Katzen kaufen.

(Zur Info, weil sich wohl wieder einige Leute angesprochen fühlen, ohne gemeint gewesen zu sein, aber lieber hintenrum meckern, als vornerum zu fragen: Es war Weihnachten. In meine Facebooktimeline wurden Berichte von „Tieren unterm Tannenbaum“ gespült, ein Hauptwunsch von Kindern sind immer noch Haustiere und Eltern denken nur an leuchtende Kinderaugen, nicht am volle Klos. Kinder können die Verantwortung und Arbeit, die dahinter steckt, oft aber nicht abschätzen.

Hier gab es Berichte von jungen Hunden, die Böschungen runtergeworfen wurden, trächtige Katzen, die ausgesetzt wurden. Der Tierschutz berichtet über verantwortungslose Züchter und ich sehe uffgetakelte Damen mit Handtaschenpfiffi. Wenn also einer von Euch diesen Schuh für sich passend findet und ihn sich anzieht, dann soll er das tun. Denn es zeigt, dass da wohl ein Nerv getroffen wurde. Was ich aber absolut daneben finde, ist, alles auf sich persönlich zu beziehen und dann eppsch zu reagieren, weil man denkt, man sei persönlich gemeint.

Edit 2: Hier noch die Quellen, die mich schon weit vor Weihnachten dazu veranlasst haben, einen Artikel zum Thema „Tiere unterm Tannenbaum“ und „Tieranschaffung“ zu schreiben. Persönliche Quellen waren da nur noch der letzte Anstoß, es auch endlich mal zu tun…

BMT
Wir haben hier unseren Kater her. Im Dezember berichtete der BMT wieder von skrupellosen Züchtern.

Tierschutz Karben
Zu Gunsten des Tierschutzes Karben hat das Autohaus Fischer-Schädler Ende November eine Lesung mit der Frankfurter Tierärztin und Autorin Andrea Habeney veranstaltet. Die Erlöse der Tombola, der Getränke sowie ein Teil der Eintrittsgelder wurden gespendet. Im Sommer des Jahres bekam der Tierschutz bereits eine Spende vom Autohaus, die aus den Einnahmen vom Hol-Bring-Service resultieren. Bei allen Aktionen habe ich die Werbung gemacht.

Hinzu kamen verschiedene Posts und Beiträge in den Sozialen Medien von Freunden, die im Tierschutz aktiv sind.)

Menschen würden Katzen kaufen. Meist diejenigen, die sich nicht wirklich darüber Gedanken machen, was es bedeutet, ein Tier „anzuschaffen“. Es hat nichts damit zu tun, dass man sich ein Accessoire oder einen Dekoartikel kauft, weil er so gut zur Inneneinrichtung, zum Gesamtbild passt.

Man schafft sich kein Tier an. Man wird von einem Freund gefunden und gibt ihm alles, was der Freund braucht.

Bei Katzen bedeutet das (und ich spreche hier nur von Katzen, weil ich das beurteilen kann):

Teure Möbel? Designerstücke? Mach dir klar, dass sie kaputt gehen werden. Sei dir sicher, dass es der Katze egal ist ob deine Couch 200 oder 2000 oder 20.000 Euro gekostet hat. Wenn sie kratzen will, tut sie das. Das gilt auch für Tapeten, Sessel, Stühle, Betten.

Du meinst, du kannst sie dann ausschimpfen und sie merkt, dass sie was falsch gemacht hat und lässt das dann? Falsch gedacht. Eine Katze tut etwas nicht (oder lässt es), um dir zu gefallen. Sie ist kein Hund. Du kannst sie nicht mit Bestrafung oder Ausschimpfen erziehen. Du kannst versuchen, positives Verhalten zu verstärken und sie damit in eine Richtung zu lenken. Aber wenn sie dir die teure Couch zerkratzt hat, erreichst du mit Ausschimpfen nur eins: Sie wird unsicher. Und reagiert auch so, nämlich unter Umständen mit: Noch mehr Kratzen.

Kratzen kann nämlich viele Ursachen haben. Die meisten sind völlig normal: Krallen schärfen, alte Krallen abwetzen, Wohlfühlverhalten, Gegenstände markieren mit Pheromonen. Ja, Katzen übermitteln so eine Botschaft durch Drüsen an den Pfoten. Darum werden sie auch immer wieder kratzen. Es ist wichtig für sie.

Passen in deine Einrichtung keine Kratzbäume? Findest du die doof oder stören sie dich? Dann hast du sowieso ein Problem, weil du der Katze viel ihres natürlichen Verhalten verwehrst. Und kommt nicht mal auf die tierquälerische Idee, ihr die Krallen zu ziehen oder mit Gumminoppen zu versiegeln.

Also, erste Regel: Hast du Angst um deine Möbel, hol dir keine Katze. Ende der Diskussion.

Ein anderes auffälliges Verhalten, wenn du die Katze strafst, sie nicht artgerecht hältst oder sie sich unwohl fühlt: pinkeln.

Ja, auch auf deine 2000 Euro Couch. Harnmarkieren oder Stresspinkeln sind möglich. Es kann aber auch ein Symptom für eine Erkrankung sein. Wenn deine Katze sowas macht, solltest du mit einem Fachmann erkunden, woran das liegt. Und: denk nicht mal dran, deine Katze dafür strafen zu wollen, wenn sie das macht. Sie wird dadurch noch unsicherer und reagiert dann mit, genau: pinkeln und kratzen.

Wenn du eine Katze hast, bedeutet das genau die gleiche Verantwortung, wie für ein kleines Kind. Nur dass es nicht besser wird mit den Jahren.

Die Katze kotzt (gerne auch mitten in der Nacht und bevorzugt auf Teppiche). Das ist auch normal. Sie würgt Katzenfell heraus. Sie muss Gras fressen, um das zu erreichen. Du musst also dafür sorgen, dass sie Zugang zu Katzengras hat und sie nicht ausschimpfen, wenn sie dir auf den Perserteppich gewürgt hat, der jetzt einen dicken Fleck hat.

Es kann auch mal sein, wenn deine Katze Freigänger ist, dass sie dir Mäusereste auf den Teppich würgt. Oder einen halbgegessenen Vogel mitbringt, um ihn dir blutend zu präsentieren. Bitte lobe sie dafür. Und, nein, nicht schimpfen.

Katzenklo. Du brauchst nicht ein Katzenklo, sondern immer eins mehr, als Katzen im Haushalt leben. Katzen brauchen das Scharren in sauberem Einstreu. Auch das ist ein natürliches Bedürfnis. Denk nicht mal daran, ihr beibringen zu wollen, auf die Menschentoilette zu gehen. Katzen brauchen das Scharren. Es kann auch sein, dass sie ihr Geschäft nicht verscharren. Es stinkt dann gerne sehr penetrant. Das ist, genau, ein normales Verhalten. Dominanzverhalten. Die Katzen übermitteln auch damit Botschaften…

Um was du nicht drumherum kommen wirst: die Katzenklos jeden Tag zu reinigen. Jeden Tag. Nicht ein Mal die Woche. Nein. Jeden Tag die Häufchen rausholen. Und, glaube mir, wenn du es nicht tust, kann es sein, dass sie das Klo eben nicht benutzen, sondern eine andere Örtlichkeit. Dein Sofa zum Beispiel… Ach, ja. Bitte nicht schimpfen. Du bist nämlich selber schuld. Hättest das Klo ja saubermachen können.

Wer das Klo auch täglich saubermachen muss, ist der Katzensitter, den du sicher mal brauchen wirst. Denn du willst ja mal in den Urlaub fahren.

Ach, Katzenpensionen? Ja, keine gute Idee. Warum? Weil Katzen Reviertiere sind. Ihr Revier ist ihr Heiligtum. Sie laufen es jeden Tag ab und schauen, ob alles ok ist, markieren es mit ihren Pheromonen mit Pfoten und Köpfchenreiben. Wenn du sie in eine Pension bringst, nimmst du ihnen ihr Zuhause. Für dich ist klar, dass du sie wiederholst, für die Katze nicht. Die Katze versteht nicht, warum sie ihr Revier verliert. Sie fühlt sich bestraft. Und reagiert eventuell mit…, jaja, du ahnst es schon, oder?

Dein Katzensitter sollte also nicht nur jeden Tag das Klo saubermachen, sondern auch die Katze füttern. Die Katze vermisst dich. Wenn du öfter weg bist, ist ein Haustier vielleicht nicht das richtige für dich. Du solltest deine Prioritäten überdenken: Bist du ein spontaner, freiheitsliebender Mensch, der gern verreist? Hol dir kein Haustier. Denn du tust dem Haustier damit nicht gut. Es ist schön, dass du dir damit gut tust, aber für deine Katze ist es Stress. Verlustangst und Einsamkeit können die Folge sein und damit kann es zu Verhaltensauffälligkeiten kommen. Die hatten wir ja schon, gell? Du erinnerst dich? Dein Sofa… Wenn Du also öfter wegfährst, sorge für einen guten und zuverlässigen Katzensitter. Einen, der sich sich mit ihr beschäftigt. Besonders, wenn sie nur drinnen lebt.

Freigänger oder nicht. Großes Thema. Wenn du die Möglichkeit hast, die Katze gefahrlos rauszulassen, sorge dafür, dass sie jederzeit von alleine wieder zuhause reinkommt. Katzenklappen machen es möglich.

Lasse deine Katze registrieren. Per Chip und Tattoo. Kann man direkt auch bei der Kastration machen lassen, die du auf jeden Fall auch in Angriff nehmen musst. Nicht nur, um eine Katzenflut zu umgehen, sondern um Harnmarkieren bei Katern zu verhindern… Du weißt schon: deine Couch.

Bitte binde deiner Katze kein Halsband um. Sie kann sich daran erhängen. Zum Beispiel, wenn sie auf einen Baum klettert.

Gleiches gilt für gekippte Fenster. Bitte kippe deine Fenster nicht. Katzen lieben es, oben auf den Fenstern zu balancieren um rein- oder rauszukommen. Sie können dann abrutschen und sich im Spalt erhängen. Kommt nicht vor, meinst du? Passiert häufiger, als du glaubst. Es gibt extra Sicherungsgitter dagegen. Wenn du natürlich Wert auf ein stylisches Haus legst, könnten dich diese Gitter optisch stören. Tja, Pech gehabt…

Wenn Du eine Hauskatze hast, bedenke, dass du die Fenster sicherst. Sie ist sonst ruckzuck draußen. Sie braucht aber bitte auch einen geschützten Ausgang. Balkon? Ja, bitte gern. Aber mit Netz. Anders als viele behaupten, passiert Katzen bei einem Sprung oder Sturz aus dem Fenster oder vom Balkon durchaus mal viel: Hüfte gebrochen, Beine gebrochen. Kommt häufig vor.

Krankheiten, Unfälle und Co. Ja, Deine Katze ist recht robust. Trotzdem gibt es typische Erkrankungen, wie FORL. Du musst deine Katze genau kennen und beobachten, weil sie Meister darin sind, ihre Schmerzen auch länger zu verbergen. Viele Katzenbesitzer bemerken nicht mal, dass ihre Katzen von wahnsinnigen Zahnschmerzen heimgesucht werden. Oder sie einen Tumor haben. Oder ähnliches. Und wer meint, der Katze gehe es gut, nur weil sie schnurre, hat keine Ahnung. Katzen schnurren auch bei Stress, bei Schmerzen oder bei Angst.

Entgegen der Meinung vieler, sind Katzen keine Einzelgänger. Sie mögen ihre Artgenossen, wenn sie richtig sozialisiert sind. Aber eben nicht alle. Wir mögen ja auch nicht jeden in unserer Umgebung. Wenn du dir eine Katze anschaffen willst, nimm zwei. Wirklich. Am besten Geschwister. Oder ein Pärchen. Du möchtest keine zwei Katzen? Dann lass es am besten ganz.

Apropos Sozialisierung: hol dir keine Katzen beim Züchter. Ja, es ist irre schick, wenn die Katze einen Stammbaum hat. Sie hat damit aber auch meist: Folgen von Überzüchtung, Gendefekte, ist anfälliger für Krankheiten – eben oft überzüchtet. Es gibt kaum Züchter, die dies nicht wegen des Geldes tun. Die meisten geben die Katzen früh ab, missbrauchen ihre Muttertiere als Wurfmaschinen und beuten die Tiere aus. Wenn du Zuchtkatzen kaufst, erkundige dich vorher. Aber am besten: lass es. Diese Ausbeutung ist nur möglich durch Käufer. Um das Geltungsbedürfnis von Menschen zu befriedigen, die eine Katze als Statussymbol kaufen oder passend zur Einrichtung. Weil es schick, stylisch oder en vogue ist.

Übrigens auch en vogue sind Katzenhaare. Gewöhn dich an sie. Sie sind überall: auf Klamotten, auf den Möbeln, im Essen. Garantiert. Du hast deine Vierbeiner immer dabei und wirst dich wundern, wo du überall Haare finden wirst…

Essen: Vergiss Billigessen aus dem Supermarkt. Du isst doch auch nicht nur Fastfood, oder? Auch Tiere funktionieren nach dem Prinzip: Shit in, Shit out. Gib ihnen gutes Essen und sie bleiben gesünder, fitter. Ja, es ist teuer. Aber das sollte dich nicht abhalten. Du hast die Katze ja geholt, obwohl du weißt, dass es Geld kostet.

Kosten, ja, Kosten gibt es. Mehr als du ahnst. Eine Tierarzt-OP kann locker 300 Euro kosten. Und sie kommt auch mal ziemlich plötzlich. Eine chronische Erkrankung einer Katze geht in die hunderte Euro für Medikamente und Behandlung. Wenn du nicht bereit bist, dies zu leisten (oder es nicht kannst), schaff dir kein Haustier an.

Du magst geschlossene Türen und meinst, dass deine Katze in die meisten Räume nicht reindarf? Ich lache hart. Katzen sind Reviertiere. Sie mögen keine geschlossenen Türen. Sie kratzen dann an ihnen. Oder woanders dran. Besonders, wenn sie wissen, dass ihr Mensch, ihre Menschen dahinter in dem Raum sind. Sie fühlen sich ausgeschlossen und bestraft, wenn sie nicht dahin dürfen, wo du bist. Du kommst damit nicht klar? Schaff dir verdammt nochmal kein Tier an.

Für dich ist deine Katze ein temporärer Begleiter. Zehn bis zwanzig Jahre. Für die Katze bist du der Begleiter ihres ganzen Lebens. Und es ist deine Verpflichtung, selbstgewählte Verpflichtung, ihr das Leben so gut wie möglich zu machen. Nicht nur, wenn du gerade Zeit und Lust hast, sondern dann, wenn die Katze es braucht.

Denkt vorher über alles nach. Nicht nur über das Kraulen, Schmusen und Spielen. Sondern über Kotzen, Katzenklos und nächtliches Wecken.

Warum ich das schreibe? Weil ich wiederholt in letzter Zeit von Leuten gehört und gelesen habe, dass sie sich „eine Katze anschaffen“ wollen. Und weil es so schön passen würde. Weil es Weihnachtszeit ist und mir seit Wochen Berichte über volle Tierheime  und unverantwortliche Züchter in die Timeline, den Briefkasten und mein Postfach gespült werden. Weil ich in diesem Jahr viele Aktionen für den Tierschutz unterstützt habe und immer wieder hörte, wie viele Tiere nach Weihnachten wieder abgegeben werden, wenn es in den Urlaub geht oder sie sonst irgendwie stören. Und weil mir die Galle hochkommt, wenn ich die Ignoranz und Naivität sehe, mit der die Leute an die Sache rangehen.

Es geht um Lebewesen. Und Verantwortung für sie.

PS: Kurz mal was zum Thema. Unsere Katze hat seit heute morgen verstärkt mit einem Auge geblinzelt. Immer wieder hat sie das Auge zugekniffen. Stundenlang. Dann hat es noch leicht getränt. Ich habe beim Blick rein nichts sehen können, jedoch können die Symptome auch auf eine Infektion, eine Verletzung oder ähnliches hindeuten. Also kam heute spontan ein Tierarztbesuch hinzu. Alle Pläne umwerfen und den Termin nehmen, der noch frei ist. Hinfahren. Untersuchen lassen: giftgrüne Flüssigkeit ins Auge, Auge betäuben, Lider umklappen, Auge untersuchen. Erst ganz am Schluss die Diagnose: eine Verletzung der Hornhaut, sehr weit innen im Augenbereich. Jetzt bekommt sie alle zwei Stunden Salben ins Auge. Abwechselnd ein Antibiotikum und eine Vitamin-A-Salbe zum Schutz. Sollte das Auge eintrüben, gräulich werden oder mehr Symptome zeigen, müssen wir in die Tierklinik. Es ist Silvester. Damit sind alle Partypläne dahin, einer muss nüchtern bleiben, falls wir fahren müssen. Und alle zwei Stunden Salbe ins Auge einer wehrigen Katze schmieren. Bist du bereit dafür? Deine Pläne umzuwerfen, auch wenn Silvester, Weihnachten, dein Geburtstag ist? Nein? Dann bist du nicht bereit für ein Haustier…

Bester

Bester Heiligabend. Ever.

Weihnachtskaffee, Weihnachtsmusik, Tannenbaum, Weihnachtsdinner (Thunfisch mit Zimt-Sesam-Mantel, Mango-Chili-Salat / Rehrücken mit Gewürz-Brioche-Kruste, Muskatkürbis mit Sternanis, Möhren-Ingwer-Mus) und dann kein Dessert, weil die Nachbarn zum Baumloben kamen. Um 20 Uhr. Und wir zogen dann durchs Haus. Alle Nachbarn plus Besuch.

Es dauerte bis 1 Uhr nachts…

 

Weihnachten

Liebe Blogleser,

wir wünschen Euch ein wundervolles, zauberhaftes und friedliches Weihnachtsfest. Lasst mal Fünfe gerade sein, regt Euch nicht über Omma Erna auf, die ihre Hörgeräte vergessen hat, darüber, dass die Batterien fürs Geschenk fehlen oder der selbstbestrickte Pullover eine Nummer zu klein ist (oder der Bruder einfach etwas zugelegt hat).

Schaut Euch um, was für tolle Menschen da um euch herum sind. Umarmt sie mal fest und länger und genießt es, dass ihr nicht allein seid.

Wünscht einfach mal jedem ein schönes Fest und schenkt ihm ein Lächeln, eine Aufmerksamkeit oder eine Tüte Plätzchen: dem Postboten, der Supermarktkassiererin, dem Tankwart, den Nachbarn.

Haltet mal eine Minute inne und seid dankbar, dass ihr ein sicheres Zuhause habt.

Ihr seid die Besten!

Frohe Weihnachten <3

Weihnachten (noch 1 Tag)

Rituale.

Wie bei uns als Kind der Heiligabend ablief, habe ich ja schon geschildert. Heute ist es anders. Allein schon, weil es keine Bescherung gibt, sondern ein großes Essen.

Damit fängt Weihnachten schon früher an: beim Raussuchen von Rezepten, Einkaufslisten schreiben und Einkaufen gehen. Am Tag vor Heiligabend werden dann die Gerichte vorbereitet, die man schon mal machen kann: Desserts, Suppen, Terrinen und Co. Dazu gibt es Wein, laute Weihnachtsmusik und viel Lachen.

Das setzt sich eigentlich bis Heiligabend fort. Wir kochen den ganzen Tag, schnippeln Gemüse, rühren in Töpfen, öffnen Flaschen, deren Inhalt ins Essen und in uns fließen und schmücken Baum und Tisch. Irgendwann mittags kommt meine Schwiegermutter, bringt Plätzchen mit (selbst gebacken, jedes Jahr die gleichen) und es gibt Kaffee und Plätzchen, Stollen, Cremant.

In den letzten Jahren hat es sich eingebürgert, ok, wir haben es eingeführt, dass es eine Baumloben-Runde im Haus gibt. Die Nachbarschaft zieht gemeinsam von Wohnung zu Wohnung und bestaunt und lobt die anderen Bäume, während sie Plätzchen isst und anstößt.

Das sind unsere Rituale.

Mein Traum ist es, irgendwann ein großes Weihnachtsfest zu machen. Mit Freunden. Ungezwungen und locker. Jeder bringt was zum Essen mit. Es wird die ganze Zeit genascht und gegessen. Open Kitchen quasi. Mit Weihnachtslieder singen und gemütlich zusammen sitzen. Für alle, die nicht im klassischen Sinne feiern wollen, die keine Familie haben, zu der sie gehen können oder möchten und für alle, die einen Kreis lieber Menschen einem Haufen Geschenke vorziehen.

Vielleicht wird das irgendwann mal ein Ritual: Ein Weihnachtsfest, bei dem jeder weiß, dass er willkommen ist und mitfeiert.

Loooove!

Weihnachten (noch 2 Tage)

Ich war die letzten zwei Tage in Münster, meiner Geburtsstadt, die ich viel zu selten besuche. Es ist schön, vor allem mit etwas Abstand betrachtet, wie putzig sich die Stadt präsentiert und was für ein besonderer Schlag diese Münsteraner sind.

Es ist schön, hier zu sein. Es ist aber auch deswegen schön, weil ich weiß, dass ich wieder fahren kann und nicht hierbleiben muss. Dann würde es mich wahrscheinlich wieder etwas anöden…

Auf meiner Liste standen einige Punkte, die ich hier erledigen wollte. Zum Beispiel Mettenden kaufen. Oder über den Weihnachtsmarkt gehen. Und ein großer Punkt, der mir tatsächlich etwas schwer im Magen lag: ein Verwandtenbesuch, außerhalb in einer anderen kleinen Stadt in der Nähe.

Es ist ein Städtchen, durch das man auch gepflegt durchfahren kann ohne anzuhalten. Man verpasst touristisch gesehen nichts.

In meinem Fall wohnt direkte Verwandtschaft dort und da deren Gesundheitszustand nicht gut ist, wollte ich sie nochmal sehen. Das erste Mal seit ca. 20 Jahren. Beide gehen auf die 80 zu, sie leidet an einer Form der Demenz, er an Parkinson.

Und beide haben eine starke Wandlung mitgemacht dadurch: sie sind altersmilde geworden.

Während ich beide nur kenne als Ehepaar, dass sich triezt und piesackt, hat ihre Demenz bewirkt, dass sie über seine Witze lachen kann und voller Interesse an seinen Lippen hängt, wenn er etwas erzählt. Und er sagt, er habe sich in seine Frau verliebt, weil sie wieder so wäre, wie damals, als sie jung waren. Beide lächeln sich an, er zwinkert ihr zu, sie schaut ihn zwinkernd an.

Das hat mich dann auch ein bisschen getröstet während des Besuchs, der viel darin bestand, die immer gleiche Frage nach dem Namen meines Mannes zu beantworten, ihr zu sagen, dass ich nicht meine Mutter bin und mein Vater nicht mein Mann. Klingt verwirrend, war es auch, bis ich merkte, dass sie tatsächlich im Laufe des Gesprächs die Konzentration verlor und deswegen mich für meine Mutter hielt. Die neben ihr saß…

Morgen wollen sie den Baum aufstellen. Ihr Sohn, mein Cousin, hilft ihnen dabei. Er wohnt auch im Haus, jedoch oben. Er ist 53 und sehbehindert.

Knapp zwei Stunden war ich da und bin froh darüber. Und habe immer noch einen Stein im Magen. Aber einen, der nicht mehr so schwer wiegt…

Weihnachten (noch 3 Tage)

Der Weihnachtsmarkt gestern war gefüllt, aber nicht voll. Besonders die jüngeren waren unterwegs. Ok, und ich.

Beim Schlendern ist mir aufgefallen: tatsächlich ist der Münsteraner Weihnachtsmarkt netter, als viele andere. Mehr Handwerkszeug und Tinnef. Ja, auch Fressbuden. Aber durchaus mal andere, als nur Wurst und Reibekuchen.

Trotzdem haben die Märkte für mich an Reiz verloren: Es verkommt immer mehr zum Weihnachts-Entertainment. Party statt hohes Fest, Besinnungslosigkeit statt Besinnlichkeit.

Da hat der kleine Chor, der auf den Stufen des Rathauses am Prinzipalmarkt stand und Weihnachtslieder sang, eine schöne Ausnahme gebildet.

Ich wünsche mir mehr Kinderchöre und Krippenspiele, mehr Weihnachtsbrauch und christliche Einflüsse – wir feiern immerhin ein christliches Fest und die Schlechtmenschen können ja damit mal zeigen, wie wichtig ihnen unsere „Kultur“ ist, die sie immer gegen den bösen Islam verteidigen müssen.

Ho Ho Ho!

Weihnachten (noch 4 Tage)

Die Ereignisse überschlagen sich, nein, sie stolpern. Sie stolpern in unser Bewusstsein und hinterlassen Wut, Traurigkeit und Fassungslosigkeit.

Vier Tage vor Weihnachten, oder drei vor Heiligabend einschließlich diesem hier, sitze ich in einem geschützten Umfeld, schaue in einen winterlichen Garten und beobachte ein Rotkehlchen, das auf dem Zaun sitzt. Ich sitze in Münster, meiner alten Heimat, bei meiner Mutter und überlege, ob ich gleich mit ihr eine Runde auf dem Weihnachtsmarkt drehe. Drehen soll.

Sollen wir weitermachen wie bisher?

Gestern Abend haben wir um 21 Uhr alle Geräte ausgemacht: TV, Smartphone, Rechner. Wir wollten keine Spekulationen, wir wollten keine Vermutungen. Abwarten bis zum nächsten Tag, auf Fakten warten.

Tatsächlich hat mich der Anschlag in Berlin nicht schockiert. Er macht mich traurig, aber er schockiert mich nicht. Es war klar, dass Deutschland Terrorziel ist. Es war klar, dass es bei uns irgendwann soweit ist, dass wir Opfer von Anschlägen werden. Berlin als Ziel ist da  sehr wahrscheinlich. Die Vorweihnachtszeit sowieso. Maximale Opferzahl? Klar: Innenstadt, Einkaufsmeile, Weihnachtsmarkt.

Was mich schockiert, sind die Propagandisten, die sofort aus ihren dunklen Löchern kriechen und ohne ein Wort der Anteilnahme, ohne ein Wort der Trauer, ohne ein Wort des Anstands diesen Anschlag für ihre Zwecke missbrauchen. Das braune Gesocks kriecht mit Tweets aus ihren Löchern und brüllt direkt wieder Parolen.

Wie die Nazis damals. Nur noch dümmer, denn sie hätten aus der Geschichte lernen können. Haben sie aber nicht getan. Sie sind also nicht nur skrupellos, sondern auch noch dumm, unbelehrbar, erkenntnisfeindlich.

Während in Berlin die Polizei die Beweise sichert und auswertet, die Rettungskräfte ihre Erlebnisse verarbeiten müssen und die Opfer und Angehörigen in ihren Traumata gefangen sind, wetzen andernorts die Rechten die Messer und gröhlen. Oder twittern Propaganda.

Allein diese Tweets müssten allen zeigen, dass es den Neurechten nicht um die Menschen geht. Es geht ihnen in ihren ersten Tweets nicht um die Opfer und deren Angehörige. Ihre ersten Gedanken gelten der Propaganda und dem Hass. Wenn ein „Politiker“ als erstes an Wahlkampf denkt, statt an die Menschen, denen das passiert ist, was glauben denn die Schlechtmenschen, Alternativwähler und Besorgtbürger, hat dieser Mensch für sie an Gedanken übrig?

Wacht auf und schaut hin, was eure Alternative da zeigt: sie interessiert sich nicht für euch und eure Probleme. Vielleicht waren ja sogar Alternativwähler unter den Opfern? Hättet ihr euch nicht gewünscht, euer großer Deutschlandverbesserer hätte ein paar Worte der Anteilnahme für euch und euren Schmerz?

Wenn er es schon nicht nach so einer Katastrophe hat, glaubt ihr, er steht dann für euch ein, wenn es um eure Arbeitsplätze, Altersvorsorge oder eure Kinder geht?

Ach, ihr meint, hätten wir alle auf die Alternativpartei gehört, wären diese ganzen Terroristen ja gar nicht im Land?

Dazu mal ein Gedanke: Glaubt ihr ernsthaft, dass der IS sich dafür interessiert, welche Partei hier regiert? Und wenn es den IS interessiert, wie viel größer ist sein Hass auf Deutschland als Stellvertreter des bösen, gottlosen Westens, wenn ausgerechnet eine Partei regiert, die auf den Islam schimpft? Und meint irgendjemand von euch, ein Attentäter würde nicht einen Weg finden, in Europa einen Anschlag zu verüben, wenn er das möchte? Habt ihr 9/11 schon vergessen?

Es gibt nicht mehr Anschläge, weil wir Flüchtlinge aufnehmen. Es gibt mehr Anschläge, weil Terroristen das so wollen.

Es sind nicht „Merkels Tote“. Es sind unsere Toten. Habt gefälligst einen Funken Anstand und erweist ihnen den Respekt, den sie verdienen.

Mein Mitgefühl den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden.

Ich gehe jetzt auf den Weihnachtsmarkt.

Weihnachten (noch 4 Tage)

Baum, die Fortsetzung.

Wie es sich gehört für Cliffhanger, habe ich Euch ja gestern fantastisch mit der Aussicht auf Drama, Drama, Drama allein gelassen. Geschickt, oder? Storytelling? Kann ich. Da kann sich jeder überbezahlte Werbefuzzi mal ne dicken Gänsekeule von abschneiden.

Ok, zurück zum Plot: Der letzte Stand der Dinge war: Baum sehr groß, Decken sehr hoch. Schaun wir mal.

Jetzt kann ich Euch sagen: joar, wir mussten nicht nur schauen, sondern auch sägen. Der Baum war nämlich scheinbar nicht nur bei Kauf gute drei Meter hoch (der freundliche Mitarbeiter hatte ja schon diverse Zentimeter gekürzt), sondern auch nach Kürzung mehr als 2,60 Meter hoch.

Anders kann ich mir den grünen Strich, den wir nun an der frisch gestrichenen Decke haben, nicht erklären.

strich

Well, es gibt Schmutzradierer und ich hoffe, dass uns das auch helfen wird. Ansonsten müssen wir daraus eine Challenge machen, immer riesengroße Bäume kaufen und an der Decke Tic Tac Toe spielen.

Baum hingelegt, Spitze gekürzt. Baum aufgerichtet. Passt.

Zweites Problem: der Baum fällt um. Kein Witz.

Nach tiefgehender Recherche festgestellt, dass unser heißgeliebter, roter Glasständer nicht für diese Baumhöhe geeignet ist (nur bis 2 Meter). Also sind wir wieder in den Baumarkt gefahren, um einen neuen Ständer zu kaufen. Der ist dann für Bäume bis 3 Meter und hat ein supertolles Metallseilspannsystem mit Fußpedalbedienung. Yeahyeah!

Baum rein, festgezurrt, hält nicht.

Erneute Recherche am Stamm ergibt: durch das nicht ganz gleichmäßige Abdrechseln des Stammes unten, sind die Seile an einer Seite an einem Stück rindenlosen Stamm, an der anderen Seite hat der Baum aber noch Rinde. Dadurch wird der Baum schief festgezurrt.

Baum raus, Abstände von Ständerinnenboden bis Seilsystem messen, Baumstamm unten absägen. Baum aufstellen, rein, festzurren, hält.

Interessanterweise passt er dadurch natürlich oben noch besser. Oder anders gesagt: das letzte Kürzen der Spitze hätte man sich auch sparen können. Müssen wir also die Metallbaumspitze ausgraben und oben aufstecken.

spitze

Heute vermelde ich nun: Baum steckt, Lichterkette ist dran und geschmückt wird dann am Tag vor Heiligabend. An Heiligabend haben wir nämlich keine Zeit. Da müssen wir kochen. Und Weihnachtslieder gröhlen. Und uns betrinken.

baum

Wollja.

 

Weihnachten (noch 5 Tage)

Seit wir hier wohnen, haben wir einen Baum. Dass es vorher nicht so war, hatte praktische Gründe: niedrigere Decken, kleinere Räume.

Hier haben wir 2,60 Meter hohe Decken. Und Platz. Ok, vielleicht sollte das kein Grund sein, diesen Platz auch auszunutzen. Vielleicht lassen wir uns davon aber nicht abhalten.

Und so fuhren wir am Montag zum Weihnachtsbaum-Dealer unseres Vertrauens (der Toom-Markt in Friedberg hat mit Abstand die besten Bäume, einen deutschen Lieferanten und damit kürzere Wege und Lagerungen, bekommt regelmäßig Nachschub und ist auch noch freundlich) und standen vor quasi leeren „Regalen“. Denn es war fast alles weggekauft.

Kurze Erleichterung, als uns der Mitarbeiter sagte, dass am Freitag Nachschub käme und dann alles wieder voll wäre.

Wir schauten uns trotzdem um und entdeckten bei den etwas größeren Bäumen *hüstel* noch genau zwei. Zwei Bäume. Ich schnappte mir einen – und war verliebt.

Wir wünschen uns immer einen schmalen Baum. Also einen Baum, der unten nicht zu ausladend ist. Dazu gerne einen, der nicht diese klassischen Ast-Etagen hat, sondern gern ein bisschen wilder und dichter gewachsen ist. Lieber verzichte ich auf ein bisschen Baumschmuck, habe dafür aber einen dichten, grünen Baum, der das Wohnzimmer mit Tannenduft erfüllt.

Dieser Baum war genau so. Nun ja. Und zu teuer. 49,90 Euro stand dran und war damit deutlich oberhalb meiner selbstgesteckten Grenze.

Ein Mitarbeiter kam und fragte, ob wir den haben möchten und ich sagte ihm rundheraus, dass ich den schon gerne hätte, aber nicht zu dem Preis. Er antwortete, dass das eben die größten Bäume wären, die sie hätten und damit auch die teuersten.

Ich kann ja sehr nett lächeln. Besonders, wenn der Empfänger wirklich sehr freundlich ist, humorvoll zu sein scheint und auch noch kundenorientiert.

Ich lächelte also und sagte ihm, dass ich ihn für 40 mitnehmen würde. Woraufhin der Mann begann zu handeln. „Neenee, 35! Mehr nicht.“

Es entspann sich ein wildes Gefeilsche, bis der Mitarbeiter sagte: „Ok, 35. Weil Weihnachten ist und das einer der letzten hier. Und weil es sie so freut.“

Zack! Baum bekommen für 35 Euro, inklusive Stamm zurechtsägen und verschmälern, Spitze abschneiden (um ca. 30 Zentimeter…) und mit einem Lächeln. Alle happy und der Mitarbeiter erzählte uns noch, dass am Wochenende ca. 1200 Bäume verkauft wurden von drei Mitarbeitern, nächstes Wochenende wieder so würde und es ihm einfach Spaß machen würde, dort zu arbeiten.

Ich habe selten einen so freundlichen Mitarbeiter gesehen, der von der fairen Bezahlung erzählt hat, von seinen guten Kollegen, von der Atmosphäre und dem sein Job so viel Freude gemacht hat.

Nach so viel Lobhudelei möchte ich Euch aber nicht vorenthalten, dass der Baum nur mit umgelegter Rückbank und Beifahrersitz in den Kombi passte, jetzt auf dem Balkon im Wasser steht und auf seinen Einsatz wartet.

Wobei der Einsatz wohl zuerst darin bestehen wird, dass wir ihn noch ein bisschen kürzen müssen: er stößt nämlich so schon an die Decke…