Doppelmoralsauergetränkt

Jeder lebt nach gewissen Moralvorstellungen. Nach dem, was ihm sein Gewissen zulässt und was nicht, welche Grundsätze er hat und welche Prinzipien ihm wichtig sind.

Manchmal übertritt man diese Moralgrenzen. Vielleicht, weil es die Situation erforderlich gemacht hat, man keine Alternative zu haben glaubt oder es Spaß macht. Soll es alles geben. Normalerweise sitzt dann das Gewissen da und flüstert, dass das aber nicht so gut war und man weiß es auch.

Gehört man nun zu einer Art Mensch, die die eigene Lebensart als für Alle erstrebenswert erachtet (zu recht oder nicht) und dies auch anhand von Beispielen kundtut, sollte man sich nicht wundern, wenn man im Falle einer offenen Moralgrenzenüberquerung dafür auch mal Kritik einstecken muss.

Wenn der Qualitätsfleisch-Käufer auf Massentierhaltungsprodukte zurückgreift, der Fair-Trade-Kaffeekäufer zum Supermarktbilligkaffee greift oder der Umweltaktivist Plastik-Einweg-Geschirr benutzt.

Besonders dann, wenn vorher die Kritik an der Lebensart anderer besonders laut war oder auf die Folgen des Handelns und Konsumierens hingewiesen wurde.

Je lauter das Engagement, je höher die Meinung zur eigenen Lebensart, je zahlreicher die Belehrungen und Hinweise, desto amüsanter ist es, die kleinen Moralgrenzübertritte zu beobachten. Noch interessanter ist die Reaktion.

Es gibt zwei davon: während die erste ein zerknirschtes Zustimmen zum eigenen Übertritt ist, ist die zweite Relativierung. Während im ersten Fall meist ein „ja, war doof“ oder ein „ich ärgere mich selbst“-Verhalten oder ähnliches kommt, kommt im zweiten Fall ein „es ging nicht anders“ oder ein „so schlimm ist das auch nicht, wenn man ein Mal…“ Gern gefolgt von Zorn auf denjenigen, der auf den Fehltritt hinweist.

Was sagt das aus?

Eigentlich erstmal nur, dass Moralvorstellungen nicht starr sind. Dass vieles situationsabhängig ist und sich meist nur derjenige dann selbst im Weg steht, der seine Prinzipien vorher als unantastbar propagiert hat.

Und vielleicht lernt der ein oder andere daraus, dass niemand sich mit seinen Einstellungen moralisch über andere stellen sollte. Denn es könnte sein, dass er sie selbst ein Mal über Bord werfen muss, relativiert oder sogar als falsch erkennt.

Und dass man sich selbst und die eigenen Ansichten nicht zu ernst nehmen sollte.

Wenn man also als veganer Umweltaktivist mit dem Flugzeug nach Namibia fliegt, dort zwei Wochen all-inclusive-Ulaub mit Jeepsafari macht und auf dem Flug zurück herzhaft in ein Geflügelfarm-Hähnchen-Sandwich beißt, um sich danach wieder zuhause verärgert über die Ökobilanz eines Unternehmens aufzuregen oder über die Meeresverschmutzung, dann sollte man sich doch überlegen, ob die erste Reaktion nicht die beste wäre…

Hach, ja.

Byebye.

Brexit. Das Wort des Tages. Die Engländer haben sich zum Austritt entschlossen und die Lager sind weiterhin gespalten.

Während einige die Unabhängigkeit feiern, sind andere, wie z.B. meine deutschen Freundinnen in Brighton, schockiert und verunsichert. Sie haben nicht mehr das Gefühl, willkommen zu sein und wissen nicht, wie es für sie und ihre Familien weitergehen wird. Ihren Deutschen Pass möchte sie nicht abgeben. Werden sie Visa benötigen? Werden sie Arbeitserlaubnisse beantragen müssen? Sie sind Immigranten.

Ich bin mir nicht sischer, ob alle Brexit-Befürworter wirklich wissen, welche Folgen das alles haben kann. Ich weiß nicht mal, ob alle anderen das jetzt schon ahnen können. Dass das britische Pfund auf Rekordtief abgesunken ist und damit die Anleger enorme Finanzeinbußen haben, dass der Verlust von Arbeitsplätzen z.B. durch Bankenumzüge nach Frankfurt, viele Menschen treffen wird, dass die allgemeine Verunsicherung über den Ausgang der Handelsabkommen zu Investitionseinbrüchen in England führen kann, ist das Eine.

Aber was passiert, wenn viele Bürger merken, dass die Probleme Englands z.B. im Gesundheitssystem, durch einen Brexit nicht gelöst werden? Wird es eine Welle von Wegzügen aus England geben?

In einer globalisierten Welt braucht man starke Partner, wenn man internationales Gewicht haben möchte. Mit wem verbündet sich England jetzt? Was passiert mit Schottland?

So viele Fragen. So wenig Antworten. Und ich frage mich, wie man diese Gräben überwinden kann, die sich nun aufgetan haben.

 

Orlando. Mitgefühl. Solidarität.

Das Massaker von Orlando hat mich sehr bestürzt. Als die ersten Meldungen über die Ticker kamen, habe ich mit Trauer die stetig wachsende Opferzahl beobachtet und mich gefragt, was auf unserer Welt los ist.

Anschläge in Frankreich, Kenia, Türkei. Zu viel Hass, zu viel Gewalt. Überall.

Ich mache diese Dinge oft mit mir selbst aus. Trauer ist Privatsache und es sollte jedem selbst überlassen sein, ob und wie er sie formuliert oder zum Ausdruck bringt. Ich zum Beispiel färbe mein Profilbild nicht ein oder poste entsprechende Symbolbilder, wenn es um Opfer, Massaker, Gewalttaten geht.

Mich lähmen die Nachrichten von Amokläufen, Massakern, Attentaten für Stunden. Danach folgt Verdrängung, die aber nur bedingt und kurzzeitig funktioniert, bis ich mich so an die Tatsache „gewöhnt“ habe, so dass ich die detailierten Berichte lesen kann.

Bei dem Massaker in Orlando war es genauso.

Meine Timeline bei Facebook, mein Nachrichtenfeed – alles war voll mit Infos. Eine Zeitleiste von den drei Stunden, Informationen über den Täter, Videos von Opfern. Dazu Regenbogenflaggen überall.

Scheinbar habe ich eine sehr ausgewählte Timeline, denn einen Tag später wurden andere Stimmen laut. Stimmen von LGBTs, die ihren Zorn und ihre Trauer nicht nur über das Massaker, sondern auch über die fehlenden Solidaritätsbekundungen in ihrem Umfeld zum Ausdruck brachten. Sie teilten Rants und diskutierten in den Kommentaren, wie homophob oder ignorant ihre Freunde, ihre Familien und ihre Kollegen wären, weil Orlando kein Thema sei.

Weil es in einem Schwulenclub passierte.

Ich bekam einen latenten dicken Hals. Nicht, weil sie ihrer Trauer und Enttäuschung Ausdruck verliehen, sondern weil sie Vorwürfe machten.

Ich bekam den Eindruck, dass in ihren Augen jeder, der schwieg oder nicht mindestens eine Flagge postete, etwas gegen Homosexualität habe. Das Massaker nicht wichtig genug nähme. Die Opfer nicht wahrnehmen wolle. Das Problem nicht sehen wolle.

Und ich starrte auf meine Timeline, in der Newsseiten ihre Solidarität bekundeten, Profilbilder eingefärbt wurden und sich die Berichte und Diskussionen über die Hintergründe dieser Tag häuften. Und fragte mich, woher diese unterschiedliche Wahrnehmung kam.

In meiner Timeline herrschte plötzlich keine kollektive Trauer vor oder stille Anteilnahme, sondern Vorwürfe, Anfeindungen, Diskussionen über mangelnde Anteilnahme.

Noch nie in meinem Leben wurde mir von einer Gruppe Menschen Vorwürfe gemacht, weil ich nicht offen genug Anteil genommen habe. Und das hat mich wütend gemacht.

Ich habe bei einem Kommentar geschrieben, dass mich dieses Massaker entsetzt hat und ich um die Menschen trauere, die dabei ums Leben gekommen sind. Ich wurde daraufhin angegriffen, weil ich nicht „Schwule“ geschrieben hätte.

Ich wurde angegriffen, weil ich von Menschen gesprochen habe, nicht von ihrer Sexualität.

Ich antwortete, dass ich um die Opfer jedes Anschlags auf die selbe Weise trauern würde. Ungeachtet ihrer Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder ihrer Sexualität. Für mich würden diese Dinge keine Rolle spielen.

Das sei Verleumdung der Tatsachen. Ich würde die Tragweite nicht verstehen. Ich würde den Schwulen der Welt damit ihre Identität klauen. Ich würde verleugnen, dass es Hate Crime sei.

Aus einem Kommentar der Anteilnahme wurde innerhalb einer halben Stunde ein homophobes Statement gemacht. Und dann sogar gelöscht.

Nein, ich verleugne das alles nicht. Für mich sind aber alle Opfer gleich. Ein Mensch ist ein Mensch. Und meine Trauer ist für alle gleich. Wenn ich beginne, meine Anteilnahme danach zu sortieren, ob jemand zu einer Minderheit gehört, für seine Rechte kämpfen muss oder diskriminiert wird, beginne ich damit auch meine Einstellung zu verleugnen, dass für mich alle gleich sind. Gleich wertig. Gleich menschlich.

Damit würde ich genau das unterstützen, wogegen Menschen kämpfen: die ungleiche Behandlung wegen dieser Dinge.

Ich lese überall „Liebe statt Hass“ und „fuckhate“. Und gleichzeitig habe ich noch nie so viel negative Worte von Betroffenen gehört, geprägt von Wut, Hass, Trauer, die auf der Suche sind nach jemandem, dem sie das entgegenschleudern können. Den sie verantwortlich machen können für die Ungerechtigkeiten und den Kampf, den sie führen müssen.

Orlando wird zum Symbol für den Kampf gemacht, den Menschen wegen ihrer Sexualität führen müssen. Ähnlich wie das Massaker bei Charlie Hebdo das Symbol wurde für den Kampf um freie Meinungsäußerung.

Für mich bleibt aber das Wichtigste, dass ich um Menschen trauere, die Opfer wurden.

Trotzdem habe ich mich (das erste Mal) dazu entschlossen, meine Solidarität bei Facebook zu zeigen. Weil es scheinbar für viele Freunde von mir wichtig ist, diese Unterstützung zu bekommen. Und weil mir meine Freunde wichtig sind, teile ich sie dieses Mal offen.

Für meine LGBT-Freunde. Und für alle anderen.

Die nicht nur das Massaker in Orlando in tiefe Trauer gestürzt hat, sondern auch die fehlende Solidarität und das mangelnde Mitgefühl ihrer Freunde, Kollegen und Familien. Und die mich mit ihren vielen Posts nachdenklich gemacht und dazu gebracht haben, meine Solidarität und meine Trauer in den sozialen Medien zu zeigen.

Wir sind viele. Und wir sind mit Euch. Nicht nur nach oder wegen diesem Tag, sondern immer. Dieser Tat des Hasses werden wir viele Taten der Liebe entgegen setzen. Küsse und Umarmungen für Euch.

Orlandointears