Unwissenheit.

Gestern Nacht gab es hier Gewitter. Und jedes Mal, wenn der Himmel hell erleuchtet war von Blitzen, gab es danach diesen Moment der Stille. Und der Unwissenheit: Wann kommt der Donner? Wie laut ist er? Wie nah ist das Gewitter?

Als Kinder haben wir Sekunden gezählt und wollten dann ausrechnen, wie weit das Gewitter von uns weg ist. Und wenn auf Blitz Donner folgte und wieder Blitz und wieder Donner, dann haben wir uns unter unseren Bettdecken verkrochen und weitergezählt, bis der Abstand wieder größer war und das Gewitter weiterzog.

Dieser eine Moment der Unwissenheit, der Aufgeregtheit, der Spannung und Erwartung, aber auch der Angst, zwischen Blitz und Donner.

Es gibt bei Vorsorgeuntersuchungen auch diesen einen Moment. Diesen einen Moment der Unwissenheit. Selige Unwissenheit, aufreibende Unwissenheit. Es ist diese Zeitspanne zwischen Untersuchung und Mitteilung des Ergebnisses. Oder zwischen erster Vermutung und Entwarnung – oder Bestätigung.

Wenn erstmal der Verdacht oder die Diagnose gestellt ist, gibt es keine Unwissenheit mehr. Dann gibt es kein Zurück mehr in die Zeit davor. Die Zeit von Unbeschwertheit und Nichtwissen.

Und je nachdem, wie die Diagnose dann ausfällt, fällt der Stein der Erleichterung ab oder man sehnt sich genau zu dem Zeitpunkt zurück, als man noch nichts wusste. Zu dem Moment, als man noch hoffte oder ignorieren konnte.

Ich befinde mich gerade irgendwo dazwischen, weil ich diesen Moment jetzt zum zweiten Mal erlebt habe und das dritte Mal kurz bevor steht. Ich halte mich gerade daran fest, dass „es auch alles nichts bedeuten muss“.

Die zweite Mammographie hat leider keine Entwarnung gebracht. Kein erhofftes „alles so, wie vor einem halben Jahr, keine Veränderung“, sondern ein „der Raum ist der gleiche, aber die Anzahl ist mehr geworden. Leider können wir es auf der Mammographie nicht beurteilen aufgrund ihres dichten Brustgewebes. Wir versuchen es mit einem MRT. Hier ist ihr Termin in vier Tagen.“

Nun zum dritten Mal dieser luftleere Raum vor der Untersuchung. In meinem Kopf schwirren „das kann ein sich verkalkendes Fibroadenom sein“ und „es kann auch eine Vorstufe zum Mammakarzinom bedeuten“ herum.

Ich sitze nun hier, hefte Rechnungen ab. Starre auf den Bildschirm. Starre auf den Kaffee. Starre auf meine Hände. Und möchte nichts anderes tun, als mir die Decke über den Kopf zu ziehen und zu warten, bis das Gewitter weitergezogen ist. An mir vorüber.

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4 Gedanken zu “Unwissenheit.

      1. Zum Glück nur eine zweite Einladung, bei der nach einer Ultraschalluntersuchung alles geklärt war (auch die zweite Röntgenuntersuchung war schlecht, zum Glück ging es aber direkt weiter mit dem Ultraschall). Aber das Wochenende, das zwischen Brief lesen und zweiter Untersuchung lag, war direkt aus der Hölle. Was mir da alles durch den Kopf ging, und ich war so überhaupt nicht auf so einen Brief vorbereitet …

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  1. Was schreibt man, wenn es einen berührt und gleichzeitig man es an andere Stelle schon ‚miterleben‘ musste? Gute Wünsche? Festen Glauben? Nie aufgeben? Nie aufgeben. Das ist es. Stark sein und bleiben. Egal wie das Ergebnis sein wird. *remote_hugs

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