Rhabarber

… oder auch: Warum mich die katholische Schulerziehung bis heute verfolgt.

Neulich kam der WTM mit dem an, was ich spontan als Brechmittel einstufen würde: Rhabarber. Rhabarber ist sauer. Rhabarber ist faserig. Und Rhabarber ist das, was mir früher oft die Erdbeermarmelade versaut hat. Dafür räche ich mich immer noch und verweigere die Aufnahme dieses sauren Gewächses.

Der Gatte wollte aber irgendwas mit Blätterteig und Mascarponecreme machen, angereichert und verhässlicht mit diesen Rhabarberdingern, deren Geschmack in meinem Mund bewirkt, dass sich alles zusammen zieht und mein Körper sich mit jeder Synapse und einem „Nach-draußen-Beschleunigungs-Mechanismus“ (anerlernt) revanchiert. Sprich: Ich will spucken.

Der Gatte wusste das nicht, begehrte aber die Information, warum das so sei. Nun, ich muss ausholen und erzähle nun einen Schwank aus meiner Kindheit:

Geboren und aufgewachsen bin ich in einer erzkatholischen Stadt. Getauft wurde ich gegen den Willen der Kirche. Sozusagen. Denn meine Eltern waren nicht kirchlich getraut. Frevel und in einer Stadt wie Münster, ihres Zeichens Bistum, in den 70er Jahren fast eine Todsünde. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, mich im Kreise der Familie von einem Studentenpfaffen taufen zu lassen.

Ich wuchs bedingt kirchlich auf. Halt soweit das in meinem freien Willen lag. Ich musste nie in die Kirche, wollte das aber. Jedoch meist nicht wegen des salbungsvoll dreinredenden Oberen, sondern wegen der Kirchgruppen, denen ich beigetreten war. Die „Mädchengruppe“ mit Grundschülerinnen, die sich ein Mal die Woche im Jugendclub trafen, um gemeinsamen Aktivitäten nachzugehen. Oder den Pfarrurlauben, bei denen wir Kinder auf Jugendfreizeiten fuhren, die von der Gemeinde organisiert wurden. Lustig war es. Jedes Mal.

Irgendwann dann war ich auch Messdienerin. Hatte mir das aber irgendwie lustiger vorgestellt, statt sonntags zu unmöglichen Zeiten den Frühgottesdienst vorzubereiten und die Hälfte der Zeit im Rampenlicht der Gemeinde halb einzuschlafen, halb die Knieschmerzen zu verfluchen, die durch das Altarknien unweigerlich auftraten.

Ja, fluchen in der Kirche. Jahrelang betrat ich die Kirche mit dem Gefühl, mich müsse ein Blitz treffen, weil ich bei der Beichte nicht das erzählte, was mich wirklich beschäftigte: Diebstahl.

Ich war eine Diebin. Eine Rhabarberdiebin.

So. Jetzt ist es raus. Eine Freundin und Klassenkameradin aus der Grundschule, ihres Zeichens nicht nur Messdienerin, sondern auch Tochter aus kirchnaher und kirchengagierter Familie, und ich klauten Rhabarber. Und jetzt das schlimmste: Aus dem Pfarrgarten.

Neben dem Pfarrhaus unterhielt die Pfarrei einen eigenen Gemüsegarten, der zwar durch eine hohe Hecke und eine abgeschlossene Tür vom Außenbezirk getrennt war, aber auch einen dieser Mülltonnenbehälter in der Mauer hatte, die dort als festes Mauerwerk mit Metalltür integriert war. Über diese Mülltonnenherbergen stiegen wir ein.

Das klingt leichter, als es war, waren wir doch damals so 6 oder 7 Jahre alt, definitiv noch nicht ausgewachsen, aber noch so beweglich und sportlich, dass wir und hochhieven konnten.

Das erste, was man im Pfarrgarten vom Mülltonneneinstieg erreichen konnte – war der Rhabarber. Nicht die Möhrchen, nicht die Gurken. Nein, der Rhabarber. Also klauten wir Rhabarber. Damit das Ganze dann auch beutetechnisch sinnvoll war, aßen wir ihn. Keine Gefangenen. Keine Beweise.

Ich glaube, wir stahlen jeder 5 oder 6 Stengel und aßen sie in diesen Ferien. Und hatten ein furchtbar schlechtes Gewissen. Diebstahl war schon eine Sünde. Diebstahl aus dem Pfarrgarten würde sicher mit drei Jahren Hölle bestraft und der Pfarrer wisse sicher Bescheid, sei er doch angeblich so ein Zwischenmittler zwischen da oben und hier unten – und Gott weiß ja alles.

Nun, wir hätten es katholisch-entspannt sehen können: Geh beichten, bete drei Vaterunser und fünf Ave Maria zur Strafe und damit kommste um das Feuer drumherum. Doch wir waren die Underdogs der Grundschule. Revolution zwischen Pausenbrot und Sachkundeunterricht. Wir waren furchtbar cool und hatten doch vor jedem Eintritt in die Sakristei vor dem Gottesdienst einen Heidenrespekt.

Seit diesem Jahr damals aß ich nie wieder Rhabarber. Ich mochte ihn schon damals nicht. Doch auch heute noch kommt dieses Bauchkribbeln beim Geruch des Rhababers, der in die Nase steigt. Das Kribbeln, wenn das Adrenalin kommt. Dieser Nervenkitzel.

Konditioniert bis zum heutigen Tag. Rhababer ist mein Sinnbild für diese Kirche. Noch heute kann ich, wie neulich bei der Trauerfeier oder vor ein paar Jahren bei der kirchlichen Trauung von Freunden, jedes Wort mitbeten. Ich kenne die Abläufe. Ich kenne jeden einstudierten Dialog und verstehe, warum sie vielen Menschen Trost oder Halt geben.

Ich bin mit 14 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Nein, nicht wegen Rhabarber, sondern weil ich für meinen Glauben keine Kirche brauche. Ich bin tief gläubig. Frei von Kirche.

Bis auf diesen Rhabarber. Da merke ich, womit ich jahrelang aufgewachsen bin.

(Nein, das Rezept gibt es nicht. Ich habe mal kurz reingebissen, die Schnüss verzogen und habe es danach liegen lassen. Vielleicht ist Rhabarber mein strafender Blitz, meine Hölle ;) Rhabarber und ich, wir werden keine Freunde mehr. Aber ich glaube, ich besuch mal wieder den Pfarrgarten…)

EDIT: viele „r“ eingesetzt :D

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10 Gedanken zu “Rhabarber

  1. Das arme Gemüse (oder Obst?) hat übrigens auch noch ein R in der Mitte. Aber bei dem einschneidenen Kindheitserlebnis sei Dir verziehen. ;) (Und bei Meine liebt Omas Rhabarberkuchen, unglaublich, oder?)

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  2. Ich erteile Dir hiermit Absolution. Denn sich stengelweise ein wenig von dem zurückzuholen, was die (katholische) Kirche jahrhundertelang dem Volk abgepresst hat und noch abpresst, kann nur zutiefst gerecht sein.

    Schade nur, dass der Geschmack dieses herrlichen gemüses so gar nicht an Dich geht.

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  3. :lol: dank dir, für die schöne Geschichte vor dem schlafengehen :lol:

    …. ich hab heute noch überlegt, ob ich nich für näxtes Jahr noch einen Rhabarber für den Garten kaufe, meiner is schon alt und mag nicht mehr so richtig für Ertrag sorgen……. ich liebe dat Zeuchs… ich hab keinen geklaut, als ich klein war, aber wir haben manchmal immer 1 Stange geschenkt bekommen, von ner netten Frau aus so einem kleinen Tante-Emma-Laden…..

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