Deko-Gen.

Mir fehlt das Deko-Gen. 100%ig.

Kennt Ihr das? Man schaut sich die Bilder von Freunden an, wie sie ihr Zuhause dekoriert haben, z.B. zu Ostern. Oder wenn sie renoviert haben. Oder wenn sie Gäste hatten und es gibt Erinnerungsfotos und alle lachen – und das Zuhause sieht aus wie eine Schöner-Wohnen-Pinnwand bei Pinterest. Oder eine Doppelseite mit Home-Story aus dem Stylishe-Häuser-Magazin.

Alles wirkt wie mal eben da hindrapiert. Ohne Mühe. Die Leute haben so furchtbar schöne Sachen rumstehen, trotz Job und Kindern und wenig Zeit. Alles ist immer so toll und hip.

Bei mir steht eine Vase rum, in der Sand ist und eine Kerze drin. Zu mehr reicht es nicht. Ich habe kein Deko-Gen. Zu Ostern stell ich einen Schoko-Hasen auf und beschreibe die hart gekochten Eier mit „rot“, „blau“ und „grün“.

Und ich habe wirklich, wirklich keine Ahnung, wie die Menschen es schaffen, ihre Häuser in diese Deko-Oasen zu verwandeln. Immerhin kostet das Geld, Zeit und muss geputzt werden. Natürlich braucht es auch eine entsprechende Hardware: wer ein selbst geplantes Eigenheim hat oder die schicke Loft-Etage gemietet, der hat schon mal gute Karten. Wer noch das nötige Kleingeld hat, sich seinen eigenen Stil zu leisten und zum Sofa passend auch das Bild und die Stehlampfe zu kaufen, der hat das Spiel gewonnen.

Als Mietwohnungsbewohner mit beschränktem Budget sieht das bei uns anders aus. Wir haben kein großzügiges Wohnzimmer mit 50 qm Wohnfläche und Blick auf die eigene Terrasse, kleiner Treppe in den großzügigen Essbereich, in dem die Original-Eames-Stühle den Barcelona-Chair aus der Bibliothek ergänzen. An dem Designer-Holztisch für 12 Personen, mundgeblasen von einem österreichischen Bergbauern mit eigenem Holzhain.

Aber selbst die, die ihre Einrichtung beim Möbelschweden kaufen und der Dekorations-Gilde anzugehören, scheinen aus Billy ein optisches Billionaire-Flair-Möbel machen zu können mit drei Handgriffen und einer Vase von – ja, woher eigentlich?

Mich macht das fertig und ich habe mir angewöhnt, bei Instagram die Accounts zu entfolgen, die täglich ihre perfekten Wohnräume posten, natürlich mit den perfekten Familienmitgliedern drin, die wie zufällig gerade auf dem Boden spielen oder auf der Couch lümmeln und so furchtbar dekorativ aussehen, wie die Kerzenständer dahinter auf der Fensterbank.

Ich geh jetzt rüber. In mein zweckmäßiges Wohn-Esszimmer auf 24 Quadratmetern. Mit meiner Glasvase mit Dekosand und den drei Kerzen, die einsam und lieblos auf einem Holztablett vom Depot ihr Dasein fristen.

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German Angst vor Terror?

Eigentlich wollte ich nur einen Kommentar bei Little B schreiben. Nun ist es länger geworden und ich mache einen eigenen Artikel daraus.

Little B schreibt von ihrem mulmigen Gefühl, dass sie verspürt, wenn sie nach Paris fährt. Und „Dass unsere Kinder nicht mehr in der heilen Welt aufwachsen werden, in der meine Generation noch groß geworden ist.“

Ich habe da andere Erinnerungen an meine „heile Welt“. Politisch gesehen, von der Bedrohung gesehen. Ich erinnere mich an viele Dinge, die eine Bedrohung waren oder zu einer gemacht wurden.

Die RAF war damals omnipräsent mit den Fahndungsplakaten an jeder Ecke, in den Nachrichten und auch zuhause, wenn über Politik gesprochen wurde. Wir wuchsen auf mit der Angst vor Anschlägen, Entführungen und Terror von links, der „unser System“ angriff. Das „Heile-Welt-System“, in dem wir aufwuchsen. Man sah die gepanzerten Limousinen, als Schutz vor Angriffen, der Politiker, die in Bonn (gar nicht mal so weit weg, dieses Bonn) fuhren.

Was auch da war, war die Bedrohung durch Atomkraftwerke. Tschernobyl war ein langer Begleiter in meiner Kindheit: kein Spielen in Sandkästen, wir durften nicht alles essen und Demonstrationen in den Städten, „Atomkraft nein danke“-Aufkleber an jeder Litfasssäule. Noch heute stutze ich kurz bei Pilzen aus „dem Osten“, nicht aus Angst, sondern aus Gewohnheit. Es ist absurd, ein Relikt von damals. Aber es hängt tief verwurzelt in mir drin.

Auch der kalte Krieg war ein ständiger Angstmacher. Petting statt Pershing ein Schlagwort. Ein Aufnäher passend zur Schlaghose. Der böse Ostblock, der jederzeit seine Raketen losschießen konnte, der tolle Westen, für den das gleiche galt. Und wir? Mitten drin. Ich schreibe absichtlich so undifferenziert, weil uns das damals so und ähnlich erzählt wurde. Nicht zuhause, denn meine Mutter war schon immer politisch aufgeklärter. Aber die Medien waren schon immer sehr einseitig.

Eine weitere Prägung: die Besatzer.
100 Meter von uns entfernt waren die Engländer in einer ihrer größeren Kasernen. Wenn ich zu Freunden fuhr mit dem Fahrrad, dann passierte ich Soldaten mit Maschinenpistolen und Panzer, die vor dem Kasernentor Wache standen. Eine Besatzungsmacht. In unserer Stadt damals waren zwei dieser großen Kasernen und in der Nähe ein Militärflughafen. Zwei Mal pro Monat flogen Kampfjets über unseren Köpfen Manöver. In Sichtweite war das Uniklinikum in zwei hohen Türmen. Die galten als „Übungsziel“ und wurden angeflogen. Was bedeutete, dass wir das Donnern der Triebwerke hörten, bevor der Flieger in Sicht kam und uns sofort die Ohren zuhielten. Eigentlich war es verboten, über Städten Flugmanöver zu fliegen. Aber wer sollte was sagen? Die Besetzten?

Dann gab es die Geiselnahme von Gladbeck. Für mich ein „Meilenstein“ auf dem Weg der heutigen Berichterstattung. Hier zeigten die Medien das erste Mal, wohin es mit ihnen gehen würde. Mit 12 hing auch ich damals am Fernseher und konnte sehen, wie ein Entführer einem Mädchen, das so hübsch und kaum älter war als ich, eine Pistole an den Kopf hielt. Und alle standen drum herum, keiner tat was. Ein ganz normaler Linienbus, ein ganz normales Auto, eine ganz normale Stadt und keine 100 Kilometer entfernt. Ich fuhr damals mit dem Bus zur Schule. Jeden Tag.

Ebenfalls ein Thema, das in den Medien war: Umweltverschmutzung. Saurer Regen. Waldsterben. Mein Freund der Baum. Fischsterben. Das waren nur einige der Begleiter. Nachrichten von Chemieunfälle, z.B. bei Sandoz, mit dem anschließenden Fischsterben waren Bilder, die mich prägten.

Im Ruhrgebiet waren die Häuser schwarz gefärbt von den Schloten der Kohlekraftwerke und es war noch nicht so lange her, dass es laute Rufe gab, damit der Himmel über dem Pott wieder sauber werde. Luftverpestung durch Kohle, Autos und Industrieanlagen. Wir lebten in einer dreckigen Luft und atmeten die Abgase der Autos ungefiltert ein. Wenn ein Bus anfuhr, musste man schleunigst die Luft anhalten, weil die Abgase einem die Übelkeit brachten. Und die Atemnot.

Wenn ich zurück schaue auf meine Jugend, dann denke ich an unbeschwerte Nachmittage in der Wallhecke beim Räuber-und-Gendarm-Spiel, an Bäumeklettern im Märchenwald (wir nannten ihn so), Stichlingfangen und Froschlaich-Fischen, an Rollschuhfahren auf der Straße und selten an die Angst, die in uns Deutschen so tief verwurzelt zu sein scheint.

Wenn ich mich damit aber tiefer beschäftige, dann sehe ich eine Kindheit, die in einer Teil-Heile-Welt spielte. Meine Kinderwelt und die Welt, die das alles bedrohte.

Ich glaube nicht, dass wir unbeschwert lebten damals. Ich glaube, wir verklären das im Nachhinein. Wir ignorieren die Angst, die uns als Kinder diffus begleitete. Die für uns so alltäglich war, dass wir sie nicht in unser Spiel integrierten, sie statt dessen ignorierten. Oder eben als selbstverständlich hinnahmen.

Die Angst vor Terror, Umweltverschmutzung, Atomkraft, Kaltem Krieg und Besatzungsmächten.

Vielleicht hatten wir doch eine unbeschwerte Kindheit. In unseren Köpfen. Aber wohl nicht unbeschwerter als die Kinder jetzt.

 

Verwirrend.

Ein deutscher Sänger und Jazzer ist früh gestorben. Und das Netz trauert.

Ich möchte nicht darüber schreiben, wie Menschen im Netz trauern und worüber. Das ist die Sache jedes einzelnen. Jedem selbst ist es überlassen, ob er sein Profilbild in den Landesfarben eines Anschlagsortes einfärbt oder ein RIP in seinen Status schreibt. Jedem selbst sollte es überlassen sein, ob er dazu etwas schreibt oder nicht.

Was mich nur immer wieder daran verwirrt: scheinbar ist es für die Menschen einfacher, Emotionen wie Trauer oder Wut bei „Fremden“ zu veröffentlichen, als einfach mal die Menschen, denen sie sicherlich näher stehen, anzurufen und sie zu fragen, wie es ihnen geht.

Oder noch schlimmer: zu wissen, dass sie vielleicht eine schwere Zeit durchmachen, viel Kräfte zehrendes erlebt haben – und trotzdem zu schweigen.

Wenn aber ein Prominenter stirbt, kann man im Netz Tränen posten und mit „traurig-Smileys“ um sich werfen.

Ein kollektives Trauern um Fremde scheint einfacher zu sein, als ein Trauern oder Trösten von Freunden oder Bekannten. Vielleicht ist es für viele auch ein Hemmnis, auf andere zuzugehen, die sie kennen, und sich damit auf eine gewisse Verpflichtung einzulassen: wenn man für einen Fremden Beileid bekundet, ist es damit getan. Niemand ruft einen danach noch an oder erzählt einem, was ihn bewegt.

Es gibt keine Verantwortung für den anderen, keine emotionale Bindung.

Wenn es einem Freund schlecht geht und man auf ihn zugeht, entsteht daraus eine Bindung. Man muss (oder sollte) sich Zeit nehmen. Ihm zuhören. Helfen. Man kann danach nicht einfach gehen. Es beschäftigt einen und man ist diesem Menschen mehr verbunden, als vorher. Und man weiß, dass man für den anderen ein Trost war. Eine Hilfe. Und dass diese Hilfe nochmal in Anspruch genommen werden könnte, wenn man nur erstmal die erste Schwelle überschritten hat.

Also ducken sich viele, wenn sie merken oder hören, dass es jemandem schlecht geht. Vielleicht, um damit nicht mehr Zeit verschwenden zu müssen, als man gerade zwischen Job und Kindererziehung, Mittagessen und Einkaufen übrig hat.

Mich verwirrt das.

Es verwirrt mich, denn ich merke, dass z.B. ich nicht prominent genug bin, damit Menschen aus meinem Umfeld zeigen, dass sie mit mir trauern oder mit mir traurig sind.

Da bleibt einem wie mir wohl nichts anderes übrig, als weiterhin den Pausenclown zu spielen und die Welt mit lustigen Bildern und Statusmeldungen zu beglücken, damit auch weiter niemand auf die Idee kommt, zu fragen, wie es geht.

Weil die Sache mit dem Sterben, würde ich schon gern noch weiter rauszögern…

Franzosen.

Ich weiß nicht, warum. Aber ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Franzosen. Ich fürchte, es liegt daran, dass ich noch keinem begegnet bin, der wirklich nett war.

Die Franzosen begegnen einem, besonders den Deutschen, gern mit einer Arroganz, die sie  hässlich macht. Angeblich sind sie ein ganz charmantes Völkchen (glauben sie), sprechen die Sprache der Liebe (wenn man auf Würgelaute steht) und meinen, sie machten den besten Wein (manchmal).

Einzig der Elsass lockt mich.

Und nun ist es soweit. Wir fahren nach Straßburg. Dummerweise mit 0,0 Sprachkenntnissen Ja, ich gehöre zu den Leuten, die Latein als erste Fremdsprache hatten und Englisch als zweite, nur um dann froh zu sein, Sprachen ab der 9. nicht mehr machen zu müssen. Der Gatte hat französische Sprachkenntnisse, bei denen ich mich wundere, wie er damit zwei, drei Schuljahre überhaupt weitergekommen ist.

Und so sitze ich hier, hin- und hergerissen zwischen Vorfreude auf eine wunderschöne Stadt, leckeres Essen und spannende Begegnungen – und der Angst vor den Franzosen.

Letztes Wochenende waren wir in Frankfurt auf der Land & Genuss, um als erste Amtshandlung einer Französin in die Arme zu laufen, die sich laut darüber freute, dass ein ausgestellter Obstbaum einen französischen Namen hatte.

Ein Obstbaum.

Seit „fürzüsch Jahrröön“ wohne sie in Deutschland, verheiratet mit einem „‚amburgöh“ und fände es „kraußaaahm“, wie wenig Französisch hier wäre. Nur Englisch. „Angliiisch, Angliiisch, wie fürschtbaar“.

„Nun“, versuchte ich ihren Redeschwall mit zu unterbrechen, „nun, in Frankreich sieht man auch selten Fremdsprachen an irgendwelchen Orten.“

„Doooch“, widersprach sie mir vehement und erging sich in einer Litanei, warum es für die Deutschen immer so schwer wäre, Französisch zu sprechen. Wir würden ja auch wollen, dass alle Deutsch sprächen.

„Nun“, versuchte ich es erneut, „wenn ein Tourist mich etwas auf einer anderen Sprache fragt, mache ich ihm keinen Vorwurf, sondern versuche, ihm zu helfen. Zur Not mit Händen und Füßen. Die Franzosen sind da anders. Sie erwarten, dass jeder in ihrem Land ihre Sprache spricht.“

„Wo ist das Problööm?“

„Nun“, sagte ich, „nicht jeder spricht Französisch und hatte es in der Schule. Und viele haben auch aufgrund der schlechten Sprachkenntnisse Hemmungen, überhaupt was zu sagen. Aber dafür gibt es dann ja Wein. Nach einem Glas lockert sich die Zunge.“

Sie lief burgunderrot an. „Ihr Deutschöön! Immer müsst Ihr Alkohoool trinköön, um zu sprechöön mit uns Französisch! Könnt Ihr nischt einfach mit uns sprechen in unsere Sprachöö? Wo ist das Problööm? Statt dessen müsst ihr arrogantön Deutschöön zu uns kommen und mit uns sprechööön Deutsch oder Angliiisch! Da ist es doch selbstverständliiisch, dass wir nicht mit Eusch redöön!“

In dem Moment wusste ich, warum ich zu den Franzosen ein gespaltenes Verhältnis haben: Die frühstücken quasi Wein, aber wenn jemand anders Alkohol trinkt, ist es doof. Man muss mit ihnen Französisch sprechen, auch wenn man es nicht kann. Und sie weigern sich zu kommunizieren, wenn es in einer anderen Sprache, als der ihren ist.

So ein unflexibles und gastunfreundliches Völkchen.

Himmel. Ich habe zwei Möglichkeiten: Ich lerne in zwei Wochen Französisch – oder ein Koch spuckt mir wahrscheinlich in mein Essen, die Rezeption im Hotel gibt uns das schlechteste Zimmer und wir bekommen nur Foie gras, Froschschenkel und Schnecken zum Frühstück.

Vielleicht sage ich auch einfach ab und fahr nach Sachsen. Da werden Fremde wenigstens noch mit Tamtam begrüßt.

Ach, nee, Sächsisch sprech ich ja auch nicht…

 

Nein!? Doch! Ooh!

Louis de Funès war für mich ja ein furchtbar großartiges Talent (und ja, obwohl er Franzose ist).

Charmante Tabubrüche, geistreiche Dialoge, punktgenaue Wortwitze. Wer mit Außerirdischen furzt, hat meine ewige Liebe inne.

In manchen Situationen kommt mir jedoch eine ganz andere Szene in den Kopf.

Es gibt diese Gespräche, in denen man genau so reagieren möchte und hofft, sein Gegenüber habe genau so viel Humor, dass er darauf genau so reagiert. Leider habe ich diese Spezies bisher höchst selten angetroffen. Einen hab ich direkt geheiratet.

Was bleibt ist das innere „Nein!? Doch! Ooh!“ in gewissen Situationen und die Hoffnung, dass man es nur  gedacht, nicht gesagt hat. Denn im Kundengespräch zu sitzen und verblüfft ein „Nein!?“ zu rufen, geht einfach nicht.

Oder?

Berg.

Berg. Was für ein Wort. Ein Wort wie ein Fels. Nur größer.

Bergfest, Bergbesteigung, Bergstraße, Andrea Berg, Bergisch Gladbach. Es läuft so ziemlich auf was anderes hinaus, als gedacht und ich habe keine Ahnung, warum.

Schreibe ich über meinen letzten Berggipfel, den ich im Sommer 2015 bestiegen habe? Wobei besteigen ja noch leicht übertrieben ist, immerhin gab es eine Bergbahn, die bahnte mir den Weg am Berghang hinauf auf komfortable 1500 Höhenmeter. Der Rest war keine Kunst mehr. Eine Stunde bergauf und eine Viertelstunde bergab. Geblieben ist eine Blase.

Berge besteigen kann dabei so viel schöner sein. Es können auch die Berge von Beate sein, aber das führe zu weit. Nach oben. Und hat nur bedingt etwas mit dem großen Wort vom Anfang zu tun. Naja, obwohl. Für manchen scheuen Gesellen mögen diese Berge ähnlich beschaulich und die Gipfel so schwer zu erreichen sein, wie für den nächsten der Himalaya.

Als ich, auch im Sommer, auf einer Alm rumlief, kämpfte gerade im Tal eine Bekannte gegen ihren Krebs an. Das glich viel mehr einer Bergbesteigung, als meine Berg- und Talbahnfahrt. Sie brauchte etwas, was ihr Halt gab.

Und was gibt mehr Halt, als ein Berg? Er erdet, er steht dort und kann nicht bewegt werden. Wenn man an ihm vorbei will, sollte man über ihn drüber. Im Idealfall der kürzeste Weg. Aber auch der schwierigste. Er ist wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Nur ohne Brandung. Und größer. Eher wie ein Berg in der Atmosphäre, der sich weigert, der Luft mehr Platz zu geben, als sie braucht. Soll sie doch nach oben steigen. Die Luft.

Es gestaltete sich aber wirklich schwierig, den Berg mit der Post zu verschicken als Symbol für die Bekannte. Also wurde ich kleiner und kleiner und kleiner in meinen Gedanken und hob einen Stein auf, der auch besser in der Hand lag.

Die Post beschwerte sich auch nicht und so bekam die Freundin einen symbolischen Berg, den sie bezwingen und einfach in ihrer Hosentasche verschwinden lassen und bei Bedarf aus ihr bergen kann. Sie ist jetzt über den Berg. Sagt das MRT.

Bergbau, Bergluft, Bergamotte. Wohl die einzige, die nicht fliegen kann. Wie auch, mit diesem Namen.

Jetzt habe ich Lust auf Tee.

Ich möchte zum Tee das Steigerlied anstimmen, obwohl der Bergbau nicht zwingend im Berg stattfinden muss. Barbara von Nikomedien war das auch egal und trotzdem wurde sie die Schutzpatronin der Bergleute.

Ich berge jetzt meine letzte Motivation aus den Tiefen meiner Gedankentäler und setze einen Earl Grey auf.

Glückauf!

 

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Dieser Text ist geschrieben worden im Rahmen von *txt

Momente.

Es gibt diese Momente, wenn etwas an seinen Platz rutscht und Sinn macht – und dann merkt man, dass es doch zu spät ist.

Ich hatte gerade so einen Moment, als ich bei der lieben Tante Emma in der Blogrolle stöberte und auf diesen alten Blog-Bekannten stieß. Voller Interesse klickte ich auf die Seite und stellte fest, dass Lord Foltermord, kurz LoFoMo das letzte Mal im Juni 2014 etwas geschrieben hatte und so fragte ich Tante Emma, ob sie wisse, was aus ihm geworden sei.

Er war verstorben.

Sie schickte mir die Info von Facebook und so erfuhr ich das erste Mal nach, ich glaube, sieben oder acht Jahren, wie er wirklich hieß. Und woher er kam.

Ich wusste aufgrund unserer langjährigen Blogkommentatoren-Historie und aus seinen Posts, dass er nicht weit von mir wohnen konnte. Ich wusste, dass wir uns sicher schon das ein oder andere Mal auf Festen über den Weg gelaufen sein mussten, ohne uns zu (er)kennen. Ich wusste einiges über ihn. Aber nicht seine wahre Identität.

Jetzt kenne ich sie und bin furchtbar traurig. Denn er lebte tatsächlich im Nachbarort meines damaligen Wohnorts. Und wir haben es nicht ein einziges Mal geschafft, zusammen einen Schoppe trinken zu gehen.

Er starb im Alter von 47 Jahren. Für mich wird sein Wortwitz, sein Humor und sein geschriebenes Wort bleiben.

Plötzlich rutsch so vieles an seinen Platz und macht Sinn. Ein Steinchen rutscht an die richtige Stelle und es wird ein Ganzes daraus. Und trotzdem ist es zu spät dafür. Zu spät, um sich alles nochmal im Gesamten anschauen zu können.

Ich lerne daraus. So wie ich in den vergangenen Jahren viel lernte darüber, wie schnell etwas vorbei sein kann. Wie schnell es gehen kann, jemanden zu verlieren oder selbst nicht mehr da zu sein.

Und wieder sage ich mein Mantra auf: Mach das Beste aus dem Tag. Er kommt nie wieder.