Gedankendisco

Gestern bekam ich einen Anruf. Von der DKMS.

Die erste Frage war, ob ich noch bereit wäre zu spenden. Ich bejahte. Dann die Frage, ob man mir ein paar gesundheitliche Fragen stellen könne. Ich bejahte. Eine Viertelstunde später stand ich in meinem Büro und schwankte.

Zwischen unglaublichen Glücksgefühlen und unglaublicher Angst und Sorge.

80% Übereinstimmung in der Gewebeprobe. Jetzt Feintypisierung durch Blutentnahme beim Hausarzt. Die DKMS regelt alles: Terminabsprache, Kurier, Blutröhrchen.

Was sie nicht regeln können, ist meine Angst.

Darf man Angst haben vor einer Stammzellentnahme, die jemandem auf der Welt das Leben retten könnte? Ist das nicht unglaublich egoistisch?

Mein gestriger Tag bestand tatsächlich aus sehr viel Gedankendisco. Ich habe panische Angst vor Blutabnehmen. Ich habe Angst vor Spritzen und Nadeln. Für mich ist jede Blutentnahme, jede Impfung, eine Herausforderung. Warum ich mich als Spender registrieren ließ? Na, Mund auf, Stäbchen rein, Spender sein klingt ja wirklich einfach… Über die Konsequenzen habe ich mir nur peripher Gedanken gemacht.

Man ist eh sehr mutig in der Distanz.

Man denkt an Leben retten, Menschen helfen, Uneigennützigkeit und Nächstenliebe. Man denkt nicht an Vollnarkose oder vier Stunden Blutwäsche, grippeähnliche Symptome bei der Vorbereitung und Schmerzen. Man denkt an kleine Kinder, die einen mit Kulleraugen anschauen mit der Headline „Annemarie braucht dich!“ und an die Aufrufe zur Typisierung.

Ich las Erfahrungsberichte. Hätte ich nicht tun sollen. Oder doch? Ich weiß es nicht.

Während die einen von wahren Horrorstories berichten (Schlauch geplatzt, Krämpfe, Schmerzen, Angst), schreiben andere davon, wie unfassbar glücklich sie sind, spenden zu dürfen.

Ja, war ich auch. Meine erste Reaktion waren Glücksgefühle. Ich hatte einen bombastischen Endorphinrausch. Als der weg war, kamen die zittrigen Knie.

Die hard facts sind einfach:

  • Voruntersuchungen (Blut, EKG, Ultraschall) mehrmals
  • ein paar Tage lang jeden Tag zwei Spritzen morgens und abends
  • dadurch das Gefühl des Krankseins, grippeähnliche Symptome bis starke Schmerzen
  • Entnahme über Blut: Dauer 4–5 Stunden, ein oder zwei Mal, verbunden mit eventuellen Komplikationen wie Kribbeln, Schmerzen durch Nadeln, Krämpfe
  • Entnahme via OP: drei Tage Krankenhaus, OP eine Stunde, Schmerzen danach wie starke Prellung, Unwohlsein, Narkose

Was mich umtreibt sind Gedanken an Angst und Panik. Was, wenn ich panike? Wenn ich krampfe? Wenn ich so große Angst bekomme, dass ich weglaufe? Wenn das in die Phase der Vorbereitung des Empfängers fällt und ich damit sein Todesurteil unterschreibe? Was ist, wenn ich stürze, krank werde und damit das Todesurteil fälle?

Ist es schlimm, wenn man Angst vor der Entnahme hat, wenn jemand anderes Angst vor dem Tod hat? Kann man das in Relation setzen? Sollte man das in Relation setzen? Oder ist es einfach ein Zeichen von Selbstschutz und völlig normal?

Mein Tag gestern endete mit einem großen Heulkrampf und dem Gefühl, dem ganzen nicht gewachsen zu sein.

Übermorgen gehe ich zur Feintypisierung aka erster Blutentnahme.

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8 Gedanken zu “Gedankendisco

  1. Augen zu und durch. Stell Dir vor, es geht um jemanden, der Dir sehr nah steht.
    Wenn Du die Ärzte in Deine Ängste einweihst, werden Sie Dir helfen.
    Ich hab gerade große Sorgen um ein Kind und kann mich in den Empfänger und sein Umfeld hineinversetzen. :(

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    1. Natürlich stelle ich mir genau sowas vor. Und natürlich weihe ich die Ärzte ein. Und natürlich geht es um Menschenleben.
      Es ändert aber leider nichts an den Ängsten, die man hat und die man bekommt. Und gegen Gefühle anzuargumentieren ist zwecklos.

      Für mich steht eigentlich fest, dass ich das durchziehe. Eben aus den genannten Gründen. Aber auch dieser Entschluss ändert nichts an den Ängsten und den Gedanken, die man sich macht.

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    1. Danke Dir <3

      Im Vergleich zum Empfänger, ist das eine kleine Sache. Wenn man aber über Narkoserisiken nachdenkt und darüber, dass dein komplettes Blut zwei-, dreimal umgewälzt wird und Du dir Medikamente spritzt, die Deine Immunabwehr auf den Kopf stellen, ist das nicht mehr ganz so klein, wenn man es losgelöst vom Grund sieht. Die Intention dahinter relativiert das Risiko. Aber es bleibt da.

      Und ob es zur Rettung kommt, steht ja noch nicht fest.

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  2. Fühl Dich gedrückt!

    Es ist gut, diese Gedanken zu haben. Sie gehören wohl auch dazu. Ich weiß auch nicht, wie ich regieren würde, wenn es mal dazu kommen sollte. (Auch wenn ich keine Spritzenangst habe.)

    Ich sehe diese schrittweise Vorgehensweise ja positiv: Du kannst Dich mit jedem Schritt an den nächste „gewöhnen“.

    Ich bin mir sicher, Du packst das. Gerade weil Du Deine Ängste so gut kennst!

    <3 Heldin!

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    1. Eben. Schritt für Schritt.

      Ich habe gerade den Gesundheitsbogen ausgefüllt, mein Blutentnahme-Set kam heute an.
      Morgen geht es zur Blutentnahme und dann erfahre ich, ob ich als Spenderin wirklich geeignet bin.

      Dann kann ich mir immer noch weitere Gedanken machen.

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  3. alle gedanken sind so nachvollziehbar – und ich finde es mal wieder typisch petrolgrau sie einfach auch exakt so zu benennen wie sie sind. küsse dafür!

    mir fiel eben beim lesen ein: haben die bei der dkms vielleicht jemanden mit dem du genau darüber mal sprechen könntest? ich schätze es wird vielen so gehen wie dir….

    ansonsten: ich denke dieses schritt für schritt ding ist genau der richtige weg, da kannst du kopf herz und seele schön gemeinsam mitnehmen.

    sei umarmt!

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    1. Ach, Du <3

      Es gibt Vorgespräche. Und Raum für Fragen, Erklärungen, etc.
      Und ich denke, ich werde das dann auch zur Sprache bringen.

      Ich habe darüber hinaus gestern eine nette Nachricht bekommen von einer Spenderin, bei der alles entspannt ablief.

      Außerdem habe ich beschlossen, dass man – auch wenn es um Lebensrettung geht – durchaus auch seine eigenen Gefühle und Ängste haben darf. Dieses dogmatische "Stell dich nicht so an" oder "überleg mal, worum es geht" hat keinen Einfluss auf die Gefühlswelt des einzelnen. Es behindert sogar die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich.

      Die Gedanken, dass es um das Leben eines anderen geht, sind sowieso da und stärken eher die Motivation. Aber sie verringern nicht die Ängste und Gedanken.

      Tatsächlich merke ich sogar, dass mir diese Verantwortung ganz schön im Magen liegt.

      Aber: warten wir mal ab, ob ich überhaupt über die Feintypisierung hinaus komme.

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