Hobbyshaming.

Seit vielen Monaten formiert sich eine Gegenbewegung zum Bodyshaming. Frauen zeigen ihre Körper und weisen darauf hin, dass man sich von anderen nicht diktieren zu lassen hat, was „normal“, „schön“ oder „richtig“ sei. Der Körper als Kunstwerk, so wie er ist, mit Dehnungsstreifen, Fettpölsterchen, stark hervorstehenden Rippen oder schiefer Nase. Das vorgelebte Schönheitsideal ist eine Erfindung.

Es gibt im Internet durchaus einige Vorreiter*innen, deren Rants hierzu durch hohe Reichweite immer mal wieder in meine Timeline gespült werden. Ich finde das großartig.

Umso mehr erstaunt es mich, wenn aus „mehr Toleranz“-Mündern das Lästern/Beurteilen über andere ertönt, die eben anderes gut finden, als sie selbst oder sich für andere Dinge Zeit nehmen, als sie es tun.

In diesem Fall ging es um das Darstellen von Selbstgebackenem und -gebasteltem bei Instagram, was das auslöst und im Anschluss um die Frage, wie jemand für sowas überhaupt Zeit haben könne.

Schnell fanden sich andere, die applaudierten und flugs einen Typus ausmachten, der sich ihrer Meinung nach mit Plätzchen und Co. in Szene setzt: Yoga machend und an sich selbst denkend, Tee trinkend.

Was ich daran zu traurig finde, ist, dass hier die Lebensweise von Menschen kritisiert (und pauschalisiert) wird, auf die gleiche Weise, wie Bodyshaming betrieben wird: Fette sind unsportlich, Dicke sind disziplinlos – Menschen, die dekorieren und basteln sind nicht so lässig, wie diejenigen, die für sowas keine Zeit haben.

Nein. Sie haben nur anderen Prioritäten und Hobbys.

Vielleicht ist da eine Mutter, die einen Teilzeitjob hat, vier Kinder und sich trotzdem abends noch die Zeit nimmt, um Plätzchen zu backen. Einfach, weil sie es gern tut. So wie vielleicht die Dicke abends Fahrrad fahren geht, um den Kopf frei zu bekommen.

Himmel, und? Muss man jemanden, der andere Prioritäten und Lebensweisen hat, deswegen mit dieser Arroganz begegnen? Besonders dann, wenn man selber anprangert, dass andere einen mit Dummheit und Arroganz beurteilen?

Als jemand dann „Achtsamkeitsmüll“ von sich gab, für mich eine Verurteilung einer Lebensweise, die er/sie halt nicht teilt, bin ich ausgestiegen.

So lange wir nicht unser eigenes Schubladendenken und Verurteilen in Frage stellen und uns über andere lustig machen, so lange dürfen wir uns nicht darüber beschweren, wenn in den Bereichen, die uns treffen und wichtig sind, nicht umgedacht wird.

Toleranz beginnt bei einem selbst.

 

 

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2 Gedanken zu “Hobbyshaming.

  1. Ja! Über mein Hobby höre ich oft ein kopfschüttelndes „wann machst du das bloß?“. Hm, vielleicht während andere Leute Serien gucken? Aber die fragt niemand, woher sie die Zeit dafür nehmen…

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