Arschloch.

Krebs ist und bleibt ein Arschloch.

Egoistisch, unvorhersehbar, hinterlistig, boshaft.

Wenn es jemanden trifft, der Kinder hat und einen Partner, der schon mal gegen ihn gekämpft hat und nun doch verliert, dann möchte man dieses Arschloch anschreien und zweifelt an der Gerechtigkeit. Dieser großen ausgleichenden Gerechtigkeit, die es einfach nicht zu geben scheint.

Und ich denke an DüneSieben, die damals den Kampf gegen ihren Brustkrebs und die Metastasen verloren hat. An meinen Schwiegervater, der das Rezidiv seines Lungenkrebses nicht überlebt hat. Ich denke an einen lieben Menschen, der gerade überlegt, ob er noch weiterkämpfen soll.

Bleib tapfer, Du Liebe. Und egal, was Du tust: mach es mit Leidenschaft und Liebe. Iss Schokolade, trink Bier, geh shoppen, spring nackt ins Meer und geh hoch auf einen großen Berg. Hör geile Mucke und rock mit Deiner Familie.

Krebs ist ein Arschloch. Aber vielleicht sollte man ihm genau deswegen ins Gesicht lächeln. Milde. Und wissend.

Enttäuschung

Der Anruf kam mittags. Es gäbe noch Fragen bezüglich meines Gesundheitsbogens, den ich zur DKMS geschickt habe. In diesem Fragebogen sollte man alles aufschreiben, was einem an Diagnosen so über den Weg gelaufen ist. Man wird nicht nur gefragt, ob man HIV positiv sei, mit jemandem Sex hatte, der in einem Zita-gefährdeten Gebiet war, sondern natürlich auch zur eigenen Gesundheitshistorie in Bezug auf OPs und Co, psychischem Zustand und Belastbarkeit.

Meine Gesundheitshistorie ist bewegt. Ich war nie wirklich ernsthaft krank, aber es reihen sich Kleinigkeiten aneinander, bei denen ich immer mit einer guten Diagnose herausgegangen bin. Das sprichwörtliche „blaue Auge“ habe ich mehrfach mitgenommen.

Was mich mein Leben lang begleitet, sind Ängste. Als Jugendliche hatte ich Panikattacken, mittlerweile lebe ich mit ein paar kleinen Phobien: Höhe ist nicht meins, Spinnen und ich leben mittlerweile eine Co-Existenz, in der jeder den anderen in Ruhe lässt. Und Spritzen.

Als Kind bin ich aus der Praxis abgehauen, sollte ich Blut abgenommen oder eine Impfspritze bekommen. Ich rannte und rannte – bis meine Mutter mich einfing. Ich renne nicht mehr weg, sondern ergebe mich in mein Schicksal. Jedoch habe ich Herzklopfen und zu spüren, wie eine Nadel in meinen Körper gestochen wird, gehört nicht zu meinen Hobbys. Jedoch mache ich es mit. Aktive Angstbewältigung. Ebenso gehe ich extra auf hohe Gebäude, schaue von Burgtürmen und Brücken runter und gebe Spinnen Namen – wenn sie schon bei mir wohnen wollen.

Darüber hinaus hat mein Körper eine kleine „Fehlfunktion“. Er findet, dass irgendwelche Knubbel und Wucherungen voll toll sind. Ich hatte mehrere Zysten im Kiefer, in der Brust und eben Myome an der Gebärmutter, was in letzter Konsequenz immer zur operativen Entfernung führt. Letztes Jahr die Hysterektomie. Vor drei Wochen fand man in meiner Brust Mikrokalzifikationen. Das sind Kalkablagerungen, die erstmal harmlos sind. Sie können aber auch zu einer Vorstufe eines Tumors werden. Könnte, eventuell, vielleicht.

Nie etwas bösartiges. Ich machte mir daher keine großen Sorgen nach der Diagnose, auch das „kontrollwürdig“ in der Diagnose macht mir jetzt keine Angst. Dafür stand das da schon oft genug.

Die bei der DKMS sind da anders. Beide Tatsachen, meine Ängste und die Mikrokalzifikationen, sind K.O.-Kriterien und ich bin raus.

Das Gespräch war tatsächlich etwas verstörend, hatte ich doch das Gefühl, dass die Dame am anderen Ende mir eine eine Angststörung größeren Kalibers einreden wollte. Ob ich mit Fahrstühlen fahren könne (ja), ob ich in engen Räumen sein könne (ja), ob ich auf weiten Plätzen laufen könne (ja), ob ich das Haus verlassen könne (ja) oder ob ich wegen meiner Ängste tagelang das Haus nicht verlassen würde (nein). Ob ich schon mal Blutspenden war (nein) und dass ich also gar nicht wisse, wie ich in so einer Situation reagieren würde, wenn ich vier, fünf Stunden mit Nadeln in den Armen da liegen würde (ne, weiß ich nicht. Weiß aber so gut wie niemand. Weil Stammzellenspenden macht kaum jemand regelmäßig).

Im Gegensatz dazu weiß ich aber, wie ich generell reagiere und kenne Strategien und Wege, durch diese Situationen zu kommen. Das haben viele andere wohl nicht.

Was aber noch schwerwiegender war, war die Mikrokalzifikation. Etwas, das viele Frauen haben übrigens, aber nichts davon wissen. Ich weiß es eben und haben es aufgeführt, weil es so frisch ist.

Da die Kontrolle erst in sechs Monaten ist (vorher sieht man kaum eine Veränderung), bin ich für mindestens diese sechs Monate gesperrt für die Datenbank. Wegen der „gravierenden Ängste“ (höh?) müsse man noch mal im Team beraten.

Ich hoffe nur, dass der Empfänger noch andere potentielle Spender hat, die ihm das Leben retten können. Ich hätte das durchgezogen.

Jetzt darf ich es nicht.

Vielleicht hat auch das seinen Grund. Vielleicht muss es so sein. Die Enttäuschung ist aber da und groß. Es mischt sich auch ein bisschen Erleichterung mit rein, weil ich mir über die Abnahme natürlich schon viel Gedanken gemacht habe und für mich diesen Weg gehen w0llte. Wie bei einem Bungeesprung, zu dem man sich tapfer durchringt – und dann oben in voller Montur wegen Seitenwinden zurückgerufen wird vor dem Sprung.

Ich denke an den Empfänger.

 

Gedankendisco

Gestern bekam ich einen Anruf. Von der DKMS.

Die erste Frage war, ob ich noch bereit wäre zu spenden. Ich bejahte. Dann die Frage, ob man mir ein paar gesundheitliche Fragen stellen könne. Ich bejahte. Eine Viertelstunde später stand ich in meinem Büro und schwankte.

Zwischen unglaublichen Glücksgefühlen und unglaublicher Angst und Sorge.

80% Übereinstimmung in der Gewebeprobe. Jetzt Feintypisierung durch Blutentnahme beim Hausarzt. Die DKMS regelt alles: Terminabsprache, Kurier, Blutröhrchen.

Was sie nicht regeln können, ist meine Angst.

Darf man Angst haben vor einer Stammzellentnahme, die jemandem auf der Welt das Leben retten könnte? Ist das nicht unglaublich egoistisch?

Mein gestriger Tag bestand tatsächlich aus sehr viel Gedankendisco. Ich habe panische Angst vor Blutabnehmen. Ich habe Angst vor Spritzen und Nadeln. Für mich ist jede Blutentnahme, jede Impfung, eine Herausforderung. Warum ich mich als Spender registrieren ließ? Na, Mund auf, Stäbchen rein, Spender sein klingt ja wirklich einfach… Über die Konsequenzen habe ich mir nur peripher Gedanken gemacht.

Man ist eh sehr mutig in der Distanz.

Man denkt an Leben retten, Menschen helfen, Uneigennützigkeit und Nächstenliebe. Man denkt nicht an Vollnarkose oder vier Stunden Blutwäsche, grippeähnliche Symptome bei der Vorbereitung und Schmerzen. Man denkt an kleine Kinder, die einen mit Kulleraugen anschauen mit der Headline „Annemarie braucht dich!“ und an die Aufrufe zur Typisierung.

Ich las Erfahrungsberichte. Hätte ich nicht tun sollen. Oder doch? Ich weiß es nicht.

Während die einen von wahren Horrorstories berichten (Schlauch geplatzt, Krämpfe, Schmerzen, Angst), schreiben andere davon, wie unfassbar glücklich sie sind, spenden zu dürfen.

Ja, war ich auch. Meine erste Reaktion waren Glücksgefühle. Ich hatte einen bombastischen Endorphinrausch. Als der weg war, kamen die zittrigen Knie.

Die hard facts sind einfach:

  • Voruntersuchungen (Blut, EKG, Ultraschall) mehrmals
  • ein paar Tage lang jeden Tag zwei Spritzen morgens und abends
  • dadurch das Gefühl des Krankseins, grippeähnliche Symptome bis starke Schmerzen
  • Entnahme über Blut: Dauer 4–5 Stunden, ein oder zwei Mal, verbunden mit eventuellen Komplikationen wie Kribbeln, Schmerzen durch Nadeln, Krämpfe
  • Entnahme via OP: drei Tage Krankenhaus, OP eine Stunde, Schmerzen danach wie starke Prellung, Unwohlsein, Narkose

Was mich umtreibt sind Gedanken an Angst und Panik. Was, wenn ich panike? Wenn ich krampfe? Wenn ich so große Angst bekomme, dass ich weglaufe? Wenn das in die Phase der Vorbereitung des Empfängers fällt und ich damit sein Todesurteil unterschreibe? Was ist, wenn ich stürze, krank werde und damit das Todesurteil fälle?

Ist es schlimm, wenn man Angst vor der Entnahme hat, wenn jemand anderes Angst vor dem Tod hat? Kann man das in Relation setzen? Sollte man das in Relation setzen? Oder ist es einfach ein Zeichen von Selbstschutz und völlig normal?

Mein Tag gestern endete mit einem großen Heulkrampf und dem Gefühl, dem ganzen nicht gewachsen zu sein.

Übermorgen gehe ich zur Feintypisierung aka erster Blutentnahme.