Verwirrend.

Ein deutscher Sänger und Jazzer ist früh gestorben. Und das Netz trauert.

Ich möchte nicht darüber schreiben, wie Menschen im Netz trauern und worüber. Das ist die Sache jedes einzelnen. Jedem selbst ist es überlassen, ob er sein Profilbild in den Landesfarben eines Anschlagsortes einfärbt oder ein RIP in seinen Status schreibt. Jedem selbst sollte es überlassen sein, ob er dazu etwas schreibt oder nicht.

Was mich nur immer wieder daran verwirrt: scheinbar ist es für die Menschen einfacher, Emotionen wie Trauer oder Wut bei „Fremden“ zu veröffentlichen, als einfach mal die Menschen, denen sie sicherlich näher stehen, anzurufen und sie zu fragen, wie es ihnen geht.

Oder noch schlimmer: zu wissen, dass sie vielleicht eine schwere Zeit durchmachen, viel Kräfte zehrendes erlebt haben – und trotzdem zu schweigen.

Wenn aber ein Prominenter stirbt, kann man im Netz Tränen posten und mit „traurig-Smileys“ um sich werfen.

Ein kollektives Trauern um Fremde scheint einfacher zu sein, als ein Trauern oder Trösten von Freunden oder Bekannten. Vielleicht ist es für viele auch ein Hemmnis, auf andere zuzugehen, die sie kennen, und sich damit auf eine gewisse Verpflichtung einzulassen: wenn man für einen Fremden Beileid bekundet, ist es damit getan. Niemand ruft einen danach noch an oder erzählt einem, was ihn bewegt.

Es gibt keine Verantwortung für den anderen, keine emotionale Bindung.

Wenn es einem Freund schlecht geht und man auf ihn zugeht, entsteht daraus eine Bindung. Man muss (oder sollte) sich Zeit nehmen. Ihm zuhören. Helfen. Man kann danach nicht einfach gehen. Es beschäftigt einen und man ist diesem Menschen mehr verbunden, als vorher. Und man weiß, dass man für den anderen ein Trost war. Eine Hilfe. Und dass diese Hilfe nochmal in Anspruch genommen werden könnte, wenn man nur erstmal die erste Schwelle überschritten hat.

Also ducken sich viele, wenn sie merken oder hören, dass es jemandem schlecht geht. Vielleicht, um damit nicht mehr Zeit verschwenden zu müssen, als man gerade zwischen Job und Kindererziehung, Mittagessen und Einkaufen übrig hat.

Mich verwirrt das.

Es verwirrt mich, denn ich merke, dass z.B. ich nicht prominent genug bin, damit Menschen aus meinem Umfeld zeigen, dass sie mit mir trauern oder mit mir traurig sind.

Da bleibt einem wie mir wohl nichts anderes übrig, als weiterhin den Pausenclown zu spielen und die Welt mit lustigen Bildern und Statusmeldungen zu beglücken, damit auch weiter niemand auf die Idee kommt, zu fragen, wie es geht.

Weil die Sache mit dem Sterben, würde ich schon gern noch weiter rauszögern…

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5 Gedanken zu “Verwirrend.

  1. Zum Glück geht es mir im Moment, nach einer sehr langen Durststrecke, nicht mehr schlecht. Und habe ich einige gute Freunde, die mich auch in den letzten Monaten begleitet haben, bzw. mir zeigten, dass sie Freunde sind. Andere eben nicht. Aber die sind auch keine Freunde mehr… ;)

    Danke der Nachfrage.

    Ich habe in diesem Blogpost meine Betrachtungen der letzten Monate versucht zusammen zu fassen und den aktuellen Todesfall als Aufhänger genommen. Mich irritiert das Verhalten wirklich sehr. Da können Menschen mitbekommen, dass es ihren „Freunden“ schlecht geht – und sie schweigen. Während beim Tod eines Promis das Geheule losgeht.

    Wobei ich den Eindruck habe, dass es vielen hier wiederum nicht um den Verstorbenen oder die Angehörigen geht, sondern um ihr eigenes Empfinden, für das sie Trost (Anerkennung? Aufmerksamkeit? Solidarisierung?) möchten.

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  2. Die, welche nun keine Freunde mehr sind, hast sie mal gefragt, warum sie sich zurückgehalten haben? Es gibt Leute, die können das nicht weil sie Angst haben, etwas verkehrtes zu tun oder zu sagen. Deswegen schweigen sie.
    Ok, es gibt natürlich auch diejenigen, denen das am Arsch vorbei geht ;)
    Da ich dich nicht kenne, kann ich dich auch nicht einschätzen. Bist du jemand, der nach drei Sätzen normaler Unterhaltung jedesmal wieder auf diese Schiene fällt und drauf wartet, dass man Anteil nimmt? Oder versuchst du „normal“ zu wirken und sendest dadurch vielleicht Signale, die Andere eben nicht als „Anteil nötig“ interpretieren?

    Bei der Menge Prominente, die allein in den ersten drei Monaten über den Jordan gegangen sind, da wäre mein Blog ja voll mit RIPs, wenn ich denen hinterher weinen würde. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel. Ich bin mit der Musik von Bowie aufgewachsen. Da war es natürlich klar, einen Nachruf auf dem Blog zu machen. Aber ansonsten lasse ich die Promis eher aus.

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  3. Viele von denen, die sich nicht interessieren, kenne ich seit Jahren und habe gelernt, dass ihre Aufmerksamkeitsspanne sehr kurz ist und begrenzt auf ihr eigenes Leben. Es ist mitunter schmerzhaft zu lernen, dass sie einem wichtiger waren, als man selbst ihnen. Dafür brauche ich sie nicht anzusprechen.

    Wer mich über Jahre begleitet, mich kennt und dann mitbekommt, das was schief läuft, dem traue ich auch zu, dass er mich bei Interesse mal fragt, wie es mir geht oder was los ist. Es ist nicht mehr meine Aufgabe, denjenigen hinterher zu laufen und zu fragen, warum sie sich nicht um eine Freundschaft kümmern möchten oder warum sie kein Interesse zeigen. Mir reichen die Taten. Oder eben ihr fehlen.

    Interessant ist, wie viele Freundschaften zerbrechen, wenn auch die aktive Seite aufhört, sie aufrecht zu erhalten.

    Aber, ich schweife ab.

    Auf Deine Frage: ich glaube, ich bin weder das eine, noch das andere. Es gibt Momente, in denen passt es, miteinander zu reden. Und andere, in denen sind viele andere Dinge wichtiger.

    Und zu den Promis: Mir tut der Tod der Menschen auch leid. Ebenso leid, wie das der Nicht-Promis. Ein Künstler hinterlässt eben oft ein großes Schaffensloch und bleibt durch sein Werk eher im kollektiven Gedächtnis. Ich finde es bei vielen ebenso traurig, jedoch empfinde ich diese Traurigkeit mehr, je näher mir ein Mensch steht. Und je näher er mir steht, desto eher sage ich etwas dazu.

    Nicht andersherum, wie im Blogpost beschrieben.

    Aber da ist jeder anders.

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  4. Ok, ich glaube, ich verstehe jetzt das Dilemma. Gute Freunde in schönen Tagen, so lange man nicht Probleme anschleppt. Nur Schönwetterinteressen bei Freundschaften. Das kenne ich auch. von denen habe ich mich auch getrennt. :)

    Es ist immer übel wenn ein Mensch stirbt… egal ob Promi oder nicht. Wie du schon sagst, da ist jeder anders. Und ändern kann man es eh nicht. Dazu ist dieses ganze Internetgebahren eh viel zu oberflächlich. Viele interessieren sich nicht für Thematiken, sie wollen nur Likes oder wie bei FB, mit 1000 „Freunden“ protzen, von denen sie mit Glück 5 kennen ;)

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