„Nur 5 Minuten“

Mein Tag müsste 36 Stunden haben. Dann, wenn ich alle „nur 5 Minuten am Tag“-Empfehlungen beherzigen würde, um meine Lebensqualität, meine Gesundheit oder meine Schönheit zu verbessern.

Es fängt morgens an mit den 5 Minuten Gymnastik im Bett, die man machen soll, um den Kreislauf in Schwung zu bringen und die Gelenke zu entknoten. Nur 5 Minuten, in denen ich mich katzengleich strecken und recken soll, in der Luft radfahren und wie kirre von links nach rechts rollen soll.

Nur 5 Minuten braucht die zusätzliche Zahnpflege mit schmelzaufbauendem Gelee, Munddusche und Zahnseide. Nur 5 Minuten zusätzlich. Mehr nicht. 5 Minuten, in denen ich mich seelisch darauf vorbereiten kann, dass meine Dusche wieder minimum 2 Stunden dauern wird, wenn ich alle 5 Minuten dort auslebe.

5 Minuten Intensivpflege fürs gestresste Haar, nur 5 Minuten Enthaarungscremeeinwirkzeit für die Beine und nur 5 Minuten für das Bearbeiten der Fußhornhaut mit Raspel, Pfeile, Motorsäge. Noch ein kurzes Peeling hinterher mit anschließender Cremedusche? Nur 5 Minuten.

Die Haare bitte striegeln und mit Intensivrepair behandeln (Einwirkzeit? Nur 5 Minuten) und dann nach dem Abtrocknen noch schnell die Dusche einsprühen mit dem Kalklösemittel mit Antischimmelfunktion und Abflussfreizusatz. Auch hier: nur 5 Minuten, dann abspülen.

Ich föne mir 5 Minuten die Haare und creme mich ein. 5 Minuten lang. 5 Minuten steh ich ratlos vor dem Kleiderschrank, um mich dann in 5 Minuten fertig anzuziehen.

Schuhe putzen – 5 Minuten. Noch kurz den Mantel imprägnieren (Richtig: 5 Minuten hängen lassen) und dann einen Tee trinken. 5 Minuten Ziehzeit. 5 Minuten brauch ich für den Joghurt mit weniger als 5% Fettanteil und würde ich noch rauchen, wäre meine Kippenzeit auch 5 Minuten.

Schnelltrocknender Nagellack (5 Minuten), die Gesichtsmaske (5 Minuten), die Pickelpads zum Mitesserziehen (5 Minuten), der Weg zur S-Bahn (5 Minuten). Die Welt ist portioniert, in gleiche Zeitstückchen eingeteilt und häppchenweise verfüttert.

Nur 5 Minuten täglich bewusst Entspannen, 5 Minuten täglich Bürogymnastik, 5 Minuten Atempause. 5 Minuten Nackenlockern, 5 Minuten Schultern kreisen lassen und dann nur eben 5 Minuten für die Datensicherung. Das Leben macht mich 5.

5 ist Trümpf war mal ein Werbeslogan, den man durchaus auf das 5-Minuten-Leben anwenden kann. 5 Minuten Terrinen für 5 Minuten Pausen. Salat marinieren (5 Minuten).

Alles „dauert doch nicht lange, nur 5 Minütchen“. Die Umfrage am Telefon braucht nur eben 5 Minuten, die Nachbarn, die was möchten („Hast du mal 5 Minütchen Zeit?“) und das Treppenhaus saugt sich auch in 5 Minütchen. 5 Minuten den Fleckentferner einwirken lassen, 5 Minuten Spülmaschine ausräumen, 5 Minuten täglicher Zeitbedarf, um seine Finanzen zu ordnen und Einkäufe zu buchen. 5 Minuten Werbepause und nochmal dieselbe Zeit für die Trailer der kommenden Eigenproduktionen. 5 Minuten braucht der Snack, um in der Pfanne heiß gemacht zu werden, 5 Minuten Garzeit hier, 5 Minuten Garzeit dort.

Das Leben besteht aus 5 Minuten. Mehr, als in einen Tag reinpassen.

Nur beim Sex, verdammt nochmal, da brauchen die Leute selten länger als 2…

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3 Gedanken zu “„Nur 5 Minuten“

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