Das Reihenhaus

Wir werden älter. Und langweiliger. Mein Indikator dafür ist das Reihenhaus, das in meinem Freundeskreis immer häufiger ein Thema ist. Das Reihenhaus als Zwischending zwischen eigenem Haus und Mietwohnung. Ein bisschen was von Beidem, ein Wohnzwitter.

Neulich schrieb ein alter Bekannter, er wohne jetzt in einem Reihenhaus. Nicht sein Traum. Aber Reihenhaus und Traum würden sich ja schon von Natur aus ausschließen. Diese kleine Erklärung, dieser „ich bin gar nicht so konservativ, wie das wirkt“-Satz dazu, ist allen Reihenhausbewohner gemein. Sie entschuldigen sich, dass sie dort wohnen. Dafür, dass sie so geworden sind, wie sie es nie wollten, aber doch versuchen, nicht so zu werden, wie die Nachbarn es schon sind.

Die Beweggründe für den Bezug des wahr gewordenen 80er-Jahre-Traums? Auch dieselben: Platz. „Eine Wohnung in der Größe ist ja kaum zu finden. Fünf Zimmer mit zwei Kindern? Kein Vermieter nimmt und und bezahlen können wir es auch nicht.“ Und so zahlen sie fröhlich ihre Hausrate, buttern – hier im Rhein-Main-Gebiet – 380.000 Euro in eine Mietwohnung auf vier Etagen mit 130 qm Wohnraum, um dem Vermieter, der sie nicht haben wollte, eine lange Nase zu zeigen. Es freut sich der Bauträger.

Die Küche klein, der Flur unpraktisch. Das Treppenhaus offen vom Wohnzimmer aus, damit man alles schön heizen kann. Die Zimmer winzig, die Treppen zahlreich. Der Garten ist so groß wie zwei Balkone, dafür aber mit Rasen.

Die Freude währt so lange, der Rausch des Eigenheims hält an, bis es zum ersten Eklat mit dem Nachbarn kommt, der abends gern lang auf seiner Terrasse sitzt, die dummerweise so nah am eigenen Sofa ist, dass man besser Wert auf Schallschutzwände, statt auf Holzständerbauweise gelegt hätte.

Der Kater ist groß. Besonders wenn man noch sieht, wie grün der Rollrasen des Nachbarn ist, obwohl der viel seltener gießt.

Und ehe man sich’s versieht, ist man drin in der Spirale, vor der wir uns immer gewarnt haben. Im täglichen Kampf gegen die Kleingeistigkeit, die sich bei vielen parallel zum Hausbau einstellt. Es ist bei vielen Paaren ein ähnlicher Schritt, wie beim Kinderkriegen. Sie verändern sich. Ein Teil von ihnen stirbt, während der andere fröhlich Beifall klatscht, weil die Markise vom Nachbarn 20 Zentimeter kürzer ist als die eigene.

Es folgt das, was folgen muss: die Vorwürfe, so geworden zu sein, wie die eigenen Eltern. Man sammelt im Hobbykeller den gleichen Schrott, wie damals der Vater und in den Schränken hortet man Dinge, die man vielleicht noch mal braucht. Man hat ja Platz und Eigenheim. Den muss man dann auch nutzen. Dass in diesen Reihenhäusern ein Viertel des Wohnraums für Treppen draufgehen und die Zimmer, die man hat, so klein sind, dass man zwei mehr benötigt, um die Bettwäsche, die Gesellschaftsspiele, die Schuhe und die Winterklamotten unterzubekommen, ignorieren die Bauherren schnell.

Ich kenne wenige, die anders sind. Die meisten haben diese Stadien durchlebt. Und einige sind am Ende froh, wenn sie wieder zurückziehen in eine Mietwohnung, bei der sie wissen, dass der Nachbar dicht dran ist und hört, wenn man zu laut, nun, kocht. Der Druck ist weg. Den Platz brauch man auch nicht mehr, weil man sich von unwichtigen Dingen trennt.

Wann die Phase kommt, in der die Reihenhäuser keine Rolle mehr spielen? Ich weiß es nicht. Aber ich bin ein bisschen traurig, wenn sie kommt. Immerhin nehmen die mir dann die Wohnungen weg…

Von der Unfähigkeit einiger Menschen, die Wahrheit zu sagen oder die Konsequenzen zu ziehen.

Freunde kommen, Freunde gehen. Das ist der Lauf der Dinge. Wenige Freunde bleiben für immer. Über die möchte ich gar nicht sprechen, sondern eher über die, die zwar bleiben, aber eigentlich gehen möchten. Oder sollten.

Man hat lustige Zeiten erlebt, man hat nicht so gute Zeiten erlebt und irgendwann lebt man ein Leben, das mit dem anderen wenig zu tun hat. Die Berührungspunkte werden weniger und man verliert sich aus den Augen.

Wenn da nicht die Social Media-Kanäle wären. Über diese bekommt man doch so einiges mit und kann noch ein bisschen teilhaben am Leben des anderen, auch wenn es so fern des eigenen ist. Und damit der andere weiß, dass man noch dabei ist, drückt man mal verpflichtungslos den „gefällt mir“-Button.

Bis auch das aufhört.

Dann kommt der Moment, an dem ich mich frage: Wir besuchen uns nicht, wir telefonieren nicht, wir mailen nicht und wir drücken nicht mal mehr den Like-Button für den anderen. Ist es noch das, was man aufrecht erhalten möchte?

Ich entrümple meine Listen regelmäßig. Menschen, mit denen ich nichts mehr zu tun habe, die kein Interesse mehr an meinem Leben haben, auch wenn ich bei ihnen weiter like oder kommentiere, die fliegen raus.

Bei einigen Exemplaren merke ich aber, dass es mir schwer fällt, den Kontakt abzubrechen. Vielleicht, weil man doch einiges an Energie in die Freundschaft gesteckt hat und mit dem Herz noch dran hängt. Da steht dann die Frage im Raum, ob hier noch was zu kitten ist.

Ich versuche dann immer mal wieder, den Kontakt aufzubauen. Ich schreibe eine Nachricht mit Grüßen, einen Kommentar oder eine Mail. Wenn dieser Kontakt einseitig bleibt, ist es Zeit zu reagieren.

Und immer noch zögere ich bei den Kandidaten und belasse sie, wider besseren Wissens, dort, wo sie stehen: In der Freundesliste und in meinem Herzen.

Warum ich das tue, obwohl ich doch weiß, dass sie mein Leben nicht mehr interessiert? Oder sie sogar doof finden, was ich mache?

Ich glaube, weil ich bei ihnen die Verantwortung sehe, diese Freundschaft zu beenden. Wer kein Interesse mehr hat am anderen oder den Kontakt auf ein Minimum runterfährt, der soll auch den letzten Schritt gehen. Der soll auch die Konsequenzen ziehen und löschen. Der soll sich nicht hinter meiner Entschlossenheit verstecken können und im Notfall sagen „Hey, die hat das ja beendet…“, ungeachtet der Tatsache, dass von ihrer Seite aus so gut wie kein Versucht unternommen wurde, diese Freundschaft aufrecht zu erhalten.

Wer mich nicht will, soll gehen. So viel Anstand sollte sein.

Und wer den nicht hat, der soll weiter meine Katzenbilder und die Fotos von Essen ertragen. Da muss er durch.

Gespräche und Monologe

Dieser Blogpost handelt von der Unfähigkeit vieler Menschen, ein Gespräch zu führen. Und mit Gespräch meine ich wirklich das Interagieren mit einer andere Person und das Reagieren auf das Gesagte.

Hier scheint es bei vielen Menschen ein großes Defizit zu geben. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es vielen nicht möglich ist, auf das, was man sagt, einzugehen.

Hören sie nicht hin? Hören sie nicht zu? Finden sie das Gegenüber so langweilig, dass es sie nicht interessiert, was der andere sagt? Aber warum interessiert es sie auch nicht, wenn der andere zu dem Thema was sagt, was sie gerade angesprochen haben?

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder erleben dürfen, wie sich mein Gegenüber mitten im Gespräch umdreht und zu jemand anderem was völlig anderes sagt. Oder überhaupt nicht auf das eingeht, was ich gerade erzählt oder gesagt habe, sondern mit etwas kommt, was nichts damit zu tun hat.

Gestern war wieder so eine Situation, in der mein Mann einen Bekannten zu einem medizinischen Thema etwas fragte, dieser was dazu sagte, mein Mann dazu was fragte – und der Bekannte sagte, er müsse noch seinen Anhänger verkaufen.

Mir signalisiert so ein Verhalten vor allem Desinteresse, Unaufmerksamkeit.

Immer häufiger fällt mir auf, dass die Menschen einem jeden Sermon erzählen möchten, aber nicht mehr bereit sind, zuzuhören. Oder einem Thema mal mehr als zwei Sätze zu folgen. Ich höre von Problemen bei der Kindererziehung, Autoreparaturen, Jobproblemen, Hausrenovierungen, Tierhaarallergien und dem Einkauf der letzten Woche.

Wenn ich nachfrage, was sie denn gegen die Allergie unternehmen oder was die Erzieherin im Kindergarten dazu sagt oder wie sie das Problem mit der Kollegin angehen wollen, ernte ich: nichts. Oder direkt einen Themenwechsel.

In rasender Geschwindigkeit wird über dem Gegenüber alles rausgewürgt und verbal ausgekippt, aber nicht mehr zugehört, wenn eine Antwort kommt.

Wenn das Gegenüber von sich erzählt, ist spätestens beim zweiten Satz Schluss mit Aufmerksamkeit.

Früher, als wir noch jung waren und der Austausch über den Schwarm in der Schule aktuell war, haben wir uns stundenlang über das T-Shirt vom tollen Jungen aus der 8b unterhalten, über seine Hobbys informiert und darüber fabuliert, was wäre, wenn er uns ansprechen würde. Und es war so wichtig, was die beste Freundin dazu sagte, einem riet.

Einige Jahre später konnten wir stundenlang zusammen sitzen, Musik hören und uns über die Songs unterhalten. Die Texte analysieren oder uns fragen, warum es jetzt zwei Gitarristen gab in der Band. Und wir sprachen miteinander und hingen an den Lippen desjenigen, der was neues gelesen hatte.

Heutzutage entladen die Menschen ihr Füllhorn an Unverbindlichkeiten auf dem anderen, ohne Interesse daran, was derjenige dazu zu sagen hat. Wir informieren unser Gegenüber. Wir bellen uns Statusmeldungen entgegen, ohne auf die Kommentare zu warten. Und wenn wir sie doch bekommen und nicht ignorieren können, sind wir nicht in der Lage, mehr als ein Like zu produzieren.

Sich auseinander zu setzen mit dem, was der andere sagt? Sich wirklich mal dazu Gedanken zu machen oder nachzufragen? Fehlanzeige.

Jeder möchte seine Meinung kundtun, aber keiner möchte andere hören. Jeder möchte sich selbst darstellen, aber die wenigsten sind in der Lage, anderen bei ihrer Darstellung zuzuschauen, zu fragen, sich zu interessieren.

Ich merke, wie wichtig mir die Meinung meiner Mitmenschen ist, wenn ich an einem Thema knabbere, wenn mich etwas beschäftigt und ich die Für und Wider abwäge. Ich möchte mehr wissen zu Themen, als nur das Blabla der oberflächlichen Begegnung.

Ich möchte mit Menschen sprechen, mich austauschen, Gedanken weiterspinnen, Informationen austauschen und dadurch neue, andere Erkenntnisse gewinnen. Ich möchte Menschen zuhören, die was zu sagen haben und ihre Worte aufsaugen.

Doch die wenigsten sind noch in der Lage, einem Thema länger als zwei Sätze zu folgen. Egal, ob es ihr eigenes oder das eines anderen ist.

Es ist mir auch unverständlich, wie man sich als Freunde bezeichnen kann, wenn man nicht tun der Lage ist, einen Abend lang zu kommunizieren.

Ich sehe Menschen in Kneipen, Restaurants oder bei einem gemeinsamen Treffen zu Hause – und die Hälfte hat ihr Smartphone in der Hand und führt nebenher WhatsApp-Unterhaltungen oder schaut den Facebookstatus der anderen an. Für mich eine der schlimmsten Angewohnheiten von Menschen ist es geworden, im Gespräch auf sein Smartphone zu schauen.

Wir können uns ja mal ein paar Jahre zurückversetzen, als es die Dinger noch nicht gab und man zum Festnetzanschluss greifen musste, um zu hören, was der andere gerade tut. Man stelle sich nun vor, man sitzt zu viert, sechst oder acht am Tisch, es gab gerade ein leckeres Hauptgericht und alle sitzen glücklich und satt am Tisch mit ihrem Rotweinglas und sprechen über das Konzert, auf dem sie am Abend vorher waren oder irgendeine andere Sau, die gerade durchs Wohnzimmer getrieben wird.

Und zwei sitzen da und telefonieren mit dem Hörer am Ohr.

„Hallo, ich bin’s. Sitze hier gerade mit Freunden beim Essen. Ist lustig. War lecker.“
„Cool. Sitze gerade auf der Couch und gucke den neuen Film mit Schweighöfer.“
„Sehr fein.“

Der Mehrwert dieser Unterhaltung ist Null. Es hat nur eine Auswirkung: derjenige hat seinen Mitmenschen am Essenstisch signalisiert, dass er gerade mal was anderes zu tun hat, was ihn mehr interessiert.

Und so zieht es sich durch alle Bereiche. Der Versuch, mit seinem Gegenüber eine Unterhaltung zu einem Thema zu führen, scheitert meist an der Aufmerksamkeit nach zwei Minuten. Dann kommt das Smartphone, das Kind hat was lustiges gemacht oder es fällt dem anderen ein, was er zu Mittag gegessen hat.

Danke für das Gespräch.

Passiv-aktive Unterstützer

Ich bin ein Unterstützer.

Nicht immer mit meiner Kraft oder mit Zeit, aber oft mit Gesten und kleinen Aktionen.

Es gibt unfassbar viele Dinge, die ich befürworte und bei denen ich es gut finde, dass es Menschen gibt, die sich engagieren. Um mich selbst bei diesen ganzen Aktionen einbringen zu können, bräuchte mein Tag 48 Stunden und mein Konto Millionärs-Status. Beides fehlt.

So sehe ich Tasso, Pro-Hebammen-Unterstützer, Compact gegen TTIP, Pro-Asyl-Verbände, den Verein zur Unterstützung der Schulmensa der Dorfschule Puselduseldorf oder die Leute, die sich voller Herzblut der Rettung der Kulturstätte in der Innenstadt widmen. Und ich möchte am liebsten bei allen mitmachen.

Mir fehlt die Zeit. Und das Geld.

Und so unterschreibe ich Petitionen, like und teile deren Aktionen und verbreite die Botschaft dahinter auf möglichst vielen Kanälen, damit es vielleicht noch mehr Menschen erreicht, die Zeit oder Geld investieren können. Oder um zu sensibilisieren.

Manchmal unterstütze ich aber auch nur optisch, in dem ich z.B. mein Profilbild ändere, wenn ich das Gefühl habe, dass ich damit ein Zeichen setzen kann. Ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit oder für Solidarität.

Das war bei den Anschlägen auf Charlie Hebdo der Fall („Je suis Charlie“) oder wie kürzlich der Entscheid des Supreme Court in den USA zur Legalisierung der „Homo-Ehe“. Bei beiden konnte und wollte ich Flagge zeigen, ein Statement abgeben und jedem sofort zeigen, egal ob Freund oder Fein, wie ich zu dieser oder jener Sache stehe.

Die einfachste Art und Weise, Symphatie und Solidarität zu zeigen.

Ich habe mir im zweiten Fall vorgestellt, wie überall auf der Welt Gegner von Homosexualität diese ganzen in Regenbogen-Farben getauchten Profilbilder auf Facebook sehen mussten und vor Augen geführt bekommen haben, wie viele ihren Standpunkt nicht teilen. Um die Welt ging Arnold Schwarzeneggers Regenbogen-Statement und seine Reaktion auf einen dadurch entsetzten Mann: Sein „Hasta la vista!“ aus Terminator.

Leider gesellen sich zu den Flagge-Zeigern und „Neutralen“ auch immer diejenigen, die solche Aktionen kritisieren. Nicht fachlich, wohlgemerkt. Sondern das Prinzip. Was man damit denn erreichen wolle? Warum man als Hetero so tun würde, als ob man was mit Homos und deren Ehe in den USA zu tun habe? Wie albern es sei, das PR-Tun von Facebook mit der Bereitstellung des Regenbogen-Flaggen-„Tools“ auch noch zu unterstützen? Und, und, und…

Ich bin in solchen Momenten hin- und hergerissen zwischen Jaja und Oha. Zum Einen glaube ich, dass eine Demokratie andere Meinungen und Äußerungen aushalten muss. Jeder, der öffentlich Stellung bezieht, muss damit rechnen, dass jemand anderes öffentlich Gegenstellung bezieht. Besonders im Online-Bereich hat das bei einigen Gesellen ja schon fast manische Züge angenommen und man kann davon ausgehen, dass sich immer irgendjemand findet, der rumstänkern möchte. Oder eben einfach auch was dazu sagen möchte.

Zum Anderen verstehe ich nicht, woran sich jemand stört, wenn ich eine Regenbogenflagge zeige als persönliches Profilbild? Es gibt Profilbilder mit Stofftieren, bis zur Unkenntlichkeit verfilterten Selfies, Schnappschüssen vor Urlaubskulisse oder nur vom Oberkörper (wobei ich da immer froh bin, dass es nur der ist…). Alle diese Bilder fordern nicht so starke Reaktionen hervor, wie ein politisches oder gesellschaftliches Statement. Und das, obwohl es die Kommentatoren weder betrifft noch Auswirkungen auf sie hat.

Außer, wenn sie homophob sind oder Regenbogen hassen.

Womit wir wieder da sind: Ich stelle mir vor, wie überall auf der Welt die Leute von Statement-Profilbildern überschwemmt werden und sehen, wie viele Menschen etwas unterstützen, was sie selbst doof finden.

Und damit habe ich schon meinen persönlichen Grund gefunden, damit weiterzumachen: Flagge zeigen.

Manchmal bewirkt so ein Statement ja mehr, als man denkt. Vielleicht sogar mal ein Umdenken. Oder dass jemand zum Unterstützer wird und eine gute Sache voran bringt.