Vom Tod

Ich schiebe diesen Artikel schon lange vor mir her. Nicht, weil er mich nicht interessiert und ich unbedingt dazu mal was schreiben muss, sondern weil mich das Thema so beschäftigt in den vergangenen Jahren.

Wir haben viele Menschen verloren in den letzten fünf bis sechs Jahren. Menschen, die uns nahe standen und Menschen, zu denen wir eine berufliche oder entfernte Verbindung hatten. Und keiner von ihnen ist an Altersschwäche gestorben. Ich glaube, das gibt es in unserer heutigen Zeit eh immer seltener.

Es gab zwei Selbstmorde, einen Verkehrsunfall, ein schreckliches Unglück – und viel Krankheit. Oft Krebs. Von den wenigsten konnte man sagen, dass sie ihr Leben noch nicht zu Ende gelebt habe und mittendrin von Krankheit und Tod überrascht wurden.

Bei mir hat das bewirkt, dass ich nicht mehr auf das Alter warte und „endlich in Rente gehen will, um dann zu leben“, sondern versuche, mir jeden Tag bewusst zu sein, dass es der letzte sein kann.

Ich habe eine Patientenverfügung, ich bin Organspender, ich habe eine Vorsorgevollmacht und Vollmachten für alle finanziellen Belange ausgestellt. Ich habe eine Liste, wer zu benachrichtigen ist im Falle meines Todes – und es ist eine Liste mit meinen Online-Passwörtern hinterlegt, damit der, der meinen Scheiß dann regeln muss, meine Konten löschen kann. Ich habe mitgeteilt, dass ich in einem Friedwald meine letzte Ruhe finden möchte und bis zu welchem Grad man mich noch retten soll, bevor man mich sterben lässt.

Was ich nicht regeln kann, ist die Trauer.

Die Trauer der Hinterbliebenen. Zu oft war ich eine davon. Und weiß, dass man nichts sagen kann, was wirklich hilft. Ja, es ist gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Dass da Menschen sind, die man anrufen kann, die offene Ohren haben. Trotzdem bleibt man mit seiner Trauer allein. Man muss selber durch diese Schmerzen durch und versuchen, weiterzumachen.

Ich stelle bei jedem Tod fest, dass es keinen Patentweg gibt, um zu trauern oder mit der Trauer fertig zu werden. Jeder geht seinen eigenen Weg und mir wird klar, dass jeder Weg richtig ist. Was aber alle Wege, die durch die Trauer gehen und dann aus ihr heraus, gemeinsam haben, ist, dass sie mit dem Begreifen des Verlusts beginnen.

Manche begreifen früher, andere später, manche nie. Und viel hat damit zu tun, wie der Tod kam.

Wenn man vom Tod überrascht wird, ist der Schock groß. Die Frage nach dem „Warum?“ und dem „Was hätte man anders machen können?“ steht lange vor dem Begreifen. Wenn ein Mensch lange krank war und vielleicht sogar palliativ behandelt wurde, es klar war, dass er nicht überleben wird, dann fällt das Begreifen leichter. Die Zurückgebliebenen konnten Abschied nehmen. Der Verstorbene auch.

Und wieder bin ich dankbar für die Umstände, unter denen mein Schwiegervater gestorben ist. Es gab eine Zeit des Abschieds für beide Seiten. Es gab eine ambulante palliative Betreuung und es gab eine Sterbebegleitung, die uns allen die Angst nahm und den Tod mit dem, was kommt, erklärte.

Nicht nur nach den letzten Jahren weiß ich, dass das eine Gnade war. Denn gestern hat mir wieder gezeigt, dass der Tod zu plötzlich kommen kann, als dass man ihn bald verstehen und begreifen könne. Ich hoffe, dass die Hinterbliebenen ihren Weg der Trauer gehen können.

Heute ist daher für mich wieder einer dieser Tag, an dem ich mir besonders bewusst mache, wie wichtig jeder einzelne ist.

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