Easy.

Mittwoch. Es ist Mittwoch vormittags. Ich sitze am Schreibtisch und höre das Klackern meiner Tastatur. Und noch was anderes. Ich höre auf zu tippen.

Die Katze schnarcht. Es klingt ein bisschen so, als ob sie Polypen hätte oder einfach eine verstopfte Nase. Sie schnarcht schon, seit wir sie haben. Manchmal so laut, dass man davon aufwacht, nachts.

Draußen fällt eine Autotür zu. Der Motor springt an. Irgendwo hustet eine Frau. Ich schätze mal, es ist die Nachbarin von gegenüber, die Asthma hat. Im Sommer, wenn die Fenster geöffnet sind, hört man sie oft. Man hört auch alles andere:

Im Nachbarhaus spielt jemand Klavier. Auch da ist das Fenster geöffnet. Ich hoffe inständig, dass der Übende bald Fortschritte macht… Ich höre Flöte. In der Nachbarstraße ist eine private Musikschule. Ein Auto fährt vorbei.

Ein Specht scheint auf Nahrungssuche zu sein. Es klopft und klopft in einem der Bäume vor dem Fenster. Eine große Wildkirsche und eine Tanne. Gestern hat es einen lauten Knarz gegeben und von unserem Apfelbaum ist ein morscher Ast runtergekommen. Wir müssen den Baum beschneiden. Er ist so alt, dass sich niemand mehr daran erinnern kann, wer ihn gepflanzt hat. Die Äste hängen gefährlich schief.

Eine Mutter schimpft mit ihrem Kind und ein Hund kläfft. Die Katze hört auf zu schnarchen und guckt Richtung geöffnetem Fenster, durch das das Kläffen hereingetragen wird. Irgendwann ist es ihr langweilig und sie schläft weiter.

Vögel. Ich höre Vögelgezwitscher. Es ist nicht mehr so laut und viel, wie noch vor zwei Monaten, als es früher hell wurde und die Vögel in den Sträuchern Party ab dem Morgengrauen machten. Hauptsächlich die Meisen vor dem Fenster. Die hört man kaum. Stattdessen oft die Eichelhäher und Amseln.

Es rauscht in den Blättern des Kirschbaums und der Specht klopft nicht mehr. Ob er satt ist? Oder einfach weitergeflogen? Ich höre einen Bus, der irgendwo langfährt. Dieses typische Seufzen, das sie von sich lassen. Ächzen und schnaufen.

Im Haus läuft irgendwo Musik. Es hört sich an, wie eine immer gleiche Abfolge von vier Noten. Ich sehne mich nach dem Klavier. Da gab es wenigstens mehr Abwechslung.

Ich höre das Summen des Briefträger-Fahrrads. Ssssssssssssssst. Dann das Klappen des Ständers und das Klappern der Briefschlitze. Ssssssssst, er fährt weiter. Wir haben den besten Briefträger. Keiner, der alles reinstopft, wenn es nicht richtig passt. Er klingelt dann und gibt es persönlich ab. Zu Weihnachten bekommt er einen Stollen von uns mit Trinkgeld. Und eine Weihnachtskarte.

Er summt weiter und ich höre die Tauben auf dem Dach gurren. Ein Flugzeug fliegt über uns hinweg. Man hört das Brummen. Nicht laut. Nicht so laut wie das Auto, das draußen langfährt. Aber es ist da. Je nach Windrichtung gehen die Flugrouten auch über unsere Stadt. Zum Glück sind wir so weit weg vom Flughafen, dass es nicht wirklich laut ist.

Draußen meckert eine Amsel empört. Vielleicht hat jemand in ihr Nest geschissen. Man weiß es nicht.

Mein Schreibtischstuhl knarzt, als ich mich zum Fenster umdrehe, weil ich eine Kreissäge höre. Gleichzeitig fliegt eine Propellermaschine über das Haus. Wahrscheinlich zum kleinen Flughafen fünf Orte weiter. Der Hund bellt wieder und draußen fahren plötzlich mehrere Autos lang. Ich höre zwei Frauen, die sich laut auf Französisch unterhalten und an unserem Haus vorbeilaufen.

Dann ist es plötzlich still. Als ob jemand die Mute-Taste gedrückt hätte.

Vielleicht hört irgendjemand das Klackern meiner Tastatur.

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5 Gedanken zu “Easy.

    1. Nein, gar nicht. Ich kann ganz gut nichts tun.

      Es gab ja mal dieses Experiment, in dem man Menschen auf einen Stuhl setzte und ihnen sagte, sie sollen 15 Minuten nichts tun – oder sich selbst Stromstöße geben. Die meisten haben sich lieber selbst Stromstöße gegeben, als die Zeit zum Nichtstun zu nutzen.

      Das ist mir völlig fremd. Ich kann völlig entspannt Löcher in die Luft starren und meinen Gedanken nachhängen.

      Gefällt 1 Person

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