Kräutersüppchen und Schwalbentattoos

Mit gesteigerter Irritation stelle ich fest, dass die Uniformisierung meiner Generation wieder um sich greift. Und ich hatte die Hoffnung, dass das mit den Neonschuhbändern und den hochgesprayten Ponys vorbei sei. Aber nein, es gibt diese merkwürdigen Fraumädchen, die sich zum Beispiel in sozialen Netzwerken zusammenrotten und ihre Schwarzgestellbrillen in die Kamera halten.

Da sind erwachsene Frauen, viele sogar mit Kindern, die ihre naiv-niedliche Seite als Lebensmotto zur Schau stellen. Da werden lustige Punkte und Krägelchen mit Spitze getragen, bunte Sofakissenbilder in rosa und gelb gepostet und man erwartet sie mit Lolli im Mund und Zöpfchen an der Seite auf ihren Schaukeln zu sehen und dümmlich in die Kamera zu grinsen.

Diese Frauen interessieren sich in erster Linie für eins: sich selbst. Danach folgen alle Boards auf Pinterest, auf denen es um shabby chic, Motivtapeten, nordeuropäisches Inneneinrichtungsdesign in weiß, Gebrauchtgeschirr und Fotos mit Weichzeichneroptik, Gegenlicht und Blumenmotiv geht. Oder auch um einen abgewrackten Stadtteil einer beliebigen Großstadt, in den man dann für ein total künstlerisch schönes Foto eine dieser Kindfrauen in Mädchenkleid mit Gerberablumentopf stellt für ein Foto.

Die Verniedlichung der erwachsenen Frau. Vercupcakisierung auf ganzer Linie.

Frauen erfüllen sich Kleinmädchenträume in Prinzessinnenoptik. Natürlich muss für den Erotiktouch noch dicke Schminke aufgetragen und Kussmund antrainiert werden, die dann versucht lasziv in die Kamera gehalten werden.

Heraus kommt eine Armee der immergleichen Motive. Bei Facebook zum Beispiel grienen mich aus der Timeline unzählige Weibchen an, die alle gleich aussehen: Undone-Frisur, Schnutenmund, schwarzes Brillengestell, gerne was mit Schnurrbartmotiv, Oberteil mit Motivdruck (vielleicht ist Bambi the next big thing?) und das obligatorische Tattoo. Natürlich so klein, dass es nicht wirklich auffällt. Und an einer dieser Stellen, wo ein Tattoo jetzt sein muss: Oberarminnenseite, Handgelenkinnenseite, Nacken. Aber bitte unter den Haaren.

Vorbei die Zeiten, als gute Tattoos auf Oberarmen, Unterschenkeln und Rücken gezeigt wurden. Nein, die Dame von Internet trägt kleine Vögelchen tätowiert. Oder einen Schriftzug mit einem Zitat. Oder einfach nur den Namen ihrer Kinder. Hachz. Kleinerdrei. Seufz. Zuckerhonigsupersüß.

Vögelchen auf Handgelenken sind die neuen Knöchelrosen. Zitate in geschwungener Handschrift die neuen Schulterblattdelfine.

Leider tun das alle. Die Individualisierung des Stils als Uniform für die Massen. Und alle sehen wieder gleich aus, nachdem sie sich so große Mühe gegeben haben, anders zu sein. Der Style wird akribisch durchgeplant und der Lebensinhalt scheint sich dem äußeren Bild anzupassen, das erzeugt werden soll.

Als ich vor einigen Tagen beim Frisör saß, waren neben mir drei männliche Jugendliche, vielleicht 17 Jahre alt. Vielleicht auch schon 18–19. Und was soll ich sagen: sie wollten alle den gleichen Haarschnitt. So einen Undercut für Männer. Nun ist der Undercut schon seit Gomez das Turnier nicht gewann out und wenn, wie die Frisörin erzählte, am Tag 15 Jungs kommen, um sich diesen einen Schnitt verpassen zu lassen, dann kann man davon ausgehen, dass echte männliche Hipster *muharharhar* sicher bald den Bob tragen.

Wohin man schaut, sieht man Stereotypen. Egal, ob in der Großstadt oder auf dem Dorf. Alle sehen gleich aus. Alle möchten das gleiche tragen, alle möchten gleich grenzdebil in die Kamera posen und ich bin für die Einführung von Namenstattoos auf der Stirn, damit ich überhaupt noch erkennen kann, wer wer ist. In den sozialen Netzwerken steht zum Glück der Name neben dem Foto. Und ein Link.

Damit ich direkt weiß, wen ich ausblenden muss.

Eigentlich wollte ich nur dieses Kräutersüppchenrezept präsentieren – und stelle fest, dass ich es nicht habe. Der Mann hat es und der ist gerade nicht greifbar. Also gibt es nur das Foto und den Hinweis dazu, dass unter anderem Estragon drin war.

Eat this, Zuckerpuppe. Ich geh mir jetzt die Haare föhnen.

KräutersuppemitBeilage

Advertisements

16 Gedanken zu “Kräutersüppchen und Schwalbentattoos

  1. Könnten Sie das Rezept bitte später noch posten? Das sieht sehr, sehr lecker aus.
    Ja, ja, die lustigen Weiberl. Es geht doch nichts über bunte Röckchen und flatternde Kleidchen mit bunten Schühchen. Es macht eine Frau von 50 glatt um 1 Jahr jünger.

    Gefällt mir

  2. Ach das war zu meiner Zeit doch auch nicht anders. Meine Freunde sahen auch alle gleich aus, trugen die gleichen Klamotten (nämlich Levis-Jeans und Adidas-Turnschuhe), hatten die gleiche Frisur! Jetzt, 30 Jahre später, kann ich sagen: Individualität kommt mit den Jahren :)
    Einen schönen Abend
    Gabs

    Gefällt mir

  3. :)
    ach du. <3

    (wenn ihr denn ma kommt, was grossartig wäre, dann möchte ich unbedingt bei einszweidrei martinis genau über dieses thema mit dir quatschen!)

    Gefällt mir

  4. Das macht mir Angst, Gabs… ;)
    Und ich bin fast ein bisschen froh, dass mir kein Schnurrbart wächst.

    Apropos Schnurrbart: Vollbärte sind ja auch so ein Trend, der mich irritiert. Wann wohl die Pornobalken wiederkommen?

    Gefällt mir

  5. Bravo!
    Duckface, Lolita-Schick: Müssen wir Frauen sooo große Angst vor dem Altern haben?
    Dem gegenüber dann vollbärtige Männer, die damit älter aussehen (wollen). Dazu noch so eine auf niedlich Getrimmte und das Sugar-Daddy-Image ist perfekt.
    Zu den Stirn-Tattoos dann bitte noch ein Zeichen-Code, damit sich das Püppi und der zugehörige Vollbart auch wiederfinden.
    Ich las übrigens statt „Individualität kommt mit den Jahren“ Individualität kommt in die Jahre.

    Gefällt mir

  6. schöner blog hier, gefällt mir !
    und zu diesem thema :

    dann doch lieber so :

    be the kind of woman
    that when your feet
    hit the floor each morning
    the devil says
    “ oh crap, she´s up “
    :-)

    Gefällt mir

  7. Da schaue ich hier mal wieder vorbei und musste über diesen Beitrag jetzt sage und schreib 5 Minuten lachen. Und tu es immernoch.
    Die anderen Beiträge sollte ich wohl dosieren, dass ich an anderen Tagen auch noch was zu lachen habe.

    HERRLICH!

    Gefällt mir

  8. Danke! DankeDankeDanke!

    (Ähnlich verwirrend finde ich Berichte von eingefrorenen/aufgetauten/fotografierten/umhäkelten/verbackenen Plazenten. Brrr.)

    LG

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s