Adventsanglühen.

Ach, herrje. Sie tun es schon wieder…

Entgegen unseren Überlegungen im letzten Jahr, eventuell sowas nie, nie wieder zu tun, haben wir aus einer Weinlaune heraus festgestellt, dass wir es doch wieder machen möchten. Und von Anfang an die nicht einladen, die eh nie kommen.

Naja, fast. Einige haben wir doch wieder eingeladen und dieses Mal auch prompt die Absage kassiert. Aber damit haben wir gerechnet, ändern sich doch die Anfahrtswege nicht. Warum diejenigen sich dann aber immer darüber beschweren, dass andere sich nie aus ihrer häuslichen Komfortzone bewegen bei Einladungen, ist mir hingegen schleierhaft…

Es wird also wieder ein traditionelles Adventsanglühen geben. Mit viel alkoholischem Punsch (so 8 Liter), nicht alkoholischem Punsch (so 8 Liter), Kuchen vom Blech, Suppe für abends und netten Menschen. Wohl nicht so vielen, wie sonst – wir sind ja lernfähig – aber dafür umso netteren.

Da wir in diesem Jahr zwei Termine zur Auswahl gegeben haben, um zu schauen, an welchem Termin mehr Leute können (Adventszeit ist Weihnachtsfeierzeit), sind die Rückmeldungen natürlich zweigeteilt.

Der aktuelle Stand:

Eingeladen: 41 Personen (17 Paare, 7 Singles)
Rückmeldungen (Zusagen, Absagen): 40 Personen
Nichtmeldungen: 1 Person
Absagen: 10 Personen (5 Paare)
Zusagen für Termin 1*: 14 Personen (6 Paare, 2 Singles)
Zusagen für Termin 2*: 15 Personen (5 Paare, 5 Singles)
unsicher: 5 Personen

Wir werden mal schauen, wie es mit der Gästeliste weitergeht, wer uns noch einfällt, wer noch eingeladen wird und welche Absagen noch kommen. Und wann…

Adventsanglühen.jpg

—————————————————————————

*Zusagen für beide Termine möglich

 

Advertisements

Schwachfug.

Mein Unwort des Tages: Mitgebseltüte.

Was ist das denn für ein Schwachfug? Da überlegen sich Erwachsene, welche Geschenke sie den Geburtstagsgästen ihrer Kinder machen können. Den Gästen! Geschenke! Ja, geht’s noch?

Auf Nachfrage wurde mir gesagt, dass das zur Kompensation des Süßigkeitenmangels auf den heutigen Kindergeburtstagen diene.

Jetzt, whaaat? Was ist denn bitte mit der Elternwelt los? Wann genau sind Kindergeburtstage zu Rohkostpartys ohne Zucker und mit pädagogisch wertvollen (haha) Gegengeschenken geworden?

Sind diese Mitgebseltüten sowas wie Bestechung? Oder ist das der Schwanzvergleich der Müttercommunity? Wer hat die kreativste, tollste, wertigste, interessanteste und neidhervorrufendste Tüte für die Gäste?

Es gibt Pinterestpinnwände zu dem Thema, Partyplanner bauen da ganze Angebote drumherum inklusive fertig gepackter Tüten, auf Dawanda und Co. findet man supertollgepimpte Tüten mit durchdesignten Motivideen. Und in Foren tauschen sich übereifrige Eltern darüber aus, was die Kinder sich wünschen. Hey, wie wäre es mit einem verkackten Legobausatz vom Millenium Falcon, den wünscht Malte-Lasse sich doch so sehr.

Im Ernst mal: Was genau sollen diese Tüten bringen? Was sollen diese Tüten bewirken? Welche Symbolik haben sie?

Eine Mutter bei Twitter schrieb mir, ihr Kind wäre mit so einer Tüte vom Geburtstag wiedergekommen. Wert: 8 Euro. Eingeladen waren 10 Kindern. Das sind 80 verdammte Euro dafür, Kinder dafür zu belohnen, dass sie eine Einladung angenommen haben, um einen besonderen Tag eines Freundes mit ihm zu feiern, bespaßt zu werden, Kuchen zu bekommen und spielen zu können.

Ich stelle mir ein Kind vor, dass ausgegrenzt wird, keine Gäste bekommt, weil es keine Mitgebseltüten verschenkt.

Oder eine Familie, die monetär nicht so gut gestellt ist und für die schon die Ausrichtung so einer Geburtstagsparty eine kaum zu stemmende finanzielle Belastung sein kann. Nicht alle Familien können mal eben zehn Kinder bewirten. Oder, noch schlimmer, irgendein elendes Event kaufen: Spielpark, Kletterwald, Kino, Zoo…

Das kommt ja auch noch hinzu: Eltern nutzen die Party ihrer Kinder, um ihren eigenen Stellenwert, ihr Ansehen zu erhöhen. Bei den anderen Eltern.

Auf der Strecke bleibt in meinen Augen der Sinn eines Geburtstages: Ein Kind wird gefeiert, spielt mit anderen Kindern, bekommt kleine Geschenke, man lacht und tobt, macht Kindergeburtstagsspiele, wie Topfschlagen, Schokoladeessen, Schnitzeljagd. Die Kinder verbringen drei, vier schöne Stunden miteinander, in denen sie lernen, dass es verdammt viel Spaß macht, wenn man eingeladen wird und jemand anderes im Vordergrund steht. Und das Geburtstagskind steht ein Mal im Jahr alleine oben auf dem Podest. Es darf sich einfach mal feiern lassen. Ohne schlechte Gewissen, ohne dass es diese Position teilen muss.

Mir sagte eine andere Mutter, dass es keinen Süßkram mehr gibt, weil man ja auch nicht mehr um Gewinne spielt. Warum genau macht man das denn jetzt nicht mehr? Um Kinder vor dem Verlieren zu beschützen? Damit sie sich nicht mit Niederlagen auseinandersetzen müssen? Haben die Eltern Angst, dass ihr kleiner Hasipopasi lernt, dass jemand anderes schneller ist, als er? Na, und? Dafür ist Hasipopasi vielleicht besser im Kopfrechnen. Scheiß der Hund drauf.

Ich könnte ja verstehen, dass man den Gästen ein Andenken mitgeben möchte. Ein Andenken an den Tag, an den Freund/die Freundin. Aber Mitgebseltüten mit Pixiebüchern, Haarspangen, Lego und Kartenspiel? Dazu Süßes, das Muddi zuhause auf Unverträglichkeitstauglichkeit kontrollieren kann?

Gebt doch lieber jedem Kind ein Teil der Schatzkarte von der Schnitzeljagd mit. Macht ein Gruppenfoto mit allen Kindern und druckt es aus. Lasst alle was basteln und dann mit nach Hause nehmen. Aber muss es gleich Konsum, Konsum, Konsum ohne Seele sein?

Wenn ihr von Freunden eingeladen werdet zum Geburtstag, ein kleines Geschenk, eine Aufmerksamkeit mitbringt (auf die es nicht ankommt, weil es viel wichtiger ist, dass ihr da seid und Zeit schenkt) und einen schönen Abend verlebt, tolle Gespräche habt, ein lecheres Essen bekommt – erwartet ihr dann auch noch ein Geschenk, das ihr vom Gastgeber bekommt? Oder freut ihr euch einfach darüber, dass ihr eingeladen wart und mit lieben Menschen Zeit verbringen konntet?

Warum also baut ihr bei euren Kindern diesen Druck, diesen Stress, diese Erwartungshaltung auf?

Warum macht ihr euch diesen Stress? Ist es nicht anstrengend genug, einen Geburtstag mit Motto zu planen, Kinder zu bespaßen, Kuchen zu backen, Abendessen zuzubereiten? Braucht ihr da noch diese Selbstinszenierung, wer den tolligsten Scheiß für seine Gäste kaufen kann?

Wessen Bedürfnisse befriedigt ihr da eigentlich?

Nachtrag:
Ich habe gerade von einer Mutter gehört, die auf einem Kindergeburtstag war, auf dem es Mitgebseltüten für die Mütter gab. Mich macht das sprachlos. Mein Mann hingegen fragt, ob es auch Mitgebselmitbringseltüten für nicht anwesende Väter gibt…

Hilflos?

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, dann sehe ich immer wieder Frauenin meinem Umfeld, die Opfer von Gewalt wurden. Verbal, emotional, körperlich. Welche Art von Gewalt ihnen passiert, ist für die Folgen egal, sie bewirken alle dasselbe: Scham, Schuldgefühle, Hilflosigkeit.

Es ist ein großer Schritt, eine große Überwindung erforderlich, um Hilfe zu bitten. Die meisten schaffen es nicht. Bei vielen ist der Ruf nach Hilfe aus der Not, dem Moment geboren, weil es um ihr Leben geht, die Angst die Scham in den Hintergrund drängt – oder weil es jemand mit bekommt und handelt.

Vor einigen Jahren bekam ich mit, wie unsere Nachbarin (damals noch in der anderen Stadt) im Treppenhaus von ihrem Exfreund massiv körperlich angegangen wurde. Er nutzte eine Eisenstange und seine Arbeitsstiefel. Es folgten für ihn Anzeige, Kontaktverbot, Gerichtsverhandlung, Verurteilung wegen Vergewaltigung und Körperverletzung. Für sie folgte Angst, Scham und von Seiten eines Polizisten sogar Misstrauen in Bezug auf den Wahrheitsgehalt der Aussagen sowie das Herunterspielen der Taten.

Wir konnten nicht viel machen, außer da zu sein und sie zu stärken.

Vor nicht so vielen Jahren durchlebte eine Freundin verbale Gewalt von ihrem Exfreund und wir konnten nichts machen, außer in dauernder Rufbereitschaft zu sein.

Jetzt trifft es wieder eine Freundin. Eine alte Freundin, die mir am Anfang meiner Zeit hier in Hessen sehr geholfen hat, für mich da war und uns als Paar sehr weitergeholfen hat. Sie war eine optimistische, fröhliche Person, die viel lachte – trotz vieler Probleme.

Es folgte Privatinsolvenz, Trennung, Scheidung, Verlust der Firma, des Arbeitsplatzes, Umzug, der Versuch des Aufbaus einer neuen Existenz, erneutes Scheitern, psychische Instabilität. Dann kam ein Mann in ihr Leben und nutzte die Chance: trotz seiner psychischen und physischen Erkrankungen gewann er emotionale Macht über sie, machte sie psychisch abhängig und wandte dafür Gewalt in vielerlei Hinsicht an: Erpressung, Beschimpfungen, Bespucken, Bedrohen, körperliche Gewalt.

Wir bekamen davon nichts mehr mit, denn längst war sie weggezogen und meldete sich nicht mehr. Gegenüber anderen alten Freunden gab sie zwar an, dass es nicht so gut laufe, aber nie hörte es sich nach der Hölle an, die sie durchlebte. Wir waren sogar sauer auf sei, weil wir nicht verstanden, warum sie die langjährige Freundschaft wegwarf, uns wegstieß und jede Einladung ablehnte, wenn sie überhaupt reagierte.

Heute hörte ich von ihr.

Eine halbe Stunde lang weinte sie am Telefon. Und erzählte mir von ihrer persönlichen Hölle der letzten zwei Jahre. Sie sprach von Scham, von Hilflosigkeit. Von Angst und von dem paradoxen Gefühl, seine andere Seite zu lieben. Sie sprach davon, dass sie bei „Frauen helfen Frauen“ um Hilfe gebeten hat. Dass sie ihn aber nicht aus der Wohnung bekommt, die sie allein gemietet hat. Und wiederum Angst hat vor ihm, wenn sie ihn rausschmeißen würde. Vor dem, was er dann täte.

Sie erzählte, dass sie so oft daran gedacht hatte, zu uns zu kommen, aber sich schämen würde für das, was sie geworden sei. Und davon, dass er ihr den Kontakt zu anderen untersagen würde.

Jetzt sitze ich hier. Hin- und hergerissen.

Ich habe ihr angeboten, dass sie jederzeit, tags wie nachts, zu uns kommen könne. Dass wir sie auf ihrem Weg begleiten. Dass sie da alleine durchmüsse, aber nicht allein wäre dabei. Dass wir sie begleiten. Für mehr Angebot reichte die Zeit nicht. Ich hoffe, sie nimmt es an und kommt vorbei.

Aber wir sitzen hier und überlegen, was wir machen können. Wir können nicht einfach dahin fahren und ihn vor die Tür setzen, wenn sie das nicht möchte oder uns nicht darum bittet. Aber beim kleinsten Anzeichen, dass sie unsere Hilfe dabei möchte, sind wir da. Wir können sie stärken und sie darin bekräftigen, endlich die Polizei zu rufen, wenn es wieder passiert. Damit die Polizei ihn aus der Wohnung holt. Und seine Sachen. Aber wir können das nicht von uns aus machen.

Sollte ich aber mitbekommen, dass er ihr nochmal weh tut, werde ich Anzeige erstatten. Und ich ziehe die nicht zurück. Es wird auch nicht das Problem sein, einige Freunde zu engagieren, die helfen, ihn höflich, aber bestimmt, mit seinen Sachen aus der Wohnung zu begleiten. Und ihm klar machen, dass sie nicht allein ist und er nicht weiterkommt.

Was bleibt ist die Angst. Und das Gefühl der Hilflosigkeit.

Nicht nur bei ihr. Auch bei mir. Denn trotz aller Hilfsangebote, die es gibt, werden Frauen immer noch zu oft allein gelassen damit, diese Schritte zu gehen. Es ist leicht gesagt, Anzeige zu erstatten, die Polizei zu rufen und um Hilfe zu bitten.

Es ist aber nicht leicht gemacht.

Wer über Monate, Jahre, gedemütigt und gebrochen wurde, wer Angst hat, wer verzweifelt und hoffnungslos ist, wer sich schämt, für den sind auch diese Schritte fast ungehbar. Sie erfordern unfassbar viel Kraft, die oft nicht aufgebracht werden kann. Vermeintlich. Denn man muss diesen Frauen zeigen, dass die Kraft, die sie täglich aufbringen, um diese Hölle zu ertragen, viel größer ist. Doch das müssen sie erstmal sehen lernen.

WMDEDGT?

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Fragt Frau Brüllen wie jeden Monat. Und, ach verdammt, ich habe mich heute wieder gelangweilt.

7.22

Mein Tag beginnt um 7.22 Uhr mit einem Kaffee. Alles was vorher war, ist irrelevant, weil ich noch umnachtet war.

Punkt 7.30 Uhr sitze ich am Rechner und überlege ernsthaft, was ich da überhaupt mache. Und beschließe, mich für die ersten Mails mit einem tragbaren Gerät und Kaffee wieder ins Bett zu verkrümeln. Ich bin immer noch krank und meine Laune unterirdisch.

7.40 Uhr liege ich wieder im Bett und bearbeite meine Mails da. Mit meiner unbezahlten Praktikantin:

Katze

Die findet das mit dem Bett super und liegt kurz danach schnarchend da rum. Das war dann auch schon mein letztes Bild für den Tag, weil ich mich fürchterlich gelangweilt habe. Ernsthaft. Ich sollte eigentlich froh sein, dass gerade so wenig los ist, um mich weiter auszukurieren von diesem bescheidenen Sinusitis-Kack und dem Dauerhusten, der mich plagt.

Sollte jemand eine Superidee haben, was man gegen den Husten tun kann, her mit.

Um halb 10 fahre ich zur Post, um ein paar Rechnungen rauszuschicken. Nur arbeiten bringt nämlich kein Geld, man muss die Arbeit auch bezahlen lassen. Der Parkplatz ist so voll, das ich erst um die Ecke weiterfahre zur Änderungsschneiderei, um endlich meine Hose abzugeben, die einen neuen Reißverschluss braucht.

Der Laden macht ab nächster Woche Urlaub und der Inhaber ist voller Dankbarkeit, weil ich überhaupt kein Problem damit habe, nach zwei Monaten Nichtragen der Hose auch noch einen weiteren Monat zu warten. Ich frage mich, was eigentlich mit den Leuten los ist, die sich darüber beschweren, dass ein winziger Laden zwei Mal im Jahr zumacht. Ach, sollen sie doch an ihren Hosenknöppen ersticken.

Ich düse weiter zum DRK-Laden, um meine aussortierten Business-Klamotten und sonstigen Anziehsachen abzugeben. Nein, keine abgetragenen Sachen, sondern Blusen, Anzüge, T-Shirts, Hosen, die ich einfach nicht mehr trage. Weil sie z.B. nicht mehr passen oder mir nicht mehr so gut gefallen. Ich habe gestern den Kleiderschrank aussortiert und heraus kamen zwei große Taschen mit Kleiderspende, eine Tasche mit Sommersachen für den Speicher und eine kleine Tüte mit dem Zeug, das ich unter „in 5 Kilo sitzt das wieder besser“ ablege.

Beim erneuten Post-Versuch finde ich einen Parkplatz, komme fast sofort dran und fahre danach ein bisschen Katzenfutter kaufen bei unserem Futtermitteldealer.

Zurück zuhause habe ich immer noch keine bessere Laune und beschließe, meine Kräuterschnaps-Etiketten in den Druck zu geben.

Etikett_final.inddSchauen wir mal, wann die kommen und wie die wirken. Da Online-Druckereien oft mäßige Qualität liefern, ich aber keine Lust habe, Unsummen für den privaten Aufgesetztengenuss auszugeben, hoffe ich auf das Beste für den Preis.

Danach kümmere ich mich um die Antworten bei Whats-App bezüglich unserer „Adventsanglühen“-Planung. Entgegen unseren Vorsätzen, nie, nie, nie wieder ein Adventsanglühen zu machen (weil es immer so viele Absagen gibt von Leuten, die vorher zugesagt haben oder elende Diskussionen, warum wie eine Adult-Edition, also ohne Kinder machen), haben wir aus einer Weinlaune heraus wieder eingeladen für Dezember und bekommen jetzt plötzlich viele Zusagen…

Was dann folgt, kann man getrost als unproduktives Rumlungern bezeichnen, nur unterbrochen vom Essen machen. Ich liege auf der Couch, schauen Chef’s Table auf Netflix, trinke abwechselnd Kaffee und Hustenreiztee und schaufle irgendwann Kürbis aus dem Ofen in mich herein.

Irgendwann nerve ich mich selber immer mehr und ich fahre ins Nachbarörtchen, um vor lauter Langeweile nach Schuhen zu gucken. Den Hinweg nutze ich, um mit einer langjährigen Freundin, Kollegin und Weggefährtin zu telefonieren (jaahaa, Freisprecheinreichtung!) und mache das so lange, dass ich fast eine halbe Stunde lang vor dem Schuhgeschäft auf dem Parkplatz stehe, bevor ich für 5 Minuten reingehe und nichts finde, was ich gut finde.

Wieder zurück mach ich ein bisschen Hausarbeit, kümmere mich um Wäsche, Müll, Altglas und Raubtierfütterung, bevor der Mann um 18 Uhr nach Hause kommt.

Wir trinken einen Proteinshake, quatschen über unseren Tag und stellen fest, dass wir beide noch Hunger haben. Also noch eine Butterstulle.

Jetzt geht es noch ein bisschen auf die Couch, Ray Donovan weitergucken. Eine Serie, die gut anfing, aber rasant nachließ. Mittlerweile ist man fast überrascht, wenn mehr als zehn Minuten niemand poppt.

Ich schaue aus dem Fenster, stelle fest, dass Vollmond ist, wundere mich jetzt nicht mehr über meine Schlafstörungen der letzten zwei Tage und die Katzen, die völlig durchdrehen. Wahrscheinlich sind es keine Katzen, sondern Werwölfe im Katzenpelz. Ach, was weiß denn ich, was bei denen so schief läuft im Kopp, wenn sie sich durch die Gegend jagen.

Jetzt schreib ich noch schnell diese Zeilen, stelle fest, dass am 5. des Monats bei mir scheinbar immer ziemliche Öde herrscht und überlege, das überhaupt zu verlinken. Weil: was sollen denn alle denken, dass bei mir jeden Monat so wenig passiert?

Ach, egal. Ich hab eh schlechte Laune heute und werde mich nach dem Verlinken wohl direkt ins Bett begeben, ein bisschen Hörbuch hören und dann hoffentlich schlafen können.

Zum Schluss: Kann man eigentlich schlecht schlafen, weil Vollmond ist oder weil man weiß, dass Vollmond ist?

Gute Nacht.

Augenrollen.

Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Monaten mit Augenrollen entfolgt, geblockt oder einfach ausgeblendet wurde, weil ich immer wieder über Politik, die Ziele der Politik und die Folgen mancher Politik geredet oder geschrieben habe. Ich weiß nicht, wie oft sich Leute auf allen möglichen Kanälen darüber lustig gemacht haben, dass ich (und andere) die Wahl, die Politik oder deren Gefahren thematisiert habe.

Ich weiß aber, warum Beiträge von „Nervt mich nicht, ich weiß wann BTW ist und dass man die AfD nicht wählt“ mehr Applaus, Likes und Herzchen bekommen haben, als diejenigen, die das Thema immer wieder besprochen haben: Es ist bequemer und einfacher.

Es ist so viel bequemer, cool und lässig seine überhebliche Attitüde raushängen zu lassen, als sich immer wieder zu engagieren und der Tatsache ins Auge zu blicken, dass wir mit viel mehr Menschen ins Gespräch kommen müssen, über die Politik reden müssen, als wir uns vorstellen können.

Die stillen Rechtswähler, die machen mir Angst. Mir macht kein Gauland, keine Weidel, keine Petry Angst. Mir machen auch die irre kreischenden Rechtspartei-Groupies keine Angst, die überall hingekarrt werden, um zu pöbeln. Mir machen die Wähler Angst, die nichts sagen, die sich ihr Umfeld anschauen, unzufrieden sind, still und leise die AfD wählen und meinen, das sei schon OK so.

Die muss man kriegen und ihnen zeigen, dass 87 % der Wähler in Deutschland nicht mit ihnen übereinstimmen. Und, ja, ich glaube, dass man an diese Menschen herankommt, wenn man ihnen zeigt, dass das, was sie tun, nicht anständig ist. Sondern ein Tolerieren von Politik gegen Frauen, Fremde, Gleichberechtigung und Vielfalt. Wenn man ihnen zeigt, dass man anders denkt.

Wer keine klare Stellung bezieht zu einer vielfältigen, gleichberechtigten und das Grundgesetz befolgenden Politik, wer sogar noch denen, die das unermüdlich tun, mit  Arroganz in den Rücken fällt, in dem er sich über diejenigen lustig macht, der schwächt den Sprechenden genauso, wie die Sache für die er einsteht.

Es ähnelt dem Klassensprecher, der von den Arroganten in der Klasse mit Papierkügelchen beworfen wird, während er sich für sie einsetzt.

Ja, es nervt, wenn immer wieder über Politik gesprochen wird, statt über das Bingewatching einer Netflix-Serie. Aber das Ergebnis dieser Bundestagswahl hat gezeigt, dass wir noch viel zu wenig über Politik und ihre Folgen sprechen. Die AfD und ihre Anhänger haben das verstanden und sind omnipräsent mit ihren Aussagen.

Die übrigen hacken derweil lieber auf denen rum, die dagegen halten.

Veränderung.

Veränderungen kommen schleichend. Um sich dann sehr deutlich zu zeigen.

Wenn Interesse einseitig ist, wenn Kontakt nur besteht, weil einer sich müht – und der das dann nicht mehr weitermacht – war die Veränderung auch nicht mehr aufzuhalten.

Es sei denn, der andere springt über seinen Schatten.

Was bleibt ist die Gewissheit, einer schönen Zeit.

Wir wollten doch noch Kuchen essen.

Annie, ey Du. Hattest Du mir nicht vor ein paar Tagen erst den WhatsApp-Chat mit Sprachnachrichten vollgetextet, weil Du nicht gucken konntest, was Du schreibst? Ich habe Tränen gelacht bei Deinen Worten und mich über jede Deiner Nachrichten gefreut. Auch wenn Du nicht anders konntest, als Dich für sie zu entschuldigen, weil Du niemanden zuspammen wolltest.

Vor zwei Jahren, als Amis Geburtstag kurz bevor stand und Du absagen musstest, weil Deine Kopfkröte operiert werden sollte und jemand auf die Idee kam, Dir ein Päckchen zu schicken, in das jeder auf dem Geburtstag was reinpackt – da war ich skeptisch.

Skeptisch, weil unsere Geschichte ja nicht ganz unproblematisch begonnen hat. Damals vor zehn, zwölf Jahren im damals noch kleinen Bloggerdorf. Als ich noch voller Sarkasmus und schwarzem Humor über Windelblogger lästerte und Du das ganz furchtbar fandest. Als Du dich als Giftzwerg bei mir bitterlich beschwertest, wie man nur so gemein sein könne. Es dauerte lange, bis Du mich so kennenlernen konntest, wie ich wirklich bin. Es dauerte viele Jahre und erst über eine andere Plattform konnten wir uns annähern.

Vor zwei Jahren stand ich vor dem besagten Geburtstag oben auf einem Berg. Und wusste nicht, was ich Dir schenken solle. Jemandem, der mir nur bedingt nahe stand. Den ich nur online kannte. Ich überlegte, dass es sich falsch anfühlen würde, etwas zu kaufen. Etwas einfach zu holen. Und während ich dort oben saß, eine Pause vom Wandern machte und über Dich nachdachte, merkte ich, wie ich mit einem Stein in der Hand spielte. Ein Stein, der irgendwie genau in die Hand passte. An einer Seite weich und rund, an der anderen ein wenig kantig.

Diesen Stein schickte ich Dir. Mit einem Brief mit meinen Gedanken zu Dir, meinen Gedanken dazu, was Berge, Steine und dieser Stein bedeuten. Wofür sie stehen. Symbolisch.

Stein.jpg

Du bekamst das Paket und schriebst mich an. Du hast Dich für den Stein bedankt und für meinen Brief, dessen Gedanken Du nachempfinden konntest. Du schriebst mir, wie viel Dir das bedeutet hat, was ich Dir geschickt und geschrieben habe. Wie viel Mut ich Dir damit gemacht hätte.

Später schriebst Du mir immer wieder davon, dass Du diesen Stein bei Dir gehabt hättest. Ihn in die Hand genommen hättest. Mich hat das sehr berührt.

Vor einem Jahr warst Du dann hier.

Auf Deinem Weg nach Heidelberg, machtest Du eine Pause bei uns. Wir aßen Kuchen und quatschten. Viel länger, als Du geplant hattest. Voller Optimismus mit Blick auf die bevorstehende Bestrahlung und die weiteren Behandlungen warst Du damals. Und ich blieb sehr nachdenklich zurück.

Nachdenklich, weil ich noch nie in meinem Leben einen Menschen getroffen habe, der sein Schicksal mit diesem Humor, mit diesem Optimismus und mit dieser Kraft angenommen hat und sich auch noch Gedanken um andere machte. Um Deinen Mann, Deine Kinder. Um die Trulla und den Bootsmann. Um Deine Kollegen, die Du dachtest im Stich zu lassen. Um die Menschen, die sich um Dich sorgen, obwohl Du das doch gar nicht wolltest. Lieber wäre Dir gewesen, dass es allen gut geht.

Und wir alle wollten, dass es Dir gut geht.

Im letzten Dezember gab es eine Spendenaktion für Dich. Die Plattform wurde überrannt und das Ziel, Dir mit Hilfe von Geldspenden die Existenzsorgen zu nehmen, wurde erreicht.

Annie, es waren so viele Menschen, die für Dich sammelten, Dinge verkauften, spendeten, sich engagierten. Die unermüdlich posteten, schrieben und teilten. Das taten sie, weil sie genauso beeindruckt von Dir waren, wie ich. Weil sie Dich seit vielen Jahren so kannten: als einen Menschen mit riesengroßem Herz.

Wir wollten doch noch Kuchen essen. Aber dann konntest Du nicht mehr selber fahren und so ging es für Dich immer direkt non-stop nach Heidelberg und zurück. Monat für Monat. Das Kuchen-Date haben wir immer wieder verschoben. Auf die Zeit „danach“, wenn es Dir besser ginge. Das letzte Mal haben wir uns an Deinem Geburtstag daran erinnert, an den Kuchen.

Kommentar

Deine Sprachnachrichten bei WhatsApp höre ich mir immer noch an. Im letzten Monat ging es Dir „beschissen, richtig beschissen“. Und lachtest darüber, dass Du keinen Kreislauf und keine roten Blutkörperchen hättest. Du lachtest.

Du hast es geschafft, den Menschen das Gefühl zu geben, dass Du ihnen ganz nah bist. Dass sie Dir nah sind. Du hast sie genau ins Herz getroffen mit Deinen Worten. Egal ob geschrieben oder gesprochen. Du hattest diese Gabe.

Ich werde Dein Lachen immer im Ohr behalten. Deinen Optimismus. Deine Kraft. Ich möchte Deine Lebensenergie fest einschließen in meinem Herzen. Sie konservieren.

Wo auch immer Du jetzt bist, ich hoffe Du fühlst, wie viel Du hier bewirkt hast und dass Du diese Welt ein großes Stück besser gemacht hast. Und ich wünsche Deiner  Familie, die so lange mit Dir gekämpft hat, dass sie ihren Schmerz so ertragen können, wie Du deinen ertragen hast: mit dieser unfassbaren Kraft. Und wenn es mal nicht mehr geht, hoffe ich, dass sie viele liebe Freunde haben, die weiterhin für sie da sind.

Annie, ey Du, ich habe uns noch einen Kuchen gebacken. Den habe ich gegessen. In Gedanken mit Dir.

Butterkuchen.jpg

 

Muttergefühle. Zwei.

Vorwort gelesen, zack, verliebt.

So fing es es an, als ich Rike Drust „Muttergefühle. Zwei“ vor mir hatte. Und ich schrieb es ihr auch direkt bei Twitter. Damit könnte diese Rezension eigentlich auch enden, weil ich am Ende der 289 Seiten genau so denke. Zack, verliebt.

Das erste Exemplar ihres ersten Muttergefühle-Buchs kaufte ich damals ein bisschen aus Pflichtbewusstsein. Ich habe mit Rike gefeiert und ihren Weg danach auch aus der Ferne verfolgt, erinnere mich zurück an ihre flammenden Reden zu Frauenrechten nachts auf der Straße vor einem Club in Münster, die sie wutentbrannt wegen eines Typen hielt, lange bevor es schick wurde, sich Feministin zu nennen. Und war immer voller Bewunderung für ihre Power und ihre Leidenschaft.

So kam es, dass ich ihr Buch kaufte und es danach immer wieder tat, um es zu verschenken. Das letzte Mal im vergangenen Dezember, als eine Bekannte Mutter wurde. Ich empfahl ihr Buch meiner Zahnärztin (eine großartige Frau, die bald aus der Elternzeit kommt) und jedem, der es hören wollte. Sie schaffte es, mich als Nicht-Mutter ein Buch über Muttergefühle, Kinderkriegen und Erziehungsthemen lesen zu lassen und mehr als ein Mal laut zu lachen. Und zu weinen.

Die Messlatte beim zweiten Muttergefühle-Buch war bei mir daher sehr hoch. Und ich glaube, bei ihr sowieso.

Ich las das Vorwort und fand es super. Es gibt nicht viele Autoren, die so schreiben, dass ich sie vor Augen habe und jedes Wort glaube, das sie von sich geben. Die sich ebenso trauen zu fluchen, wie mit verbalem Glitzer zu schmeißen oder hemmungslos ihr eigenes Versagen thematisieren.

Dann brauchte ich einige Kapitel, um wirklich ins Buch zu finden. Vielleicht fehlte mir eine erkennbare Chronologie, ein zeitlicher Aufbau, aufeinander aufbauende Kapitel. Vielleicht war ich einfach überrascht über den rosa Himmel, der sich vor mir auftat. Konnte das wirklich jetzt so weitergehen? Sollte das jetzt wirklich ein Buch darüber werden, wie harmonisch und toll alles ist? Sollte Muttergefühle. Zwei tatsächlich ein Glücksbärchi-Gegenstück zum ersten Buch werden?

Kaum hatte ich mich innerlich darauf eingestellt, holte die Realität Rike und mich ein: Der Babyglow verflog und da waren sie wieder, ihre drei Probleme: Schlaf, Schlaf und Schlaf. Und der Rest, der daraus resultiert – und aus der neuen Familienkonstellation mit zwei Kindern. Und ihrem Mann.

Während es im ersten Buch tatsächlich in erster Linie um das erste Kind ging, hatte ich erwartet, dass es im zweiten Buch ums zweite geht. Also hauptsächlich. Doch je mehr ich las, hatte ich den Eindruck, dass es nicht nur um Muttergefühle geht, sondern um Frauengefühle. Und Paargefühle. Und Ehefraugefühle. Es geht viel um Gleichberechtigung, Feminismus, um auszutragende kleine und große Kämpfe und auftretende Gedanken und Probleme – basierend auf der veränderten Familiensituation. Rike behandelt die drängenden Fragen unserer Zeit, die Frauen und Mütter beschäftigen.

Es geht um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um das Selbstverständnis von Männern/Vätern, die finanzielle Zukunft von Müttern und klassische Rollenverteilungen. Es geht um die Anerkennung der Leistung und zwanghaft gegenderte Produkte. Und ich fühle mich als Frau, als Feministin ebenso angesprochen, wie sich wohl Mütter verstanden fühlen. Und sie schafft das alles, während sie von Glitzerbasteln und Netflix schreibt. Der normale Alltag, der zeigt, dass die vermeintlich abgehobenen theoretischen Themen unseren Alltag bestimmen.

Es zeigt aber auch schonungslos auf, dass nicht immer alles mit Kuvertüre überzogen ist, nur weil sich die Familie liebt. Geld, motzende Kinder, Job- und Selbstverwirklichkeitswünsche, die Ansprüche an sich selbst, den Partner und die Kinder und die Ratschläge, die von außen kommen und meist grenzüberschreitend sind. Alles hat seinen Platz.

Rike macht sich viele Gedanken, vielleicht manchmal zu viele, und fasst sie in gewohnt charmanter bis rotziger Art kapitelweise zusammen. Und beginnt dann am Ende des ersten Drittels des Buches auch wieder mit kleinen Zusammenfassungen oder einem Fazit, wie sie es handhaben, was sie draus gemacht hat oder was man machen kann.

Kämpferischer wirkt das Buch auf mich. Es fühlt sich an, als ob sie häufiger den Mittelfinger zeigen möchte. Es ist politischer, wirkt auf mich wütender. Was aber regelmäßig  aufgefangen wird von den Liebeserklärungen an Mann und Kinder, wenn sie von Schnitzelromantik und ihren Lieblingsmomenten schreibt. Fast, als ob sie die unbequemen Gedanken, die sie sich macht und die sie beschreibt, auffangen möchte.

Aber ist es nicht genau das, was Familie und Liebe ausmacht? Ehrlich und offen sein zu können, auch wenn es nicht immer alles pure Harmonie ist? Wege zu finden, Probleme miteinander zu lösen und füreinander da zu sein, auch wenn es unbequem ist? Ist es nicht so viel ehrlicher, über seinen Mann zu schreiben, er sei egoistisch und zu wissen, dass man es als Paar schon geklärt hat – statt zu schlucken und hinzunehmen und sich zu arrangieren? Oder es bloß niemandem zu sagen, weil: was sollen die dann denken…?

Rike fasst so viel Gutes und Schlechtes in einem Kapitel zusammen, dass mir manchmal schwindelig ist, aber nie so sehr, dass mir übel wird. Angenehm schwindelig. Ein bisschen wie zwei Gläser Sekt auf nüchternen Magen an einem sonnigen Samstagmorgen. Oder ein echt gut gemischter Cocktail.

Rike schrieb neulich, dass sie sich manchmal fragt, was Leute von früher von ihr denken, wenn sie sie wiedersehen und sie „so muddimäßig“ wäre und mit mehr Genusskilos. Und dann sagt sie, dass sie Leute, die das doof fänden, gar nicht in ihrem Kreis haben möchten.

Und ich möchte ihr zurufen, dass sie toll ist. Dass sie eine tolle Frau ist mit Gedanken und Ansichten, die vielen eine Inspiration sind. Dass Hoodies eh die besten sind und es uns nicht zu uncoolen Menschen macht, wenn man nicht mehr aussieht wie mit 20. Brauchen wir ja zum Glück auch nicht. Wir haben nämlich mehr erlebt. Und mehr gegessen… Und Kinder bekommen. Und, und, und… Dafür haben wir das Privileg, auf ein rockendes Leben zu blicken, auf Erlebnisse, die uns geprägt haben und prägen und uns darüber Gedanken machen zu können, was das mit uns macht. Ich möchte ihr zurufen, dass sie besser aussieht, als mit Anfang 20 und noch mehr Ausstrahlung hat – weil sie ist, wie sie ist. Und weil sie sich diese ganzen Gedanken macht und noch die Traute hat, es auch aufzuschreiben.

Danke, Rike. Das Buch war toll und ich bin, zack, immer noch verliebt.

………………………………………………………………….

Rike Drust
Muttergefühle. Zwei
Neues Kind, neues Glück

ISBN 978-3-570-10314-2
Erschienen bei C. Bertelsmann
http://www.facebook.com/muttergefuehle

Muttergefühle

Mein Schlaf.

Ich bin kein leichter Schläfer: Ich wechsle munter zwischen Seiten- und Rückenlage. Ich brauche eine feste Matratze, aber muss mit der Schulter gut einsinken, weil mir sonst der Arm einschläft. Ich schwitze viel. Ich habe einen sehr unruhigen Schlaf, drehe und wende mich oft, wache oft auf und habe in der Regel zu wenig Tiefschlaf. Wahrscheinlich aufgrund des schlechten Liegekomforts. Hinzu kommt ein (schon immer) sehr harter Muskeltonus und dauernde Verspannungen. Ist die Matratze zu weich, tut mir alles ab und inklusive Schultergürtel aufwärts weh.

Der Mann ist da anders: sobald er einen gewissen Liegewinkel hat, schläft er binnen Minuten ein. Couch, Bett, Liegestuhl – egal. Wie eine Schlafpuppe mit Klimperaugen. Wenn er morgens aufwacht, nach quasi immer exakt 6,5 Stunden, hat er die Hälfte davon im Tiefschlaf verbracht und ist ausgeschlafen und sofort fit.

Wenn ich morgens nach acht bis neun Stunden aufwache, brauche ich lange, bis ich überhaupt fähig bin aufzustehen. Ich muss erstmal meine Gliedmaßen bewegen und lockern. Es knackt an allen Ecken und wenn ich aufstehe, habe ich Anlaufschwierigkeiten. Wörtlich, denn ich brauche immer erst einige Schritte, bis Leben in die steifen Glieder kommt.

Vor zwei Jahren dachte ich, ich hätte meine Matratze gefunden. Ich lag einfach nur wunderbar leicht und bequem und kaufte das Wunderwerk im Fachhandel für 799 Euro. Plus einem neuen Lattenrost.

Das erste halbe Jahr war super. Ich lag wunderbar und schlief besser, als vorher. Die Nacken- und Rückenschmerzen wurden weniger und morgens war ich fitter. Dann wurde es schleichend schlechter, bis ich irgendwann mal das Gefühl hatte, ich wolle gar nicht mehr ins Bett. Eine Kuhle, eine Liegemulde, hatte sich gebildet. Soll wohl auch, sagte der Fachhandel. Aber vielleicht nicht in der Extremen.

Man wechselte den Kern aus und kam danach nochmal zur Überprüfung meiner Liegeposition. Alles tipp topp: Das Kissen stütze optimal Nacken und Kopf und habe die richtige Höhe für die Matratze. Ich sänke an den richtigen Stellen gut ein und läge perfekt. Die Matratze vorher war vielleicht ein Produktionsfehler.

Ich lag wieder wunderbar und schlief super.

Jetzt, ein halbes Jahr später, geht alles wieder von vorne los: die Schmerzen, der unruhige Schlaf, das nächtliche Wachwerden wegen Nackenschmerzen, die Kopfschmerzen morgens, der verspannte Rücken… Die Liegekuhle ist wirklich tief und wenn ich abends ins Bett gehe, merke ich schon, dass mir das Liegen nicht gefällt. Ich sinke zu tief ein, an den gefühlt falschen Stellen, und ich habe den Eindruck, dass ich die eingebauten „Belüftungsröhren“ beim Liegen spüre. Die Matratze hat ihre Stützwirkung partiell verloren, ihre Festigkeit.

Diese Matratze ist nichts für mich. Und es ist die mittlerweile dritte Matratze, die ich habe, die nichts für mich ist.

Aber bei dieser ärgert es mich sehr, weil sie mir ausdrücklich für meine Bedürfnisse empfohlen wurde, ich wurde vermessen, die Abstände von Schulter zu Nacken zu Kopf zu Hüfte, etc. Lattenrost und Matratze wurden aufeinander abgestimmt, das Kissen kam dazu. Dazu noch eine andere Bettdecke (ich schwitze schnell).

Kaufe ich eine Matratze, liege Probe, dann möchte ich, dass die Matratze diesen eingekauften Schlafkomfort behält. Ich möchte nicht, dass sie ihre Stützkraft wegen einer Liegekuhle verliert oder diese Liegekuhle meinen Schlafkomfort mindert.

Heute las ich dann einen Tweet in meiner Timeline:

Und es folgte ein Dialog:

Und noch einige Infos mehr. Ich las auf der Bett1-Seite und dort stand:

Durch den fortschrittlichen Matrat­zen­werkstoff bil­det sich in der BODYGUARD® keine Liege­kuhle. Stif­tung Warentest bestätigt: „Die Schlaf­unterlage verliert kaum Höhe und bleibt lange in Form.“

Das klang für mich schon mal super. Genau da hatte ich bisher das Problem: die Stabilität der Matratze und der dadurch veränderte Liegekomfort.

Es kamen noch andere Meinungen zur Bodyguard-Matratze im Netz hinzu:

Es folgte, was folgen muss. Ich habe mir eine Matratze bestellt. Für 199 Euro. Das ist ein Viertel des Preises meiner supertollen Markenmatratze, die ich nach zwei Jahren nicht mehr nutzen möchte. Wenn die nix ist, habe ich wenigstens nicht wieder so viele hunderte Euro in den Sand gesetzt.

Und sind wir mal ehrlich: so viel positive Resonanz hört man selten. Ich lass mich jetzt mal überraschen, wie ich schlafen werde. 100 Tage Probe habe ich. Bis dahin kann ich sie kostenfrei zurückschicken bei Erstattung des vollen Kaufpreises. Und ich hoffe sehr, dass ich nicht enttäuscht werde von den Versprechungen von Bett1, der Stiftung Warentest und den ganzen Onlineempfehlungen :D

Und werde berichten.

(Nein, dieser Artikel ist nicht bezahlt oder gesponsert.)

Diffus.

Bisher war das Säbelrasseln der Weltmächtigen eher diffus. Es wurden Sanktionen verhängt, wenn Länder bombadiert oder unterstützt wurden, dann immer mit einem unschuldigen Blick, erhobenen Händen und dem Hinweis auf Rechtmäßigkeit. Kein kalter Krieg, sondern ein diffuser. Ein Verschwimmen der Grenzen inklusive. Verbrüderung und Sanktionen im Gleichschritt.

Jetzt der offene Schlagabtausch und die Welt schwankt zwischen Fassungslosigkeit, Kopfschütteln – und Angst, die nicht mehr so diffus scheint.

Ich versuche tatsächlich, die Bedrohungslage weitgehend zu ignorieren, merke aber mit Erschrecken, dass mich das gleiche unterschwellige Unruhe- und Angstgefühl packt, wie in meiner Jugend, als der Krieg noch kalt war.

Vor einiger Zeit schrieb ich mal über die heile Welt, in der wir aufwuchsen: RAF, Kalter Krieg, Tschernobyl und Besatzungszone. Ein latentes Gefühl der Bedrohung prägte meine Kindheit und Jugend.

Dieses Gefühl ist wieder da. Nach vielen Jahren ist es mit zwei Machthabern zurückgekehrt, die ihre Raketen vergleichen wollen. Und man sieht an meiner lachsen Beschreibung, dass ich versuche es zu verharmlosen.

Weil alles andere die Bedrohung näher heran lassen würde, näher an unser tägliches Fühlen und Handeln und damit vielleicht Konsequenzen fordern würde. Die Erkenntnis, dass wir eben – auch als vermeintlich nicht politische Menschen – immer mittendrin stecken und immer betroffen sind.

Wir leben in einer Welt, in der Krieg jeden Tag die Nachrichten füllt. Wir haben uns daran gewöhnt. Die Kriege sind weit weg, die Folgen für uns in Form von Flüchtlingen sichtbar. Aber unser Alltag ging weiter. Zu weit waren die Krisenherde entfernt, die Bomben und die Zerstörung.

Jetzt stecken wir wieder irgendwie mittendrin in der latenten Bedrohung und ich fühle mich genauso ohnmächtig, wie damals als Kind.