Biometrisch.

Ich betrete das Fotostudio, wild entschlossen mich in die Hände eines mir unbekannten Fotografen zu begeben. Die Mission ist heikel: ich benötige Passbilder. Biometrisch.

Was erstmal klingt wie ein simples Unterfangen, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Fallgrube der Eitelkeiten: dieses Bild wird mich die nächsten zehn Jahre begleiten. Jeder, der mich kontrolliert oder meine Personalien prüfen muss, wird auf dieses Bild starren. Entweder voller Ehrfurcht, weil ich es geschafft habe, verhältnismäßig ok auszusehen – oder voller Schrecken.

Letzteres hatte ich die letzten zehn Jahre.

Mein letztes biometrisches Passbild sah genau so aus. Biometrisch. Sonst aber auch nichts. Es war die Zeit, als Fotografen noch mit diesen Aufnahmen experimentierten, weil das ganze noch recht neu war. Es war noch eine Auszeichnung, wenn man diese Passbilder anfertigen konnte.

Leider vergaßen die meisten über die Biometrie ihr Handwerk und lieferten Mugshots vom Feinsten.

Mit dieser Angst im Nacken betrat ich das Fotostudio um die Ecke (nicht meine erste Wahl, aber ich habe Zeitnot und die erste Wahl zu). Der Herr hinter dem Schreibtisch begrüßt mich freundlich und fragt, ob ich eine Minute Zeit habe, er müsse nur noch den Hund fertig machen.

Ich blicke mich um und stelle fest, dass ich wirklich in einem Fotostudio und nicht in einem Schnellimbiss zweifelhaften Rufs gelandet bin und frage höflich zurück, ob er sein Mittagessen meine.

„Nein“, sagt er. Er meint das Porträt.

Ok, Hundeporträtfotograf. Es rumort in meinem Bauch und ich denke über Flucht nach. Zu spät. Ich werde schon nach hinten geleitet und darf mich hinstellen. Wenigstens nicht hinsetzen, das macht immer so eine schlechte Körperhaltung und das Doppelkinn freut sich.

Zackbummblitz. Das erste Bild.

„Oh“, sagt er. „Aber Augen sind zu. Darf ich sie korrigieren?“

Ich denke darüber nach, dass ich die Augen schon alleine öffnen kann, da dreht er meinen Kopf etwas nach unten. „Damit die Nasenlöcher nicht größer wirken“, erklärt er.

Oh, denke ich. Habe ich eine große Nase? Wenn er die gut ausleuchtet, sehe ich dann mal meine schiefe Nasenscheidewand? Habe ich dort Untermieter? Und warum zahlen …

Zackbummblitz. Das zweite, dritte und vierte Bild.

„Ein bisschen freundlicher gucken. Denken sie an was schönes.“

Ich denke über alle mir bekannten Möglichkeiten nach, wie man einen Fotografen umbringen kann. Am Stativ erhängen. Mit dem Luxmeter blenden. Mit dem Weitwinkelobjektiv erschlagen…

Ich beginne zu lächeln. „Nicht so viel lächeln.“ Mist. Ertappt. Aber es war einfach zu verlockend.

Zackbummblitz. Das fünfte, sechste, siebte Bild.

Er sagt, wie sind fertig. Wir laufen vor zum Schreibtisch und ich sehe den Hund. Fertiggemacht. Der Hund ist nur ein Teil des Porträts, das eine ganze Familie zeigt mit ihren Vierbeinern. Ist das der neue Trend in der Familyphotografy?

Der Fotograf möchte mir erklären, was er in Photoshop macht. „Ein bisschen Make-up für sie. Ich verändere sie nicht, ich pudere sie nur ein bisschen ab.“

Danke, Sie müssen mir nicht erklären, was sie da machen. Ich bin auch vom Fach und finde es trotzdem spannend, wie er die Hautretusche macht. Ich retuschiere normalerweise Produktbilder und ähnliches. Menschliche Haut ist schwierig. Er macht es souverän.

Eine Viertelstunde nach Betreten des Ladens halte ich sechs biometrische Bilder für 15 Euro in der Hand. Sie sind gar nicht so übel und ich zeige sie bei Facebook mit dem Hinweis auf Nietzsches Blick in den Abgrund. Ich bekomme ernsthaft Komplimente und die Info, ich sähe aus wie 25.

15 Jahre jünger in 15 Minuten für 15 Euro.

Ich denke darüber nach, was der Fotograf für 100 Euro aus mir zaubert und vielleicht wird ja doch noch was aus meiner Model-Karriere.

Gibt ja auch Best-Age-Models. Und Plus-Size-Models. Nun ja. Und vielleicht auch Biometrisch-Models. Vielleicht werde ich ja das Gesicht für die neue Frau Mustermann in den Musterpässen…

 

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Nerven.

Nervenvibrationen galore.

Hömma, ich hatte Kindkontakt. Mal wieder. Aber es war nicht nur eins, es waren viele. Und sie waren laut und hatten ihre Eltern dabei. So schön das ist, so sehr flattern mir dann die Bahnen und ich suche krampfhaft nach einer ruhigen Ecke.

Ok, von vorne.

Dieses Internet ist ein tolles Ding, denn ich hatte das Glück, bei LittleB zum Adventskaffee eingeladen zu sein und ihre zahlreichen Backkreationen kosten zu dürfen. Ein dreifach Tusch auf Wilhelm Busch, sage ich mal dazu.

Wir waren aber nicht allein. Es waren andere da. Was generell schön ist, aber unter Umständen auch laut. Und so dürfen die Mütter jetzt gerne wieder schmunzeln, aber: wenn man sowas nicht gewohnt ist, macht es einen wirr im Kopp.

Wenn ein Haufen Kinder im Alter von 7 bis 7 (sieben Monate/sieben Jahre) aufeinander treffen, rocken die das Haus und können – sofern man sie nicht bändigt oder ankettet – auch mal alles niederreißen, was nicht schnell genug vom Spielteppich runterspringt.

Und, Pro-Tipp: kleine Tischkicker machen echt viel Lärm, wenn man sie auf dem Boden bespielt. Dem Holzboden. Wirklich.

Die Plätzchen waren aber super und der Glögg auch, außerdem durfte ich neue Blogger kennenlernen und freue mich schon auf weiteren Austausch. Vielleicht, ganz vielleicht, werde ich ja doch wieder aktiver online.

Wir werden sehen.

 

Connected.

Ich bin ja doch recht zahlreich verbunden mit vielen Leuten aus meiner Branche. Und von allen höre ich zur Zeit, dass es recht mau sei mit den Freelancerstellen.

Ich bräuchte aber mal eine. Dringend.

Sehr dringend.

Und so habe ich mal wieder einige Leute angespitzt, dort, wo sie sind, ein bisschen die Fühler auszustrecken und anzuklopfen, wo vielleicht mal wieder jemand gesucht wird.

Drückt mal die Daumen.

Oder, falls Ihr was hört/wisst, meldet Euch bei mir. Gesucht wird eine Freelancer- oder Teilzeitstelle im Bereich Medienproduktion/Grafik. Ich bin total versiert in Sachen Satz (InDesign, QuarkXPress), recht routiniert in Sachen Bildbearbeitung (Photoshop), kann super Logos entwerfen (türlich, türlich) und habe mittlerweile heftige 20 Jahre Berufserfahrung im Printbereich.

Die Sache mit der 40.

Ja, es ist bald soweit. Ich werde 40 und es ist mir egal. Zahlen sind Schall und Rauch und um einen Rausch zu bekommen, brauch ich keine Zahlen.

Es scheint aber so, dass das nicht alle um mich herum so sehen und so werde ich wöchentlich von verschiedener Seite gefragt, was denn nun mit meinem Geburtstag sei. „Feierst Du…?“ ist meist die Frage, die eigentlich auch so viel bedeutet, wie „Werde ich eingeladen, wenn Du groß feierst…?“

Ich hadere noch.

Groß feiern werde ich definitiv nicht. Ich mag das nicht. Man hat nichts von den Gästen, wenn 50 davon um einen rummachen. Man kann sich nicht mit allen unterhalten, man überlässt viele ihrem Schicksal und den anderen Gästen und danach gehen alle satt und besoffen nach Hause.

Hinzu kommt der Zeitpunkt. Nicht nur, dass es nach der Weihnachtsvöllerei und dem Silvesterpartyexzess ist – nein, ich habe auch noch mitten in der Woche Geburtstag. Erfahrungsgemäß nicht so doll, um Gäste einzuladen.

Nun stehe ich vor der Entscheidung:

  1. Gar nicht feiern und abhauen.
  2. Am Geburtstag Kuchen und Sekt bereitstellen, weil mindestens die Nachbarschaft kommt. Und dann mal warten, ob noch jemand den Weg zu mir findet.
  3. Wie 2., aber nur im kleinen Familienkreis – dafür aber am Samstag drauf mit einem größeren kleinen Kreis ein bisschen rumhängen, quatschen und essen. So 10 Leute. Mehr nicht.

Dann kommt aber wieder die Frage: Wen einladen?

Wir haben so einige liebe Menschen, die ich gerne mal wieder einladen möchte. Dann noch einige liebe Menschen, die wir schon lange mal einladen müssten und das schon länger mal geplant war. Und dann noch einige liebe Menschen, die ich gern dabei hätte, die aber garantiert nicht kämen, weil es zu weit weg ist. Tja.

Und so drehe und wende ich mich um meine eigene Achse und weiß nicht, was ich machen soll.

Kann mal jemand eine Entscheidung vom Himmel schmeißen?

PS: Und ich hab noch nicht mal etwas, das ich mir wünsche… Das ist nämlich dann die nächste Frage, die ich nicht beantworten kann.

Altmodisch.

Je älter ich werde, desto altmodischer werde ich.

Am vergangenen Wochenende war im Ort der Weihnachtsmarkt. Nachdem man nun einen Platz für die Veranstaltung hat, der sonst den normalen Wochenmarkt beherbergt, gibt es dort – nun, tja… wenig weihnachtliches.

Es reihen sich Fress- und Trinkbuden nebeneinander, als hätten alle Trinkhallen des Rhein-Main-Gebiets ihre Jahreshauptversammlung. In einer Seitenstraße versteckt gab es dann eine Handvoll Kunsthandwerk. Das war’s.

Ach nee, nicht ganz. Denn am Samstag Abend durfte man sich von einem Elvis-Imitator besingen lassen. Leider keine Weihnachtslieder, sondern das Standardrepertoire rauf und runter.

Zwei Straßen weiter war tagsüber noch auf dem Kirchplatz noch was los dank Ständen. Die hatten abends dann aber schon geschlossen. Warum auch immer.

Vor der Kirche mussten sich einige Tiere in einen Stall drängen und wurden von grapschigen Kinderhänden malträtiert als lebendige Krippe.

Dafür wurde der halbe Veranstaltungsplatz von einem Weihnachtsbaumverkauf eingenommen, der damit auch noch dazu beitrug, dass die Veranstaltung zerrissen wirkte.

Der Glühwein kostete 2,50 bis 3,00 Euro. Die Feuerzangenbowle 4,00 Euro pro Tasse. Und es war so laut dank Elvis, dass man sich nicht mal mit seiner Begleitung über diese Tatsachen gemeinsam aufregen konnte.

Da müssen sich die Oberen das nächste Mal aber was einfallen lassen. Sonst bitte ich darum, dass der Weihnachtsmarkt wieder mit dem dem in der Nachbarkurstadt zusammen fällt. Da gehen wir dann nämlich hin. Bei Kinderchören und Adventsmusik im Wald.

Fröhliche Weihnachtszeit.

Wenn jemand sich selbst geht.

Es ist traurig hier im Moment. Denn schon bevor mich die Nachricht vom Tod meines alten Kollegen erreichte, der nach langer und schwerer Krankheit verstorben ist, hörte ich vergangene Woche schon vom Tod einer Bekannten.

Es gibt Menschen, denen begegnet man eine Zeit immer wieder. Erst wechselt man ein paar Worte, dann längere Sätze und irgendwann beginnt man, sich zu unterhalten. Mit jemandem, der im damaligen Stammlokal arbeitet, ist das noch ein wenig leichter.

Einige Jahre durften wir diesen Menschen sehen, mit ihm sprechen, zusammen im Raucherraum sitzen und über Männer, den Job und das Joggen reden. Über andere Gäste, über Wohnungen, über alles mögliche. Ein strahlender, gut gelaunter Mensch, der für alle immer ein offenes Ohr hatte und mit ihrer herzlichen Art von allen gemocht wurde. Innen sah es scheinbar nicht immer so strahlend aus.

Lucy.

Lucy hat beschlossen, dass sie gehen möchte. Warum? Wir wissen es nicht. Niemand weiß das bisher. Sie hat keine Worte für ihre Familie oder ihre Freunde hinterlassen. Wir wissen nur, dass sie es sehr ernst meinte.

Und zurück bleiben Fragen und eine Leere, die bleiben wird.

Im früheren Stammlokal im alten Wohnort liegt ein Kondolenzbuch aus. Das wird ihrer Familie übergeben, wenn ihre Schwester sie auf ihren letzten Weg in ihre alte Heimat, Polen, begleitet.

Lucy, wir sind traurig und wir hoffen, dass es Dir dort, wo Du nun bist, besser geht, als es Dir hier scheinbar ging. Ich hoffe, dort, wo Du nun bist, gibt es viele offene Ohren für Dich.

Ein Mann wie Blocksatz

Und wehe, ein Schusterjunge käme um die Ecke und würde es wagen, ihn morgens zu ärgern. Dann wäre das Donnergrollen seiner Stimme quer durch den ganzen Satz gedröhnt und hätte der Putzfrau den Lappen aus der Hand geschleudert.

FH.

Ein Mann wie Blocksatz: kompromisslos, schwer zu bändigen und nur auf den zweiten Blick schön. Aber immer ehrlich.

Morgens kam dieser Riese von einem Mann auf seinem kleinen Motorrad angefahren und verbrachte die erste halbe Stunde seines (unseres) Tages damit, zu reden. Laut, unüberhörbar. Und wir mussten zuhören. Nicht nur, weil es kaum ein Entrinnen gab, sondern auch weil das, was er sagte, manchmal interessant war.

Trotzdem waren wir froh, wenn die Putzfrau kam und die beiden sich zum Plausch ins Nachbarbüro zurück zogen und wir am Zeitungsdienstag weiterarbeiten konnten.

Denn Zeit war knapp.

Das hat FH dann auch dienstags immer mitbekommen, wenn es gegen Mittag immer noch Anzeigen gab, die er mit Leidenschaft in die Tasten haute. Im Blocksatz. Schweinebauchartig. Am Fließband, weil wir sie brauchten, um die Zeitung für Coesfeld zu setzen.

Die Zeit war knapp, scheinbar auch für ihn.

Ich habe heute Morgen von seinem Tod Ende Oktober gelesen. Online.

Seitdem denke ich an seine Mails an mich, in denen er von den lokalen Ereignissen erzählte, von seiner Krankheit oder einfach nur davon, wie schön er immer meine Beine fand. Ach, Effhaasche. Gut, dass Du sie nicht mehr gesehen hast. Ich bin keine 22 mehr.

Und Du bist nicht mehr da und fehlst.

Ich hoffe, dort wo Du nun bist, gibt es Bleilettern und genug Zuhörer. Es war schön, Dich kennengelernt zu haben.