Easy.

Mittwoch. Es ist Mittwoch vormittags. Ich sitze am Schreibtisch und höre das Klackern meiner Tastatur. Und noch was anderes. Ich höre auf zu tippen.

Die Katze schnarcht. Es klingt ein bisschen so, als ob sie Polypen hätte oder einfach eine verstopfte Nase. Sie schnarcht schon, seit wir sie haben. Manchmal so laut, dass man davon aufwacht, nachts.

Draußen fällt eine Autotür zu. Der Motor springt an. Irgendwo hustet eine Frau. Ich schätze mal, es ist die Nachbarin von gegenüber, die Asthma hat. Im Sommer, wenn die Fenster geöffnet sind, hört man sie oft. Man hört auch alles andere:

Im Nachbarhaus spielt jemand Klavier. Auch da ist das Fenster geöffnet. Ich hoffe inständig, dass der Übende bald Fortschritte macht… Ich höre Flöte. In der Nachbarstraße ist eine private Musikschule. Ein Auto fährt vorbei.

Ein Specht scheint auf Nahrungssuche zu sein. Es klopft und klopft in einem der Bäume vor dem Fenster. Eine große Wildkirsche und eine Tanne. Gestern hat es einen lauten Knarz gegeben und von unserem Apfelbaum ist ein morscher Ast runtergekommen. Wir müssen den Baum beschneiden. Er ist so alt, dass sich niemand mehr daran erinnern kann, wer ihn gepflanzt hat. Die Äste hängen gefährlich schief.

Eine Mutter schimpft mit ihrem Kind und ein Hund kläfft. Die Katze hört auf zu schnarchen und guckt Richtung geöffnetem Fenster, durch das das Kläffen hereingetragen wird. Irgendwann ist es ihr langweilig und sie schläft weiter.

Vögel. Ich höre Vögelgezwitscher. Es ist nicht mehr so laut und viel, wie noch vor zwei Monaten, als es früher hell wurde und die Vögel in den Sträuchern Party ab dem Morgengrauen machten. Hauptsächlich die Meisen vor dem Fenster. Die hört man kaum. Stattdessen oft die Eichelhäher und Amseln.

Es rauscht in den Blättern des Kirschbaums und der Specht klopft nicht mehr. Ob er satt ist? Oder einfach weitergeflogen? Ich höre einen Bus, der irgendwo langfährt. Dieses typische Seufzen, das sie von sich lassen. Ächzen und schnaufen.

Im Haus läuft irgendwo Musik. Es hört sich an, wie eine immer gleiche Abfolge von vier Noten. Ich sehne mich nach dem Klavier. Da gab es wenigstens mehr Abwechslung.

Ich höre das Summen des Briefträger-Fahrrads. Ssssssssssssssst. Dann das Klappen des Ständers und das Klappern der Briefschlitze. Ssssssssst, er fährt weiter. Wir haben den besten Briefträger. Keiner, der alles reinstopft, wenn es nicht richtig passt. Er klingelt dann und gibt es persönlich ab. Zu Weihnachten bekommt er einen Stollen von uns mit Trinkgeld. Und eine Weihnachtskarte.

Er summt weiter und ich höre die Tauben auf dem Dach gurren. Ein Flugzeug fliegt über uns hinweg. Man hört das Brummen. Nicht laut. Nicht so laut wie das Auto, das draußen langfährt. Aber es ist da. Je nach Windrichtung gehen die Flugrouten auch über unsere Stadt. Zum Glück sind wir so weit weg vom Flughafen, dass es nicht wirklich laut ist.

Draußen meckert eine Amsel empört. Vielleicht hat jemand in ihr Nest geschissen. Man weiß es nicht.

Mein Schreibtischstuhl knarzt, als ich mich zum Fenster umdrehe, weil ich eine Kreissäge höre. Gleichzeitig fliegt eine Propellermaschine über das Haus. Wahrscheinlich zum kleinen Flughafen fünf Orte weiter. Der Hund bellt wieder und draußen fahren plötzlich mehrere Autos lang. Ich höre zwei Frauen, die sich laut auf Französisch unterhalten und an unserem Haus vorbeilaufen.

Dann ist es plötzlich still. Als ob jemand die Mute-Taste gedrückt hätte.

Vielleicht hört irgendjemand das Klackern meiner Tastatur.

Danach.

Was für eine Woche! Echt, ey. Irgendwas mit Auf und Ab und Rollercoaster.

Gefühlsmäßig sehr in Schieflage, fand das Depeche Mode-Konzert einen Tag nach meiner Vakuum-Saug-Biopsie statt. Nicht tanzen, nicht klatschen, nichts tun, was weh tut :D Und das bei einer meiner liebsten Bands. Katastrophal.

Dank bester Sitzplätze konnte ich oft pausieren, wenn es zu weh tat, das leise Schunkeln zu den neuen Liedern und das leichte Tanzen zu Klassikern, wie Everything Counts, Enjoy the Silence, Stripped, Personal Jesus, Walking in My Shoes.

Ja, ich habe gerne Sitzplätze. Dieses stundenlange Rumstehen in der Menge ist nichts für mich und mein Arthrose-Knie. Und bei meiner Größe ist die Sicht in Menschenmengen nur bedingt gut, bzw. habe ich dann oft die Schultern von Größeren im Gesicht, einen Riesen vor mir oder stehe so weit hinten, dass ich lieber einen Tribünenplatz habe mit Sicht, Platz und der Möglichkeit, aufs Klo zu rennen, ohne dass gleich mein Platz aufgefüllt ist.

Was macht man also, wenn man das beste aller Ergebnisse bekommen hat? Tanzen und schlafen. Also rockte ich innerhalb meiner Möglichkeiten und blutete nach. Die Schmerzen danach waren das Konzert wert. Ich fand, es war eins der besten der letzten Jahre. Die letzte Tour hat mich nicht so erreicht. Diese hat es wieder wett gemacht. Es war typisch DM: dunkel, ein bisschen dramatisch und mit einem tanzenden und rotierenden Dave auf der Bühne, dem man sein Alter zwar ansieht, der aber nichts von seiner unglaublichen Bühnenpräsenz verloren hat. Als eine der ganz wenigen brauche ich den Martin Gore-Teil mit A Question of Lust und Co. nicht wirklich. Aber es gehört halt zu den Konzerten dazu.

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Danach? Schlafen. Ich war müde und müde und müde. Und wusste noch nichts vom Ergebnis der ersten Biopsie und der zweiten.

Das kam am Mittwoch Mittag. Mit dem Ergebnis, dass es zwar gutartig sei, aber es ein Ärztekonzil gäbe, in der man meinen Fall bespräche und ob man noch eine Biopsie machen müsse. Nach dem Tief der Biopsie, dem Hoch des DM-Konzerts, kam das Hoch-Tief dieser Nachricht. Dicht gefolgt von einem Hoch, denn am Mittwoch Abend wurde mir ein Kindheitstraum erfüllt: Pet Shop Boys live. Ja, ich war als junge Jugendliche / älteres Kind ein Fan. Ich habe mir „Introspective“ zu Weihnachten gewünscht und bekommen.

Auf dem Album sind so Sachen drauf, wie Left to My Own Devices, Domino Dancing und Always on My Mind. Und ich liebte es. Es war die Zeit, als man sonntags in der Eissporthalle war und Hand in Hand zu It’a a Sin übers Eis schlitterte.

Danach holte ich mir noch „Actually“ und „Please“. Westend Girls, Suburbia und Rent liefen in Dauerschleife, später dann auch die übrigen Songs, deren Schlichtheit und Klarheit bei einer tiefen Doppeldeutigkeit und Melancholie, mich heute noch packen.

Als ich sah, dass sie nach Mainz kommen, musste ich hin. Als ich die Kritiken zur Show sah, war es um mich geschehen. Die Phoenixhalle (oder jetzt Halle 45) kannte ich als kleine, feine Location mit Industriecharme – also der perfekte Rahmen für Synthiepop und Lasershow.

Ich tanzte wie bekloppt, war fast eindreiviertel Stunden in einem kleinen Rausch und ertrug auch die kitschigen Parts mit Sonnenuntergang und Co. gelassen. Himmel, die waren schon immer so.

Zwei Stunden ablenken von der Biopsie am nächsten Tag.

Am Freitag kam dann das nächste Konzert: Coldplay. Ich bin kein großer Fan. Ich höre nur einige Lieder einfach gerne mal. Viele sind auf meiner Playlist, die ich zum Putzen laut laufen habe. (Ja, ich habe eine Putzen-Playlist…) Coldplay sind für mich die fleischgewordene gute Laune. Weltverschönerer mit bunten Noten und einem dicken Grinsen im Gesicht. Happy Time in Reinkultur.

Das Konzert ist für mich dann auch so zu beschreiben: Hippies in den 40ern feiern auf LSD einen großen Kindergeburtstag mit Konfettikanonen. Die Masse hebt die Arme und singt und springt auf Kommando, das Stadion leuchtet in allen Farben, und jeder Prediger schaut wohl neidvoll auf die Fähigkeit dieser Band, die Massen mit ihrer Anwesenheit zu begeistern.

Coldplay sind die Mischung aus Yogastunde auf Bali und Love-Parade in Berlin.

Am Samstag dann noch ein Treffen mit Herzmenschen, die das zweite Konzert von Coldplay besuchten und dafür nach Frankfurt anreisten. Ein gemeinsames Essen, ein bisschen Zeit zum Quatschen – und mitgerissen vom Coldplay-Farbrausch und meiner Erleichterung, gönnte ich mir noch ein paar neuer Turnschuhe.

Warum auch immer, aber im Moment steh ich sehr auf bunte Sneaker. Vielleicht, weil Lebenslust und Tanzen zusammen gehören und diese Woche so voll von beidem war. Intensives (er)leben und tanzen.

 

 

Juchhuuu!

Juchhuuu

Ergebnis ist gutartig!

Danke Euch für Eure lieben Worte, das Lesen meines Geheules und meiner verbalisierten Ängste. Es hat mir so geholfen.

Ich bin gerade unendlich dankbar und erleichtert. Sechs Wochen Angst fallen gerade ab und lassen mich ganz leicht sein. Sechs Wochen mit Ärzten, Untersuchungen und Hoffen und Bangen sind vorbei und ich freu mich wie verrückt über mein so großes Glück!

Danke!

MRT gestützte Biopsie.

Rin inne Röhre, raus ausse Röhre, rin inne Röhre…

Zweite Biopsie habe ich geschafft. Dieses Mal MRT-gestützt. Nachdem man mir vier Mal versucht hat, einen Zugang im linken Arm zu legen für das Kontrastmittel, hat man die rechte Hand genommen. Danach wurde ich auf dem Bauch positioniert, so dass meine rechte Brust in eine Vorrichtung hineinhing.

Wieder wurde die Brust leicht eingeklemmt in eine Gittervorrichtung, damit sie fixiert ist. Mit den Armen nach vorne, eingeklemmt, wurde ich in die Röhre geschoben und ein normales MRT gemacht. Dann raus aus der Röhre. Nicht bewegen. Kontrastmittel wurde eingespritzt. Wieder rein in die Röhre. Wieder MRT. Raus aus der Röhre.

Dann wurde ich markiert, bzw. meine Brust. Wieder rein in die Röhre, gecheckt. Raus aus der Röhre, örtliche Betäubung wurde gegeben. Ein leichtes Brennen, nicht schlimm. Im Anschluss wurde direkt die Biopsie-Nadel platziert. Wieder rein in die Röhre, um im MRT den Sitz der Nadel zu kontrollieren.

Ich hatte Glück: sie saß an der richtigen Stelle. Ok, bei 2,5 cm auch nicht soooo schwierig. Also raus aus der Röhre und mit der Stanzung beginnen.

Die ganze Zeit durfte ich mich nicht bewegen, musste möglichst ruhig atmen (haha, enge Röhre, Platzangst, Nadeln, Biopsie, juchhe!) und bekam im MRT nicht nur diese unglaublich lauten Geräusche auf die Ohren, sondern auch noch den kalten Hauch der Radiologie. Also, so ein Mistgebläse, das mir eiskalte Luft auf den Schultern und den Nacken blies. Nach einer halben Stunde war ich dann auch derbe verkrampft.

Die Biopsie selber gab immer einen kleinen Schlag in der Brust, insgesamt vier Mal. Begleitet mit einem Klacken, wenn der Gewebezylinder ausgestanzt wurde Wie ich heute gesehen habe, nach dem Pflasterwechsel, gab es auch vier Einstichstellen, also Biopsiekanäle.

Da man wieder von rechts außen bis nach links innen musste, hat die Nadel wieder die ganze Brust durchquert. Nach der Entnahmen wurde mir noch ein Titan-Marker eingesetzt. Das ist ein kleines Plättchen, das den Bereich markiert, an dem die Proben entnommen wurde.

Dies ist notwendig, sollte man operieren, um die Stelle auch ohne MRT wiederzufinden. Zur Kontrolle der Einstichkanäle und der Platzierung des Plättchens, ging es dann nochmal ins MRT.

Ich hatte keine Schmerzen, es war etwas unangenehm, ein leichtes Ziehen. Aber nichts schlimmes. Einzig die Lagerung auf dem Bauch mit dem Druck auf dem Brustbein und die Unbeweglichkeit, haben mir leichte Schmerzen bereitet, weil die Muskeln verkrampften.

Leider hat es dieses Mal aber ordentlich geblutet, denn als ich aufstehen sollte, lief mir Blut und irgendein Gewebe-Glibber-Zeuchs die Brust runter und ich konnte sehen, dass in dem Brust-Behälter auch einiges drin war.

Den Tag habe ich dann auf der Couch verbracht.

Heute tut es immer noch weh. Wie ein starker Muskelkater, ein Ziehen und Berührungsempfindlichkeit. Ich habe einen dicken Bluterguss um die vier Einstichkanäle und zwei bluten immer noch ab und zu ganz leicht. Nicht viel! Ein Pflaster zum Auffangen reicht.

Da es heute auf ein Konzert geht, hab ich mich jetzt erstmal in einen Sport-BH gezwängt. Das stabilisiert hoffentlich ein bisschen. Denn wenn sie die Brust bewegt, tut es jedes Mal weh. Kein Wunder nach zwei Biopsien quer durch die Brust… Da drin ist wohl Hackfleisch. Und die Zysten wurden ja vielleicht auch durchstochen.

Bis Montag Abend bekomme ich Bescheid. Und dann geh ich feiern…

Ein Piep.

Erstmal das Gute: die Proben der Mikrokalzifikation, die am Montag entnommen wurden, waren gutartig. Und während ich mich kringelig freute, sprach die Radiologin leider mit einem „Aber…“ weiter.

Aber bedeutete, dass sie das Ergebnis mit in eine Ärztekonferenz am Donnerstag mitnahm, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Die Ärzte waren sich einige: es muss noch eine Biopsie gemacht werden. Dieses Mal im MRT.:

  1. Ich habe zwei Mikrokalzifikationen.
    Diese werden nur in der Mammographie angezeigt.
  2. Ich habe eine Kontrastmittelanreicherung.
    Diese ist natürlich nur im MRT zu sehen.
    Die Anreicherung ist ein Hinweis auf eine Veränderung in der Brust.
  3. Die Biopsie war mammographiegestützt, also man konnte damit nur die Mikrokalzifikationen ansteuern.
  4. Wäre die Kalzifikation bösartig gewesen, hätte man die Anreicherung ignoriert, weil man ja eh die Brust ausgeräumt hätte. Man wäre dann davon ausgegangen, dass die Kalzifikation die Anreicherung erklärt.
  5. Nach dem gutartigen Befund, müssen die Ärzte nun abklären, ob die Veränderung des Gewebes, die die Kontrastmittelanreicherung verursacht, auch gutartig ist oder vielleicht doch bösartig.
  6. Die neue Biopsie wird nun MRT-gestützt gemacht mit Gabe von Kontrastmitteln, um den Bereich genau lokalisieren und ansteuern zu können.
  7. Der Bereich ist 2,6 cm groß.

Noch eine Woche Kopfkino (die Brust muss erstmal abheilen von der ersten Biopsie), noch eine Woche Angst vor einer neuen Biopsie, noch eine Woche Angst vor dem Ergebnis.

Die Biopsie wird händisch durchgeführt, nicht computergesteuert. Die Ärztin wird mir im MRT Gewebeproben entnehmen.

Eigentlich haben wir Urlaub. Eigentlich hatte ich mich auf eineinhalb Wochen Entspannung von dem ganzen Stress gefreut. Auf Badeseen und Wanderungen, auf Sonnenbaden und Büchertürme.

Jetzt werde ich nach der ganzen Sache – hoffentlich mit Entwarnung – zurück an den Schreibtisch gehen und mich fragen, wann ich mir nochmal freinehmen kann.

 

 

Diazepam und ich.

Wir sind best Buddies. Jedenfalls waren wir das am Montag… Aber von vorne:

Um 12.45 Uhr sollte ich mich in der Radiologie einfinden, was ich auch tat. Mit einem Blutdruck, der jenseits von Gut und Böse war. Aufregung trotz einer Woche Baldrian-Kur  ;) Das Team im Krankenhaus war sensationell: die Radiologin, die Oberärztin der Gynäkologie und zwei MTAs (oder wie heißen die?) haben mir das Gefühl gegeben, sehr gut aufgehoben und zu sein.

Erster Schritt: Zugang legen.

Dann wurde eine Mammographie gemacht, um den zu bioposierenden Bereich genau zu definieren für die Lokalisierung. Ich bekam ja eine stereotaktische Vakuum-Saug-Biopsie, das heißt, die Entnahme war unter bildgebender Zielführung und Kontrolle, in meinem Fall mammographisch und computergesteuert.

Nach der Mammo durfte ich mich dann auf eine Liege legen. Auf die Seite. Der untere Arm mit dem Zugang lag auf einer tieferen Ablage, der obere Arm angewinkelt unter meinem Kopf. Dann bekam ich die erste Dosis über den Zugang vom guten Stoff: Diazepam. Binnen Sekunden bekam ich ein sehr leichtes Gefühl im Kopf. Und wurde ein bisschen ruhiger.

Liegend schob man mich zum Mammographiegerät und fixierte meine Brust. Es wird dabei nicht so stark eingespannt, wie bei der Mammographie. Dann wurden wieder Aufnahmen gemacht, um das Gerät auszurichten. Ich hatte Glück und alles war beim ersten Versuch perfekt. Das Gerät wurde eingestellt und meine Brust vor der Betäubungsspritze kurz betäubt mit Eisspray oder ähnlichem.

Die Spritze habe ich – entgegen der Voraussage der Ärztin – kaum gemerkt. Eigentlich sollte diese Brennen und einen Druckschmerz verursachen. Bei mir war nichts. Ok, Diazepam machte es vielleicht möglich.

Da ich immer noch sehr aufgeregt war, bekam ich noch den Rest des Diazepam und war dafür sehr dankbar. Den Schnitt in die Brust merkte ich dank örtlicher Betäubung nicht.

Tatsächlich zwickte die Biopsie ein bisschen. Ich möchte nicht sagen, dass es weh tat, sondern es war ein Pieksen, als ob man in der Brust gezwickt wird. So konnte ich alle Probeentnahmen mitzählen. Jedes Zwicken und Stechen war ein abgeschnippeltes Gewebewürmchen.

Es war also nicht so schlimm, wie ich mir in den letzten zwei Wochen ausgemalt habe, es war aber auch nicht so schmerzlos, wie erhofft. Die Schmerzen sind aber absolut gut auszuhalten – ach ja, Diazepam…

Die Wunde wurde mit zwei Klammerpflaster versorgt, danach wurden mir Kühlkissen zum Beschweren auf die Brust gelegt, um zu kühlen und die leichte Blutung zu stillen. Und dann kamen – leider – noch zwei Mammographieaufnahmen. Die Kompression brachte natürlich nochmal ein bisschen Nachblutung. Aber nicht viel.

Die ganze Zeit war das Team für mich da. Sie sprachen mit mir, haben mich abgelenkt und ernst genommen, mich beruhigt und getröstet, mir erklärt, was passiert. Ich hatte absolutes Vertrauen in alle Anwesenden.

Um 14 Uhr war ich wieder draußen. Alles zusammen, vom Zugang legen bis zur Mammographie am Schluss, dauerte es eine knappe Stunde. Und der beste Mann von allen brachte mich Vollberauschte nach Hause. Denn: Begleitung muss sein nach der Ruhigstellung.

Den Nachmittag verbrachte ich auf der Couch. Es tat danach etwas weh, was ich aber mit  Kühlkissen und Ibuprofen gut aushalten konnte. Und den Nachwirkungen von, jaja, Diazepam.

Ich schreibe das hier auf, weil ich weiß, dass viele vor einer Biopsie googeln. Und auch diese Horrorstorys lesen wie ich. Und ich möchte einfach aufschreiben, wie ich die Biopsie erlebt habe und sagen: in der Vorstellung ist es schlimmer, als in Wirklichkeit.

Es gibt schöneres, was man machen kann. Aber es ist nicht dramatisch! Die Angst davor ist schlimmer, als der minimalinvasive Eingriff selbst.

Jetzt heißt es warten auf das Ergebnis. Zwei bis drei Tage dauert es. Ich bekomme also heute oder morgen Bescheid.

Juni.

Nachdem wir unseren Wanderurlaub abgesagt haben, konzentriere ich mich jetzt auf die schönen Dinge, die wir im Juni vor uns haben. So langsam komme ich aus meinem Loch raus und beginne wieder mit zwischenmenschlicher Kommunikation :D

Ja, in knapp zwei Wochen bekomm ich zwar die Biopsie, aber davor und danach wird es großartige Dinge geben:

  • ein kleines Musikfest im Dorf
  • ein Geburtstagsbrunch in Stuttgart
  • eine Gartyparty am Rhein
  • ein Depeche Mode-Konzert
  • ein Pet Shop Boys-Konzert
  • ein Coldplay-Konzert
  • eine Jahresfeier in der Ebbelwoi-Wertschaft im Nachbardorf-Stadtteil

Ich finde, das sind Sache, auf die man sich viel mehr konzentrieren sollte, also auf dies blöde Biopsie :D Los geht’s!

Nein.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich gerade schlecht drauf bin.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass mein Themenspektrum gerade sehr fokussiert ist.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich über meine Angst spreche.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich meine Freunde um ein offenes Ohr bitte.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich jetzt gerade mehr nehme, als geben kann.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass ich weniger lachen kann.

Nein,
es tut mir nicht leid, dass dich das triggert.

Ich bin dankbar für die Menschen, die für mich da waren die letzten vier Wochen. Die mich angerufen, mir Nachrichten geschickt haben oder einfach nur vorbeigekommen sind. Ich bin deswegen dankbar, weil sie mir zeigen, dass man sich auch sehr nah sein kann, wenn man nicht beieinander wohnt. .

Beruhigung.

Vielleicht muss ich mal was zum Status Quo schreiben:

Ultraschall schafft es nicht, mein Brustgewebe ausreichend beurteilen zu können. Ich leide unter Mastapathie und Mastodynie. Das bedeutet, dass ich „Konglomerate von Zysten“ habe, Fibroadenome, Knoten und weiß der Teufel, wie die Wucherungen noch alle heißen. Diese schwellen an, schmerzen zyklusabhängig manchmal sehr stark. So stark, dass jede Berührung weh tut. Wenn die Zysten sehr groß sind, kann man sie problemlos von außen fühlen.

Hinzu kommt, dass ich ein sehr dichtes Brustgewebe habe und nur relativ wenig Fettgewebe. Oder wie der Brustspezialist sagte: ich habe ein unruhiges Brustbild.

Daher wurde ich von meiner Gynäkologin zur Mammographie geschickt.

Bei der Mammographie vor einem halben Jahr wurden Mikrokalzifikationen festgestellt. Diese Verkalkungen kommen oft vor. Viele Frauen haben das. Mikrokalzifikationen können eine Vorstufe zum Brustkrebs sein. Sie können aber auch harmlos sein. Daher wurden sie als kontrollbedürftig, aber BI-RADS 3 eingestuft.

Bei der Kontrollmammographie vor zwei Wochen war man sich nicht sicher, in wie weit sich die Mikrokalzifikationen verändert haben. Der Bereich ist sehr klein. Die Ärztin sagte, der Raum wäre gleich geblieben, aber die Zahl der Mikrokalzifikationen wäre gestiegen. Darum wurde ein MRT angeordnet.

Das MRT zeigt keine Mikrokalzifikationen und ähnliches, sondern zeigt mit Hilfe des Kontrastmittels, ob bestimmte Bereiche „gut durchblutet“ sind, also ob sie versorgt werden. Bei harmlosen Veränderungen in der Brust passiert nicht viel. Bei suspekten Bereichen liegt eine „erhöhte Versorgung“ vor. Das kann wiederum auf das Entstehen eines Tumors hindeuten.

Bei mir wurde eine Mikrokalzifikation als suspekt (BI-RADS 4) eingestuft. Eine andere als harmlos (BI-RADS 3). Bei mir sind also zwei Punkte, die die Gynäkologen und Radiologen aufhorchen lassen: Mehr werdende Mikrokalzifikation und hohe Versorgung des Bereichs. Beides kann auf ein Entstehen eines Tumors hindeuten.

Da man weder bei der Mammographie, noch beim MRT bei mir beurteilen konnte, was die Ursache für die suspekte Kalzifikation ist und ob da was entsteht, muss eine Biopsie durchgeführt werden.

Im schlimmsten Fall stellt sich bei der Biopsie heraus, dass da was bösartiges entsteht oder entstehen kann. In diesem Fall würde ich operiert werden, der Bereich würde großzügig ausgeräumt und die Gefahrenstelle beseitigt. Gleichzeitig würde man in der linken Brust den kontrollbedürftigen Bereich mitentfernen. Danach werde ich häufiger zur Vorsorge gehen müssen, um die Stellen im Auge zu behalten.

Dank Vorsorge, dank frühzeitiger Erkennung der Gefahrenstelle, werde ich dort keinen Tumor bekommen.

Das ist beruhigend.

Was bleibt ist die Angst.

Die Angst, vor der Biopsie. Die Angst davor, dass man was findet, was nicht gutartig ist. Die Angst vor einer möglichen OP. Angst, dass ich eine von denen bin, die gefährdet sind. Die Angst bei jeder halbjährlichen Ultraschall- und Mammographieuntersuchung, dass sie doch was finden. Vielleicht woanders. Die Angst, dass es jetzt immer so weiter geht.

Nach meiner Hysterektomie wegen des Uterus myomatosus vor zwei Jahren, war ich die jahrelange Angst vor der Vorsorge los. Ich hatte nicht mehr die Angst im Nacken sitzen, dass man einen Tumor entdeckt.

Jetzt ist die Angst wieder da. Nur nach oben gerutscht. Wenn ein Mal was da war, bleibt der Gedanke im Hinterkopf, dass da immer was sein kann. Es bedeutet, dass es wieder zu meinem Alltag gehören wird, dass ich mir Gedanken um Krebs mache.

Ich sollte dankbar sein, dass die Vorsorge dazu geführt hat, dass ich diese Option habe und nicht in einem Jahr gesagt bekommen könnte, dass da ein Tumor sei und warum ich nicht früher zur Vorsorge gegangen wäre. Ich sollte dankbar sein.

Und ganz sicher bin ich das auch, wenn die Biopsie vorbei ist und ich für den Moment die Entwarnung bekomme.

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