Warum Lästerer so oft mit allem durchkommen.

Vorweg: ich habe keine Ahnung.

Aber ich möchte über diese Spezies schreiben, die wohl jeder kennt. Den Typus Mensch, der hetzt und intrigiert, der mobbt und stichelt – und trotzdem derjenige ist, der im Job weiterkommt, in der Clique angesehen ist.

Da gibt es also in einer Gruppe von Menschen den einen, der sich für etwas besseres hält. Der meint, dass er alles besser kann und nur selten in der Lage ist, seine Fehler einzugestehen oder überhaupt zu sehen. Dieser eine Mensch, nennen wir ihn Alpha, der zwei Gesichter hat. Ein lächelndes, freundliches, verbindliches – und ein sehr hässliches.

Der verbindliche Teil von Alpha gibt dem Gegenüber das Gefühl, dass er was besonderes sei. Nein, nicht durch Sahnebonbons, sondern durch Aufmerksamkeit. Die Person wird eingeweiht, in den „inneren Zirkel“ gelassen und bekommt das Gefühl vermittelt, dass es ebenso hoch gestellt sei, wie Alpha.

Vergleichbar vielleicht mit den Cliquen der Schule. Es gab „die“ Clique, zu der alle gehören wollten. In der die coolen Typen waren und die Mädchen, wie die alle anderen sein wollten. Die Alphas waren die Anführer davon. Sie waren es gewohnt, den Ton anzugeben und den anderen zu zeigen, wo es lang geht.

Jedoch meist zu ihrem eigenen Nutzen und selten zum Nutzen der Sache oder Gemeinschaft.

Dieser Typ Mensch schafft es, andere mit Verbindlichkeiten einzunehmen und für sich zu gewinnen. Sie lullen ein. Sie umgarnen andere und vollführen dabei einen Eiertanz, der seinesgleichen sucht. Denn immer, wenn jemand sich gegen sie stellt, der an höherer Position ist, fangen sie an zu lästern. Zielsicher finden sie die Schwachstelle des Gegenübers, seine Achillesferse, seinen wunden Punkt. Und dann beginnen sie.

Ihre Waffen sind Lästern und Einlullen. Funktioniert das eine nicht, beginnen sie mit dem anderen. Das Gegenüber fällt nicht auf sie rein oder macht nicht, was sie wollen? Ist in der Position beruflich höher gestellt oder kritisiert? Dann wird gelästert. Hinten rum. Erst in kleine Dosen und bei denen, die empfänglich sind fürs Einlullen. Denen wird mit diesem „ich zieh dich ins Vertrauen und erzähl dir, wie böse und ungerecht die anderen sind“-Gerede wieder das Gefühl gegeben, im inneren Kreis zu sein. Etwas besonderes. Hierbei werden Tatsachen, die gegen Alpha selber sprechen, völlig außen vor gelassen.

So gewinnen sie Gefolgschaft. Menschen, die ihnen immer wieder versichern, wie toll sie seien und natürlich die anderen die Bösen. Kritik wird nicht geduldet.

Wenn ein Rudeltier (und Ihr merkt, dass ich jetzt schon in den nahe gelegenen Tiervergleich starte) aus der Herde ausbricht und das Asphaltier kritisiert oder jemand anderem Recht gibt, vielleicht Argumente dagegen bringt, bekommt es die gleiche Behandlung zu teil, wie „Außenstehende“. Lästern. Schlecht machen. Es wird aus der Gruppe ausgeschlossen.

Alpha braucht Claqueure. Alpha braucht Menschen um sich, die ihm zustimmen in dem, was Alpha tut. Sonst nichts.

Es ist eine Symbiose, die da entsteht, eine Gruppendynamik, die gefährlich ist, weil der sachliche Umgang miteinander verloren geht und Konflikte nicht mehr gelöst werden können. Alpha bekommt Bestätigung für sein Handeln durch diejenigen, die Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen durch denjenigen, der das Sagen hat.

Zuwiderhandlungen werden bestraft durch Nichtachtung, Herabwürdigung und dem Ausblenden des Konflikt- oder Diskussionsgrund zugunsten einer generalisierten Verurteilung. „Majestätsbeleidigung“ wurde auch mit Tod bestraft.

Dieses Verhalten im Kleinen oder Großen kann jeder immer wieder beobachten. Im Job, im Privaten, im Verein, in der Politik.

Was mich daran aber wirklich ärgert, ist die Tatsache, dass so viele von diesen Alphas damit durchkommen, weiterkommen und nicht nur ihrem Umfeld und der Sache (z.B. im Job) schaden, sondern sich durch die natürlich fehlenden Kritiken noch im Recht fühlen. Denn Kritik am Alpha findet nicht statt. Und wenn doch, mit Konsequenzen.

Das Rad beginnt von vorne: Ausgrenzen, schlecht machen, Ruf schaden. Der Kritiker, und mag er noch im Recht sein, hat keine Chance mehr auf Anerkennung im Job oder Umfeld von denen, die sich einlullen lassen. Seine Argumente werden nicht gehört. Er ist der Außenseiter. Der Böse. Derjenige, der nicht vom Rudel anerkannt ist.

Auch wieder eine Technik aus dem Tierreich: Das Opfertier/Beutetier wird von der Herde getrennt und dann gefressen, wenn es ohne Schutz dasteht.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Kinder und Jugendliche in der Schule die Hölle erleben, weil sie in den Weg eines Alphas geraten sind und nun ausbaden müssen, nicht ins Rudel zu passen oder zu wollen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Firmen schon gute Mitarbeiter und deren Fachwissen und Arbeitskraft verloren haben, weil ein Alpha den Mitarbeiter raus- oder kleingemobbt hat. Ich möchte nicht wissen, wie viele Projekte kaputt gegangen sind, weil Engagierte sich gegen Mobbing wehren mussten, statt die Energie ins Projekt stecken zu können. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen Zuspruch verloren haben, weil sie Opfer von Lästereien und Verleumdungen wurden.

Der Witz dabei ist eigentlich, dass die Alphas mit ihrem Verhalten zeigen, wie unsicher und verloren sie eigentlich sind. Sie brauchen Beifall, um zu sein, können mit Kritik nicht umgehen und selber nicht konstruktiv kritisieren. Häuptlinge, die Indianer brauchen, die sie abfeiern, weil sie eigentlich nicht das emotionale Zeug zum Häuptling haben.

Ich selbst durfte sowas schon erfahren und hören, dass immer noch mein Ruf geschädigt wird. Im Nachhinein. Obwohl ich schon längst nicht mehr im Fokus stehe oder mit der Sache zu tun habe.

Da scheint jemand also sehr bedroht von mir gewesen zu sein…

Armer, armer Alpha.

Die Sache mit der Kommunalpolitik.

Ich kann ja eine gewisse Politikverdrossenheit auf Bundesebene verstehen. Das Rumeiern der Parteien ist schwer zu ertragen, wirkliche Entscheidet fehlen und Typen sowieso. Die Riege der Politiker ist austauschbar geworden und kaum einer steht noch stellvertretend für seine Partei. Bei vielen, besonders denen der großen Koalition, muss man doch schwer überlegen, zu welcher Partei sie eigentlich gehören und was aus ihren einstigen Werten geworden ist.

Als ich Kind war, ja, das kam vor, wuchs ich in einem Genossen-Haushalt auf. Meine Mutter schwang das SPD-Parteibuch und war aktiv in der Kommunalpolitik. Das war zu einer Zeit, als Sozialdemokraten noch wussten, was das sozial bedeutet und Kommunalpolitik durchaus auch die Werte der großen Mutterpartei repräsentierte. Und anders herum.

Heute ist das anders.

Ich merke das nicht nur, weil meine Mutter immer noch aktiv in der Bezirksvertretung ihres Stadtteils ist und sich für die Belange einsetzt. Ich merke das auch, seit ich mich aus privaten Gründen in die Kommunalpolitik des Städtchens hier eingemischt habe.

Hier in den Ortsbeiräten, Ausschüssen und Stadtverordnetenversammlungen geht es tatsächlich noch um die Entscheidungen des täglichen Kleinstadtlebens. Sei es die Beleuchtung der Straße unten am Fluss oder den Abenteuerspielplatz. Es geht um Bebauung und Grünflächen, Sitzbänke und Quartiertsmanagement.

Und tatsächlich finde ich hier in der Kommunalpolitik durchaus die Werte wieder, für die die Parteien damals standen. Die Grünen kämpfen für Natur und Mensch, die Sozis für mehr soziale Verantwortung, die CDU irgendwie für alles und die FDP… ach, lassen wir das.

Und obwohl tatsächlich alle sich in den Gremien bekämpfen und diskutieren, die Wortmeldungen des anderen in Frage stellen oder mit Zwischenrufen boykottieren – bleibt unter dem Strich oft der Konsens. Selten habe ich erlebt, wie aus unterschiedlichen Sichtweisen ein gemeinsames Projekt wird.

Natürlich hat auch hier jede Fraktion wieder einen Schwerpunkt. Die einen legen Wert auf die Finanzierung, die anderen auf den integrativen Charakter. Doch genau so soll es doch sein. Ein Projekt, viele Sichtweisen und Anregungen.

Und plötzlich kann ich diese Politikverdrossenheit nicht mehr verstehen. Ich bekomme wieder Lust auf Politik und das Umsetzen von Ideen um eine Stadt und seine Bürger voran zu bringen.

Vielleicht sollte ich doch in die Fußstapfen meiner Mutter treten und ein Parteibuch schwingen. Ich bin mir nur noch nicht sicher, welches.