebensmittel nicht zu mir nehmen. Klingt erstmal einfach. Bei näherem Hinsehen ist es aber schwieriger, als man denkt, denn es fallen viele Dinge weg, die ich sonst gedankenlos konsumiere: viele Brotsorten, Gebäck, Kuhmilch-Käse, Quark, Joghurt, Butter, Alkohol, quasi alle Fertigprodukte von Chips bis Brühe, Brotaufstriche, Schokolade und viele Süßigkeiten, Gewürzmischungen, Proteinshakes.

Ziel des Verzichts ist es, in den 5 Wochen die körpereigenen Reaktionen auf diese Stoffe auf ein Normalmaß zurückzufahren. Dann folgt die Provokation: ein Lebensmittel pro Woche wird an einem Tag vermehrt hinzugefügt und der Körper beobachtet, ob er noch darauf reagiert. Wenn nicht, darf das Lebensmittel wieder konsumiert werden. Reagiert er in den Tagen nach der Einnahme des Lebensmittels, muss das Lebensmittel ein Jahr lang gemieden werden und dann eine erneute Provokationsphase gemacht werden.

Ich habe den endgültigen Start der Eliminationsphase jetzt auf Montag verschoben. Aus ganz egoistischen Gründen: ich habe Sonntag Geburtstag. Und da möchte ich nicht auf Kuchen, Essen gehen, ausgiebiges auswärtiges Frühstück, Nascherei, Sekt und Co. verzichten. Bis dahin reduzier ich aber schon mal, soweit es geht. Und das ist nicht leicht: Kaffee ohne Kuhmilch bedeutete heute Morgen schon eine Testphase, welcher Ersatz sich aufschäumen lässt (Mandelmilch nicht, aber Sojamilch). Als Knabberzeug taugt wohl nur selbstgemachtes Popcorn, denn Chips sind raus, Schokolade auch. Zum Frühstück muss ich nun Mandelmilch und Ahornsirup für mein Müsli nehmen. Ok, geschenkt. Aber wie zum Teufel macht man Risotto ohne Zwiebeln, Butter, Sahne und Parmesan? Ach, verdammt.

Nehmen wir es positiv: ich bin letzte Woche erstmalig wieder Nordic Walken gewesen, ohne dass mir die Puste ausging oder ich nach 400 Metern eine Pause brauchte. Ich war sogar vier Mal laufen. Ohne Probleme. Ok, bis auf die muskulären, die mir zeigen, dass ich nicht mehr fit bin. Aber jetzt habe ich eine Chance, das in Angriff zu nehmen.

Und wer weiß: wenn mir die Elimination einiger Lebensmittel dabei hilft, meinen Körper auch sonst wieder in Ordnung zu bringen, bin ich vielleicht im Sommer in der Form meines Lebens…

Warum ich hier so offen und deutlich über mein Krankheitsbild schreibe? Ganz einfach: weil ich nicht allein bin. Weil ich hoffe, dass der ein oder andere, der sich seine Symptome nicht erklären kann, einfach auch mal gründlicher checken lässt. Vielleicht mal das Thema „Bluthochdruck“ ins Auge fasst oder eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Ebenso, wie bei dem Brustkrebsverdacht im Mai diesen Jahres, möchte ich mit meiner Geschichte zur Aufklärung beitragen und animieren, dass andere vielleicht rechtzeitig zur Vorsorge gehen. Vielleicht auch mal diese Themen ansprechen und zum Facharzt gehen. Denn der Hausarzt ist manchmal nicht geschult genug, um einige Dinge zu erkennen. Oder er ist (damit wären wir wieder bei unserem Gesundheitssystem) einfach zu gestresst, weil er aus Fließbandbehandlungsdruck nicht mehr genug auf den einzelnen Patienten achten kann oder sein Budget nicht mehr für eine kostenintensivere Untersuchung reicht zum Ende des Quartals.

Ich hoffe jedenfalls, dass bei mir damit jetzt einiges geklärt wurde und meine Odyssee ein Ende hat.

Jahresrückblick.

Der letzte in dieser Form ist lange her. Der letzte in Kurzform auch schon verjährt. Zeit für einen neuen.

Zugenommen oder abgenommen?
Erst 6 Kilo zugenommen dank Ernährungsumstellung. Dann die Zunahme wieder abgenommen, dank Ernährungsumstellung. Dann das Gewicht gehalten. Also ich schließe das Jahr mit +/- 0.

Haare länger oder kürzer?

Erst länger, dann kürzer, dann länger, dann kürzer. Auch hier: +/- 0.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Die Werte sind gleichgeblieben. Was sich geändert hat, ist die Hornhautverkrümmung. Was mir eine wunderbare neue Brille eingebracht hat <3

Mehr ausgegeben oder weniger?
Weniger. Je älter ich werde, desto weniger brauche ich. Und ich hasse shoppen.

Der hirnrissigste Plan?
Zu glauben, dass es nur an meiner Motivation läge und einfach weiterzumachen.

Die gefährlichste Unternehmung?
Den Anweisungen der Verkehrswacht auf der Autobahn zu folgen.

Der beste Sex?
Mit meinem Mann.

Die teuerste Anschaffung?
Meine Brille.

Das leckerste Essen?
Kocht immer noch mein Mann.

Urlaub?
Ein wunderbarer Kurztrip nach Barcelona. Und ein abgesagter Urlaub in Österreich.

Das schönste Konzert?
Ein bisschen das Pet Shop Boys Konzert in Mainz. Weil es die Erfüllung eines Jugendtraums war, aber auch, weil es mir viel Kraft gegeben hat für die zweite Brustbiopsie am nächsten Tag. Dicht gefolgt von den Simple Minds, Depeche Mode, Coldplay. Enttäuschend fand ich Selig. Nicht wegen Selig, sondern wegen der Akkustik in der Batschkapp.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Grübeln.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Meinem Mann.

Vorherrschendes Gefühl 2017?
Erschöpfung.

2017 zum ersten Mal getan?
Eine Brustbiopsie machen lassen.

2017 nach langer Zeit wieder getan?
Mut geschöpft.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?

  • den Tod einer Freundin
  • Brustkrebsverdacht
  • Bluthochdruck

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Nicht aufzugeben.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Zuzuhören.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Zuzuhören.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Es ist kein Krebs.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Es ist kein Krebs.

Gibt es etwas, was du jemandem gern gesagt hättest?
Vieles, vielen: Du bist schöner, als du denkst. Glaub an dich. Bildung ≠ Intelligenz. Hochmut kommt vor dem Fall und mit Überheblichkeit, Besserwisserei und Klugscheißerei weiß man nicht automatisch auch alles besser. Komm aus deiner Filterblase. Selbstreflexion funktioniert nur, wenn man ehrlich zu sich selbst ist. Lästern macht hässlich. Nimm dich nicht so wichtig. Nimm dich selbst ernst. Hör auf dein Gefühl. Zieh da endlich weg. Familie kann auch selbstgewählt sein. Du liegst falsch. Du musst nicht immer laut sein, um dir Gehör zu verschaffen. Mein Schweigen ist keine Zustimmung. Wenn du wüsstest.

2017 war mit einem Wort…?
Kräftezehrend.

Empört euch nicht.

Oder anders.

Wenn man oft in den Sozialen Netzwerken unterwegs ist, fällt einem irgendwann zwangsläufig auf, wie viele Menschen sich empören. Empören scheint ein Volkssport geworden zu sein. Man empört sich über politische Themen genauso, wie über den Nachbarn mit der anderen Meinung.

Nein, eigentlich empört man sich sogar noch lieber über den mit der anderen Meinung.

Und am liebsten empört man sich über den mit der anderen Meinung bei anderen, die sich auf über den mit der anderen Meinung empören, wenn der mit der anderen Meinung sich empört.

Was niemand mehr macht, ist einfach mal die Meinung des anderen stehenzulassen, sie auzuhalten.

Jetzt zum Jahreswechsel ist die Empörung wieder themenabhängig:

  • über Böllern
  • gegen öffentliche „Böllern, nein danke“-Meinung
  • gegen die Meinung, gegen „Böllern, nein danke“ zu sein
  • über gute Vorsätze
  • über diejenigen, die gute Vorsätze haben
  • über diejenigen, die ihre guten Vorsätze öffentlich sagen
  • über diejenigen, die gegen diejenigen sind, die ihre guten Vorsätze…

Ach, Sie wissen schon.

Es ist so unfassbar müßig. Ich verstehe einfach nicht, was es Menschen bringt, sich ständig über andere Menschen zu empören, die ihre (andere) Meinung kundtun, nur um dann seine eigene Meinung kundzutun, sich dabei für besser zu halten, obwohl man das gleiche tut?

Muss immer alles kommentiert werden? Halten wir uns und unsere Meinung für so wichtig, dass wir zu jedem Furz des anderen unseren Blasebalg anwerfen müssen?

Es geht den wenigsten Menschen noch um den Austausch. Die meisten möchten einfach nur ihre Ansichten loswerden. Und wenn sie nichts zu sagen haben, empören sie sich eben darüber, dass andere was zu sagen haben. Oder nichts zu sagen habe und es trotzdem tun.

Worüber sich kaum jemand wirklich empört, sind die wichtigen Themen: der Abbau der Sozialpolitik, die Folgen der jahrelangen Einsparungen bei der Bildung, der Abbau von Polizeistärke und sozialem Wohnungsbau, die Gentrifizierung, Kinder- und Altersarmut, die schlechte Bezahlung der Stützen der Gesellschaft, der Rechtsruck in der Gesellschaft, die Toleranz gegenüber rechten Gewalttaten, die Beeinflussung der Entscheidungen dieses Landes durch Lobbyisten und Parteispenden, die Diskrepanz zwischen Arm und Reich, die gravierend unterschiedlichen Bildungschancen, Ungleichbehandlung von Frauen und Männern, gesellschaftliche Akzeptanz von (sexualisierter) Gewalt, die Ausbeutung anderer Länder zu Gunsten unseres Wohlstands, unsere Wegwerfmentalität, unser Konsumverhalten, fehlende Inklusion, Gleichberechtigung aller Menschen, Schutz unserer Umwelt, Aufhalten des Klimawandels…

Die Liste ist so lang und doch sind diejenigen, die sich darüber empören, in der Minderheit. Dafür sind diejenigen, die sich über andere aufregen, die einfach nur ihre Meinung sagen, so viele.

Ich wünsche mir mehr Empörung und weniger Empörung für 2018. Und nehme mir vor, öfter die Meinung anderer einfach mal stehen zu lassen, statt sie zu kommentieren. Und das alles, nachdem ich nicht geböllert habe zu Silvester, weil ich das für die größte Geldverschwendung und Umweltverschmutzung, für Tierquälerei und absolut überflüssig halte.

So.

Hilflos.

Wir sind unterwegs. Morgensporteln durch Regen und über die Felder. Die Luft tut gut, die Bewegung tut gut. Es ist überall noch still. Zweiter-Weihnachtsmorgen-Stille. Wir laufen vorbei an stillen Wohnhäusern, durch stille Straßen und treffen einen Mann. Zerrissenes Hemd, Hose, nur Socken an den Füßen. Es regnet in Strömen. Er kommt auf uns zu.

Ich frage ihn, ob es ihm gut gehe. Nein, sagt er. Er sei auf kaltem Entzug. Ob ich Alkohol für ihn hätte.

Ich laufe weiter neben ihm her. Möchte ihn nicht allein lassen. Er will zur Tankstelle. Bier holen. Er brauche jetzt sofort Bier. Ist völlig fokussiert auf die Sucht, aber im Kopf erschreckend klar. Wir unterhalten uns.

Er ist bei seinem Bruder zu Besuch. Kommt eigentlich aus Frankfurt. Sein Bruder will ihm keinen Alkohol geben. Wollte ihn am Verlassen der Wohnung hindern. Es muss hart hergegangen sein. Sein Hemd ist zerrissen, sein Arm blau. ich frage ihn, was los ist. Er sagt, er glaube, der Arm sei gebrochen.

Peter geht hinter uns und ruft einen Krankenwagen.

Wir reden weiter. Er erzählt von seinen Versuchen aufzuhören. Morgen hat er den nächsten Termin. Er sagt, er schafft es nicht. Ich weiß, dass er recht hat, versuche ihn aber zu überreden, sich jetzt im Krankenhaus helfen zu lassen. Medikamente, um den Entzug zu lindern, zur Beruhigung, gegen die Schmerzen. Statt zur Tankestelle zu gehen.

Nein, er will Bier. Wir unterhalten uns über seine Sucht. Er sagt, es gäbe Trigger. Die wären gedrückt worden, er weiß, dass ihn die Sucht zu Grunde richtet. Er sagt, manchmal hoffe er, das passiere lieber früher als später. Alkoholiker stürben eher an Hirnschlag, als an Leberzirrhose. Und wenn er jetzt nichts zu trinken bekäme, käme wieder ein Krampfanfall durch den kalten Entzug. Ja, er hat wieder recht. Er kennt seine Krankheit. Viel zu gut kennt er sie.

Der Krankenwagen kommt. Er will sich nicht helfen lassen. Er geht stur geradeaus und will nur zur Tankstelle. Bier holen. Nur Bier holen. Er brauche jetzt zwei Bier.

Die Rettungskräfte sagen, sie könnten ihm nicht gegen seinen Willen helfen. Sie dürfen ihn nicht festhalten, auch wenn er bei 3 Grad im Regen auf Socken rumläuft.

Die Sanitäter rufen bei der Polizei an. Nein, auch sie können nichts machen. Er ist keine Gefahr, er ist nur alkoholkrank und auf Entzug. Alle fahren weg. Pech für ihn und seinen Arm. Niemand kann gezwungen werden.

Wir erreichen die Tankstelle und er hat mir viel erzählt.

Ich bitte ihn, mich anzusehen. Er traut sich kaum, mir in die Augen zu blicken. Ich lächle ihn an und wünsche ihm von Herzen, dass er es für sich schafft.

Er sagt, dass kann nur er allein schaffen. Ja, sage ich. Stimmt. Er wisse, dass ich es gut meine. Aber jetzt ginge es noch nicht. Ich wünsche ihm frohe Weihnachten, er geht in die Tanke, wir gehen weiter.

Wir können nicht jedem helfen, auch wenn wir es wollen. Aber vielleicht denkt er irgendwann mal in einem Moment im Entzug an die Menschen, die ihm mit Respekt begegnet sind, als er selber keinen mehr vor sich hatte.

Vielleicht hilft es ihm dann.

Hobbyshaming.

Seit vielen Monaten formiert sich eine Gegenbewegung zum Bodyshaming. Frauen zeigen ihre Körper und weisen darauf hin, dass man sich von anderen nicht diktieren zu lassen hat, was „normal“, „schön“ oder „richtig“ sei. Der Körper als Kunstwerk, so wie er ist, mit Dehnungsstreifen, Fettpölsterchen, stark hervorstehenden Rippen oder schiefer Nase. Das vorgelebte Schönheitsideal ist eine Erfindung.

Es gibt im Internet durchaus einige Vorreiter*innen, deren Rants hierzu durch hohe Reichweite immer mal wieder in meine Timeline gespült werden. Ich finde das großartig.

Umso mehr erstaunt es mich, wenn aus „mehr Toleranz“-Mündern das Lästern/Beurteilen über andere ertönt, die eben anderes gut finden, als sie selbst oder sich für andere Dinge Zeit nehmen, als sie es tun.

In diesem Fall ging es um das Darstellen von Selbstgebackenem und -gebasteltem bei Instagram, was das auslöst und im Anschluss um die Frage, wie jemand für sowas überhaupt Zeit haben könne.

Schnell fanden sich andere, die applaudierten und flugs einen Typus ausmachten, der sich ihrer Meinung nach mit Plätzchen und Co. in Szene setzt: Yoga machend und an sich selbst denkend, Tee trinkend.

Was ich daran zu traurig finde, ist, dass hier die Lebensweise von Menschen kritisiert (und pauschalisiert) wird, auf die gleiche Weise, wie Bodyshaming betrieben wird: Fette sind unsportlich, Dicke sind disziplinlos – Menschen, die dekorieren und basteln sind nicht so lässig, wie diejenigen, die für sowas keine Zeit haben.

Nein. Sie haben nur anderen Prioritäten und Hobbys.

Vielleicht ist da eine Mutter, die einen Teilzeitjob hat, vier Kinder und sich trotzdem abends noch die Zeit nimmt, um Plätzchen zu backen. Einfach, weil sie es gern tut. So wie vielleicht die Dicke abends Fahrrad fahren geht, um den Kopf frei zu bekommen.

Himmel, und? Muss man jemanden, der andere Prioritäten und Lebensweisen hat, deswegen mit dieser Arroganz begegnen? Besonders dann, wenn man selber anprangert, dass andere einen mit Dummheit und Arroganz beurteilen?

Als jemand dann „Achtsamkeitsmüll“ von sich gab, für mich eine Verurteilung einer Lebensweise, die er/sie halt nicht teilt, bin ich ausgestiegen.

So lange wir nicht unser eigenes Schubladendenken und Verurteilen in Frage stellen und uns über andere lustig machen, so lange dürfen wir uns nicht darüber beschweren, wenn in den Bereichen, die uns treffen und wichtig sind, nicht umgedacht wird.

Toleranz beginnt bei einem selbst.

 

 

Plätzchen

Eigentlich jedes Jahr gibt es für zwei Wochenenden hier die Weihnachtsbäckerei. Ich wälze vorher Plätzchenhefte, durchstöbere Rezepte – und backe dann die gleichen Sorten.

Dieses Jahr nicht. Denn dieses Jahr habe ich nur neue Rezepte ausprobiert:

Eine Sorte ist nichts geworden (so Schoko-Dinger, die einfach nur staubtrocken waren und im Mund immer mehr wurden), zwei mach ich nicht wieder (die Biscotti, weil sie zerbröseln und die Matcha-Herzen, weil sie sehr streng schmecken).

Besonders gut kommen die Engelsaugen an mit Lemon Curd und Kokosummantelung (nur ohne Kokos im Bild, weil die anderen schon weg sind). Auch grandios sind die Makronen mit Tonkabohne. Und die Zimtsterne sind herrlich klebrig-zäh. War auch ziemlich frustrierend zu verarbeiten und erst von Erfolg gekrönt, als ich den Teig noch mit Mehl bestäubt habe vor dem Ausstechen.

Die Rezepte stammen alle aus den bekannten Frauenzeitschriften-Specials, aus Rezeptheften, diversen Internetquelle wie Food-Blogs oder Online-Specials.

Kürbiskernkipferl

Schneeflöckchen

Zimtsterne (aber ohne den Kaffee)

und verfeinerte/modifizierte Standardrezepte aus allen möglichen Bereichen:

Tonkabohnenmakronen

Engelsaugen (Quelle: Basisrezept aus dem Plätzchen-Extra „Für Sie“)

Kardamomkipferl

Überblick.

Ich bin 170 cm hoch. Das ist nicht sehr groß, aber auch nicht sehr klein. Aber eben nicht sehr groß. Ich trage selten hohe Schuhe. Aus gesundheitlichen und Vernunft-Gründen. Und ich gehe gern auf Konzerte.

Bei Menschenmengen bewirkt meine Größe, dass ich sehr häufig die Schultern größerer Menschen im Gesicht habe. Die breiteste Stelle des Körpers der Menschen um mich herum hängt in meinem Gesichtsfeld. Was es sowohl einschränkt, als auch ein beklemmendes Gefühl bereitet.

Auf Konzerten kommt eine gewissen rhythmische Dynamik hinzu: die Menge tanzt. Oder bewegt sich.

Hat man als kleinerer Mensch also gerade eine Position gefunden, um durch eventuelle Lücken dem Geschehen auf der Bühne folgen zu können, wird diese garantiert immer wieder verschlossen.

Für mich bedeutet das, entweder ganz nach vorne zu gehen – oder nach hinten. Nach vorne, um die Wahrscheinlichkeit einen Tower vor mir zu haben zu minimieren, nach hinten, um den Blickwinkel so zu verändern, dass man wenigstens die Köpfe vorne sieht.

Beides hat seinen Nachteil: stehe ich vorne, kommt der Mann (knapp 190 cm hoch) mit und versperrt jemandem die Sicht. Stehe ich hinten, kann es passieren, dass die Leuchttürme dieser Welt trotzdem die Sicht versperren. Erschwerend kommt hinzu, dass ich leicht klaustrophobisch reagiere, wenn mich Menschen körperlich bedrängen. Vorne an der Bühen ist das erfahrungsgemäß ganz sicher so…

Gestern waren wir auf einem Konzert und ich hatte in allen Bereichen Pech: Vorne war sehr voll. Auch die großen Leute standen vorne und mittig. Hinten, wo Platz war, war die Akkustik miserabel. Und zwar so schlecht, dass man teilweise nur ein Bummern und Bollern gehört hat. Vom Gesang konnte ich nur träumen. Und als man sich gerade so mit der Akkustik abgefunden hat, stellten sich zuerst zwei Freundinnen auf 20 Zentimeter Entfernung vor mich und fingen lautstark an zu schnattern (keine Sicht und noch schlechteres Verstehen), dann stellten sich zwei Riesen davor.

Das war toll, weil die Schnatterweibchen sich verzogen – schlecht, weil ich jetzt nichts mehr sah. Außer Rücken.

Zu meiner Verzückung begangen die Männer vor mir auch noch mit dem absoluten No-Go für mich auf Konzerten: Smartphone zücken und filmen.

Liebe Konzertbesucher, ich weiß, ihr könnt nichts für eure Größe. Ich aber auch nicht. Wenn ihr euch also einen Platz sucht, der irgendwo mittendrin ist – macht das doch vor dem Konzert. Nicht mittendrin. Denn damit bewirkt ihr, dass eine kleine Person nichts mehr sieht und sich auch wieder einen neuen Platz suchen muss. Während des Konzerts. Und wenn ihr schon groß seid, dann haltet doch bitte nicht auch noch eure Handys nach oben, um auch noch den letzten Blick durch irgendwelche Lücken zu versperren.

Kann ja gar nicht so schlimm sein? Bitteschön:

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Am Anfang stand ichvor dem Mann mit der Glatze. Bis sich davor zwei Typen hinstellten. Wir stellten uns dann weiter nach hinten.

Bis er kam:

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Tja, nun. Der Gute war locker 2 Meter hoch. Und die davor auch noch breit.

Und so endete unser Konzertbesuch damit, dass ich so gut wie nichts sah und dann auch noch schlecht hörte. Und die Einsicht der großen Menschen war – wie fast immer – eher klein.