Gedanken zur Vergangenheit, Angst vor Flüchtlingen und dem ängstlichen Verhalten von Zugezogenen

Seit diesem Artikel denke ich über Flüchtlingsströme nach und darüber, ob es einen Unterschied gibt zwischen Menschen mit und Menschen ohne Migration in irgendeiner Form in der familiären Vergangenheit.

Mir kommt es manchmal so vor, als ob gerade die Menschen mit einer Migrations-, Flüchtlings- oder Vertriebenenvergangenheit in der Familie sich am meisten gegen die Zuwanderung anderer stemmen und wehren. Fast, als ob sie sich in ihnen selbst wiedererkennen und sich deshalb besonders von ihnen abgrenzen müssten.

Vielleicht könnte es daran liegen, dass ihnen die Wurzeln genommen wurden: Sie waren nicht mehr dort zuhause, wo sie herkamen, und dort, wo sie hingegangen waren, sah man sie auch als nicht zugehörig an. Hin- und hergerissen zwischen zwei Welten, in denen sie nicht mehr als vollwertig anerkannt wurden von ihrem Umfeld.

Was dann kam, waren große Anpassungen: sich noch heimatlicher geben, als die anderen, noch angepasster, noch mehr leisten, damit irgendwann die Anerkennung kommt. Als das dann passierte, teilweise eine oder zwei Generationen später, wollte man nicht mehr an die eigene Vergangenheit und den Schmerz erinnert werden. Vielleicht nicht mal bewusst.

Sie haben sich alles erkämpft: Status, soziale Zugehörigkeit, Anerkennung als Alteingesessene. Sie mussten mehr kämpfen, als diejenigen, die hier schon geboren waren.

Jetzt wird ihnen vielleicht ein Spiegel vorgehalten. Sie werden an ihre Vergangenheit erinnert und wieder haben sie das Gefühl, dass sie und „die Fremden“ in einen Topf geworfen werden. Wieder gehören sie nicht „zu den Alten“, sondern wird ihnen gezeigt, dass sie auch von woanders kommen.

Und vielleicht kommt mit diesem Gefühl wieder das Verhalten, noch heftiger auf die „neuen“ Werte pochen zu müssen und noch mehr zu verteidigen, was man hier hat. Und dass man ja „mehr hat und ist“, als die Neuen.

Ich höre in meinem Umfeld besonders häufig von der Nachfolgegeneration der Gastarbeiter radikale Sprüche. Menschen mit italienischen oder spanischen Eltern, die hier geboren wurden und deren Eltern jahrelang dafür gekämpft haben, hier eine neue Heimat zu haben und sich etwas aufzubauen im Wohlstandsland. Vielleicht ist gerade diese Generation dazu erzogen worden, vielleicht wurde sie geprägt, vielleicht hat es sich in ihren Genen verankert, dass sie besonders das verteidigen wollen, was sie jetzt haben.

Eine ähnliche Meinung höre ich auch oft von Menschen, die nach der Wende „rübergemacht“ haben. „Flüchtlinge“, die woanders ihre Chance gesehen haben, Arbeit zu finden, ihre Familie zu ernähren. Im Osten ist man ihnen teilweise mit Misstrauen begegnet, weil sie zum jahrelangen Klassenfeind gezogen sind. Im Westen waren sie „die Ossis“. Nur hier ist es die erste Generation, die manchmal mit Vehemenz gegen Flüchtlinge, Ausländer, Asylsuchende wettert, dass es mir die Sprache verschlägt. Auch hier wurde den Menschen ihre Heimat genommen, sogar das ganze Land. Und irgendwie pendelten sie zwischen zwei Welten und waren in keiner mehr richtig zuhause.

Wenn ich mir das anschaue, dann weiß ich nicht, ob hier die Integration besonders gut oder besonders schlecht funktioniert hat.

Dass es eine Prägung durch traumatische Ereignisse gibt, dürfte klar sein. Ein Traumata, wie ein Krieg oder eine Flucht, prägen das Verhalten des Menschen nachhaltig und natürlich auch seinen Umgang mit Situationen danach. Wer alles verloren hat, hat vielleicht mehr Angst davor, wieder zu verlieren. Diese Angst gibt es unter Umständen unbewusst oder bewusst an die nächste Generation weiter. Auf welche Art auch immer.

Und es sind ja nicht nur die Entwurzelungen von der Heimat, dem Geburtsort. Sondern auch Verluste von Menschen, seinem Hab und Gut. Ich weiß nicht, wie viele Menschen in und nach dem Krieg ihr Habe zurück lassen mussten, weil Besatzer und Kriegsgegner oder auch die eigenen Soldaten dies wollten. Und nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Wenn man sich überlegt, wie viele Menschen gezwungen wurden, ihren Wohnraum und ihr Essen mit Flüchtlingen zu teilen, dann kann man vielleicht nachvollziehen, warum es so viele Menschen gibt, die Angst davor haben, dass sie zu kurz kommen oder ihnen auch das Bisschen noch genommen wird.

Wenn wir uns unsere Lebensläufe ansehen, dass finden wohl viele von uns irgendwo Vertriebenengeschichte oder Verlusterlebnisse. In meiner Familie finde ich Pommern.

Meine Großmutter ist in der Nähe von Danzig geboren, nach dem 1. Weltkrieg. Als sehr junges Mädchen ist sie dann mit ihrer Mutter von dort nach Gelsenkirchen geflüchtet – vor Unruhen, einer unsicheren Zukunft und politischer Verfolgung. Ihr Vater, mein Urgroßvater, fand die Familie erst Monate später in Gelsenkirchen wieder.

Die erste Zeit muss schwer gewesen sein. Man lebte, wie ich aus Erzählungen weiß, in ärmlichen Verhältnissen und Notunterkünften.

Was ich immer schon merkte bei dem Thema, war der Unwille darüber zu reden. Es war mit tiefem Schmerz verbunden, aus seiner Heimat weggehen zu müssen. Teils freiwillig, teils aber auch mit der Gewissheit, dass ein Bleiben das Leben bedrohen kann oder zu Repressalien für die ganze Familie führt.

Wenn ich mir meine Großmutter vor Augen führe, die dann im zweiten Weltkrieg als Rot-Kreuz-Schwester arbeitete und in der Nachkriegszeit alleine eine uneheliche Tochter großzog, dann wird mir einiges klar: Dass es viele Wege gibt, wie Traumata weiterleben in Familien, auch über Generationen hinweg. Verlust, Angst vor Verlust, Verlust, Angst vor Verlust und dann der eigene Umgang damit. Das prägte nicht nur meine Urgroßeltern, meine Großmutter, sondern auch meine Mutter, die als Halbweise aufwuchs.

Meine Mutter hat jedoch diese Traumata nie tabuisiert und versucht, uns ihre Unsicherheit und Ängste nicht weiterzugeben. Trotzdem merke ich, wie diese mich an anderer Stelle geprägt und beeinflusst haben. Unbewusst, doch beim Blick auf die Historie nachvollziehbar. Vor allem deshalb, weil natürlich meine Mutter von ihnen direkt beeinflusst wurde.

Und dies ist nur die mütterliche Seite meiner Familie.

Wenn ich mir nun anschaue, was Traumata und Erlebnisse mit einer Familie über die Generationen hinweg bewirken und wie viele Familien ihre eigene Historie nicht aufarbeiten (einfach, weil es damals sowas nicht gab und die heutige Generation der Meinung ist, das sei nicht ihre Sache, sondern eben vergangen), dann wundert mich das Verhalten vieler Menschen gegenüber anderen nicht mehr.

Besonders nicht gegenüber Menschen, von denen sie sich einbilden, sie könnten wegen ihnen weniger haben.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Wir leben in einem Land voller Überfluss. Auf unseren Straßen fahren Autos, mit dessen einzelnem Gegenwert wir in Deutschland eine 4-köpfige Familie versorgen könnten. Für zwei Jahre. Wir schmeißen Lebensmittel weg, weil wir so viel haben, dass wir es nicht verbrauchen können. Wir haben eine soziale Grundversorgung in diesem Land, die einem Standard entspricht, bei dem wenige andere Länder mithalten können. Auch wenn es hier, meiner Meinung nach, noch weit mehr Ausbaupotential nach oben gibt, das wir uns auch leisten könnten.

Ich glaube, wir sind noch ganz am Anfang. Und zerbrechen jetzt schon daran. Ich glaube, dass die momentanen Flüchtlingsströme erst der Anfang sind. Besonders dann, wenn wir es nicht schaffen, auf der Welt gerechter zu verteilen. Wir leben auf Kosten vieler armer Länder, deren Ressourcen wir ausbeuten, um unseren Standard zu halten. Und dann wundern wir uns, wenn dies Menschen aus diesen Ländern zu uns kommen, weil der Lebensstandard so hoch ist. Wir stürzen mit unserem Lebensstil Menschen in Armut und nehmen für eine Jeans in Kauf, dass Menschen bei der Herstellung ihre Gesundheit dafür ruinieren. Weil sie das wenige Geld für diese Knochenarbeit das allernötigste brauchen. Das, was wir sowieso schon haben.

Wir konsumieren und handeln global. Und glauben weiterhin, dass die globalen Konsequenzen an unseren Grenzen abzuprallen haben, damit wir weiter auf der Insel der Glückseligen in einem Heile-Welt-Meer durch unsere Seifenblasenwelt schippern können und wir uns von allem, was vorbeikommt, das Beste rauspicken können. Wo unser Müll bleibt, ist uns egal. Und wenn unser Müll so viel wird, dass er bei uns angeschwemmt wird, schreiben wir laut auf, dass das ja wohl nicht geht, wenn wir auch noch für die Entsorgung aufkommen müssen. Oder einfach mal Müll vermeiden lernen.

Ich glaube, wir stehen mit allem noch ganz am Anfang und vielen wird erst jetzt klar, dass ihr langjähriges Verhalten Konsequenzen hat. Dass wir nicht allein sind auf der Welt und unser Handeln Folgen woanders und für andere hat.

Andere hingegen werden wohl nie über ihren Gartenzaun blicken und weiter gegen jeden wettern, der auch ein kleines Stück Rasen möchte.

Egal, ob sie vorher diejenigen waren, die am Gartenzaun eines anderen standen und sich gewünscht haben, auch mal ein Stück Rasen zu haben. Irgendwann.

Haende

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Heimat.

Die Heimatstadt und ich. Wir haben ein gespaltenes Verhältnis zueinander.

Bis ich vor 13 Jahren von dort wegzog, war ich der Meinung, dass mich nichts und niemand von meiner Heimatstadt trennen könnten. Ich war dort aufgewachsen, ich kannte jede Straße, jede Kneipe, viele Menschen. Schlafwandlerisch bewegte ich mich mit dem Rad durch die nächtlichen Straßen, traf mich mit Freunden, die ich seit 15 Jahren kannte und konnte diverse Wirte mit Namen begrüßen. Und sie mich auch. Morgens fuhr ich zur Arbeit (wahlweise mit dem Auto oder dem Zug, vorher mit dem Rad oder Bus) und fand, dass Münster eine prima Größe hat. Alles da, alles nah.

Wenn ich heute nach Münster fahre, oder fahren muss, dann meist aus familiären Gründen. Die alten Seilschaften bestehen zwar noch und man nimmt schon noch Anteil am Leben der anderen z.B. auf Social-Media-Kanälen diverser Couleur, jedoch ist die Zeit vorbei, als ich wegen jedem Geburtstag oder Feier zurückfuhr. Da die meisten Hochzeiten jetzt auch durch sind und Scheidungen erfahrungsgemäß eher selten lustig und in geselliger Runde begangen werden, folgen nur noch die Kindpinkelpartys oder wenn jemand eine eigene Kanzlei eröffnet.

Immer noch werde ich jedes Jahr eingeladen, um vielleicht doch mal zum „großen Treffen von Allen“ zu kommen, bzw. eben dem Besäufnis einer der vielen Cliquen, mit denen ich so zu tun hatte, weil ich zu freiheitsliebend war, um mich nur einer zugehörig zu fühlen, zu Weihnachten beizuwohnen, weil dann ja „alle“ wieder nach Münster kommen. Nö, nicht alle. Ich nicht.

Komme ich jetzt nach Münster, sehe ich die Stadt tatsächlich nicht mehr als Heimat an. Natürlich werde ich hier und da sentimental, sehe die Mauer, auf der wir immer Süßigkeiten nach der Schule gegessen haben, die wir uns beim Bäcker holten oder die Bushaltestelle, an der ich immer ausgestiegen bin, wenn ich zu meiner Oma fuhr. Jedoch eher aus einer Distanz heraus. Ich betrachte es wie ein Buch, das ich aufschlage, nach vorne, nach hinten blättern kann und mir die Illustrationen ansehe, die mein Leben abbilden. Dann blättere ich weiter.

Münster ist eine schöne Stadt. Keine Frage. Und viele Jahre war für mich klar, dass ich – sollte es nicht klappen mit dem Mann und mir – wieder zurückgehen würde. Dorthin, wo ich jede Straße kenne. Nein, kannte. Denn Münster hat sich verändert.

Gehe ich heute durch die Stadt, sehe ich neue Bauten, Läden, Straßen. Ich muss überlegen, wie ich fahren muss, um von A nach B zu gelangen. Ich habe die Straßennamen vergessen oder wenn ich sie höre, weiß ich nicht mehr, wo sie eigentlich einzuordnen sind. Hansaviertel? Mauritz? Kuhviertel? Keine Ahnung. Neulich war ich in Münster, um meine Mutter ins Krankenhaus zu begleiten und ich musste ernsthaft vorher googlen, wo das entsprechende Krankenhaus ist.

Diese Woche muss ich wieder hin. Zu einer Beerdigung. Und ich kenne den Ort vom Namen her (ein Ortsteil einer benachbarten kleinen Stadt), musste aber ernsthaft gerade die Karte befragen, wo das überhaupt genau liegt. Früher wäre mir sowas nicht passiert. Da wäre ich die Straße XY wie selbstverständlich langgefahren und dort angekommen, wo ich hin möchte. Ohne eine Karte oder ein Navi zu brauchen.

Alles ändert sich. Auch mein Gefühl von Heimat und wo das ist. Ich glaube nicht, dass ich hier noch so einfach wegziehen könnte. Während ich früher mit Grausen auf den ländlichen Raum geschaut habe und mir dachte, es gäbe nichts schlimmeres, als fern ab der größeren Städte zu wohnen, denke ich mittlerweile, dass die meisten Menschen genau das brauchen, um sich gut und sicher zu fühlen. Und wenn sie in einer größeren Stadt leben, dann konzentrieren sie sich auf ihr Viertel, ihren Kiez. Sie bauen sich ihren kleinen Kosmos auf, der genau so funktioniert, wie ein Dorf oder eine kleine Stadt.

Ihre Kinder gehen auf die Schule in der Nachbarschaft, die Elterngruppe trifft sich in der Eckkneipe, in der man den Wirt mit Namen begrüßt – und er einen auch, man kauft beim Lieblingsbäcker und für das Obst und Gemüse geht man auf den Wochenmarkt, der zwei Mal pro Woche statt findet. Es gibt Stadtteilfeste und jeder hat seinen Platz gefunden, an dem er sich eingerichtet hat. Ab und zu geht man dann auch raus aus dem Kiez. Aber das machen die Menschen, die kleinstädtischer oder dörflicher wohnen auch. Kultur und Party ist kein Privileg der Großstädter. Sie haben es nur mitunter ein bisschen näher. Aber ob ich jetzt 20 Minuten mit den Öffentlichen oder mit meinem eigenen Auto fahren muss, ist da dann auch nur noch marginal wichtig.

Ich merke, Heimat hat für mich viel damit zu tun, wen und was man um sich hat. Heimat ist Familie. Freunde. Gewohntes Umfeld. Rituale, die man liebgewonnen hat und die man teilt. Heimat ist, durch die Straßen zu laufen und jedes Haus zu kennen, den Wirt mit Namen zu begrüßen und von ihm lachend ebenso zurück gegrüßt zu werden, einen Lieblingsbäcker zu haben und das Ritual, am Wochenende auf dem Markt einzukaufen.

In Münster kann ich das nicht mehr. Hier schon.

Heimat