Recht auf Wurst. Jawoll.

In Kassel gibt es dieses Jahr ein Fest zum Tag der Erde. Auf ihrer Seite informiert man:

Tag der Erde“ ist in Kassel und der Region fest als das Umweltereignis des Jahres verankert. An diesem Tag informieren Organisationen, Institutionen und Verbände die Besucher der Veranstaltung zu ökologischen, sozialen, politischen und kulturellen Themen.

Um dem Gedanken „Umwelt, Erde“ kulinarisch entgegen zu kommen, haben die Veranstalter beschlossen, bei der leiblichen Versorgung der Besucher auf Fleisch zu verzichten.

Ein Sturm der Entrüstung bricht los: Keine Wurst! Alarm!

Die Fleischsüchtigen geifern sich um den Verstand und hetzen gegen das Fest als Zwangsveranstaltung von Vegetariern und Veganern, die ja mittlerweile alles bestimmen müssten. Sogar, wann es auf einem Fest Wurst gibt und wann nicht.

Es gibt Kommentatoren, die fordern sogar einen abgetrennten Bereich mit Wurstständen, damit sie auf ihre Kosten kommen. Andere möchte mit dem Androhen eines Boykotts des Festes den Veranstalter zwingen, Essensstände mit Fleisch aufzustellen. Aber der Veranstalter bleibt hart und verteidigt seinen Gedanken, dass man am Earth Day sein Konsumverhalten überdenken sollte und jemand, der diesen Tag mit einem Fest begeht, da auch mit gutem Beispiel voran gehen sollte.

Das ruft die in ihrem Demokratieverständnis („Wir sind die Mehrheit! Wir wollen Fleisch!“) benachteiligten Verteidiger der Volkswurst auf den Plan. Leider nicht dahingehend, dass sie den Gedanken dahinter verstehen, die Intention des Veranstalters und sein Hausrecht anerkennen, sondern nur dahingehend, dass sie noch lauter brüllen, dass jeder ein Recht auf Wurst auf Festen habe. Einer schrieb sogar im Internet, dass er kein vegetarisches oder veganes Essen möge und es ihm daher ja versagt wäre, dieses Fest zu besuchen.

Diese Diskussionen amüsieren mich. Wie Süchtige, denen auch nur angedroht wird, dass man ihnen den Stoff wegnimmt, zeigen diese Leute, wie abhängig ihr Leben davon sind, dass sie nicht mal ein buntes Fest genießen können, wenn es ihren Stoff nicht gibt.

Solche Argumente kennt man sonst nur von Alkoholikern, Rauchern und Koksern.

Warum die Leute nicht einfach die Achseln zucken und entweder gar nicht hingehen, wenn sie mit dem Konzept und Thema nicht einverstanden sind (Himmel, ich geh doch auch nicht auf ein Helene-Fischer-Konzert und beschwer mich dann, dass es keine Rockmusik gibt!) oder einfach vorher ihre Sucht nach Wurst und Steak stillen und dann hingehen und sich den Rest anschauen, erschließt sich mir nicht.

Aber es passt in unsere heutige Zeit.

IF 1

IF steht für Intermittierendes Fasten. Und das steht für das Loch im Bauch, das ich zum jetzigen Zeitpunkt habe. Denn meine Fastenperiode geht jetzt seit 14 Stunden. Gestern Abend um kurz vor 19 Uhr habe ich zu Abend gegessen. Seitdem gab es Wasser, schwarzen Kaffee und grünen Tee.

Letztes Wochenende haben wir begonnen, die 16/8-Methode zu praktizieren. Warum überhaupt? Weil ich immer mehr zunehme und damit sehr unglücklich bin. Noch unglücklicher bin ich aber mit Diäten und Ernährungskonzepten, die mir bestimmte Lebensmittel versagen möchten.

Low Carb hat bei mir dazu geführt, dass ich zugenommen habe. Fast 5 Kilo haben mir damals die zwei Monate eingebracht, die wir auf Kohlenhydrate fast völlig verzichtet habe, bzw. nur tagsüber und „guten Stoff“ zu uns genommen haben. Vollkornnudeln und Co. sind geschmacklich nicht meins und ich liebe Kartoffeln.

Meine Ärztin sagte, dass ich eben die Kohlenhydrate bräuchte. Es gäbe einfach Menschen, die aufgenommene Nährstoffe unterschiedlich verwerten. Jo, hab ich gemerkt.

Doch egal, was ich gemacht habe, es hat nichts gebracht, denn ich esse gern und mit Genuss, Verzicht auf bestimmte Lebensmittel macht mir schlechte Laune und mich sklavisch an Essenspläne zu halten, ruft bei mir Bockigkeit hervor. Und kommt mir nicht mit Punkte zählen: wenn ich esse, möchte ich nicht rechnen. Essen mit Punkten gleichzusetzen, nimmt mir die Sinnlichkeit des Essens. Es reduziert das Essen auf Nahrungsaufnahme.

Vor zwei Jahren erzählte mir eine Kollegin, sie würde intermittierend fasten. Einen Tag Essen, einen Tag nicht. Äh, aha. Ja, das sei für sie die einzige Möglichkeit der Diät und um ihr Gewicht zu halten.

Die Vorstellung, einen ganzen Tag (bzw. in diesem Fall sogar 36 Stunden, denn die Nacht davor und danach gehören zur Tastenperiode dazu) hat mich in einen schockähnliches Zustand versetzt. Im Hinterkopf blieb es aber hängen.

Irgendwann begann ich, mich mit dem Thema zu beschäftigen: Es gibt verschiedene Arten des IF. Verschiedene Konzepte. Gemein haben alle, dass Essen und Fasten sich abwechseln und es wichtig ist, diese Fastenperiode strikt einzuhalten.

Natürlich gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen dazu, viele Erklärungen zu Insulinausschüttung, Blutzuckerwerten, Bluthochdruck und Co. Für mich war aber ein simpler Gedanke überzeugend: Erst seit relativ kurzer Zeit steht uns Menschen permanent Essen in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Wir können jederzeit alles konsumieren, was wir wollen – und müssen dafür kaum noch was machen. Im Gegensatz zu früher: damals stand man morgens auf, um sein Essen zu jagen, zu sammeln und herzustellen. Oder dafür zu arbeiten. Erst dann konnte man es essen. Man konnte nicht aufstehen und zum Kühlschrank gehen.

Das bedeutete eine längere Periode des Nicht-Essens. Denn es war schlicht nichts da. Wenn was da war, hat man gegessen. Das Zeitfenster war aber recht gering, denn auch abends auf der Couch (haha) stand eben nicht die Chipspackung bereit.

Unser Körper, unser Stoffwechsel, ist nicht auf unbegrenzt zur Verfügung stehende Nahrung ausgelegt und lagert ein, weil er für die nächste Hungerperiode vorsorgen möchte – die aber nicht kommt und daher die Reserven nicht angegriffen werden.

Ich spreche jetzt hier nicht von Sportlern, körperlich hart arbeitenden Menschen, die die zugefügten Kalorien auch direkt verwenden können. Ich spreche von jemandem wie mir, der von morgens bis abends am Schreibtisch sitzt und dann mal eine Runde Wandern geht.

 

 

Für mich durchaus nachvollziehbar und durch den Mangel an Verboten auch akzeptabel.

So sind wir bei der 16/8-Methode gelandet, die bedeutet, dass wir 16 Stunden keine Kalorien zu uns nehmen, aber viel trinken müssen (Wasser, Tee und Kaffe – aber ungesüßt und ohne Milch) und in den übrigen 8 Stunden normal essen.

Zusätzlich haben wir unsere alten Regeln wieder hervorgekramt, dass es in der Woche weder Alkohol, noch Süßigkeiten gibt.

Die erste Woche ist jetzt rum und ich kämpfe. Ich kämpfe nicht wirklich, weil mir etwas fehlt, ich habe keinen Mangel, sondern weil ich wieder lerne, was es bedeutet, Hunger zu haben und auszuhalten. Nicht beim kleinsten Appetit in die Küche zu gehen und einen Apfel, eine Banane, einen Joghurt zu essen. Oder ein Brot, einen Riegel Schokolade oder einen weiteren Kaffee mit Milchschaum und Zucker zu trinken.

Tatsächlich trinke ich jetzt viel mehr als vorher, aber anders. Statt zwei Tassen Kaffee trinke ich einen Kaffee schwarz und danach Tee. Ingwertee, Schwarzen Tee, grünen Tee. Und Wasser. Ich habe noch nie so viel Wasser am Tag getrunken, wie diese Woche. Ich merke, dass das Hungergefühl morgens nachlässt, wenn ich ein Glas Wasser trinke und frage mich, ob ich nicht oft eher einen Mangel an Flüssigkeit hatte, als einen Mangel an Nahrung.

Ich kämpfe also mit meinen Gewohnheiten. Oder gegen sie.

Interessanterweise hat sich einiges bei mir verändert: Der Kaffee mit Milch und Zucker, den ich mir nachmittags gönne, schmeckt mir fast schon zu süß und so reduziere ich schon den Zucker da drin. Ich süße mein Müsli nicht mehr extrem nach. Und ich habe keinen Heißhunger auf Schokolade, Kekse oder Chips. Der Verzicht auf Zucker morgens hat also bei mir bewirkt, dass mein Bedürfnis nach Zucker weniger wird.

Trotzdem habe ich gebacken (zum Valentinstag 8 Muffins), von denen ich zwei Stück insgesamt gegessen (und genossen) habe. Der letzte Muffin ist jetzt so angetrocknet, dass ich ihn wohl wegschmeißen muss.

Ansonsten esse ich normal. Es gibt zwei Mahlzeiten am Tag (eine mittags und eine abends), die aber ohne irgendwelche Einschränkungen. Wir kochen nicht anders, wir essen nicht anders. Durch den Wegfall einer Mahlzeit (Frühstück), bzw. meinem Frühstückersatz Kaffee, ist die Kalorienzufuhr automatisch reduziert. Ich hoffe, dass das bei mir eine Gewichtsreduktion bewirkt und der Verzicht auf einige Mengen an Zucker bei mir die Blutwerte verbessert. Wobei ich sehr gute Blutwerte habe. Aber, wie immer gibt es Optimierungspotenzial.

Ich werde also hier ab und zu über unser IF-Experiment schreiben. Vielleicht hat ja der ein oder andere damit schon Erfahrung und möchte sie teilen. Ich bin gespannt, wann das Tief kommt. Denn bisher merke ich eher, dass ich aktiver werde. Besonders morgens…

Mögen die Spiele beginnen.

 

Von der Selbstbestimmung

Es gab eine Zeit, damals Ende der 1980er Jahre, da kam eine große Diskussion auf: was dürfen Frauen tragen, ohne sich mitschuldig an den Konsequenzen zum machen. Auslöser war der Film „Angeklagt“ mit Jodie Foster, in dem es um eine Gruppenvergewaltigung in einer Bar ging – und eben um die Frage, ob nicht ihr aufreizendes Äußeres Männer dazu einladen würde, sexuelle Gewalt auszuüben.

Das Thema ist nicht neu für uns Frauen: Knöchel, die gezeigt wurden, galten als frivol. Der Kopf sollte bedeckt sein, ebenso die Schultern. Warum? Weil es sich für Frauen so gehörte, sonst galten sie im Christentum als unzüchtig. Noch heute wird in vielen Ländern gefordert, dass Frauen ihre Schultern bedecken, wenn sie z.B. eine Kirche betreten in Griechenland oder Italien. Die Folgen in diesen Ländern sind nicht mehr zu schwerwiegend, aber die Tat gilt immer noch als sündig bei strenggläubigen Katholiken. Und denken wir an die Nonnen!

Doch unabhängig von diesen Ausnahmen ist es für uns Frauen in unserem Kulturkreis normal geworden, dass wir tragen können, was uns gefällt. Wir können anziehen, wonach uns ist. Natürlich gibt es weiterhin Vorschriften oder Vorgaben, z.B. bei Uniformen in verschiedenen Berufsgruppen (Krankenhäuser, Öffentlicher Nahverkehr, Armee, Banken etc.), die aber für alle Geschlechter gelten. Und auch hier sind die wirklichen Konsequenzen absehbar.

Leider immer noch absehbar sind die Konsequenzen, wenn Frauen mehr Haut zeigen als eine Nonne oder sich auffälliger kleiden als in Seniorenbeige: Pfiffe auf der Straßen, anzügliche Sprüche im Büro, Anfassen im Gedränge, Bewertungen der Kleidung. Diese Übergriffe kommen fast ausschließlich von Männern, die scheinbar nicht mit dem Äußeren von Frauen klar kommen oder denen der Anblick von nackter Haut oder ihnen nicht genehmer Kleidung direkt das Hirn ausschaltet. Oder die es als ihr angeborenes/erworbenes Recht sehen, ihren Hormonen in Form von verbaler Inkontinenz und distanzlosem Gegrabsche Ausdruck zu verleihen.

Daher ist es fast nicht verwunderlich, was Frau Mutti da neulich in einer Arztpraxis passiert ist. Und zeigt die Gratwanderung, mit der wir Frauen jeden Tag einordnen müssen, ob unser Gegenüber uns ein Kompliment gemacht hat oder schon übergriffig war. Für mich zählt hier die eigene Wahrnehmung: wenn ich mich übergriffig behandelt fühle, war es übergriffig. Das kann bei jedem anders sein und stellt, natürlich, das Gegenüber vor ein Problem: wie soll es einschätzen können, was die Gefühle der Frau sind?

Da hilft nur eins: wenn man sich als Mann nicht sicher ist, ob man dem Gegenüber mit einem Spruch zu nahe tritt (weil man denjenigen nicht kennt, einschätzen kann oder Situation/Verhältnis eine Missinterpretation möglich machen), lässt man es eben. Bei einem Arzt-Patienten-Verhältnis (besonders, wenn man sich überlegt, dass der Arzt einen  gerade nackt/fast nackt gesehen hat) gehören sich jede Form der sexuellen Anspielung oder der persönlichen Komplimente und Andeutungen nicht. Es hat nichts zu suchen in diesem Verhältnis.

Interessant an diesem Blogpost war aber nicht nur, dass wir Frauen uns immer noch darüber Gedanken machen müssen, ob unser Gegenüber sich übergriffig verhält, sondern die Kommentare darunter.

Denn wir sind direkt wieder in den 1980er Jahren angekommen, in denen man sich als Frau für die Reaktionen des Gegenübers verantworten sollte, wenn man sich so kleidete, wie man es wollte.

Was dann noch folgte an Kommentaren, ließe sogar meine Oma Kopf schütteln: die Übergriffigkeit des Arztes solle bitte als Kompliment gesehen werden in dem Alter. So nach dem Prinzip: Du bist so alt, da kannst du froh sein, wenn dich ein Mann noch anguckt.

Wer anzieht, was er will, und das auch noch auffällig oder „nicht altersgemäß“ sei, dürfe sich nicht wundern. Hier scheint der Grundsatz zu gelten, dass ab einem bestimmten Alter, das Sittenwächter, Moralisten oder Menschen mit Herrschaftszwang festlegen, nur noch bahamabeige und regenwettergrau getragen werden darf – natürlich figurverhüllend. Denn als Frau hört das Recht auf, sich so zu kleiden, wie man möchte, mit dem Alter auf. Und macht man es doch, muss man eben die Reaktionen erdulden. Schweigsam bitte.

Was mich daran auch so schockiert, ist die Aberkennung der weiblichen Sexualität in der Altersgruppe über 40, über 50. Ernsthaft wird gesagt, dass Frauen, die näher an der 70 sei als an der 20, wohl kaum Opfer von sexueller Übergriffigkeit werden können. Oder anders: eine ältere Frau solle mal ihre Moralvorstellungen und Gefühle zurückschrauben, in Sachen sexuelle Übergriffigkeit, weil die in ihrem Alter wahrscheinlich eh keine Rolle mehr spielen.

 

Die Rückführung der Frau in das Geschmacks- und Moralweltbild der 1960er Jahre. Weg von Selbstbestimmung. Wenn du über 40/50 bist, hast du zu schlucken, was man dir noch zuwirft. Haha.

Auf so vielen Ebenen finde ich das Verhalten des Arztes scheiße. Auf ebenso vielen Ebenen finde ich das Verhalten einiger Kommentatoren noch beschissener. Denn sie sind wie die Zuschauer bei „Angeklagt“, die zuschauen und anfeuern – und nachher sagen, dass jemand ja selbst schuld ist, wenn er sich so anzieht.

Die Frau hat jede falsche Reaktion zu akzeptieren, wenn sie schon so ist, wie sie sein will.

Und so lange es Menschen mit diesem antiquierten Geschlechterbild gibt, bleibe ich Feministin.

https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-clip-4-104.html

 

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Demonstranten pro Demokratie werden als dumm und lächerlich tituliert, weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung gegen die Rechtspopulisten wahrnehmen. Gleichzeitig wird das Demonstrationsrecht bei rechten Interessen (Pegida, NPD-Aufmärsche) als logische Folge auf die Regierung propagiert. „Gutmensch“ wird als Schimpfwort genutzt (was ist das Gegenteil? Schlechtmensch? Ist das erstrebenswert?) und Menschen, die sich für respektvollen Umgang auf sachlicher Ebene einsetzen, werden als naiv und linksgrünversifft bezeichnet.

Sind das alternative Argumente?

Aber vielleicht ist das genau das Problem: es wird nicht mehr über Politik, über die Sache, diskutiert, sondern beleidigt, diffamiert und Menschen mit anderer Meinung angegriffen. Ich bin 41 Jahre alt und wurde noch nie in meinem ganzen Leben so häufig angegriffen, beleidigt oder bedroht, wie von Rechtspopulisten im Internet. Ich habe noch nie so viel Hass und Beleidigung erlebt, wie von denen, die nach „Alternativen“ suchen.

Ich lese, wie erwachsene Menschen (deutsche, weiße Männer und Frauen) anderen Frauen wünsche, vergewaltigt zu werden. Wie Menschen anderen wünschen, dass sie schlimmste Schmerzen erleiden sollen, weil sie nicht mit den islamophoben, homophoben und frauenfeindlichen Rechten konform gehen. Von den selben Leuten, die davor warnen, dass der Islam ein frauenfeindliches und gewalttätiges Weltbild vertritt…

Wenn die Populisten Argumente und sozialverträgliche Lösungsvorschläge brächten, statt Beleidigungen, Hetze und Propaganda „dagegen“ (es ist immer leicht, gegen etwas zu sein und keine Leistung bringen zu müssen), würde man sie vielleicht in Diskussionen ernst nehmen.

So bleibt einfach nur eine Partei, die rechte Meinungen von führenden Mitgliedern akzeptiert und mir damit zeigt, dass sie genau das zu sein scheinen: menschenverachtende Nazis oder/und Mitläufer – und keine (lösungsbasierte) Alternative.

Ihr macht mir keine Angst. Ihr macht mir Kotzgefühle.

Soso.

Und während man sich über Fakenews aufregt, glaubt man dem Nachbarn oder der  Internetbekanntschaft jedes Wort, das derjenige über jemanden oder über etwas zu erzählen weiß.

Wir sollten bei uns anfangen. Immer.

Splitter.

  • Das Jahr beginnt mit einer Schwiegermutter, die sich mühsam wieder zurückkämpft nach Krankenhausaufenthalt und einem Gewichtsverlust von fast 7 Kilo in fünf Wochen. Und viel Ärzteärger, weil Medikamente verschrieben werden, die sich nicht gut vertragen und die ihre Symptome noch verschlimmert haben. Dank hochkalorischer Flüssignahrung und Absetzen einiger Medikamente nach Rücksprache mit dem Internisten unseres Vertrauens, geht es langsam bergauf. Aber wenn das alles so weitergeht, kann ich bald fließend Befundsprech. Jetzt hat sie noch eine fette Bronchitis dazubekommen.
  • In den letzten 10 Tagen kamen dann drei Todesfälle hinzu, die uns nicht direkt betreffen, aber deren Angehörige liebe Freunde sind. Zuhören, trösten. Mir fehlen da oft die Worte, weil Schmerz so persönlich ist. Jeder empfindet einen Verlust anders und geht anders damit um. Und so sprechen wir über die schönen Dinge, um der Trauer einen Boden zu geben, um nicht zerstörerisch zu sein, sondern als Boden für einen beginnenden Prozess des Abschieds.
  • Beruflich wird es unruhig gerade. Es kündigen sich Dinge an, von denen ich noch nicht weiß, wohin es gehen wird. Es kann gut gehen, es kann schlecht laufen. Ich habe es nicht in der Hand und jeder Selbstständige weiß, wie schwierig genau das zu handhaben ist. Planlos. Aber zwangsoptimistisch.
  • Per Mail bekam ich Beschimpfungen geschickt, die mir vor allem eins zeigten: zu viele Menschen fühlen sich von zu vielen Dingen persönlich angesprochen und haben verlernt, das normale Gespräch zu suchen, um Differenzen auszuräumen.
  • Wenn die Filterblasen im Internet zum Angriff blasen, scheint es kein Halten mehr zu geben und der Ratschlag unserer Eltern „ignorier ihn einfach“ verwandelt sich in „ich hau dem jetzt auch ein Förmchen auf den Kopf“. Und wir alle lassen uns so schnell dazu hinreißen, Partei zu ergreifen und mitzukämpfen, weil uns der Mensch in unserer Filterblase symphatisch ist oder man seine Überzeugungen teilt, man ihn unterstützen und ihm das Gefühl geben möchte, er sei nicht allein. Leider machen das alle so, aber leider können nicht alle zwischen Sache und Person unterscheiden. Und plötzlich wird es persönlich, verletzend oder übergriffig.
  • Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen beginnen würden, nicht alles zu glauben, was ihnen erzählt wird. Besonders nicht über Dritte.
  • Der Mann wird 50. Er hat sich dazu entschlossen, einen kleinen Kreis lieber Menschen einzuladen. An zwei Tagen. Und ich hoffe so sehr, dass die Freunde aus der Ferne (aus Thüringen, Bayern und NRW) die Zeit und die Möglichkeit finden, es einzurichten. Es ist  für sie ein Kraftakt: weite Anreise, mindestens eine Übernachtung (Himmel, ich hoffe, sie buchen kein Hotel in unserem Ort hier!) und das alles für ein paar Stunden Geselligkeit und Essen. Apropos Essen: Immerhin wird dieses Mal nicht selbst gekocht, sondern ein Caterer engagiert… Die Einladungen sind im Druck und gehen dann hoffentlich diese Woche noch raus. Lassen wir uns überraschen.
  • Ich habe immer noch keine adäquate Befestigung für meinen Lego-Raumgleiter gefunden.
  • Mein Yoga-Vorhaben liegt immer noch auf Eis. Die VHS-Kurse sind voll und die Yoga-Schulen kosten so irre viel. Aber ich möchte das machen. Immerhin hat mir eine liebe Freundin schon Tipps gegeben und zur Einstimmung eine CD mit Meditationen geschickt.
  • In Ermangelung von Reise-Ideen liegt die Planung des Sommerurlaubs auf Eis. Immerhin geht es bald nach Barcelona für vier Tage und der Housesitter ist auch schon engagiert.
  • Vorher geht es aber auf ein, Obacht, UB40-Konzert und ich bin mir nicht sicher, was das so geben wird. Ich hoffe, es wird so gut, wie erhofft. Aber, im Ernst: die möchte ich wirklich noch mal sehen in meinem Leben. Oder ihrem. Was auch immer.
  • Ich habe mit Besorgtbürgern über Naziparolen, Gewaltstatistiken, Unterstützung für Hartz-IV contra Flüchtling contra Rente und „Alternative Fakten“ gesprochen. Online bei einem Nachrichtenportal. Und es endete wie immer: Behauptungen wurden in den Raum geworfen, von jemandem widerlegt, das dann aber konsequent ignoriert und die nächste Behauptung in den Raum geworden, die widerlegt wurde, tbc. Am Schluss haben diese Schlechtmenschen dann angefangen, die übrigen Kommentatoren zu beleidigen und persönlich anzugreifen. Wenn die Argumente ausgehen, schlägt man eben zu. Und ich wurde gefragt, warum ich mir das überhaupt antue. Und ich antworte: damit ich mir nie vorwerfen (lassen) muss, dass ich nichts gegen diese Neurechten getan habe. Ich möchte nicht einer von denen sein, die alles schweigend ansehen, wegsehen, übersehen. Und sich nachher fragen lassen müssen, wie das passieren konnte oder wie es so weit kommen konnte.
  • Mein neues Smartphone macht mich fertig. Ja, ich kann es aufgrund der Größe nicht mehr in die Hosentasche stecken – aber, ey, ich kann es wegen der Größe in so gut wie keine Tasche mehr stecken! Der Mann sagt, ich habe kein Smartphone, sondern einen Speckbrettschläger mit Online-Funktion angeschafft. Ich fürchte, er hat Recht.
  • Das Auge der Katze ist besser geworden. Was für uns heißt: wir werden uns jetzt wieder dem Kater widmen und den Verdacht auf einen Herzfehler prüfen lassen.
  • Ein langer Spaziergang gestern über die Felder, eiskalte Luft und strahlend blauer Himmel, dann ein Sonnenuntergang vom Feinsten und später dann müde Beine: das Wochenende haben wir damit beendet, dass wir uns Zeit für uns und für Bewegung genommen haben. Die Bewegung kommt gerade deutlich zu kurz und ich merke, wie ich immer träger werde. Dagegen half dann gestern die 8-Kilometer-Runde und das freie Atmen ohne Trubel um uns herum. Bitte bald wieder.
  • Mir fallen noch tausend andere Dinge ein, die passiert sind. Aber ich bin müde. So müde.

Von Wegen.

Ich war mal ein Teil einer kleinen Internetgruppe (in den Zeiten vor WhatsApp), in der sich einige Freundinnen und Bekannte über dieses und jenes ausgetauscht haben. Alltagssorgen, Dummzeuchs, Lustiges, alles mögliche.

In dieser Gruppe gab es eine Teilnehmerin, nennen wir sie A, die gerade eine Hausarbeit in ihrem Studienfach BWL schrieb. Irgendwas mit Ökonomie, Banken, Derivate, keine Ahnung. Und sie litt. Sie litt sehr unter diesem Thema – nicht ihrem Studienfach – weil es wirklich völlig an ihrer eigentlichen Spezialisierung vorbeiging und das Thema ihr nicht lag.

Sie verzweifelte. Und ließ ihren Ärger, ihren Frust immer mal wieder im Chat heraus.

„Scheiß Bankengedöns. Wenn ich nur von Banken lese, bekomme ich Herpes.“ oder „Wenn ich nur lesen muss, was Banker von sich geben, könnte ich kotzen. Es nervt, nervt, nervt.“ oder „Kann die nicht mal wer in ihre Schranken weisen?“

In dieser Gruppe gab es auch eine Mitarbeiterin einer Bank.

Nach einiger Zeit, es dürften zwei, drei Wochen gewesen sein, kam eine wutentbrannte Mail an mich, in der die Bankangestellte sich darüber beschwerte, dass es scheinbar niemanden interessiere, ob die Bekannte A ständig und sogar offen über sie lästere. Und sie sei diese Andeutungen und versteckten Beleidigungen leid. Sie sei nicht blöd und hätte durchaus verstanden, dass es um sie ginge. Und wenn jemand so über sie als Person reden würde, müsse sie sich sowas nicht antun.

Ich dachte darüber nach. Wie kann es sein, dass Menschen völlig aneinander vorbeischreiben? Wie kann es sein, dass jemand über Wochen eine Wut und Verletzung aufbaut, ohne einfach mal anzuklopfen und was dazu zu sagen? Oder nachzufragen? Woher kommt überhaupt die Idee, man sei bei allem, was ein anderer macht und sagt und schreibt, das Ziel?

Der Mann hat eine Theorie: Diese Missverständnisse, paranoiden Ideen oder Kränkungen entstehen meist dann, wenn man Geschriebenes liest, ohne das Gegenüber wirklich zu kennen. Wenn man nur ein Bild von ihm hat. Das aber hauptsächlich auf den eigenen Interpretationen fußt. Oder ihn nur vom Geschriebenen her kennt und seine eigenen Erfahrungen als Interpretation nimmt.

Menschen, die sich nahe stehe, viel Kontakt haben (besonders auch persönlich und vis-à-vis), missinterpretieren weniger oder beziehen auch weniger auf sich. Oder wissen es einzuschätzen. Im Zweifel fragen sie nach. Sie kennen den Tonfall, den Humor, wissen einzuschätzen, wie der andere das meint. Das alles fehlt beim Lesen. Besonders, wenn es auch noch um keine langen Texte, sondern um kurze Statements geht.

Daraus resultiert für mich, dass beim Geschriebenen eine besondere Verantwortung mitspielt. Sowohl beim Autor, als auch beim Leser. Die Konsequenz wäre ein zensiertes Schreiben – oder nicht zensiert, aber vielleicht missverständnisfrei. Also ein Ding der Unmöglichkeit.

Vielleicht muss man sich jedes Mal bewusst machen, dass es Menschen gibt, die Dinge falsch verstehen können und sich getroffen fühlen.

Vielleicht muss man das aber auch einfach in Kauf nehmen. Oder mal miteinander reden. Bei einem Kaltgetränk.

 

 

2017

Viel los 2017:

  1. Neue Projekte liegen schon auf dem Tisch
  2. Bald ist mein Geburtstag
  3. Ich werde mit Yoga anfangen (stehe schon auf der Warteliste)
  4. Konzerte, Konzerte, Konzerte:
    Depeche Mode, Coldplay, Simple Minds, UB40, Laith Al-Deen (tbc)
  5. Der Mann wird 50
  6. Wir fahren nach Barcelona
  7. Im Sommer ruft das Meer oder die Toscana
  8. Im Herbst die Berge

Dann stehen noch so einige Pläne hier: mein Englisch auffrischen, Französisch lernen (mais oui!) – wenigstens die ersten Brocken, Münster besuchen, neue und alte Freunde wiedertreffen.

Außerdem habe ich mir groß auf die Fahne geschrieben: Mehr Menschen ignorieren, die mir nicht gut tun und dafür mehr Menschen treffen, die es tun.

Warten wir es ab.