Telefon

Subhead: Mal ein kleiner Exkurs in die Welt der Erreichbarkeit.

Es gab eine Zeit, in der war ein Telefon ein Gerät, um wichtige Dinge, die nicht bis zum nächsten Treffen warten konnten, mitzuteilen. Oder diese Dinge mit Menschen zu teilen, die so weit entfernt waren, dass man sie selten traf.

Heute dient ein Telefon eher der Kurzweil. Und der ständigen Erreichbarkeit. Egal, wo wir sind, egal, was wir tun, unser Telefon begleitet uns und sichert uns jederzeit die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben. Alles muss direkt und sofort per Telefon erzählt oder geregelt werden.

Das Ding hat aber zwei Seiten. Denn so schön es ist zu wissen, dass man mitten auf der Autobahn der Oma Bescheid sagen kann, dass man im Stau steht und zu spät zum Essen kommt, so nervig ist es, wenn man für das Nichtanrufen oder Nichterreichbarsein einen Tadel riskiert.

Denn es gibt Menschen, die verwechseln Möglichkeit und Pflicht. Jeder mit Telefon hat die Möglichkeit, erreichbar zu sein. Nicht die Pflicht.

Und so nehme ich es mir tatsächlich heraus, ein klingelndes Telefon zu ignorieren. Auch, wenn es erst das Festnetz, dann das Handy ist. Und besonders dann, wenn ich gerade mit anderen Dingen beschäftigt bin oder keine Lust auf reden habe oder der Anrufer unter anonymer Nummer anruft.

In den meisten Fällen ist ein anonymer Anrufer ein Callcenter, das mir den Supergewinn, die neueste Frauenzeitschrift oder den besten Telefontarif anbieten möchte. Ein Anrufer sagte mir sogar mal, er würde die Nummer unterdrücken, weil so sein Anrufer nicht sehen könne, dass er es wäre. So hätte er eine höhere Chance, jemanden ans Telefon zu bekommen, der sonst nicht mit ihm reden wolle – Neugier siegt.

Der Nachteil der Rufnummernübermittlung ist, dass der Anrufer ernsthaft meint, man müsse schnellstens zurückrufen. Man würde ja schließlich sehen, dass derjenige angerufen hat. Was mir auch egal ist. Denn wenn mich jemand anruft, möchte er was von mir. Dann kann er auch nochmal anrufen, wenn es wichtig ist.

Diese Grundhaltung hat mich schon häufiger in die Situation gebracht, dass mir Leute Vorwürfe machten, dass ich nicht erreichbar wäre. „Ich hab bei dir angerufen. Kann dich nicht erreichen. Was soll das?“ oder „Du hast doch ein Handy, warum gehst du nicht ran?“ sind Fragen, auf die der Fragende nur die Antwort gelten lässt „Hatte es vergessen“ oder „nicht gehört“.

Aber wehe man wagt eine Antwort wie „Keine Lust dranzugehen“ oder „hatte was anderes zu tun“. Was in meinen Augen etwas völlig legitimes ist. Und da spielt es keine Rolle, was es ist. Wenn jemand gerade seine Fußnägel schneiden möchte oder Karaoke singen, dann muss er für mich nicht erreichbar sein, wenn er das nicht möchte.

Diese Forderungshaltung von Anrufern, man müsse dran gehen, weil man es kann, geht mir ebenso auf den Zeiger, wie das Selbstverständnis von Anrufern, mich mit unterdrückter Nummer zur Hörerabnahme zwingen zu wollen.

Leute, auch 2011 nehme ich mir mein Recht heraus, nicht ans Telefon zu gehen. Egal bei wem. Und wem es nicht passt, der braucht nicht anzurufen. Oder muss damit rechnen, dass ich bei ihm zur Abendbrotzeit oder nachts einfach mal an die Tür klopfe, weil ich was ihm was sagen will. Und dann randaliere, weil ich ihn störe.

So.

 

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31 Gedanken zu “Telefon

  1. GENAU! So halten wir es auch. Ich verweigere mich dem Handy komplett und der Herr Kampi hat es für den Notfall. Ansonsten sind wir jederzeit sowohl geschäftlich als auch privat über Festnetz zu erreichen. Und unsere Freunde wissen, wenn wir da nicht ran gehen, hat das einen Grund!
    Und was alle anderen denken, ist uns völlig egal!

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  2. Richtig so.

    Am besten sind immer noch die, die einen erst auf dem Festnetz anrufen und dann, weil besetzt ist, sofort danach auf dem Handy. Aber klar, ich hab ja zwei Ohren, da kann ich auch mit zwei Menschen gleichzeitig telefonieren.

    Ich mache das genau wie Du inzwischen – das erhält einem die geistige Gesundheit. ;-)

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  3. Ach, Callcenter rufen doch nicht mit unterdrückter Nummer an. Das dürfen die doch gar nicht und halten sich doch auch an die Gesetze ;)

    Ansonste unterschriebe ich auch einfach mal so …

    Das schönste am Handy sind übrigens die Fragen, die es früher am Telefon nie gegeben hätte: „Wo bist du gerade?“ – „Ja wo wohl, im Wohnzimmer. Da wo das Telefon steht!“

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  4. Für mich ist immer noch die Quatschbox (AB) die besten Lösung . Damit man genau weiß, warum ich/wir nicht dran gehe/n, habe ich drauf gesprochen: …habe im Moment keine Zeit zu Telefonieren. Bitte Nachricht hinterlassen…etc…
    Seitdem geht das bei uns ganz gut. Und das Handy ist ausschließlich an, wenn der Göttergatte und ich uns erreichen wollen während wir an verschiedenen Orten sind.
    Resumée: nicht ärgern und alles weiter so machen wie bisher! Glückwunsch!

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  5. Da würde ich mich ebenfalls gerne anschließen wollen. Allerdings wäre ein AB für mich der blanke Horror. Mich nerven am meisten die Leute, die erst auf dem Festnetz und dann auf dem Handy anrufen, dann dort ne Nachricht auf der Mailbox hinterlassen und ne Viertelstune später noch 2 SMS schicken.
    Mein Unmut darüber könnte allerdings auch daran liegen, dass ich in dieser eigentlich so fortzuschrittlichen Welt bloß über eine Prepaid-Karte für mein Handy verfüge und mich somit jede Abfrage der Mailbox Geld kostet.
    Diese ständige Erreichbarkeit ist wirklich schrecklich, aber wenn ich gerade mal nicht telefonieren möchte, dann kann ich da auch ganz schön stur sein. Vibrationsalarm kann man ohne Probleme ignorieren! ;-)

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  6. @Kirsten: Ooooh ja. Die hab ich ja auch gerne. „Ich dachte, ich ruf mal auf dem Handy an, falls Du den Hörer nicht aufgelegt hast.“ Und wenn, dann vielleicht aus gutem Grund.

    @ Papa: Wie kämen die da drauf, die Callcenter. Niiie im Leben täten die das. Und wenn, dann natürlich nur aus Versehen.

    @Elkes-Sylvia: Ein AB ist für mich dasselbe in grün. Denn der Anrufer erwartet von mir, dass ich dann sofort zurückrufe. Oder mich sofort darum kümmere. Alles schon gehabt.

    Es gab bei uns sogar schon beruflich Auseinandersetzungen, weil jemand am Wochenende auf den AB gesprochen hat und das als Garant dafür nahm, dass ich auch am Wochenende die Sache erledige – und dann wütend wurde, als ich mich erst am Montag dran setzte. Ein AB ist für viele eben dasselbe, wie „hab ich erreicht“.

    Daher wurde der AB bei uns ebenfalls abgeschafft. Ersatzlos.

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  7. Dem kann ich nur zustimmen. Wenn ich nicht ans Telefon gehe, dann gehe ich nicht ran und das hat IMMER einen Grund, im Zweifel den, dass ich keine Lust habe, zu telefonieren.

    Da ich tagsüber im Büro immer erreichbar bin, kann mich jeder zu einer angemessenen Zeit erreichen. Meine Handy-Nummer haben daher nur ausgewählte zwei Handvoll Leute. Das macht die Nutzung sehr angenehm. Sollte jemand darauf anrufen, weil er sich geistesgegenwärtig die Nummer notiert hat, als ich einmal angerufen habe, bin ich bestimmt nicht erreichbar. ;)

    In diesem Kreis fehlt mir noch die eMail. Die Leute glauben auch immer, dass man per eMail ständig erreichbar ist. Sorry, Pech gehabt. Ich öffne das Programm mehrmals täglich, sicher, aber ganz bestimmt habe ich keinen „Melder“, der mir anzeigt, ich hätte eine neue Nachricht bekommen. Das würde meine Neugier tatsächlich wecken und mich von der Arbeit abhalten. Also müssen alle schön warten, bis ich mir wieder Zeit nehme, reinzuschauen.

    Da aber jeder Mandant von mir erwartet, dass ich ihm meine volle Aufmerksamkeit widme, habe ich für mein Telefonverhalten noch keine Kritik geerntet. Schließlich kann ich mich schwer auf deren Probleme konzentrieren, wenn ich bei Aldi die Ware vom Laufband in die Tasche sortiere.

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  8. DANKE! Es ist Zeit, dass das mal jemand sagt. Genau so sehe ich das auch.

    Und wenn mich jemand „ein paar Wochen lang“ nicht erreicht (und ich sehe, dass er nur 2x angerufen hat), kann er auch eine Postkarte schreiben, dass ich mal zurückrufen soll.

    AB hab‘ ich kürzlich auch abgeschafft. Sklaventum ist abgeschafft und ich bin kein Sklave dieser neuen Medien, sondern Herr bzw. Frau meiner Zeit.

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  9. @Lucky Jack: Der Witz ist, dass es viele im Gespräch als unhöflich ansehen, wenn man ans Telefon geht, sobald es klingelt. Andersherum wollen sie, dass man jederzeit dran geht, egal ob man im Gespräch ist oder nicht. So kenn ich es leider. Ähnlich ist es im Job: ich werde nach Stunde bezahlt. Jede Unterbrechung bringt Zeitverlust, da ich mich danach wieder ein paar Minuten einarbeiten muss – falls es überhaupt noch geht und die Konzentration nicht komplett flöten gegangen ist. Trotzdem möchten viele den „rund um die Uhr sofort erreichbar“-Service. Das passt einfach nicht.

    @Barbara: Ich bin tatsächlich meistens auf einem der zahllosen Wege erreichbar, sofern ich nicht im Gespräch oder bei anderen Dingen bin, bei denen ich nicht erreichbar sein möchte ;) Daher ist es mir eben auch so wichtig, mir die Freiheit zu nehmen, nicht dranzugehen. Genau das von Dir genannten Sklaventum durch die technischen Möglichkeiten ist einfach krank in unserer Zeit.

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  10. Jau, volle Zustimmung! Wenn ich arbeite, dann häufig mit Maus und Stinkefinger links, mit dem ich irgendeine alt- oder shift-Taste drücke. Und das Hirn ist voll am Pixel dressieren. Womit, bitteschön, soll ich denn dann noch telefonieren? Ich kann aber in aller Ruhe Mails oder auch SMS lesen und beantworten, wann ich will. Ich finde es toll, in einem Zeitalter zu leben, das mir alle Kommunikationsmöglichkeiten bietet und nehme mir die Freiheit, diejenigen zu nutzen wann es mir passt. Sollte in Zukunft aber noch das Beamen/Teleportieren dazukommen und meine Schwiegermama plötzlich neben mir stehen (um zu erfahren, warum ich nicht zurückrufe), melde ich mich komplett ab …

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  11. Schön auch diese Besprechungen, in denen jeder erstmal sein Handy auf dem Tisch postiert, um, wenn es klingelt, sofort ranzugehen und zu verkünden „ich bin gerade in ’nem Meeting…. ja, ja, busy, busy, busy…..doch, der hat mich erreicht….. ist von nächstem Donnerstag auf übernächsten Mittwoch verschoben worden…. ach, da kannst Du nicht?…. Nach der dritten Unterbrechung dieser Art kann man generell von vorne anfangen – bis das nächste Handy klingelt, oder jemand hektisch irgendwelche, zweifelsohne hochwichtigen, SMS‘ beantwortet „macht ruhig weiter, ich krieg‘ das schon mit…“
    Mit Fassungslosigkeit quittiert wurde neulich die Tatsache, dass ein Bekannter bis heute kein Handy besitzt, doch seinen Angaben zufolge braucht er auch keins „ich hab‘ doch ’ne Sekretärin“. Der Glückliche!

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  12. Genau so.
    Bei mir kommt noch dazu, dass ich einfach schon deswegen oft nicht erreichbar bin, weil ich vergesse, mein ansonsten heißgeliebtes Smartphone aufzuladen (das mit den Akkulaufzeiten ist wirklich so ein Punkt, der verbesserungswürdig ist..). Wenn es mir nun unglaublich wichtig wäre, würde ich das bestimmt nicht vergessen, aber – eben, meist muss ich nicht erreichbar sein. Manchmal will ich, sonst eben nicht. Manchmal ist es auch aufgeladen und ich lasse es einfach zuhause. Und genau wie Du beschrieben hast, kriege ich dann von allen Seiten getadelt, weil ich einen Tag lang! nicht zurückgerufen hätte oder nicht erreichbar war. Na, meinetwegen. Dafür ist meine Handyrechnung bis auf die Internetflatrate fast nicht vorhanden :)

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  13. Ja Ja Ja so ist das mit den Telefonen. Ich hab das auch schon lange eingestellt. Wenn ich unterwegs bin hat nur meine Freundin ein Handy dabei und das auch nur für den Notfall! Und meine Freunde und Bekannte rufen schon garnicht mehr auf meinem Handy an, da sie inzwischen gelernt haben das ich dort noch weniger erreichbar bin wie auf dem Festnetz.

    Das resultat ist das ich seit einigen Jahren 200 Euro weniger Telefonkosten pro Monat habe und meine Freizeit entspannt mit den Leuten genießen kann mit denen ich gerade unterwegs bin.

    Callcenter verwirre ich entweder mit unsinnigem Gelaber oder lege gleich wieder auf, seitem werden diese Anrufe auch immer weniger.

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  14. Hach, ich fühle mich ertappt. Kann nur von ganzem Herzen zustimmen, vor allem diese Rufnummerunterdrückung find ich ganz fürchterlich. Wenn man jemanden sprechen will, kann man ihn doch auch wissen lassen, wer man ist.

    Blöd wird’s, wenn man Verwandte hat, die einen gleich auf Monate böse sind, wenn man mal nicht in der geforderten Weise reagiert. Letztes Jahr zum Geburstag ging ich nicht ans Telefon, als meine Tante anrief, weil ich Gäste hatte. Da sie es kein zweites Mal versuchte, telefonierte ich ihr anschließend drei Tage hinterher, nur damit sie nicht sauer ist. Glückwünsche bekam ich übrigens keine mehr.

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    1. @Amblah: Versteh ich nicht, warum man da hinterher telefonieren muss. Wenn jemand wegen sowas beleidigt ist, ist es sein Problem, nicht meins. Wenn jemand kein Verständnis dafür hat, dass ich nicht sofort springe, wenn er anruft, brauch er sich gar nicht melden. Dressieren lasse ich mich nicht.

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  15. Volle Zustimmung! Besser kann man das nicht ausdrücken. Nervig finde ich die Leute, die einen mitten im Gespräch mit den Worten „Moment mal bitte“ abwürgen, das Handy aus der Tasche kramen und dann erstmal das Gespräch dort weiterführen.

    Neulich ist mir das mal im Job passiert (ich bin Einkäufer)- MEIN Gespräch war an dieser Stelle sofort beendet und der Aussendienstmitarbeiter sah sich plötzlich alleine am Tisch sitzen.

    Ich wäre wirklich froh, wenn viele Leute das wie in Deinem Beitrag sehen würden- dann wäre vieles im Umgang miteinander wieder einfacher.

    Schönen, kommunikations- streßfreien Tag,
    Ralf

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  16. Ich bin erstaunt, auf wie viel positive Kommentare ich hier treffe, höre ich im normalen Alltag eher das Gegenteil. Oder darf es erleben.

    Ralf, für mich auch ein absolutes „Geht gar nicht“ ist das Telefonat im Gespräch. Es ist ein Zeichen von Unhöflichkeit und Respektlosigkeit dem Gesprächspartner gegenüber, wenn man das Gespräch unterbricht. Handy aus im Kundengespräch – oder auf Vibration – und später zurück rufen. Jeder Kunde hat ein Recht auf meine 100prozentige Aufmerksamkeit, wenn ich bei ihm bin. Er zahlt schließlich in dem Moment meine Zeit.

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