Von der Selbstbestimmung

Es gab eine Zeit, damals Ende der 1980er Jahre, da kam eine große Diskussion auf: was dürfen Frauen tragen, ohne sich mitschuldig an den Konsequenzen zum machen. Auslöser war der Film „Angeklagt“ mit Jodie Foster, in dem es um eine Gruppenvergewaltigung in einer Bar ging – und eben um die Frage, ob nicht ihr aufreizendes Äußeres Männer dazu einladen würde, sexuelle Gewalt auszuüben.

Das Thema ist nicht neu für uns Frauen: Knöchel, die gezeigt wurden, galten als frivol. Der Kopf sollte bedeckt sein, ebenso die Schultern. Warum? Weil es sich für Frauen so gehörte, sonst galten sie im Christentum als unzüchtig. Noch heute wird in vielen Ländern gefordert, dass Frauen ihre Schultern bedecken, wenn sie z.B. eine Kirche betreten in Griechenland oder Italien. Die Folgen in diesen Ländern sind nicht mehr zu schwerwiegend, aber die Tat gilt immer noch als sündig bei strenggläubigen Katholiken. Und denken wir an die Nonnen!

Doch unabhängig von diesen Ausnahmen ist es für uns Frauen in unserem Kulturkreis normal geworden, dass wir tragen können, was uns gefällt. Wir können anziehen, wonach uns ist. Natürlich gibt es weiterhin Vorschriften oder Vorgaben, z.B. bei Uniformen in verschiedenen Berufsgruppen (Krankenhäuser, Öffentlicher Nahverkehr, Armee, Banken etc.), die aber für alle Geschlechter gelten. Und auch hier sind die wirklichen Konsequenzen absehbar.

Leider immer noch absehbar sind die Konsequenzen, wenn Frauen mehr Haut zeigen als eine Nonne oder sich auffälliger kleiden als in Seniorenbeige: Pfiffe auf der Straßen, anzügliche Sprüche im Büro, Anfassen im Gedränge, Bewertungen der Kleidung. Diese Übergriffe kommen fast ausschließlich von Männern, die scheinbar nicht mit dem Äußeren von Frauen klar kommen oder denen der Anblick von nackter Haut oder ihnen nicht genehmer Kleidung direkt das Hirn ausschaltet. Oder die es als ihr angeborenes/erworbenes Recht sehen, ihren Hormonen in Form von verbaler Inkontinenz und distanzlosem Gegrabsche Ausdruck zu verleihen.

Daher ist es fast nicht verwunderlich, was Frau Mutti da neulich in einer Arztpraxis passiert ist. Und zeigt die Gratwanderung, mit der wir Frauen jeden Tag einordnen müssen, ob unser Gegenüber uns ein Kompliment gemacht hat oder schon übergriffig war. Für mich zählt hier die eigene Wahrnehmung: wenn ich mich übergriffig behandelt fühle, war es übergriffig. Das kann bei jedem anders sein und stellt, natürlich, das Gegenüber vor ein Problem: wie soll es einschätzen können, was die Gefühle der Frau sind?

Da hilft nur eins: wenn man sich als Mann nicht sicher ist, ob man dem Gegenüber mit einem Spruch zu nahe tritt (weil man denjenigen nicht kennt, einschätzen kann oder Situation/Verhältnis eine Missinterpretation möglich machen), lässt man es eben. Bei einem Arzt-Patienten-Verhältnis (besonders, wenn man sich überlegt, dass der Arzt einen  gerade nackt/fast nackt gesehen hat) gehören sich jede Form der sexuellen Anspielung oder der persönlichen Komplimente und Andeutungen nicht. Es hat nichts zu suchen in diesem Verhältnis.

Interessant an diesem Blogpost war aber nicht nur, dass wir Frauen uns immer noch darüber Gedanken machen müssen, ob unser Gegenüber sich übergriffig verhält, sondern die Kommentare darunter.

Denn wir sind direkt wieder in den 1980er Jahren angekommen, in denen man sich als Frau für die Reaktionen des Gegenübers verantworten sollte, wenn man sich so kleidete, wie man es wollte.

Was dann noch folgte an Kommentaren, ließe sogar meine Oma Kopf schütteln: die Übergriffigkeit des Arztes solle bitte als Kompliment gesehen werden in dem Alter. So nach dem Prinzip: Du bist so alt, da kannst du froh sein, wenn dich ein Mann noch anguckt.

Wer anzieht, was er will, und das auch noch auffällig oder „nicht altersgemäß“ sei, dürfe sich nicht wundern. Hier scheint der Grundsatz zu gelten, dass ab einem bestimmten Alter, das Sittenwächter, Moralisten oder Menschen mit Herrschaftszwang festlegen, nur noch bahamabeige und regenwettergrau getragen werden darf – natürlich figurverhüllend. Denn als Frau hört das Recht auf, sich so zu kleiden, wie man möchte, mit dem Alter auf. Und macht man es doch, muss man eben die Reaktionen erdulden. Schweigsam bitte.

Was mich daran auch so schockiert, ist die Aberkennung der weiblichen Sexualität in der Altersgruppe über 40, über 50. Ernsthaft wird gesagt, dass Frauen, die näher an der 70 sei als an der 20, wohl kaum Opfer von sexueller Übergriffigkeit werden können. Oder anders: eine ältere Frau solle mal ihre Moralvorstellungen und Gefühle zurückschrauben, in Sachen sexuelle Übergriffigkeit, weil die in ihrem Alter wahrscheinlich eh keine Rolle mehr spielen.

 

Die Rückführung der Frau in das Geschmacks- und Moralweltbild der 1960er Jahre. Weg von Selbstbestimmung. Wenn du über 40/50 bist, hast du zu schlucken, was man dir noch zuwirft. Haha.

Auf so vielen Ebenen finde ich das Verhalten des Arztes scheiße. Auf ebenso vielen Ebenen finde ich das Verhalten einiger Kommentatoren noch beschissener. Denn sie sind wie die Zuschauer bei „Angeklagt“, die zuschauen und anfeuern – und nachher sagen, dass jemand ja selbst schuld ist, wenn er sich so anzieht.

Die Frau hat jede falsche Reaktion zu akzeptieren, wenn sie schon so ist, wie sie sein will.

Und so lange es Menschen mit diesem antiquierten Geschlechterbild gibt, bleibe ich Feministin.

https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-clip-4-104.html

 

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