Von falschen Helden.

In jedem Heldenepos/-film gibt es diesen Moment: den Moment der Gewissensfrage. Der Held wagt einen Blick auf die dunkle Seite. Er sieht, was er dort erreichen könnte. Wie gut es für ihn sein könnte, wenn er den einfachen, den dunklen Weg einschlagen würde. Wenn er nicht Recht und Gewissen folgen würde und den umständlichen, den schwierigen Weg gehen müsste, sondern rechtlos, gesetzlos weitermachen könnte. Natürlich, um das Gute durchzusetzen und das Böse zu besiegen.

Aber der Held weiß, dass er damit auch zu etwas Bösem wird. Dass er sich damit auf die falsche Seite der Sache schlägt. Der Held entscheidet sich natürlich dagegen. Er bleibt auf der guten Seite. Er bleibt der mit dem Gewissen.

Aber was ist mit den Helden, die nicht nur auf die dunkle Seite blicken, sondern die dunkle Seite betreten?

Was passiert mit den Helden, die Gutes tun und getan haben, aber auch Dinge tun, die nicht gut sind? Die lügen und betrügen, aber trotzdem als ein guter Held gesehen werden möchten und immer noch Gutes tun? Was passiert mit diesen Grenzgänger, die sich nicht für die gute Seite entscheiden, sondern für beide.

Es gibt diese Grenzgänger. Die nach Anerkennung und nach der Bewunderung der Mitmenschen streben und alles dafür tun, um die Menschen zu beeindrucken, ihnen zu helfen und für sie da zu sein. Aber die auch nicht mehr von der anderen Seite lassen können, deren bittersüße Früchte sie gekostet haben. Die im Herzen geteilt sind in gut und böse. Die vielleicht viel Böses tun, um für sich Gutes zu erreichen.

Macht das, was sie Gutes tun, wett, dass sie andere verletzen? Macht ihr Fehlverhalten ihre guten Taten kaputt?

Wir bewundern unsere Helden. Wir bewundern ihre Stärke, ihre Kraft, ihre Ausdauer, ihre Leidenschaft, ihre Unbeirrbarkeit. Wir möchten Helden haben in unserer Welt, die uns daran erinnern, dass man etwas ändern kann. Auch als einzelner. Wir möchten das glauben, weil wir sonst verzweifeln würden. Unsere Helden sind diejenigen, die uns im Alltag zeigen, dass nicht alles verloren und schlecht ist, die vorangehen, wenn jemand Hilfe benötigt und alle Hebel in Bewegung setzen, um der Person diese Hilfe zu geben – und Menschen zu mobilisieren. Unsere Helden sind diejenigen, die uns zeigen, dass es Hoffnung gibt.

Wir möchten glauben, dass diese Helden unfehlbar sind. Was wir nicht möchten, ist das Gegenteil zu sehen. Wir möchten keine gefallenen Helden. Wir möchte glorifizieren. Und wenn jemand es wagt, den Helden in vermeintlichen Misskredit zu bringen, versuchen wir, den Jemand in Misskredit zu bringen. Wir suchen Gründe, warum wir ihm nicht glauben wollen, warum er lügt, warum er der Böse ist in der Gleichung.

Helden sind unberührbar. Wenn wir es in unseren Köpfen zulassen, dass ein Held angreifbar wird, weil er Fehler macht, können wir nicht mehr differenzieren zwischen seinen Erfolgen und seinen Fehlern. Wir können nicht mehr seine Leistung anerkennen, sondern sehen immer den Makel auf der Leistung. Auch, wenn diese nichts miteinander zu tun haben.

Deswegen versuchen wir, jeden Makel von einem Helden fernzuhalten.

Wenn wir nun erfahren würden, dass ein Held ein Arschloch ist, wenn hinter seinem Lächeln auch etwas falsches steckt, wenn uns jemand sagt, unser Held habe die dunkle Seite betreten und wäre nicht nur gut, sondern auch sehr verletzend –  wir kämen uns verraten vor, weil wir jemanden bewundert haben, jemanden geliebt und gemocht haben, der nicht nur gut ist, sondern vor uns seine bösen Gedanken und Taten verborgen hat.

Wir würden uns verraten fühlen, weil wir einem Trugbild aufgesessen wären, dass der Held uns bewusst vorgespielt hätte.

Doch was tun wir mit diesem Wissen?

Brüllen wir es heraus, um unserer Wut Luft zu machen? Denken wir uns bei jeder Erwähnung seiner Heldentaten, bei jeder Glorifizierung seiner Person, dass es so viel mehr gäbe zu sagen? Haben wir den Wunsch, das Bild des Helden gerade zu rücken, weil wir verletzt und belogen wurden? Ertragen wir die Glorifizierung nicht, weil wir verletzt wurden und deswegen nicht ertragen können, wenn seine Heldentaten das einzige sind, was erwähnt wird, obwohl es so viel Dunkles gäbe?

Oder schweigen wir, um die Taten, die gut waren und Gutes erreicht haben, die Menschen geholfen haben und etwas vermitteln, was das Leben besser machen würden, nicht zu zerstören, zu beflecken? Schweigen wir, um sein Ansehen nicht zu beschmutzen, seine Maske nicht fallen zu sehen, um diejenigen zu schützen, denen er Gutes getan hat? Die guten Taten nicht in den Dreck zu ziehen, in dem man den Helden demaskiert?

Was macht es mit einem Menschen, wenn er erfährt, dass sein vermeintlicher Held zwei Gesichter hat? Was macht es mit einem Menschen, der unendlich verletzt wurde, und der nun entscheiden muss, ob er seinen Schmerz herausschreit oder herunterschluckt und den Helden schützt, um andere vor der Verletzung durch ihn zu schützen.

Sie vor der Ent-Täuschung zu schützen?

Kann jemand mit seinem Schmerz, seiner Enttäuschung, so umgehen, dass er andere vor diesem Schmerz schützen kann, in dem er schweigt? Besonders dann, wenn die anderen besonders schützenswert und verletzlich sind und er  das weiß?

Kehren wir zurück zu unserem Helden und stellen uns vor, er könne kein Grenzgänger mehr sein. Er habe keine Kraft mehr, um den Schein zu wahren. Keine Kraft mehr, so viel Gutes zu tun, damit niemand das erkennt, das sieht, was ihn sonst antreibt oder beschäftigt. Was er im Verborgenen tut und mit dem Guten versucht zu egalisieren.

Stellen wir uns einen Helden vor, zerrissen und voller Selbstzweifel, wissend dass viele in ihm einen Helden sehen – aber nur so lange, bis sie von seiner dunklen Seite erfahren würden. Und seine Kraft schwindet. Sie schwindet, weil beide Seiten unendlich Kraft von ihm fordern. Die gute Seite muss Gutes zeigen und produzieren, muss Optimismus und Kraft versprühen und Hoffnung und Leidenschaft geben. Die dunkle Seite ist aber viel spannender für ihn und er kann nicht anders, als immer wieder das zu tun, von dem er selbst weiß, dass er damit täuscht und sich selber immer tiefer dahin treibt, wo es allen weh tut, wenn sie es wüssten. Süchtig nach Anerkennung, Liebe und Aufmerksamkeit.

In jedem Heldenepos gibt es diesen Punkt, an dem der Held an sich zweifelt und den falschen Weg einschlagen könnte. In jedem Heldenepos entscheidet sich der Held für den richtigen Weg.

Das echte Leben ist kein Heldenepos. Und für Hollywood fehlt das Happy End.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Von falschen Helden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s