Begrifflichkeiten.

Vor einigen Tagen tobte mal wieder eine Diskussion aka Streit bei Twitter. Ein K(r)ampf der Filterblasen. In diesem Fall ging es um Zucker.

Bzw. eigentlich ging es darum, dass irgendwer „zuckerfrei“ leben will für eine bestimmte Zeit (oder länger) und das mit dem so formulierten Hashtag auch kundtat. Alles für die Gesundheit und so. Weil: Zucker sei böse. Und weniger Zucker = mehr Gesundheit. In diesem Zusammenhang kamen viele Tipps, wie man „Zucker“ ersetzen könne durch „bessere“ Süßungsquellen, wie z.B. Datteln.

Darauf ist dann eine andere Bubble angesprungen, die erstmal erklärte, dass  „zuckerfrei“ in diesem Zusammenhang nicht der korrekte Terminus sei, da 1. Zucker in den meisten Lebensmitteln in irgendeiner Form vorhanden ist, 2. Zucker eine notwendige Energiequelle sei und nicht böse. Ergo ein propagierter Verzicht auf Zucker, missverständlich sei.

Also nicht #zuckerfrei, sondern es eigentlich #zugesetzterZuckerreduziert heißen könnte. (Ok, der zweite Hashtag ist jetzt von mir.)

Es ging hin und her, man diskutierte, man belehrte, man spottete, man blockierte.

Was mir bei der Beobachtung dieses Hickhacks auffiel: Es ging vor allem um Begrifflichkeiten. Es eskalierte.

Hätte ich Popcorn zur Hand gehabt, ich hätte jetzt nicht gewusst, ob ich es mit Zucker, mit Salz oder überhaupt hätte essen sollen… Verdammt.

Ich kann irgendwie beide Seiten verstehen. Während es dem einen darum geht, sich gesünder zu ernähren und dies eben über die „zuckerfrei“-Schiene versucht, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob der Begriff nicht falsch gewählt ist, ging es den anderen darum, eben dieses Missverständnis, was „Zucker“ überhaupt sei, aufzuklären.

Die Vehemenz mit der das auf beiden Seiten passierte, zeigt aber, wie wenig wir im Internet noch in der Lage sind, aufeinander zuzugehen oder Verständnis für den anderen aufzubringen. Oder für das, was er sagt. Oder einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen.

Bubble 1 fühlt sich bevormundet und besserwisserisch getadelt, Bubble 2 fühlt sich in ihrer „Wissensüberlegenheit“ bestätigt und ignoriert, dass es einen Unterschied gibt zwischen „fachlich korrekt“ und „Laiensprachgebrauch“.

Ich glaube, jeder von uns weiß etwas besser, als jemand anders. Und jeder von uns sollte sich klar darüber sein, dass es jemanden gibt, der etwas besser weiß, als man selber. Vielleicht besteht – im Internet im allgmeinen und gerade bei Twitter aufgrund der geringen Zeichenzahl – die große Herausforderung darin, sich das immer wieder klarzumachen, wenn man korrigiert oder korrigiert wird.

Vielleicht wäre vieles anders gelaufen, wenn Bubble 2 gesagt hätte: „Oh, finde ich gut, dass ihr den Zuckerkonsum reduzieren wollt. Schau mal hier, da gibt es eine interessante Erklärung zum Thema „Zucker“. Vielleicht wäre ein anderer Hashtag, wie #zuckerreduziert sinnvoller, um mehr Leute zu begeistern?“ Und Bubble 1 hätte gesagt: „Ach, das finde ich aber toll, dass Du als Fachperson da schon mal was zu geschrieben hast. Ja, ich meinte tatächlich eher #zuckerreduziert, aber das klingt so sperrig und ich bleibe lieber bei dem #zuckerfrei, obwohl es fachlich nicht korrekt ist.“

Aber wir leben eben nicht in der perfekten „alle haben sich lieb und können über ihren Schatten springen“-Welt.

Ich esse übrigens zur Zeit #kohlehydratreduziert, #kalorienzählend, #proteinerhöht und #süßigkeitenvermeident. Und glaubt mir, diese Hashtags bring ich irgendwann nochmal ins Spiel. Und schau, welche Bubble mich blockt.

 

 

 

 

 

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7 Gedanken zu “Begrifflichkeiten.

    1. :-* Weise werde ich ja eher selten genannt…

      Ich merke selber, dass es mich oft in den Fingern juckt, wenn jemand Begrifflichkeiten aus meinem Fachgebiet fälschlicherweise nutzt. Aber mir ist aufgefallen, dass es nichts in der Kommunikation oder der Sache an sich bringt, wenn ich dann doziere oder belehre. Ich frage mich dann einfach oft: Weiß ich, was der andere sagen möchte. Und dann lass ich es gut sein, nutze den Begriff danach – falls nötig – im korrektem Zusammenhang. Wenn die Person es merkt, vielleicht sogar nachfragt, kann ich es erläutern.

      Aber es ist immer so eine Frage, ob es was bringt. Oder ob es wirklich wichtig ist. Oder ob ich nicht am Thema vorbeidoziere. Ob es den Kern der Sache trifft. Wenn es jemandem um Thema A geht, er dafür einen Begriff B verwendet, der für Fachleute nicht richtig ist, helfe ich dann wirklich weiter, wenn ich nicht auf Thema A eingehe, um was den dem anderen geht, sondern auf dem falsch verwendeten Begriff B rumreite…

      Der allgemeine Sprachgebrauch und wie die Worte im Sinn besetzt sind, unterscheidet sich ja doch oft von dem fachlichen Gebrauch. Oder dem korrekten.

      Ach, dieses Internet.

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      1. ich finde das eine gute sicht auf viele dieser internetdiskussionen: erst mal auf die begrifflichkeiten schauen statt die zu übersehen und gleich mit inhalten loszuhauen.

        und diese begriffsklärung ist so wichtig! die wenigsten benutzen die begriffe ja nicht mit absicht falsch – eine gewisse nachsicht kann man da erwarten. und selbst auch mal deüber hinweg sehen und allenfalls wie von dir vorgeschlagen den begriff dann dahingehend „korrigieren“, dass man ihn selbst dann im fachlich korrekten kontext gebraucht.

        aber wie sagst du so schön? ach, dieses internet. ein quell steter missverständnisse.

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        1. Wir nehmen uns alle viel zu ernst.
          Und nehmen uns viel zu wichtig.

          Der Mann schüttelt immer den Kopf, wenn er von solchen Diskussionen hört. „Haben die alle nichts wichtigeres zu tun?“ Ich liebe ihn sehr dafür, dass er da so eine Distanz zu den ganzen „Social“-Media-Dingen hat. Er rückt vieles wieder gerade, wenn er die Schultern zuckt ob des Eigensinns im Netz. Oder sagt eben, dass man sich auch einfach umdrehen und gehen kann. Wie im echten Leben.

          Mich erinnert Twitter zunehmend an so Schulhofcliquen. Jeder hängt mit seinen Leuten ab (den Sportlern, Kiffern, Strebern, Sonderlingen, Schönen, Reichen, Unauffälligen, Aufgeklärten, Trendsettern, Besserwissern, etc.) und jeder guckt auf die anderen Cliquen und meint, er sei viel besser. Er wisse mehr, er sei schöner, er sei schlauer, er sei beliebter. Dann wird gelästert über andere Meinungen, anderes Aussehen, andere Sichtweisen, vermeintlich aufgeklärte und unaufgeklärte Blickwinkel, mit Arroganz und Herablassung.

          Dann gibt es noch die, die irgendwo zugehören möchten und sich deswegen per se an die vermeintlichen Tonangeber dranhängen, die am ehesten ihr Weltbild repräsentieren.

          Und allen ist eins gemein: Sie möchten Anerkennung.

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  1. Ein Grund, warum ich die wenigsten Diskussionen in sozialen Medien noch verfolge, geschweige denn mich beteilige. Manchmal lese ich Kommentar(-tiraden) der Unterhaltung wegen. Aber grundsätzlich finde ich ja: Nicht im Internet sind wir so wenig in der Lage aufeinander zuzugehen, sondern immer und überall. Das Internet ist nur das Trägermedium in dem unsere Unzulänglichkeiten sichtbar werden. Wenn ich an die Zeit vor dem Internet denke, erinnere ich mich an diverse Diskussionen die ich im RL hatte, bei denen man am Ende zu keiner Einigung kam, es dann aber gut sein lassen hat, aus Gründen. Und wenn sich dann ein Teilnehmer im RL ein „Du Arschloch“ gedacht hat, hätte er es in einer Internetdiskussion halt ausgesprochen. bzw. geschrieben. Niemand wird das also jemals ändern können. Glaube ich.

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