Aber was ist mit Chips…?

Wenn der Kardiologe und Internist ein sehr gründlicher ist und man zudem noch das Glück hat, Privatpatient zu sein (und ja, ich könnte jetzt darüber schreiben, dass ich es generell eher schlimm finde, dass es diese Zweiklassenmedizin gibt und gesetzlich Versicherte eher schwer haben, solche gründlichen Untersuchungen zu bekommen, weil die Krankenkassen mit ihrem Abrechnungssystem unsere Ärzte zu weniger sozialem und mehr gewinnorientiertem Arbeiten zwingen – mach ich aber nicht, weil es hier jetzt um was anderes geht), dann kann es auch mal sein, dass sein Ehrgeiz geweckt wird, wenn man mit allen möglichen Beschwerden zu ihm kommt, denen sonst keiner auf die Spur gekommen ist.

In meinem Fall hieß das: Müdigkeit, Leistungsabfall, Atemlosigkeit, Gereiztheit, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Erschöpfung, schlechtes Hautbild, Verdauungsstörungen, Blähbauch, Bauchschmerzen, Gewichtszunahme, Migräne/Kopfschmerzen, Verspannungen, verstopfte Nase, Schwindel, geschwächtes Immunsystem und daduch dauernde Erkältung, Sinusitis und Co.

Man machte Blutuntersuchungen, Ultraschall aller Organe, MRT der Hals- und Brustwirbelsäule, CT des Kopfes, Stuhluntersuchung, Abhören, Allergietests etc.

Laut Blutuntersuchung war ich gesund. Alle Organwerte super. Der Allergietest (auf der Haut und drei zusätzliche Werte über Blut) war negativ. Mein IgG-Wert sei im Normbereich. Alles sähe gut aus. Vielleicht mal eine Immunaufbaukur? Und bitte weniger Stress. Eine Ernährungsumstellung bittesehr.

Wer sich erinnert: Stress war ein Hauptbegleiter dieses Jahres. Den sollte ich also reduzieren? Ok. Fing ich damit eben an. Kürzer treten, mehr auf mich hören, Abendrituale zum Einschlafen, neue Matratze, Yoga-Einführungskurs, regelmäßige Bewegung an der Luft.

Ich bekam Nahrungsergänzungsmittel zum Immunaufbau und Darmflorazeug, Vitamin B-Komplex und Spurenelemente. Meine Ärztin empfahl, eine proteinreichere Ernährung. Also begann ich den Tag mit Müsli mit Quark und einem Löffel Honig und trank abends einen Eiweißshake. Die Bewegung fiel mir schwer: Atemlosigkeit und null Leistungsfähigkeit sind keine guten Motivatoren. Ich konnte nicht mal mehr in den ersten Stock die Treppe steigen, ohne zu japsen.

Es ging mir schlecht.

Im November reichte es mir: ich ging zum Kardiologen. Seine Blutuntersuchungen sind etwas umfangreicher. Die Auswertung umfasst nicht nur die Standards, sondern quasi jeden Pups. Er schallte die Organe nochmal: alles ok, nur die Schilddrüse hat einige Knötchen. Er machte ein Herzultraschall (alles ok), einen Leistungs-EKG (oh, nicht so gut). Ich bekam ein 24-h-EKG und -Blutdruckmessgerät. Die Auswertung beider Untersuchungen gab den Aha-Effekt.

Bluthochdruck. Mein Durchschnittswert lag bei 133/106. Auch nachts ging der diastolische Wert nicht unter 90.

Zum Vergleich: Als Normbereich gilt 120–129 / 80–84.
Als Optimalbereich 105–119 / 65–79.

Er war überrascht, dass ich noch schlafen konnte. Wunderte sich nicht mehr über den Leistungsabfall und verordnete Blutdrucksenker. Baustelle 1.

Baustelle 2 war da mysteriöser: mein IgG-Wert (Antikörper im Blut) war um das 13-fache erhöht. Der Wert, der einige Monate vorher noch in Ordnung war. Sein Verdacht: Nahrungsmittel. Es gab also einen weiteren Test. Und der gab den zweiten Aha-Effekt: Ich reagiere auf Zwiebeln, Honig, schwarzen Pfeffer, Feigen, Kuhmilch – und Hefe.

Ich habe also bei meiner Ernährungsumstellung genau das gemacht, was mir nicht geholfen hat: Milchprodukte vermehrt konsumiert. Dazu Honig. Den Rest konsumiere ich quasi täglich. Jetzt folgt also eine Zeit der Elimination. 5 Wochen darf ich diese Lebensmittel nicht zu mir nehmen. Klingt erstmal einfach. Bei näherem Hinsehen ist es aber schwieriger, als man denkt, denn es fallen viele Dinge weg, die ich sonst gedankenlos konsumiere: viele Brotsorten, Gebäck, Kuhmilch-Käse, Quark, Joghurt, Butter, Alkohol, quasi alle Fertigprodukte von Chips bis Brühe, Brotaufstriche, Schokolade und viele Süßigkeiten, Gewürzmischungen, Proteinshakes.

Ziel des Verzichts ist es, in den 5 Wochen die körpereigenen Reaktionen auf diese Stoffe auf ein Normalmaß zurückzufahren. Dann folgt die Provokation: ein Lebensmittel pro Woche wird an einem Tag vermehrt hinzugefügt und der Körper beobachtet, ob er noch darauf reagiert. Wenn nicht, darf das Lebensmittel wieder konsumiert werden. Reagiert er in den Tagen nach der Einnahme des Lebensmittels, muss das Lebensmittel ein Jahr lang gemieden werden und dann eine erneute Provokationsphase gemacht werden.

Ich habe den endgültigen Start der Eliminationsphase jetzt auf Montag verschoben. Aus ganz egoistischen Gründen: ich habe Sonntag Geburtstag. Und da möchte ich nicht auf Kuchen, Essen gehen, ausgiebiges auswärtiges Frühstück, Nascherei, Sekt und Co. verzichten. Bis dahin reduzier ich aber schon mal, soweit es geht. Und das ist nicht leicht: Kaffee ohne Kuhmilch bedeutete heute Morgen schon eine Testphase, welcher Ersatz sich aufschäumen lässt (Mandelmilch nicht, aber Sojamilch). Als Knabberzeug taugt wohl nur selbstgemachtes Popcorn, denn Chips sind raus, Schokolade auch. Zum Frühstück muss ich nun Mandelmilch und Ahornsirup für mein Müsli nehmen. Ok, geschenkt. Aber wie zum Teufel macht man Risotto ohne Zwiebeln, Butter, Sahne und Parmesan? Ach, verdammt.

Nehmen wir es positiv: ich bin letzte Woche erstmalig wieder Nordic Walken gewesen, ohne dass mir die Puste ausging oder ich nach 400 Metern eine Pause brauchte. Ich war sogar vier Mal laufen. Ohne Probleme. Ok, bis auf die muskulären, die mir zeigen, dass ich nicht mehr fit bin. Aber jetzt habe ich eine Chance, das in Angriff zu nehmen.

Und wer weiß: wenn mir die Elimination einiger Lebensmittel dabei hilft, meinen Körper auch sonst wieder in Ordnung zu bringen, bin ich vielleicht im Sommer in der Form meines Lebens…

Warum ich hier so offen und deutlich über mein Krankheitsbild schreibe? Ganz einfach: weil ich nicht allein bin. Weil ich hoffe, dass der ein oder andere, der sich seine Symptome nicht erklären kann, einfach auch mal gründlicher checken lässt. Vielleicht mal das Thema „Bluthochdruck“ ins Auge fasst oder eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Ebenso, wie bei dem Brustkrebsverdacht im Mai diesen Jahres, möchte ich mit meiner Geschichte zur Aufklärung beitragen und animieren, dass andere vielleicht rechtzeitig zur Vorsorge gehen. Vielleicht auch mal diese Themen ansprechen und zum Facharzt gehen. Denn der Hausarzt ist manchmal nicht geschult genug, um einige Dinge zu erkennen. Oder er ist (damit wären wir wieder bei unserem Gesundheitssystem) einfach zu gestresst, weil er aus Fließbandbehandlungsdruck nicht mehr genug auf den einzelnen Patienten achten kann oder sein Budget nicht mehr für eine kostenintensivere Untersuchung reicht zum Ende des Quartals.

Ich hoffe jedenfalls, dass bei mir damit jetzt einiges geklärt wurde und meine Odyssee ein Ende hat.

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