Hilflos.

Wir sind unterwegs. Morgensporteln durch Regen und über die Felder. Die Luft tut gut, die Bewegung tut gut. Es ist überall noch still. Zweiter-Weihnachtsmorgen-Stille. Wir laufen vorbei an stillen Wohnhäusern, durch stille Straßen und treffen einen Mann. Zerrissenes Hemd, Hose, nur Socken an den Füßen. Es regnet in Strömen. Er kommt auf uns zu.

Ich frage ihn, ob es ihm gut gehe. Nein, sagt er. Er sei auf kaltem Entzug. Ob ich Alkohol für ihn hätte.

Ich laufe weiter neben ihm her. Möchte ihn nicht allein lassen. Er will zur Tankstelle. Bier holen. Er brauche jetzt sofort Bier. Ist völlig fokussiert auf die Sucht, aber im Kopf erschreckend klar. Wir unterhalten uns.

Er ist bei seinem Bruder zu Besuch. Kommt eigentlich aus Frankfurt. Sein Bruder will ihm keinen Alkohol geben. Wollte ihn am Verlassen der Wohnung hindern. Es muss hart hergegangen sein. Sein Hemd ist zerrissen, sein Arm blau. ich frage ihn, was los ist. Er sagt, er glaube, der Arm sei gebrochen.

Peter geht hinter uns und ruft einen Krankenwagen.

Wir reden weiter. Er erzählt von seinen Versuchen aufzuhören. Morgen hat er den nächsten Termin. Er sagt, er schafft es nicht. Ich weiß, dass er recht hat, versuche ihn aber zu überreden, sich jetzt im Krankenhaus helfen zu lassen. Medikamente, um den Entzug zu lindern, zur Beruhigung, gegen die Schmerzen. Statt zur Tankestelle zu gehen.

Nein, er will Bier. Wir unterhalten uns über seine Sucht. Er sagt, es gäbe Trigger. Die wären gedrückt worden, er weiß, dass ihn die Sucht zu Grunde richtet. Er sagt, manchmal hoffe er, das passiere lieber früher als später. Alkoholiker stürben eher an Hirnschlag, als an Leberzirrhose. Und wenn er jetzt nichts zu trinken bekäme, käme wieder ein Krampfanfall durch den kalten Entzug. Ja, er hat wieder recht. Er kennt seine Krankheit. Viel zu gut kennt er sie.

Der Krankenwagen kommt. Er will sich nicht helfen lassen. Er geht stur geradeaus und will nur zur Tankstelle. Bier holen. Nur Bier holen. Er brauche jetzt zwei Bier.

Die Rettungskräfte sagen, sie könnten ihm nicht gegen seinen Willen helfen. Sie dürfen ihn nicht festhalten, auch wenn er bei 3 Grad im Regen auf Socken rumläuft.

Die Sanitäter rufen bei der Polizei an. Nein, auch sie können nichts machen. Er ist keine Gefahr, er ist nur alkoholkrank und auf Entzug. Alle fahren weg. Pech für ihn und seinen Arm. Niemand kann gezwungen werden.

Wir erreichen die Tankstelle und er hat mir viel erzählt.

Ich bitte ihn, mich anzusehen. Er traut sich kaum, mir in die Augen zu blicken. Ich lächle ihn an und wünsche ihm von Herzen, dass er es für sich schafft.

Er sagt, dass kann nur er allein schaffen. Ja, sage ich. Stimmt. Er wisse, dass ich es gut meine. Aber jetzt ginge es noch nicht. Ich wünsche ihm frohe Weihnachten, er geht in die Tanke, wir gehen weiter.

Wir können nicht jedem helfen, auch wenn wir es wollen. Aber vielleicht denkt er irgendwann mal in einem Moment im Entzug an die Menschen, die ihm mit Respekt begegnet sind, als er selber keinen mehr vor sich hatte.

Vielleicht hilft es ihm dann.

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