Arschloch.

Krebs ist und bleibt ein Arschloch.

Egoistisch, unvorhersehbar, hinterlistig, boshaft.

Wenn es jemanden trifft, der Kinder hat und einen Partner, der schon mal gegen ihn gekämpft hat und nun doch verliert, dann möchte man dieses Arschloch anschreien und zweifelt an der Gerechtigkeit. Dieser großen ausgleichenden Gerechtigkeit, die es einfach nicht zu geben scheint.

Und ich denke an DüneSieben, die damals den Kampf gegen ihren Brustkrebs und die Metastasen verloren hat. An meinen Schwiegervater, der das Rezidiv seines Lungenkrebses nicht überlebt hat. Ich denke an einen lieben Menschen, der gerade überlegt, ob er noch weiterkämpfen soll.

Bleib tapfer, Du Liebe. Und egal, was Du tust: mach es mit Leidenschaft und Liebe. Iss Schokolade, trink Bier, geh shoppen, spring nackt ins Meer und geh hoch auf einen großen Berg. Hör geile Mucke und rock mit Deiner Familie.

Krebs ist ein Arschloch. Aber vielleicht sollte man ihm genau deswegen ins Gesicht lächeln. Milde. Und wissend.

Enttäuschung

Der Anruf kam mittags. Es gäbe noch Fragen bezüglich meines Gesundheitsbogens, den ich zur DKMS geschickt habe. In diesem Fragebogen sollte man alles aufschreiben, was einem an Diagnosen so über den Weg gelaufen ist. Man wird nicht nur gefragt, ob man HIV positiv sei, mit jemandem Sex hatte, der in einem Zita-gefährdeten Gebiet war, sondern natürlich auch zur eigenen Gesundheitshistorie in Bezug auf OPs und Co, psychischem Zustand und Belastbarkeit.

Meine Gesundheitshistorie ist bewegt. Ich war nie wirklich ernsthaft krank, aber es reihen sich Kleinigkeiten aneinander, bei denen ich immer mit einer guten Diagnose herausgegangen bin. Das sprichwörtliche „blaue Auge“ habe ich mehrfach mitgenommen.

Was mich mein Leben lang begleitet, sind Ängste. Als Jugendliche hatte ich Panikattacken, mittlerweile lebe ich mit ein paar kleinen Phobien: Höhe ist nicht meins, Spinnen und ich leben mittlerweile eine Co-Existenz, in der jeder den anderen in Ruhe lässt. Und Spritzen.

Als Kind bin ich aus der Praxis abgehauen, sollte ich Blut abgenommen oder eine Impfspritze bekommen. Ich rannte und rannte – bis meine Mutter mich einfing. Ich renne nicht mehr weg, sondern ergebe mich in mein Schicksal. Jedoch habe ich Herzklopfen und zu spüren, wie eine Nadel in meinen Körper gestochen wird, gehört nicht zu meinen Hobbys. Jedoch mache ich es mit. Aktive Angstbewältigung. Ebenso gehe ich extra auf hohe Gebäude, schaue von Burgtürmen und Brücken runter und gebe Spinnen Namen – wenn sie schon bei mir wohnen wollen.

Darüber hinaus hat mein Körper eine kleine „Fehlfunktion“. Er findet, dass irgendwelche Knubbel und Wucherungen voll toll sind. Ich hatte mehrere Zysten im Kiefer, in der Brust und eben Myome an der Gebärmutter, was in letzter Konsequenz immer zur operativen Entfernung führt. Letztes Jahr die Hysterektomie. Vor drei Wochen fand man in meiner Brust Mikrokalzifikationen. Das sind Kalkablagerungen, die erstmal harmlos sind. Sie können aber auch zu einer Vorstufe eines Tumors werden. Könnte, eventuell, vielleicht.

Nie etwas bösartiges. Ich machte mir daher keine großen Sorgen nach der Diagnose, auch das „kontrollwürdig“ in der Diagnose macht mir jetzt keine Angst. Dafür stand das da schon oft genug.

Die bei der DKMS sind da anders. Beide Tatsachen, meine Ängste und die Mikrokalzifikationen, sind K.O.-Kriterien und ich bin raus.

Das Gespräch war tatsächlich etwas verstörend, hatte ich doch das Gefühl, dass die Dame am anderen Ende mir eine eine Angststörung größeren Kalibers einreden wollte. Ob ich mit Fahrstühlen fahren könne (ja), ob ich in engen Räumen sein könne (ja), ob ich auf weiten Plätzen laufen könne (ja), ob ich das Haus verlassen könne (ja) oder ob ich wegen meiner Ängste tagelang das Haus nicht verlassen würde (nein). Ob ich schon mal Blutspenden war (nein) und dass ich also gar nicht wisse, wie ich in so einer Situation reagieren würde, wenn ich vier, fünf Stunden mit Nadeln in den Armen da liegen würde (ne, weiß ich nicht. Weiß aber so gut wie niemand. Weil Stammzellenspenden macht kaum jemand regelmäßig).

Im Gegensatz dazu weiß ich aber, wie ich generell reagiere und kenne Strategien und Wege, durch diese Situationen zu kommen. Das haben viele andere wohl nicht.

Was aber noch schwerwiegender war, war die Mikrokalzifikation. Etwas, das viele Frauen haben übrigens, aber nichts davon wissen. Ich weiß es eben und haben es aufgeführt, weil es so frisch ist.

Da die Kontrolle erst in sechs Monaten ist (vorher sieht man kaum eine Veränderung), bin ich für mindestens diese sechs Monate gesperrt für die Datenbank. Wegen der „gravierenden Ängste“ (höh?) müsse man noch mal im Team beraten.

Ich hoffe nur, dass der Empfänger noch andere potentielle Spender hat, die ihm das Leben retten können. Ich hätte das durchgezogen.

Jetzt darf ich es nicht.

Vielleicht hat auch das seinen Grund. Vielleicht muss es so sein. Die Enttäuschung ist aber da und groß. Es mischt sich auch ein bisschen Erleichterung mit rein, weil ich mir über die Abnahme natürlich schon viel Gedanken gemacht habe und für mich diesen Weg gehen w0llte. Wie bei einem Bungeesprung, zu dem man sich tapfer durchringt – und dann oben in voller Montur wegen Seitenwinden zurückgerufen wird vor dem Sprung.

Ich denke an den Empfänger.

 

Gedankendisco

Gestern bekam ich einen Anruf. Von der DKMS.

Die erste Frage war, ob ich noch bereit wäre zu spenden. Ich bejahte. Dann die Frage, ob man mir ein paar gesundheitliche Fragen stellen könne. Ich bejahte. Eine Viertelstunde später stand ich in meinem Büro und schwankte.

Zwischen unglaublichen Glücksgefühlen und unglaublicher Angst und Sorge.

80% Übereinstimmung in der Gewebeprobe. Jetzt Feintypisierung durch Blutentnahme beim Hausarzt. Die DKMS regelt alles: Terminabsprache, Kurier, Blutröhrchen.

Was sie nicht regeln können, ist meine Angst.

Darf man Angst haben vor einer Stammzellentnahme, die jemandem auf der Welt das Leben retten könnte? Ist das nicht unglaublich egoistisch?

Mein gestriger Tag bestand tatsächlich aus sehr viel Gedankendisco. Ich habe panische Angst vor Blutabnehmen. Ich habe Angst vor Spritzen und Nadeln. Für mich ist jede Blutentnahme, jede Impfung, eine Herausforderung. Warum ich mich als Spender registrieren ließ? Na, Mund auf, Stäbchen rein, Spender sein klingt ja wirklich einfach… Über die Konsequenzen habe ich mir nur peripher Gedanken gemacht.

Man ist eh sehr mutig in der Distanz.

Man denkt an Leben retten, Menschen helfen, Uneigennützigkeit und Nächstenliebe. Man denkt nicht an Vollnarkose oder vier Stunden Blutwäsche, grippeähnliche Symptome bei der Vorbereitung und Schmerzen. Man denkt an kleine Kinder, die einen mit Kulleraugen anschauen mit der Headline „Annemarie braucht dich!“ und an die Aufrufe zur Typisierung.

Ich las Erfahrungsberichte. Hätte ich nicht tun sollen. Oder doch? Ich weiß es nicht.

Während die einen von wahren Horrorstories berichten (Schlauch geplatzt, Krämpfe, Schmerzen, Angst), schreiben andere davon, wie unfassbar glücklich sie sind, spenden zu dürfen.

Ja, war ich auch. Meine erste Reaktion waren Glücksgefühle. Ich hatte einen bombastischen Endorphinrausch. Als der weg war, kamen die zittrigen Knie.

Die hard facts sind einfach:

  • Voruntersuchungen (Blut, EKG, Ultraschall) mehrmals
  • ein paar Tage lang jeden Tag zwei Spritzen morgens und abends
  • dadurch das Gefühl des Krankseins, grippeähnliche Symptome bis starke Schmerzen
  • Entnahme über Blut: Dauer 4–5 Stunden, ein oder zwei Mal, verbunden mit eventuellen Komplikationen wie Kribbeln, Schmerzen durch Nadeln, Krämpfe
  • Entnahme via OP: drei Tage Krankenhaus, OP eine Stunde, Schmerzen danach wie starke Prellung, Unwohlsein, Narkose

Was mich umtreibt sind Gedanken an Angst und Panik. Was, wenn ich panike? Wenn ich krampfe? Wenn ich so große Angst bekomme, dass ich weglaufe? Wenn das in die Phase der Vorbereitung des Empfängers fällt und ich damit sein Todesurteil unterschreibe? Was ist, wenn ich stürze, krank werde und damit das Todesurteil fälle?

Ist es schlimm, wenn man Angst vor der Entnahme hat, wenn jemand anderes Angst vor dem Tod hat? Kann man das in Relation setzen? Sollte man das in Relation setzen? Oder ist es einfach ein Zeichen von Selbstschutz und völlig normal?

Mein Tag gestern endete mit einem großen Heulkrampf und dem Gefühl, dem ganzen nicht gewachsen zu sein.

Übermorgen gehe ich zur Feintypisierung aka erster Blutentnahme.

Vegan

Was ich nicht verstehe: Warum ist es für viele Menschen so schlimm, dass es vegane Produkte und einen Markt dafür gibt? Und dass diese beworben werden? Thematisiert werden.

Ich kenne mehr Fleischesser, die Veganerbashing betreiben, als Veganer, die Fleischesser missionieren wollen. Deutlich mehr. Und es nervt mich immer mehr, mit was für einer Vehemenz rumgehackt wird und versucht wird, „den Nachteil“ oder „die Schwachstelle“ aufzuzeigen. Als ob es darum ginge, aufzuzeigen, dass auch vegane Produkte nicht nur toll sind.

Würdet ihr das mal mit euren sonstigen Konsumgütern machen und sie hinterfragen…

Es scheint für viele selbstbefriedigend zu sein, sich über vegane Produkte zu amüsieren, aufzuregen oder zu erzählen, warum es total doof sei, diese zu konsumieren. Statt sie einfach nur achselzuckend zu tolerieren.

Was ist verkehrt an veganen Taschen, Schuhen, Kondomen? Wenn man bei Produkten auf die Verwendung von Tieren verzichten kann, warum nicht? Jedes Tier weniger, das nicht für unseren Luxus und unseren überbordenden Konsum getötet wird, ist erstrebenswert.

Ich habe vegane Taschen und liebe sie. Warum soll ich mir eine Ledertasche kaufen, wenn ich eine schöne vegane Tasche sehe? Was ist schlimm daran, wenn ich vegane Schnitzel esse, weil sie mir schmecken – und das „Schnitzel“ für mich eine Erklärung der Darreichungsform ist, nicht des Inhalts. Es gibt schließlich auch Kohlrabischnitzel, ohne dass da jeder gleich draufkloppen muss, dass das ja dann kein Fleischschnitzel sei.

Ich benutze ausschließlich Kosmetik, die vegan ist. Weil ich der Meinung bin, dass man anderes nutzen kann, wenn es Alternativen gibt, für die kein Tier sterben muss, wenn es nicht nötig ist.

Für mich sind vegane Produkte eine gelungene Alternative. In allen Bereichen, in denen es mir in den Kram passt.

 

Fragen über Fragen

LittleB stellt Fragen und weil ich mich mal mit etwas beschäftigen möchte, das nicht so problembeladen ist, beantworte ich sie mal. Außerdem ist Content immer gut und Fragen auch.

  • Was ist in Deiner Hausapotheke?
    Schmerzmittel.
    In allen Varianten. Von Ibuprofen über Novalgin bis zu Triptanen. Ich bin Migränikerin. Nahrungsergänzungsmittel, wie Vitamin B-Komplex, Vitamin D, Magnesium, Zink, etc. Pflaster. Ich neige zu Blasenbildung. Alles, was Magen und Darm begehren könnten (von Iberogast bis Imodium, von Perlenderol bis Smogas). Nasenspray in allen Ausprägungen. Ich leide oft unter Sinusitis, wenn ich erkältet bin. Diverse Cremes und Tinkturen bei Hautgedöns. Lokalantibiotikum, Cortisonsalbe, Azelainsäure, Antiallergikum, Aknetherapeutika, Fettsalben u.v.m.
    EDIT: Nachdem ich über die Hausapotheke nachgedacht habe, habe ich die Gunst der Stunde genutzt und sie mal aussortiert. Nicht mehr im Medizinschrank sind jetzt diverse alte Medikamente, die abgelaufen waren oder nicht mehr gebraucht wurden. Dafür sind mir noch aufgefallen: Diverse Mittel bei Erkältungen (Tonsipret, Sinupret, Inhalationszeuch), Elektrolyte, Wärmesalben und Muskelrelaxans sowie meine Schwindelmedikamente (Betavert und Otalgon), die ich total verdrängt habe…
  • Was darf in Deinem Haushalt nicht fehlen?
    Essen. Und Kaffee. Und Essen.
  • Hast du einen Lebensplan?
    Einen was? Entschuldigung, ich lache immer noch. Lebenspläne sind was für Leute, die Angst vor dem Leben an sich haben. Wer sein Leben in geordneten Bahnen haben möchte, hat Angst, zu versagen. Wer Lebenspläne schmiedet ignoriert den Humor des Lebens: es kommt immer anders und der Plan lügt. Außerdem nimmt man sich so viel Raum zum Entdecken.
  • Berge oder Meer?
    Am liebsten beides in einem Urlaub. Aber die Orte, wo das geht, sind begrenzt. Wenn ich die Wahl hätte, dann Meer. Oder Berge. Oder Meer? Mmh. Meer. Nee, Berge. Ach, scheiße.
  • Welche Sprachen sprichst Du?
    Deutsch und Englisch. Ich bin kein Sprachgenie. Eigentlich bin ich zu faul zum Vokabeln lernen und will immer zu viel. Ich möchte mich nicht nur verständigen können, ich möchte eine Sprache beherrschen. Und dafür bin ich zu faul… Die übrigens Sprachkenntnisse wurden mir in der Schule durch Latein als erster Fremdsprache und der Möglichkeit, keine dritte Fremdsprache nehmen zu müssen, schon früh zu madig gemacht. Ich verstehe jedoch einiges in anderen Sprachen. Ok, hauptsächlich das geschriebene kann ich mir häufig zusammenklauben. Italienisch, Niederländisch und Co.
  • Wann warst Du das letzte Mal unvernünftig?
    Gerade. Ich habe mir ein Paar neue Laufschuhe gekauft. Ach, eigentlich war das sogar sehr vernünftig, denn immerhin möchte ich mehr unterwegs sein zu Fuß und meine anderen Sportschuhe sind eigentlich nicht für den Asphalt gedacht. Aber so richtig unvernünftig? Ich fürchte, das ist lang her und das macht mir jetzt wirklich Gedanken…
  • Rauchst Du? Warum? Warum nicht (mehr)?
    Nicht mehr. Nachdem ich ca. 15 Jahre geraucht habe und irgendwann ein Pensum von fast zwei Schachteln pro Tag hatte, habe ich aufgehört. Weil ich es leid war, mich von dieser Sucht beherrschen zu lassen. Und nichts anderes macht diese Sucht, denn man organisiert seinen Tag drumherum: Raucherpausen müssen eingehalten werden (zum Kaffee, nach dem Essen, bei der langen Autofahrt) und lange Aktivitäten ohne Rauchmöglichkeiten werden vermieden (Langstreckenflüge, Kinobesuche mit Überlänge, etc.). Tatsächlich waren Dinge wie Kosten nie ein Thema. Aber je älter ich wurde, desto mehr kamen die Gedanken um die Gesundheit hinzu: der Husten klang nicht mehr ab, das Schnaufen beim Treppensteigen war schon heftig, ich nahm die Pille (yeah, Risikomaximierung). Und was mich immer gestört hat war der Geruch in den Haaren. Nichts ist so ekelig, wie kalter Rauch in Klamotten und Haaren. Oder das Küssen eines Rauchers. Örgs.
  • Magst Du Kreuzworträtsel?
    Ich war da mal echt gut drin. Diese standadisierten Dinger sind aber auf Dauer zu langweilig. Dann lieber die „um die Ecke gedacht“ oder „Kreuzweise“.
  • Reist Du lieber mit dem Zug, Auto oder Flugzeug?
    Auto. Ich mag es, zeitlich flexibel zu sein und so viel Gepäck und Zeuchs mitnehmen zu können (hin oder zurück), wie ich möchte. Außerdem bin ich gern allein. Ich mag es, wenn ich meine Ruhe habe. Besonders unterwegs. Anhalten, wann ich will und wo ich will. Abstecher machen.
  • Hast Du Angst vor Krieg in/ mit Europa in absehbarer Zeit?
    Nein. Angst habe ich keine davor. Ich denke sogar, dass er kommen wird. Und ich versuche alles zu tun, damit es vielleicht nicht so ist oder nicht so schlimm wird. Jedoch sehe ich Europa auch etwas weiter gefasst, wenn es um Krieg geht, z.B. die Ukraine. Wir sind in so vielen Kriegen indirekt oder direkt beteiligt durch Einflussnahme, dass es Augenwischerei ist, zu glauben, dass die Kriegsschauplätze dieser Welt immer vor uns haltmachen werden. Außerdem bin ich der Meinung, dass Angst ein ganz schlechter Ratgeber ist im Leben.
  • Austern, Champus, Kaviar, Trüffel etc. – nice to have oder komplett überbewertet?
    Absolut überbewertet. Ich hasse das Mundgefühl, das Austern machen. Widerlich. Champagner kann man trinken. Man kann aber auch einfach Cremant nehmen. Kaviar ist ekelig und rutscht im Mund von links nach rechts. Trüffel ist albern. Ich mag nicht mal den Geschmack sonderlich gern. Die meisten Menschen essen die Sachen nicht, weil sie sie mögen, sondern weil sie sich einbilden, sie mögen zu müssen, weil sie teuer sind.

Distanz

Manchmal muss man sich klar machen, dass es nicht das eigene Problem ist. Auch, wenn man mit dem, was der andere macht, nicht einverstanden ist. Oder von außen die Konsequenzen sieht, der andere aber nicht daraus lernt.

Dieses „Distanz wahren“ ist das, was mich innerlich zerreißt.

 

Puh.

Niemanden kennt man so ganz. Die meisten gar nicht. Die wenigstens sehr gut. Wenn man aber merkt, dass man letzteres dachte, aber zweites zutrifft, dann kommt nicht nur große Wut, sondern auch der Selbstzweifel an der eigenen Menschenkenntnis.

Wie just a thought schreibt, findet vieles davon in der digitalen Welt statt. Online fehlen jedoch Betonungen und spontane Wortauswahlen, Gesten und Mimik, das, was das Gesagte wahr werden oder anzweifeln lässt.

Es fehlt das Menschliche hinter den Worten.

Bei unseren Onlineaccounts haben wir mehr Einfluss auf das, was das Gegenüber sehen soll und darf, als im direkten Kontakt. Es lügt sich nicht so leicht, wenn man sich gegenüber steht. Jedenfalls nicht auf Dauer.

Diese Selbstzweifel, wenn man merkt, dass es doch so war und die Zweifel an jedem einzelnen Wort, das ausgetauscht wurde, stechen. Und man muss einen Weg für sich finden, wie man damit umgeht. Zweifeln an allem, was gesagt wird? Nur noch im direkten Kontakt kommunizieren? Wobei, können wir nicht kommunizieren? Wäre die Konsequenz daraus, sich aus der Onlinewelt zu verabschieden, wenn man ihr nicht mehr traut?

Oder muss man mit der nötigen Vorsicht herangehen, auch wenn viele sagen, dass diese Form der Kommunikation „die neue“ ist, diejenige, die unserem Leben gerecht wird, in dem man in alle Richtungen verstreut lebt, in verschiedenen Zeitzonen oder unterschiedlichen Lebensmodellen, die eine direkte Kommunikation erschweren?

Ich bin mir nicht sicher. Ich zweifle aber auch nicht aktiv. Ich versuche das geschriebene Wort (auf Social-Media-Kanälen oder in Blogs) nicht nur auf meine Weise zu interpretieren, weil es doch dadurch viel Missverständnisse gibt. Nuancen fehlen.

Besonders in letzter Zeit hatte ich das ein oder andere Erlebnis, bei dem mich das Geschriebene des Anderen getroffen hat oder ich es auf meine Art interpretiert habe, ohne dass es vielleicht mit mir direkt zu tun hatte. Worte können missverständlich sein und man kann vieles auf sich beziehen, was gar nicht an einen adressiert war.

Ich versuche die Hochglanzbilder von einigen bei Instagram mit dem nötigen Abstand zu sehen und die Mechanismen dahinter, was jemand zeigt, nicht zeigen möchte oder bewusst zufällig zeigt, nicht zu bewerten. Oder mir immer wieder klarzumachen, dass das geschriebene Wort und das gepostete Bild von vielen mit anderem Background nicht verstanden werden kann ohne ausführliche Erklärungen und Kenntnis meines Lebens oder des Lebens meines Gegenübers.

Was bleibt ist die Unsicherheit, dass jemand mit mir kommuniziert, der  instrumentalisiert. Manipuliert. Belügt. Es nicht ehrlich meint. Verheimlicht. Dass man benutzt wird für fremde Zwecke. Für die Zwecke des anderen, ohne es zu merken, weil man vielleicht ein völlig falsches Bild hat vom Gegenüber aufgrund der eigenen Erfahrung oder Einschätzung. In der Onlinewelt vielleicht noch mehr, als im direkten Kontakt.

Auch ich habe manche Dinge jetzt nochmal gelesen und zweifle an der von mir interpretierten Bedeutung einiger Dialoge. Lese Subebenen hinein und weiß doch nicht, ob ich nicht jetzt fehlinterpretiere.

Just a thought hat recht, wenn sie schreibt, dass wir uns Grundlagen schaffen müssen, auf deren Basis wir lernen so zu kommunizieren, wie wir es am besten können. Und verstehen.

Kleine Anekdote dazu zu Just a thought und mir:

Niemand, niemand, niemand und erst recht nicht wir, hätten wohl vor vielen Jahren gedacht, dass wir uns in die Arme nehmen, wenn wir uns das erste Mal sehen. Dass wir auf  einem Sofa sitzen und über Verluste und Gummibänder sprechen, dass wir uns austauschen auf vielen Ebenen und für mich ist sie eine große Bereicherung, die ich nur durch dieses Onlineleben kennenlernen durfte und mich über jedes reale Treffen genauso freue, wie über WA-Nachrichten, Instagram- oder Blogposts ;)

Weil wir ein Bild von der anderen hatten, das irgendwie anders war.

 

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Der gestrige Tag war einer der denkwürdigsten, die ich je erlebt habe. Morgens aufstehen und erfahren, dass jemand vermisst wird. Nein, eigentlich wissen, dass er bereits weg ist und den Kampf gegen seine dunkle Wolke verloren hat. Telefonieren mit Menschen, die ihm nahe standen und den ganzen Vormittag bei Twitter verfolgen, wie die Suche verläuft und wie viel Anteil die Menschen nehmen, war das einzige, was ich tun konnte.
Dazwischen Traurigkeit und Kopfschütteln.
2015 hat er mir geschrieben: „Aufgeben liegt mir auch fern, dafür hänge ich viel zu sehr am Leben.“ Eineinhalb Jahre später war es zu viel für ihn. Seine Abschiedsworte treffen ins Herz und wirken doch so gedanklich abgeklärt, dass sie in mir den Eindruck hinterlassen, dass er sie schon seit langem formuliert hat. Der Gedanke schien ihm nicht neu.
Für ihn scheint ein großes Thema die Selbstliebe gewesen zu sein. Die er wohl nicht empfand. Und damit einhergehende die Frage danach, ob ein – ob sein – Leben etwas wert sei, wenn er es nicht lieben würde. Wenn man sich selbst nicht lieben würde. Wenn man ein wunderbares, erfolgreiches Leben führt, aber das Gefühl hat, dass man es nicht verdient.
Dabei hat man selten jemanden erlebt, der es mehr verdient hätte. Er war ein Onlineaktivist, der das Netz besser gemacht hat. Er hat dazu aufgerufen, dass wir das Netz zu einem guten Ort machen können. Er war einer von denen, die das Netz dafür genutzt haben, um Menschen Gutes zu tun.
Das Netz wird kein schlechter Ort, weil er nicht mehr da ist. Aber es wird kein guter Ort, wenn wir es nicht dazu machen.