Klein-Bloggerdorf

Als ich damals* begann mit dem Bloggen, noch unter meinem ersten Bloggernamen, war das Bloggerdorf recht beschaulich. Auch die Themenblogs (Mode, Lifestyle, Kochen, Windel, Nähen, Politik) waren noch nicht so ausgeprägt. Blogrollen wurden noch gepflegt, die Kommentarkultur war eine bunte und man interessierte sich für den anderen, schrieb sehr offen und teilte viel.

Eine Bloggerin davon war „Der Giftzwerg“. Hinter diesem Namen verbarg sich eine junge Frau, Mutter, die sehr intensiv über vieles schrieb. Anne. Sie gehörte zu den von mir oft amüsiert betrachteten Windelblogs, heute eher Familienblogs. Ich kannte sie, ich las sie als Inspiration, ich war ihr suspekt ob meiner Schreibe und Theme – kurz: eine Wellenlänge war da nicht, auf der wir hätten surfen können. Zu groß waren die Unterschiede, das Alter, die Interessen, die Lebenssituation.

Trotzdem hörte ich immer mal wieder von ihr. Auf Facebook, über zu Freunden gewordene Blogger.

Jahre und diverse Blogs später kam die zweite Schnittstelle (ja, man begegnet sich immer zwei Mal im Leben): Beim sehr lustigen 40. Geburtstag von amidelanuit (jetzt thoughts) kamen viele der alten Bewohner von Klein-Bloggerdorf. Es gab interessantes Kennenlernen, Wiedertreffen und viele „Ach, duuu bist das!“-Ahamomente. Himmel, wir waren alle 5 bis 10 Jahre älter, immer noch schön und zu sagen hatten wir uns auch viel. Wie gesagt, man kannte sich, teilte viel und wusste daher noch mehr von seinem Gegenüber.

Zu diesem 40. Geburtstag war auch Anne eingeladen, die aber nicht kommen konnte. Kurz vorher hatte sie die niederschmetternde Diagnose „Krebs“ bekommen. Nach vielen Monaten Arztrennerei, Fehldiagnosen und nicht erkanntem Tumor. Ein Stadium 4-Krebs im Kopf an der Schädelbasis. Eine niederschmetternde Diagnose. Klein-Bloggerdorf schmiss zusammen und schickte Anne ein Mutmach-Genesungspäckchen.

Anne wurde operiert, sie wurde bestrahlt. Das Ganze in Heidelberg, weil es nur dort die Möglichkeit für diese genaue Bestrahlung für diesen heiklen Tumor gab. Bei einer normalen Bestrahlung wäre sie vermutlich blind geworden (Kollateralschaden) und es hätte mehr drumherum kaputt gehen können.

Alles sah sehr gut aus. Ein großes Wunder, dass der Tumor operiert werden konnte, so nah an der Hirnschlagader.

Ein Jahr später ist der Tumor zurück. Und er hatte schon in einen Lymphknoten am Hals gestreut. In einer OP wurden ihr die Lymphknoten am Hals entfernt und Proben genommen von diesem Ding, das man im MRT wieder gefunden hatte. Leider mit unschönem Ergebnis: ein Wachstum von einem Zentimeter binnen vier Wochen. Die Proben sind eindeutig.

Es beginnt von vorne: Bestrahlung, Hoffen, Bangen.

Anne ist Mutter von zwei Kindern. Sie hatte gerade begonnen, sich eine Existenz als Tagesmutter aufzubauen, als der Krebs kam. Die finanzielle Situation ist die zweite große Sorge neben der neuen Diagnose. Da alles jetzt gerade wegen der lebensbedrohlichen Situation sehr schnell gehen muss, hat die Familie kaum die Chance, sich über ihren weiteren (finanziellen) Weg Gedanken zu machen. Sicher ist nur: ihre Einkünfte sind weggefallen, als Selbstständige ganz am Anfang hat sie noch nicht die Rücklagen aufbauen können oder die Top-Absicherung, um das aufzufangen. Hinzu kommen die Aufenthalte in Heidelberg (nicht im Krankenhaus, sondern in einer Ferienwohnung), die Fahrten von ihrem Heimatort im Norden der Republik dahin und die laufenden Kosten.

Neben der Angst vor dem Tod, der Sorge um die Gefühle der Kinder und die verlorene Jobperspektive, gesellt sich nun ganz plötzlich die Existenzangst.

Klein-Bloggerdorf, das mittlerweile gar nicht mehr nur aus Bloggern besteht, sondern seine Kommunikationskanäle auf Facebook, Twitter und Co. hat, ist wieder da. In Form einer Fundraising-Initiative. Viele Freunde von Anne haben sich zusammen geschlossen, um Geld zu sammeln für die Familie.

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Ja, sie wissen, dass damit die Ursachen der finanziellen Probleme nicht gelöst werden können. Aber sie hoffen, dass man der Familie damit die Zeit verschaffen kann, sich erst um den Kampf gegen den Krebs zu kümmern. Ohne Existenzangst. Und sich dann, wenn Kraftressourcen frei sind, um die finanziellen Nöte zu kümmern und zu überlegen, welche Schritte gegangen werden müssen. Ein kleiner Aufschub.

Ich bin kein Fan von öffentlichen Spendensammlungen und -aufrufen. Es ist oft ein zweischneidiges Schwert, eine Gradwanderung zwischen Hilfe und Übergriffigkeit. Es gibt viele Hater im Netz, die solche Aktionen torpedieren. Und auch ich sehe hier vieles mit Skepsis, wenn man diese Dinge an die Öffentlichkeit bringt. Radio, Fernsehen, Zeitung… Man kann schwer abschätzen, was aus dieser Sache wird, wenn man sie ein Mal losgetreten hat.

Trotzdem sehe ich den Sinn dahinter, die Hilfe, die hier geleistet werden soll. Und möchte deswegen meinen Beitrag dazu leisten, in dem ich helfe, diese Aktion publik zu machen. Hier kann jeder selbst entscheiden, ob er ein, fünf oder hundert Euro spenden möchte, den Link teilt oder sich einfach nur umdreht. Es ist alles ok.

Ich danke jedenfalls allen, die sich hier engagieren und die Aktion auf die Beine gestellt haben. Klein-Bloggerdorf ist eben ein Dorf. Und wir wissen alle, dass man sich in einem Dorf gegenseitig hilft.

Danke.

Hashtag bei Twitter:
#HilfefuerAnne

Weitere Blogs, die darüber berichten:
Thoughts
Frische Brise
Kleines Brüllen
AbraxaFrau Mutti

Daily Pia

*2006

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„Es fällt gar nicht auf…“

Diesen Satz höre ich häufig, wenn wir Gäste einladen. Denn in unserem Bekanntenkreis gibt es einige Eltern und dieser Satz bezieht sich auf ihr Kind. Oder ihre Kinder.

Bei Einladungen zu einem Umtrunk bei uns, Feiern oder Essen kommt immer zwangsläufig die Frage, was denn mit den Kindern sei. Bei vielen Anlässen sind uns die Kinder herzlich willkommen, wobei wir immer darauf hinweisen, dass sie bitte Spielsachen mitbringen sollen, weil es sowas in unserem kinderlosen Haushalt nicht gibt.

Trotzdem ist dieser Kinderbesuch für uns mit Aufwand und Stress verbunden: Kindertaugliche Getränke und Snacks müssen organisiert werden, ein Raum gefunden, in dem die Kinder spielen können (bei drei Zimmern übrigens nicht so einfach) und die Katzen müssen eingesperrt werden. Die Wohnung muss – je nach Kindesalter – gesichert werden. Uns wichtige Dinge, die weder angesabbert noch runtergeworfen oder zerstört werden sollen, müssen weggeräumt und weggesperrt werden.

Die Sache mit den Katzen hat sich als besondes heikel herausgestellt. Unsere Katzen reagieren auf Kinder höchst panisch. Das liegt daran, dass Kinder beim Anblick von Katzen gerne auf sie zustürmen, laut sind, unbedingt mit ihnen kuscheln wollen und das Zimmer belagern, in denen wir den Katzen einen sicheren Rückzugsort eingerichtet haben. Das stresst die Katzen so sehr, dass sie sich oft noch Stunden später verängstigt irgendwo verkriechen.

„Es fällt gar nicht auf…“ ist von vielen Eltern trotzdem der nicht dezente Hinweis darauf, dass sie ihr Kind mitbringen möchten. Und es mag sein, dass ein Kind nicht auffällt. In unserem Bekanntenkreis gibt es jedoch viele Eltern mit Kindern im Alter zwischen einem und zwölf Jahren. Das klassische Alter also, in dem Eltern meinen, ihr Kind wäre nicht in der Lage, einige Stunden bei den Großeltern, einem Freund, Babysitter oder sogar alleine zu bleiben. Meist steckt aber auch dahinter, dass sie sich nicht die Mühe machen wollen, einen Babysitter zu suchen oder zu bezahlen…

Ein Kind mag nicht auffallen. Bei kleinen Events bei uns sind das aber im Durchschnitt schon sechs bis zehn Kinder. Und die schaukeln sich in Lautstärke und Aufregung gegenseitig hoch, ihnen wird irgendwann langweilig, sie stören mitunter permanent die Gespräche der Erwachsenen, fordern Aufmerksamkeit – und nerven dann.

Ja, auch das Kind, das gar nicht auffällt. Im Rudel sind sie einfach unberechenbar.

Darüber hinaus gibt es aber Erwachsene, die keine Lust auf Kinder haben, wenn sie sich mit anderen Erwachsenen unterhalten. Jeder, der es erlebt hat, wie er versucht ein Gespräch mit Eltern zu führen und dabei ständig vom Kind des Gesprächspartners unterbrochen wird, weil das Kind irgendwas erzählen/haben/beichten will, weiß wovon ich rede. Die Eltern sind abgelenkt, ständig passen sie auf, was der Nachwuchs macht und kümmern sich dann doch die meisten Zeit um ihr Kind.

Nach unserer letzten Feier mit sieben Kindern, einem Büro mit eingetretener Schokolade auf dem Teppich, Weingummi in den Sofaritzen und diversen zerstörten und umgeräumten Gegenständen, haben wir beschlossen, dass es bei uns auch Events geben wird, die als „Adult-Edition“ ausgewiesen werden. Hier möchten wir gerne ausschließlich unter Erwachsenen sein.

Das bedeutet für uns weniger Organisationsstress, weniger Kollateralschäden, weniger Krach, weniger Kosten, mehr Gesprächsmöglichkeiten, weniger Stress für die Katzen.

Liebe Eltern, wir mögen Eure Kinder. Und es wird auch weiterhin die Möglichkeit geben, dass ihr sie mitbringt. Habt aber bitte Verständnis, dass wir auch mal nur euch haben möchten, ohne euren Anhang. Es mag für euch selbstverständlich sein, dass ihr immer Gewusel um euch herum habt. Für uns ist es das nicht. Und soll es auch nicht werden.

Und wenn ihr meint, dass ihr dann nicht mehr zu unseren Events kommen könnt oder wollt, weil ihr es aus welchen Gründen auch immer nicht kindlos schafft, dann ist das so. Dann akzeptier ich das genauso gerne, wie ihr unseren Wunsch nach einer normalen Feier ohne Kinder akzeptieren müsst.

So. Ende der Ansage.

PS: Es soll sogar Eltern geben, die sich auf diese kindfreien Stunden bei uns freuen – weil sie endlich mal wieder ungestört von Blagen sein können…

 

Ermüdend.

Es gibt Dinge, die mich ermüden. Meistens sind es Menschen. Menschen ermüden mich. Nicht alle, sondern diejenigen, die sich unfair verhalten.

In letzter Zeit sind mir viele ermüdende Menschen begegnet.

Da ist derjenige, der hinter unserem Rücken bei gemeinsamen Bekannten über uns lästert, weil er so versucht, seine Position zu stärken, um etwas zu bekommen, was er will.

Da ist die Jugendliche, die mich bei etwas unterstützen sollte, es aber nicht tat – und nicht nur Ausreden dafür findet, sondern auch noch die Belohnung dafür einsackt.

Da ist dann die Auftraggeberin, die das Verhalten der Jugendlichen auch noch entschuldigt („Kinder eben“) und als Wertschätzung meiner Arbeit sagt, dass das dann die Jugendliche das nächste Mal ganz alleine macht.

Da ist die Internetbekanntschaft, die mich als arrogant bezeichnet und dann auf meine Antwort beleidigt ist und alle Kontaktwege blockiert.

Zum Glück gibt es noch viele andere Menschen, die nicht so sind. Die das Gespräch suchen, wenn etwas schief läuft. Die Dinge mit einem direkt klären. Die darüber informieren, wenn sie Zusagen nicht einhalten können. Die nach Lösungen suchen.

Und ich stelle fest, dass ich mich einfach mehr auf diejenigen konzentrieren sollte, die fair sind. Statt mich über die zu ärgern, die es nicht sind.

 

13

Der 13. Krieger. Freitag, der 13. 13 Himmel.

Für mich wird die 13 jetzt eine Glückszahl, denn ich hatte vorhin 13 Akupunkturnadeln im Körper. 4 im Gesicht, 3 im Ohr, 1 auf dem Kopf, 2 in den Händen, 2 in den Armen, eine im Fuß.

Der Grund ist eine Influenza seit 11 Tagen mit extremen Schmerzen im Kopf, den Nebenhöhlen, Stirnhöhlen und Ohren. Ohne Erkältungssymptome. Kaum waren die Nadeln drin, lief die Nase und die Augen tränten.

Dabei blieb es auch noch zwei Stunden nachdem die Nadeln draußen waren.

Wahnsinn. Oder wie die MTA beim Nadeln ziehen sagte: „Ja, die Chinesen mit ihren alten Heilmethoden wussten schon, was sie taten.“

 

Wie wahr.

Sehr oft erlebt, wie sich Menschen oft melden, wenn sie einen brauchen, weil es ihnen schlecht geht, sie am Abgrund stehen oder eine Krise bewältigen müssen. Wie sie die angebotene Hilfe gerne annehmen. Sich Zeit nehmen für Treffen oder Telefonate, weil sie emotional nicht allein sein möchten.

Wie es dann weniger wird, wenn sie ihre Krise bewältigt haben.

Wie es nur noch dahin tröpfelt, wenn es ihnen richtig gut geht.

Und wieder denke ich mir, dass ich daraus lernen müsste: mich mehr abgrenzen, mich nicht ausnutzen zu lassen, endlich einzusehen, dass man nur so lange Freund ist, wie man nützlich ist. Und wieder weiß ich, dass ich beim nächsten Mal wieder so blöd bin, für andere da zu sein, wenn sie mich brauchen.

 

Grippewelle

„Bringen sie Wartezeit mit. Wir haben eine Grippewelle. Die Patienten sitzen uns die ganze Treppe runter.“

Das also zu meinem Versuch, nochmal die Ärztin aufzusuchen. Nach 11 Tagen völliger Erschöpfung, Schlappheit, Kreislaufproblemen, Kältezittern, Schweißausbrüchen, Kopfdruck, Ohrenschmerzen, wirkungsloser Antibiose, Bindehautentzündung möchte ich einfach auf Nummer sicher gehen, dass sich bei mir keine Entzündung im Kopf festgesetzt hat, wie es sich eigentlich anfühlt.

Dann also heute Nachmittag zur Ärztin. Irgendwie.

Wenigstens weiß ich: Wir sind viele.

Was mich momentan nervt.

 

Mich nervt zur Zeit die Unfähigkeit so vieler Menschen, Verantwortung zu übernehmen oder sich einfach um die Dinge zu kümmern, für die sie verantwortlich sind.

Ich kann mich gar nicht genug über den Egoismus der Leute aufregen, wie es sein müsste. Anstandslosigkeit, Verantwortungslosigkeit und Schulterzucken im Rudel.

Ich möchte mich erbrechen.

Mutterfail.

Wenn ich als Kind von ca. 4 bis 5 Jahren im Supermarkt mit meiner Mutter einkaufen gewesen wäre und einem andere Menschen zwei Mittelfinger gezeigt hätte, hätte meine Mutter mich zur Seite genommen, mir gesagt, dass ich da etwas gemacht habe, was beleidigend sei und mich aufgefordert, mich zu entschuldigen. Ich hätte zerknirscht, ertappt, schuldbewusst Entschuldigung gesagt und mich in Grund und Boden geschämt.

Was meine Mutter niemals gemacht hätte, wäre mein Verhalten zu rechtfertigen oder schönzureden.

Scheinbar ist es heute aus der Mode gekommen, dass Eltern ihren Kindern klar machen, dass es Regeln im Miteinander gibt. Jedenfalls muss man das denken, wenn die Mutter mit Mann und zwei Kindern gerade uns angegangen ist, weil wir es gewagt haben, ihrem Sohn zu sagen, dass wir die zwei Mittelfinger uns gegenüber nicht sehen möchten.

Es könne gar nicht sein, dass er das gemacht hätte. Er hätte sowas ja noch nie gemacht. Außerdem wisse er gar nicht, was das bedeuten würde.

Tja, es mag sein, dass er die genaue Bedeutung nicht kennt. Aber er wusste ganz genau, dass es etwas ist, was man nicht macht. Und er hat es bewusst gemacht, denn er schaute uns an und zeigte und direkt beide Mittelfinger. Danach versteckte er sich grinsend hinter seiner Mutter.

Dass ein Kind sowas macht, passiert. Aber als Eltern ist es an euch, ihn in diesem Moment zu zeigen, dass so ein Verhalten Konsequenzen hat. Dass man das nicht macht. Und dass man sich entschuldigt, wenn man jemanden beleidigt.

Leider hast du weiter dein Kind vor den bösen Menschen im Supermarkt beschützt und lautstark erzählt, dass er sowas gar nicht kenne! Auf meinen Einwand, dass er das vielleicht im Kindergarten aufgeschnappt haben kann, wolltest du mir die Telefonnummer des Kindergartens geben, damit ich mich dort über die Erziehung deines Sohnes beschweren könne.

Ja, ist klar. Merkste das eigentlich noch selber?

Was hat dieser Junge heute im Supermarkt gelernt?

  1. Er kann Menschen beleidigen, ohne dass es Konsequenzen hat.
  2. Wenn sich jemand über sein Fehlverhalten beschwert, ist der andere schuld.
  3. Seine Mutter glaubt, dass der Fehler nie bei ihm liegt.
  4. Schuld am Erziehungsfail ist der Kindergarten, nicht die Eltern.

Mir sagt das viel über diese Eltern. Und es ist nichts, was ich auch nur annähernd gut finden kann. So langsam wundert es mich nicht mehr, warum Lehrer in Schulen verzweifeln am Benehmen und Verhalten von Kindern – und deren Eltern.

Wer die Befindlichkeiten seines kleinen Prinzen oder seiner kleinen Prinzessin über alles andere stellt und seine Fehler auf andere schiebt oder Entschuldigungen für sein Verhalten sucht, raubt sich selbst vieler Gelegenheiten, sein Kind zu einem sozialkompetenten, respektvollen und reflektierten Menschen zu machen.

Irgendwann wird dieses Kind damit dann auf die Schnauze fallen. Oder er geht in den Vorstand einer Bank, eines Autokonzerns oder einer Versicherung und glänzt da mit seinem rücksichtslosen Ego auf Kosten anderer.

 

WMDEDGT.

Da es hier heute wohl ruhig und gesittet ablaufen wird (ok, mir ist noch ziemlich langweilig und das Internet bringt mich immer auf doofe Ideen), mach ich mal mit bei Frau Brüllens WMDEDGT.

7.31 Uhr
Ich wache auf. Laut meiner App jedenfalls. Nach 8 Stunden und 8 Minuten Schlaf. Erstaunlicherweise sogar zwei Stunden Tiefschlaf. Ein Novum der neueren Bettgeschichte.

7.33 Uhr
Kaffee. Anders ist das alles nicht zu ertragen: die Sonne scheint ins Zimmer und ich mache erstmal eine Stoßlüftung. Die da draußen sollen schließlich auch was Warmes um die Ohren bekommen. Da ist unsere verschwitzte Wohnungsluft genau das richtige. Und während ich beim Fenster öffnen den Gören draußen zuhöre, die auf ihrem Fußweg (sic!) lautstark über alles mögliche schwadronieren, sehe ich tatsächlich ein Mädel mit Hotpants. Ok, sie trägt eine Leggins drunter. Aber mich inspiriert das zu meinem ersten Tweet des Tages:

ca. 8 Uhr
Nach meiner ersten Internetrunde mit Kaffee und Katzen im Bett, muss ich wohl mal aufstehen und das Schlafzimmer aufräumen. Heute Nachmittag wird jemand vom Bettengeschäft vorbei kommen und sich meine Schlafsituation mit der sündhaft teuren Matratze ansehen, die ich bei denen erworben habe vor eineinhalb Jahren. Ich wache nämlich jeden verdammten Morgen mit Nackenschmerzen und Rückenstarre auf. Bei meinem Aufräumen finde ich meine Fischermans Friend-Packung wieder, die eine Katze wohl als Notration gehortet hat.

8.10 Uhr
Bei der Nachbarstochter von unten klingelt es. Zwei Mal innerhalb von fünf Minuten und ich erstarre vor Ehrfurcht, weil sie schon Besuch bekommt. Ich habe noch nicht mal eine Hose an.

8.30 Uhr
Angespornt von der Nachbarstochter war ich duschen. Angezogen räume ich das dreckige Geschirr in die Spülmaschine und räum ein bisschen Kram weg. Merkt man, dass ich keine Lust habe, mich an den Schreibtisch zu setzen heute? Es ist so schönes Wetter draußen…

An dieser Stelle bitte ein wehleidiges, bettelndes „Mamaaaaa!“ einfügen. So, wie ein Schulkind seine Mutter anbettelt, bitte heute nicht in die Schule zu müssen.

9 Uhr
Ok, da es niemanden interessiert, die Wohnung relativ aufgeräumt ist und ich immer noch Langeweile habe, spiele ich eben mit der Katze.

9.05 Uhr
Die Katze hat keine Lust mehr, mit mir Verstecken zu spielen. Vielleicht hat sie auch das Prinzip nicht verstanden, warum ich mich im Bett verstecke und sie mich suchen soll, wenn sie eh weiß, wo ich bin. Geh ich halt an den Schreibtisch.

9.10 Uhr
Rechner läuft, ich checke die Mails, kümmere mich um ein bisschen Buchhaltung und habe dann wieder Langeweile. Ich bin etwas demotiviert heute. Ich surfe wieder und stoße auf Frau Brüllens WMDEDGT.

9.35 Uhr
Schreib ich eben einen Blogpost.

9.50 Uhr
Zum Geburtstag heute nur die besten Glückwünsche!

Weil ich bei Soulsilence immer an Carlton denken muss, oder bei Carlton an Soulsilence, swinge ich jetzt mal ein bisschen.

10.12 Uhr
Der Mann ruft an und sagt, er würde jetzt Karten für Coldplay kaufen. In Ermangelung eines Lottogewinns nimmt er die für 100 Euro pro Stück… Ich nehm mir einen Schnappes und frage mich, warum genau eine Karte für ein Konzert so viel kostet, wie der Wocheneinkauf einer kleinen Familie und womit das eigentlich gerechtfertigt wird.

11.08 Uhr
Ein wenig nervt es mich ja schon, wenn Menschen immer, aber auch immer, mit einem blöden Spruch antworten müssen, wenn man Interesse zeigt.

11.14 Uhr
Da ich gerade nichts zu tun habe, aber das Haus nicht verlassen kann, weil 1. die Merinounterwäsche vom Mann geliefert wird und ich 2. nicht weiß wann, ist mir ultralangweilig. Ich räume also ein bisschen den Schreibtisch auf und finde – tataaa – meine Pillendose wieder. Unter dem Grafiktablet. Ein kleiner Wink an mich, mal wieder die Vitamindosis zu nehmen.

12 Uhr
Die Post war da. Leider nicht der Paketbote. Was mich aber freut, sind die Belegexemplare, die mir ein Kunde geschickt hat. Belegexemplare sind ein ewiges Thema: die meisten Kunden überlesen gerne den Passus in den AGB, dass sie sich verpflichten, mir zehn Exemplare zukommen zu lassen für mein Archiv – und zur Kontrolle. Bei großen Aufträgen im Auflagen- oder Raumsinne (Katalogen, Bannern etc.) reicht mir ein Foto oder ein bis zwei Exemplare. Es hat jedoch Seltenheitswert, wenn mal was eintrudelt. Umso schöner ist es dann, wenn es passiert. Heute also vier Datenblätter und drei Plakate. Fehlen noch die Kalender. Alles Aufträge der letzten zwei Wochen vor meinem Urlaub.

12.16 Uhr
Jetzt war auch der Paketbote da und es gibt nicht nur Wäsche für den Mann, sondern auch für mich.

12.22 Uhr
Sicherheitsbedürfnis, das:
Checken, ob man das Bild mit dem Untertitel „Wenn ich Merinowolle trage und ganz fest an Dich denke, stehen die Nippel wie Mäusefäustchen“ via WhatsApp an den richtigen Adressaten* geschickt hat.

*eigener Ehemann

Eigentlich war es ein spätes Frühstück. Aber da ich wirklich Probleme habe mit einer Mahlzeit vor 11 Uhr, musste das sein. Dafür esse ich direkt im Anschluss das Müsli. Quasi um wieder „on time“ zu sein. Oder ist es „in time“? Ach, egal: in der Zeit.

13.05 Uhr
Ich lache immer noch über die Bilder, die ich gerade bekommen habe. Das Genussfestival am Wochenende war so leer, dass wir** mit dem Liegestuhl auf dem leeren Platz vor der Bühne mit dem Cover-Duo wohl die Hauptattraktion waren. Und, ja, es wurde Bier ausgeschenkt. (Wegen der nationalen Sicherheit musste ich alle anderen Beteiligten natürlich verpixeln.)

genuss

**der Inhaber des Foodtrucks „Bergziege – Allgäuer Kässspätzle“ vom Feinsten und ich

Leider kann ich mich nicht entsinnen, ob gerade „Born to be wild“ gespielt wurde oder doch „Sunshine Reggae“. Beides hat uns jedenfalls mitgröhlen lassen und sagt viel sowohl über deren, als auch unser Repertoire aus.

13.29 Uhr
Ich sitze am Schreibtisch und esse Popcorn. Was zuerst wie eine sehr gute Idee klang, entpuppt sich als semiprofessionell: Nach jedem Griff in die Schüssel und vor jedem Tastaturanschlag muss ich mir die Finger entfetten. Ich könnte einfach eins von beidem lassen, aber sind wir mal ehrlich: ist es nicht viel lustiger, sich selbst das Leben schwer zu machen? Und so greife ich fröhlich zwischen jedem Satz in die Schüssel, nur um danach entnervt zur Serviette zu greifen. Erwachsen sein ist schon doof.

Mein Pro-Tipp an dieser Stelle: beim Popcornessen einfach einen Loopschal umlegen. Man findet immer noch genug Popcorn, wenn die Schüssel schon leer ist.

14 Uhr
Telefonat mit der Tierarztpraxis, die den Kater letzte Woche operiert hat. Die Blutwerte an sich sind ok, jedoch gibt es einen erhöhten Kreatinkinasewert und der Leukozytenwert ist am unteren Ende der Toleranzgrenze. Beides muss in drei bis vier Wochen nochmal gecheckt werden. Ich finde das nicht so schön.

15 Uhr
Ich habe den Müll rausgebracht, die Spülmaschine ausgeräumt, ein Mal schnell durchgefegt (weil Putztag ist erst Freitag und ich will mir ja vorher nicht die Hände schmutzig machen…), den Kater mit echtem Futter gefüttert (vielleicht liegt der olle Muskelwert ja auch an seiner Diät?) und Popcorn gemacht. Wer denkt, dass ich heute so überhaupt nicht in meinem wirklichen Job arbeite, hat recht. Ich habe nämlich keine Lust. Nicht ein bisschen. Und da es gerade keine Deadline gibt, die ich unbedingt einhalten muss und ich auch sonst noch nicht wirklich aus dem Urlaubsmodus raus bin (ok, ich habe letzte Woche schon gearbeitet – und zwar nicht wenig – aber das überspringe ich in meiner Argumentationskette einfach mal), mache ich heute nichts außer Kleinkram. Und Surfen. Das aber am Arbeitsrechner, für das gute Gewissen. Höhö.

15.23 Uhr
Ich warte auf den Matratzenmann, der bald kommen soll. Zwischen 15.30 und 16 Uhr, haben sie gesagt. Schauen wir mal. Danach geht es dann ins Kurstädtchen aka alter Wohnort, um den besten Ehemann der Welt vom Zahnarzt abzuholen.

17.48 Uhr
Der Matratzenmann war da und bestätigt mein Gefühl, dass meine Matratze nicht in Ordnung sei. Sie hat eine Kuhle, wo keine sein soll. Jetzt bekomme ich wohl eine neue. Entweder das Inlay oder eine komplette. Mir egal, Hauptsache ich schlafe wieder besser und die Verspannungen lösen sich.

Die Katze, die sich bei Ankunft des Matratzenmannes unter die Couch verzogen hat, habe ich mit Besenstiel auch wieder rausbekommen. Liebe Tierschützer, keine Sorge: die Katze ist nicht zu Schaden gekommen.

Den Mann habe ich nicht vom Zahnarzt abholen können, weil er früher hingegangen ist und genau fertig war, als der Matratzenmann hier war. Als ging es nur vom hiesigen Bahnhof aus. Er hat eine leicht dicke Backe dank Stellvertreterschraube im Kiefer. Die darf jetzt dafür sorgen, dass das Zahnfleisch um sie herum zuwächst, aber der Platz für den Zahn für oben drauf frei bleibt. Der kommt nächste Woche. Er liegt und kühlt und ist so verdammt tapfer wie immer. Irgendwie hat der keine Nerven…

Jetzt liegen wir zusammen auf der Couch. Jedenfalls 3/4. Die Katze liegt unter dem Bett. Dafür liegt rechts von mir der Backe kühlende Mann und an meinen Beinen der Diätkater. Und bis zur Tagesschau hauen wir uns die letzten zwei Folgen Quantico rein. Nicht, weil die Serie so toll ist, sondern weil ich es hasse, nicht zu wissen, wie eine Serie endet.

Jetzt bleibt die Frage: was gucken wir als nächstes?

20.48

Wir hängen jetzt zum Tagesausklang hier rum. Zum Einen, weil ich müde von der Langeweile bin, zum Anderen, weil der Mann nach der Implantatsgeschichte etwas angeschlagen ist. Abendessen ist aus Rücksicht auf den Mann sehr schmal ausgefallen. Sonst ist (außer Katzenfütterung) nichts mehr passiert. Schauen wir mal, wie es dem Gatten morgen geht, gerade hat er Ibu geschluckt…
(Fortsetzung folgt.)

Liebe Kinder,

…wobei ich Euch mit „Kindern“ wohl unrecht tue, da Ihr im Schnitt zwischen 12 und 17 Jahre alt seid und meint, Euch gehört die Welt. Und die Straße.

Ja, ich habe vollstes Verständnis (kennt Ihr die blöden Witze über „sie war stets bemüht“ als Synonym für „war trotzdem scheiße“? So ungefähr dürft Ihr mein „vollstes Verständnis“ lesen. Ok? Gut, weiter) dafür, dass Ihr nach der Schule diesen Adrenalinkick habt. Die Freizeit wartet. Vielleicht Eure ganz dolle Gamekonsole, Euer PC oder Euer neuer Freund. Vielleicht seid Ihr auch froh, aus dem Gebäude raus zu sein und die Lehrer für mindestens einen Nachmittag vergessen zu können. Vielleicht habt Ihr eine Klassenarbeit zurück bekommen mit einer fetten 5 drunter oder eine geschrieben. Vielleicht habt Ihr heute ein süßes Zettelchen bekommen, weil Eure Smartphones bei der Lehrerin vorne bei Stundenbeginn abgegeben werden mussten.

Ist mir alles scheiß egal! Ehrlich.

Weil es nichts daran ändert, dass Ihr nicht einfach auf die Straße zu laufen habt, wenn Ihr aus der Schule kommt.

Könnt Ihr Euch an die Verkehrserziehung im Kindergarten erinnern? Mit dem Polizisten, dem Kasper und dem Räuber? Ja? Super.

Warum haltet Ihr euch dann nicht an das, was Ihr da gelernt habt?

Ich möchte Euch alle mit der Nase auf die Straße drücken, damit Ihr mal versteht, dass es da nicht nur nach Euren Füßen riecht, sondern auch nach Autoreifen und Blut. Kinderblut. Von Kindern, die einfach ohne zu gucken (und wenn, dann nur auf ihre beschissenen Pokemonfänger) zwischen den parkenden Autos auf die Straße rennen.

Wir leben zwischen diversen Schulen. Von der Grundschule, über das Gymnasium bis zur berufsbildenden Schule ist alles dabei. Was alle diese Schulen gemeinsam haben, ist, dass ihre Schüler in Horden und ohne einen Funken Hirn im Straßenverkehr rumlaufen. Als ob man mit der Schulglocke gleich auch ihre Aufmerksamkeit weggeläutet hätte.

Als Autofahrer kann man da noch so vorsichtig und langsam über normale Hauptstraßen fahren, es passiert fast jeden Mittag, dass einem ein Pickel-Paul oder eine Bauchfrei-Fiona vor die Motorhaube läuft. Starrend auf ihr Smartphone, quasselnd mit weiteren Hormonbombern männlicher oder weiblicher Ausstattung oder einfach nur zu cool, um mal nach rechts und links zu schauen, wenn man über die Straße läuft.

Liebe Heranwachsende, liebe Schüler, Ihr seid nicht allein. Die Welt dreht sich nicht um Euch. Und auch Ihr habt Augen zum gucken, Ohren zum Hören und ein Hirn zum Denken.Euer verantwortungsloser Umgang mit dem Straßenverkehr bringt Euch jeden verdammten Tag in echt große Gefahr. Ich weiß, es ist so unter Eurem Niveau, wie die Kleinkinder an der Bordsteinkante anzuhalten und zu gucken. Aber, hey, das hat durchaus einen Sinn. Denn die Autofahrer, die da ankommen, die sehen Euch teilweise nicht. Oder sie gehen davon aus, dass Ihr eben nicht wie die Lemminge einfach über die Klippe lauft, sondern in Eurem Leben gelernt habt, dass Euer Handeln auch Konsequenzen haben kann.

Meine große Bitte an Euch – obwohl es keine Bitte ist, sondern eher ein Befehl – ist, dass Ihr Euch so erwachsen und aufmerksam auf der Straße verhaltet, wie Ihr behandelt werden wollt. Ansonsten lass ich Euch demnächst Stoßstange lutschen. Unfreiwillig. Weil wieder einer von Euch mit Kopfhörern im Ohr und ohne zu Gucken auf die Hauptstraße gelaufen ist.

Wenn Ihr tot seid, weil jemand nicht mehr schnell genug bremsen konnte, dann könnt Ihr keine Pokemons mehr jagen oder Musik hören.

Und Zettelchen im Unterricht gibt es dann auch nicht mehr.