German Angst vor Terror?

Eigentlich wollte ich nur einen Kommentar bei Little B schreiben. Nun ist es länger geworden und ich mache einen eigenen Artikel daraus.

Little B schreibt von ihrem mulmigen Gefühl, dass sie verspürt, wenn sie nach Paris fährt. Und „Dass unsere Kinder nicht mehr in der heilen Welt aufwachsen werden, in der meine Generation noch groß geworden ist.“

Ich habe da andere Erinnerungen an meine „heile Welt“. Politisch gesehen, von der Bedrohung gesehen. Ich erinnere mich an viele Dinge, die eine Bedrohung waren oder zu einer gemacht wurden.

Die RAF war damals omnipräsent mit den Fahndungsplakaten an jeder Ecke, in den Nachrichten und auch zuhause, wenn über Politik gesprochen wurde. Wir wuchsen auf mit der Angst vor Anschlägen, Entführungen und Terror von links, der „unser System“ angriff. Das „Heile-Welt-System“, in dem wir aufwuchsen. Man sah die gepanzerten Limousinen, als Schutz vor Angriffen, der Politiker, die in Bonn (gar nicht mal so weit weg, dieses Bonn) fuhren.

Was auch da war, war die Bedrohung durch Atomkraftwerke. Tschernobyl war ein langer Begleiter in meiner Kindheit: kein Spielen in Sandkästen, wir durften nicht alles essen und Demonstrationen in den Städten, „Atomkraft nein danke“-Aufkleber an jeder Litfasssäule. Noch heute stutze ich kurz bei Pilzen aus „dem Osten“, nicht aus Angst, sondern aus Gewohnheit. Es ist absurd, ein Relikt von damals. Aber es hängt tief verwurzelt in mir drin.

Auch der kalte Krieg war ein ständiger Angstmacher. Petting statt Pershing ein Schlagwort. Ein Aufnäher passend zur Schlaghose. Der böse Ostblock, der jederzeit seine Raketen losschießen konnte, der tolle Westen, für den das gleiche galt. Und wir? Mitten drin. Ich schreibe absichtlich so undifferenziert, weil uns das damals so und ähnlich erzählt wurde. Nicht zuhause, denn meine Mutter war schon immer politisch aufgeklärter. Aber die Medien waren schon immer sehr einseitig.

Eine weitere Prägung: die Besatzer.
100 Meter von uns entfernt waren die Engländer in einer ihrer größeren Kasernen. Wenn ich zu Freunden fuhr mit dem Fahrrad, dann passierte ich Soldaten mit Maschinenpistolen und Panzer, die vor dem Kasernentor Wache standen. Eine Besatzungsmacht. In unserer Stadt damals waren zwei dieser großen Kasernen und in der Nähe ein Militärflughafen. Zwei Mal pro Monat flogen Kampfjets über unseren Köpfen Manöver. In Sichtweite war das Uniklinikum in zwei hohen Türmen. Die galten als „Übungsziel“ und wurden angeflogen. Was bedeutete, dass wir das Donnern der Triebwerke hörten, bevor der Flieger in Sicht kam und uns sofort die Ohren zuhielten. Eigentlich war es verboten, über Städten Flugmanöver zu fliegen. Aber wer sollte was sagen? Die Besetzten?

Dann gab es die Geiselnahme von Gladbeck. Für mich ein „Meilenstein“ auf dem Weg der heutigen Berichterstattung. Hier zeigten die Medien das erste Mal, wohin es mit ihnen gehen würde. Mit 12 hing auch ich damals am Fernseher und konnte sehen, wie ein Entführer einem Mädchen, das so hübsch und kaum älter war als ich, eine Pistole an den Kopf hielt. Und alle standen drum herum, keiner tat was. Ein ganz normaler Linienbus, ein ganz normales Auto, eine ganz normale Stadt und keine 100 Kilometer entfernt. Ich fuhr damals mit dem Bus zur Schule. Jeden Tag.

Ebenfalls ein Thema, das in den Medien war: Umweltverschmutzung. Saurer Regen. Waldsterben. Mein Freund der Baum. Fischsterben. Das waren nur einige der Begleiter. Nachrichten von Chemieunfälle, z.B. bei Sandoz, mit dem anschließenden Fischsterben waren Bilder, die mich prägten.

Im Ruhrgebiet waren die Häuser schwarz gefärbt von den Schloten der Kohlekraftwerke und es war noch nicht so lange her, dass es laute Rufe gab, damit der Himmel über dem Pott wieder sauber werde. Luftverpestung durch Kohle, Autos und Industrieanlagen. Wir lebten in einer dreckigen Luft und atmeten die Abgase der Autos ungefiltert ein. Wenn ein Bus anfuhr, musste man schleunigst die Luft anhalten, weil die Abgase einem die Übelkeit brachten. Und die Atemnot.

Wenn ich zurück schaue auf meine Jugend, dann denke ich an unbeschwerte Nachmittage in der Wallhecke beim Räuber-und-Gendarm-Spiel, an Bäumeklettern im Märchenwald (wir nannten ihn so), Stichlingfangen und Froschlaich-Fischen, an Rollschuhfahren auf der Straße und selten an die Angst, die in uns Deutschen so tief verwurzelt zu sein scheint.

Wenn ich mich damit aber tiefer beschäftige, dann sehe ich eine Kindheit, die in einer Teil-Heile-Welt spielte. Meine Kinderwelt und die Welt, die das alles bedrohte.

Ich glaube nicht, dass wir unbeschwert lebten damals. Ich glaube, wir verklären das im Nachhinein. Wir ignorieren die Angst, die uns als Kinder diffus begleitete. Die für uns so alltäglich war, dass wir sie nicht in unser Spiel integrierten, sie statt dessen ignorierten. Oder eben als selbstverständlich hinnahmen.

Die Angst vor Terror, Umweltverschmutzung, Atomkraft, Kaltem Krieg und Besatzungsmächten.

Vielleicht hatten wir doch eine unbeschwerte Kindheit. In unseren Köpfen. Aber wohl nicht unbeschwerter als die Kinder jetzt.

 

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4 Gedanken zu “German Angst vor Terror?

  1. All das, was Du schreibst, fand natürlich auch um mich herum statt. (Wobei ich mich nicht an irgendwelche Übungsflüge über Bielefeld erinnern kann.) Aber ich habe es nicht als Bedrohung empfunden. Es hat mir keine Angst gemacht. Und ich bin mir sicher, dass ich da nichts verkläre. Denn ich erinnere mich an Ängste meiner Kindheit/ Jugend.

    RAF: Ja, ich erinnere mich (dunkel) an die Fahndungsplakate. Aber vielleicht weil ich dazu gar nicht so viel wusste, war das etwas, was mit mir nichts zu tun hatte und folglich keine Angst machte. Ich „durfte“ damals auch keine Nachrichten gucken.

    Der Kalte Krieg: Als die Mauer fiel, war ich 12 Jahre alt. Ich wusste bis dahin, dass Deutschland geteilt war – als Resultat des zweiten Weltkriegs. Den Begriff „Kalter Krieg“ habe ich erst später im Geschichtsunterricht kennengelernt. Dass diese Teilung eine Bedrohung „meiner heilen Welt“ sein sollte, war mir damals nicht bewusst.

    Zu den „Besatzern“: Ich habe auch diesen Begriff erst später im Geschichtsunterricht kennengelernt, aber in meiner Kindheit waren die englischen Soldaten und ihre Familien halt einfach da. Ihre Kasernen waren ja auch mitten in der Stadt.

    Tschernobyl, Umweltverschmutzung: Das war immer mal wieder Thema bei uns. Ich erinnere mich noch an die Einführung von Calcium-Pulver, weil wir keine Milch mehr zu uns nehmen durften. Oder die erste Biowelle mit Schrot und Korn mussten wir auch über uns ergehen lassen.

    Ich sage ja selbst immer, dass ich in einem Wolkenkuckucksheim aufgewachsen bin. Meine Mutter hat versucht, viel von uns fernzuhalten. Was ich auch gar nicht schlimm finde (mal angesehen davon, dass ich das „andere“ ja nicht kenne). Ich denke nicht, dass ich davon weltfremd geworden bin; ich hatte vielleicht einfach etwas länger tatsächlich eine unbeschwerte Kindheit/ Jugend.

    Manche Dinge habe ich vermutlich auch einfach als gegeben hingenommen. So, wie ich sie jetzt auch „hinnehme“, weil ich sie letztlich ja gar nicht ändern kann, und trotzdem mache. Ich kann den midi-monsieur nicht so fern halten von all dem, wie meine Mutter damals. Das will ich auch nicht. Aber ich hoffe, dass ich es schaffe, dass er trotzdem eine schöne und unbeschwerte Kindheit haben wird, dass er daraus lernen kann, dass „bange machen nicht gilt“…

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  2. Ja, genau das meine ich damit. Wir haben damals ebenso in einer „gefährlichen“ Welt gelebt, die voller Bedrohungen war. Und trotzdem haben wir es nicht immer als Bedrohung, sondern als „eben da“ empfunden – oder gar nicht mitbekommen.

    Im Gegensatz zu Dir habe ich diese Dinge sehr intensiv wahrgenommen, weil es bei uns zuhause auch Thema war. Es gab viele politische Diskussionen, Umweltprobleme wurden erklärt und meine Mutter hat eben nicht so viel von uns ferngehalten. Trotzdem habe ich nicht den Eindruck, keine unbeschwerte Kindheit gehabt zu haben.

    Aber es ging eben um Dein Zitat mit der heilen Welt, in der wir aufgewachsen seien. Und darum, dass diese Welt alles andere als heil war. Im Gegenteil.

    Ich glaube sogar, dass die Welt heute aufgeklärter, heiler und besser ist, als damals. Wir bekommen nur (leider) viel mehr mit von den Dramen auf der Welt und um uns herum.

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  3. Was du da schreibst, kenne ich noch viel besser, denke ich ;) Beim Mauerfall war ich 27 :D
    Unsere Kindheit war augenscheinlich nicht unbeschwerter… aber vom kopf und Empfinden her schon. Es gab keine digitale Vernetzung, der Fernseher hatte drei Programme und Nachmittags und Nachts nur ein Testbild. Wir wurden gar nicht so mit Medienmeldungen bombadiert.

    Bedrohungen gab es immer und wird es immer geben. Das ist der Preis für eine westliche Industrienation.

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