Überblick.

Ich bin 170 cm hoch. Das ist nicht sehr groß, aber auch nicht sehr klein. Aber eben nicht sehr groß. Ich trage selten hohe Schuhe. Aus gesundheitlichen und Vernunft-Gründen. Und ich gehe gern auf Konzerte.

Bei Menschenmengen bewirkt meine Größe, dass ich sehr häufig die Schultern größerer Menschen im Gesicht habe. Die breiteste Stelle des Körpers der Menschen um mich herum hängt in meinem Gesichtsfeld. Was es sowohl einschränkt, als auch ein beklemmendes Gefühl bereitet.

Auf Konzerten kommt eine gewissen rhythmische Dynamik hinzu: die Menge tanzt. Oder bewegt sich.

Hat man als kleinerer Mensch also gerade eine Position gefunden, um durch eventuelle Lücken dem Geschehen auf der Bühne folgen zu können, wird diese garantiert immer wieder verschlossen.

Für mich bedeutet das, entweder ganz nach vorne zu gehen – oder nach hinten. Nach vorne, um die Wahrscheinlichkeit einen Tower vor mir zu haben zu minimieren, nach hinten, um den Blickwinkel so zu verändern, dass man wenigstens die Köpfe vorne sieht.

Beides hat seinen Nachteil: stehe ich vorne, kommt der Mann (knapp 190 cm hoch) mit und versperrt jemandem die Sicht. Stehe ich hinten, kann es passieren, dass die Leuchttürme dieser Welt trotzdem die Sicht versperren. Erschwerend kommt hinzu, dass ich leicht klaustrophobisch reagiere, wenn mich Menschen körperlich bedrängen. Vorne an der Bühen ist das erfahrungsgemäß ganz sicher so…

Gestern waren wir auf einem Konzert und ich hatte in allen Bereichen Pech: Vorne war sehr voll. Auch die großen Leute standen vorne und mittig. Hinten, wo Platz war, war die Akkustik miserabel. Und zwar so schlecht, dass man teilweise nur ein Bummern und Bollern gehört hat. Vom Gesang konnte ich nur träumen. Und als man sich gerade so mit der Akkustik abgefunden hat, stellten sich zuerst zwei Freundinnen auf 20 Zentimeter Entfernung vor mich und fingen lautstark an zu schnattern (keine Sicht und noch schlechteres Verstehen), dann stellten sich zwei Riesen davor.

Das war toll, weil die Schnatterweibchen sich verzogen – schlecht, weil ich jetzt nichts mehr sah. Außer Rücken.

Zu meiner Verzückung begangen die Männer vor mir auch noch mit dem absoluten No-Go für mich auf Konzerten: Smartphone zücken und filmen.

Liebe Konzertbesucher, ich weiß, ihr könnt nichts für eure Größe. Ich aber auch nicht. Wenn ihr euch also einen Platz sucht, der irgendwo mittendrin ist – macht das doch vor dem Konzert. Nicht mittendrin. Denn damit bewirkt ihr, dass eine kleine Person nichts mehr sieht und sich auch wieder einen neuen Platz suchen muss. Während des Konzerts. Und wenn ihr schon groß seid, dann haltet doch bitte nicht auch noch eure Handys nach oben, um auch noch den letzten Blick durch irgendwelche Lücken zu versperren.

Kann ja gar nicht so schlimm sein? Bitteschön:

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Am Anfang stand ichvor dem Mann mit der Glatze. Bis sich davor zwei Typen hinstellten. Wir stellten uns dann weiter nach hinten.

Bis er kam:

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Tja, nun. Der Gute war locker 2 Meter hoch. Und die davor auch noch breit.

Und so endete unser Konzertbesuch damit, dass ich so gut wie nichts sah und dann auch noch schlecht hörte. Und die Einsicht der großen Menschen war – wie fast immer – eher klein.

 

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Schwachfug.

Mein Unwort des Tages: Mitgebseltüte.

Was ist das denn für ein Schwachfug? Da überlegen sich Erwachsene, welche Geschenke sie den Geburtstagsgästen ihrer Kinder machen können. Den Gästen! Geschenke! Ja, geht’s noch?

Auf Nachfrage wurde mir gesagt, dass das zur Kompensation des Süßigkeitenmangels auf den heutigen Kindergeburtstagen diene.

Jetzt, whaaat? Was ist denn bitte mit der Elternwelt los? Wann genau sind Kindergeburtstage zu Rohkostpartys ohne Zucker und mit pädagogisch wertvollen (haha) Gegengeschenken geworden?

Sind diese Mitgebseltüten sowas wie Bestechung? Oder ist das der Schwanzvergleich der Müttercommunity? Wer hat die kreativste, tollste, wertigste, interessanteste und neidhervorrufendste Tüte für die Gäste?

Es gibt Pinterestpinnwände zu dem Thema, Partyplanner bauen da ganze Angebote drumherum inklusive fertig gepackter Tüten, auf Dawanda und Co. findet man supertollgepimpte Tüten mit durchdesignten Motivideen. Und in Foren tauschen sich übereifrige Eltern darüber aus, was die Kinder sich wünschen. Hey, wie wäre es mit einem verkackten Legobausatz vom Millenium Falcon, den wünscht Malte-Lasse sich doch so sehr.

Im Ernst mal: Was genau sollen diese Tüten bringen? Was sollen diese Tüten bewirken? Welche Symbolik haben sie?

Eine Mutter bei Twitter schrieb mir, ihr Kind wäre mit so einer Tüte vom Geburtstag wiedergekommen. Wert: 8 Euro. Eingeladen waren 10 Kindern. Das sind 80 verdammte Euro dafür, Kinder dafür zu belohnen, dass sie eine Einladung angenommen haben, um einen besonderen Tag eines Freundes mit ihm zu feiern, bespaßt zu werden, Kuchen zu bekommen und spielen zu können.

Ich stelle mir ein Kind vor, dass ausgegrenzt wird, keine Gäste bekommt, weil es keine Mitgebseltüten verschenkt.

Oder eine Familie, die monetär nicht so gut gestellt ist und für die schon die Ausrichtung so einer Geburtstagsparty eine kaum zu stemmende finanzielle Belastung sein kann. Nicht alle Familien können mal eben zehn Kinder bewirten. Oder, noch schlimmer, irgendein elendes Event kaufen: Spielpark, Kletterwald, Kino, Zoo…

Das kommt ja auch noch hinzu: Eltern nutzen die Party ihrer Kinder, um ihren eigenen Stellenwert, ihr Ansehen zu erhöhen. Bei den anderen Eltern.

Auf der Strecke bleibt in meinen Augen der Sinn eines Geburtstages: Ein Kind wird gefeiert, spielt mit anderen Kindern, bekommt kleine Geschenke, man lacht und tobt, macht Kindergeburtstagsspiele, wie Topfschlagen, Schokoladeessen, Schnitzeljagd. Die Kinder verbringen drei, vier schöne Stunden miteinander, in denen sie lernen, dass es verdammt viel Spaß macht, wenn man eingeladen wird und jemand anderes im Vordergrund steht. Und das Geburtstagskind steht ein Mal im Jahr alleine oben auf dem Podest. Es darf sich einfach mal feiern lassen. Ohne schlechte Gewissen, ohne dass es diese Position teilen muss.

Mir sagte eine andere Mutter, dass es keinen Süßkram mehr gibt, weil man ja auch nicht mehr um Gewinne spielt. Warum genau macht man das denn jetzt nicht mehr? Um Kinder vor dem Verlieren zu beschützen? Damit sie sich nicht mit Niederlagen auseinandersetzen müssen? Haben die Eltern Angst, dass ihr kleiner Hasipopasi lernt, dass jemand anderes schneller ist, als er? Na, und? Dafür ist Hasipopasi vielleicht besser im Kopfrechnen. Scheiß der Hund drauf.

Ich könnte ja verstehen, dass man den Gästen ein Andenken mitgeben möchte. Ein Andenken an den Tag, an den Freund/die Freundin. Aber Mitgebseltüten mit Pixiebüchern, Haarspangen, Lego und Kartenspiel? Dazu Süßes, das Muddi zuhause auf Unverträglichkeitstauglichkeit kontrollieren kann?

Gebt doch lieber jedem Kind ein Teil der Schatzkarte von der Schnitzeljagd mit. Macht ein Gruppenfoto mit allen Kindern und druckt es aus. Lasst alle was basteln und dann mit nach Hause nehmen. Aber muss es gleich Konsum, Konsum, Konsum ohne Seele sein?

Wenn ihr von Freunden eingeladen werdet zum Geburtstag, ein kleines Geschenk, eine Aufmerksamkeit mitbringt (auf die es nicht ankommt, weil es viel wichtiger ist, dass ihr da seid und Zeit schenkt) und einen schönen Abend verlebt, tolle Gespräche habt, ein lecheres Essen bekommt – erwartet ihr dann auch noch ein Geschenk, das ihr vom Gastgeber bekommt? Oder freut ihr euch einfach darüber, dass ihr eingeladen wart und mit lieben Menschen Zeit verbringen konntet?

Warum also baut ihr bei euren Kindern diesen Druck, diesen Stress, diese Erwartungshaltung auf?

Warum macht ihr euch diesen Stress? Ist es nicht anstrengend genug, einen Geburtstag mit Motto zu planen, Kinder zu bespaßen, Kuchen zu backen, Abendessen zuzubereiten? Braucht ihr da noch diese Selbstinszenierung, wer den tolligsten Scheiß für seine Gäste kaufen kann?

Wessen Bedürfnisse befriedigt ihr da eigentlich?

Nachtrag:
Ich habe gerade von einer Mutter gehört, die auf einem Kindergeburtstag war, auf dem es Mitgebseltüten für die Mütter gab. Mich macht das sprachlos. Mein Mann hingegen fragt, ob es auch Mitgebselmitbringseltüten für nicht anwesende Väter gibt…

Hilflos?

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, dann sehe ich immer wieder Frauenin meinem Umfeld, die Opfer von Gewalt wurden. Verbal, emotional, körperlich. Welche Art von Gewalt ihnen passiert, ist für die Folgen egal, sie bewirken alle dasselbe: Scham, Schuldgefühle, Hilflosigkeit.

Es ist ein großer Schritt, eine große Überwindung erforderlich, um Hilfe zu bitten. Die meisten schaffen es nicht. Bei vielen ist der Ruf nach Hilfe aus der Not, dem Moment geboren, weil es um ihr Leben geht, die Angst die Scham in den Hintergrund drängt – oder weil es jemand mit bekommt und handelt.

Vor einigen Jahren bekam ich mit, wie unsere Nachbarin (damals noch in der anderen Stadt) im Treppenhaus von ihrem Exfreund massiv körperlich angegangen wurde. Er nutzte eine Eisenstange und seine Arbeitsstiefel. Es folgten für ihn Anzeige, Kontaktverbot, Gerichtsverhandlung, Verurteilung wegen Vergewaltigung und Körperverletzung. Für sie folgte Angst, Scham und von Seiten eines Polizisten sogar Misstrauen in Bezug auf den Wahrheitsgehalt der Aussagen sowie das Herunterspielen der Taten.

Wir konnten nicht viel machen, außer da zu sein und sie zu stärken.

Vor nicht so vielen Jahren durchlebte eine Freundin verbale Gewalt von ihrem Exfreund und wir konnten nichts machen, außer in dauernder Rufbereitschaft zu sein.

Jetzt trifft es wieder eine Freundin. Eine alte Freundin, die mir am Anfang meiner Zeit hier in Hessen sehr geholfen hat, für mich da war und uns als Paar sehr weitergeholfen hat. Sie war eine optimistische, fröhliche Person, die viel lachte – trotz vieler Probleme.

Es folgte Privatinsolvenz, Trennung, Scheidung, Verlust der Firma, des Arbeitsplatzes, Umzug, der Versuch des Aufbaus einer neuen Existenz, erneutes Scheitern, psychische Instabilität. Dann kam ein Mann in ihr Leben und nutzte die Chance: trotz seiner psychischen und physischen Erkrankungen gewann er emotionale Macht über sie, machte sie psychisch abhängig und wandte dafür Gewalt in vielerlei Hinsicht an: Erpressung, Beschimpfungen, Bespucken, Bedrohen, körperliche Gewalt.

Wir bekamen davon nichts mehr mit, denn längst war sie weggezogen und meldete sich nicht mehr. Gegenüber anderen alten Freunden gab sie zwar an, dass es nicht so gut laufe, aber nie hörte es sich nach der Hölle an, die sie durchlebte. Wir waren sogar sauer auf sei, weil wir nicht verstanden, warum sie die langjährige Freundschaft wegwarf, uns wegstieß und jede Einladung ablehnte, wenn sie überhaupt reagierte.

Heute hörte ich von ihr.

Eine halbe Stunde lang weinte sie am Telefon. Und erzählte mir von ihrer persönlichen Hölle der letzten zwei Jahre. Sie sprach von Scham, von Hilflosigkeit. Von Angst und von dem paradoxen Gefühl, seine andere Seite zu lieben. Sie sprach davon, dass sie bei „Frauen helfen Frauen“ um Hilfe gebeten hat. Dass sie ihn aber nicht aus der Wohnung bekommt, die sie allein gemietet hat. Und wiederum Angst hat vor ihm, wenn sie ihn rausschmeißen würde. Vor dem, was er dann täte.

Sie erzählte, dass sie so oft daran gedacht hatte, zu uns zu kommen, aber sich schämen würde für das, was sie geworden sei. Und davon, dass er ihr den Kontakt zu anderen untersagen würde.

Jetzt sitze ich hier. Hin- und hergerissen.

Ich habe ihr angeboten, dass sie jederzeit, tags wie nachts, zu uns kommen könne. Dass wir sie auf ihrem Weg begleiten. Dass sie da alleine durchmüsse, aber nicht allein wäre dabei. Dass wir sie begleiten. Für mehr Angebot reichte die Zeit nicht. Ich hoffe, sie nimmt es an und kommt vorbei.

Aber wir sitzen hier und überlegen, was wir machen können. Wir können nicht einfach dahin fahren und ihn vor die Tür setzen, wenn sie das nicht möchte oder uns nicht darum bittet. Aber beim kleinsten Anzeichen, dass sie unsere Hilfe dabei möchte, sind wir da. Wir können sie stärken und sie darin bekräftigen, endlich die Polizei zu rufen, wenn es wieder passiert. Damit die Polizei ihn aus der Wohnung holt. Und seine Sachen. Aber wir können das nicht von uns aus machen.

Sollte ich aber mitbekommen, dass er ihr nochmal weh tut, werde ich Anzeige erstatten. Und ich ziehe die nicht zurück. Es wird auch nicht das Problem sein, einige Freunde zu engagieren, die helfen, ihn höflich, aber bestimmt, mit seinen Sachen aus der Wohnung zu begleiten. Und ihm klar machen, dass sie nicht allein ist und er nicht weiterkommt.

Was bleibt ist die Angst. Und das Gefühl der Hilflosigkeit.

Nicht nur bei ihr. Auch bei mir. Denn trotz aller Hilfsangebote, die es gibt, werden Frauen immer noch zu oft allein gelassen damit, diese Schritte zu gehen. Es ist leicht gesagt, Anzeige zu erstatten, die Polizei zu rufen und um Hilfe zu bitten.

Es ist aber nicht leicht gemacht.

Wer über Monate, Jahre, gedemütigt und gebrochen wurde, wer Angst hat, wer verzweifelt und hoffnungslos ist, wer sich schämt, für den sind auch diese Schritte fast ungehbar. Sie erfordern unfassbar viel Kraft, die oft nicht aufgebracht werden kann. Vermeintlich. Denn man muss diesen Frauen zeigen, dass die Kraft, die sie täglich aufbringen, um diese Hölle zu ertragen, viel größer ist. Doch das müssen sie erstmal sehen lernen.

Augenrollen.

Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Monaten mit Augenrollen entfolgt, geblockt oder einfach ausgeblendet wurde, weil ich immer wieder über Politik, die Ziele der Politik und die Folgen mancher Politik geredet oder geschrieben habe. Ich weiß nicht, wie oft sich Leute auf allen möglichen Kanälen darüber lustig gemacht haben, dass ich (und andere) die Wahl, die Politik oder deren Gefahren thematisiert habe.

Ich weiß aber, warum Beiträge von „Nervt mich nicht, ich weiß wann BTW ist und dass man die AfD nicht wählt“ mehr Applaus, Likes und Herzchen bekommen haben, als diejenigen, die das Thema immer wieder besprochen haben: Es ist bequemer und einfacher.

Es ist so viel bequemer, cool und lässig seine überhebliche Attitüde raushängen zu lassen, als sich immer wieder zu engagieren und der Tatsache ins Auge zu blicken, dass wir mit viel mehr Menschen ins Gespräch kommen müssen, über die Politik reden müssen, als wir uns vorstellen können.

Die stillen Rechtswähler, die machen mir Angst. Mir macht kein Gauland, keine Weidel, keine Petry Angst. Mir machen auch die irre kreischenden Rechtspartei-Groupies keine Angst, die überall hingekarrt werden, um zu pöbeln. Mir machen die Wähler Angst, die nichts sagen, die sich ihr Umfeld anschauen, unzufrieden sind, still und leise die AfD wählen und meinen, das sei schon OK so.

Die muss man kriegen und ihnen zeigen, dass 87 % der Wähler in Deutschland nicht mit ihnen übereinstimmen. Und, ja, ich glaube, dass man an diese Menschen herankommt, wenn man ihnen zeigt, dass das, was sie tun, nicht anständig ist. Sondern ein Tolerieren von Politik gegen Frauen, Fremde, Gleichberechtigung und Vielfalt. Wenn man ihnen zeigt, dass man anders denkt.

Wer keine klare Stellung bezieht zu einer vielfältigen, gleichberechtigten und das Grundgesetz befolgenden Politik, wer sogar noch denen, die das unermüdlich tun, mit  Arroganz in den Rücken fällt, in dem er sich über diejenigen lustig macht, der schwächt den Sprechenden genauso, wie die Sache für die er einsteht.

Es ähnelt dem Klassensprecher, der von den Arroganten in der Klasse mit Papierkügelchen beworfen wird, während er sich für sie einsetzt.

Ja, es nervt, wenn immer wieder über Politik gesprochen wird, statt über das Bingewatching einer Netflix-Serie. Aber das Ergebnis dieser Bundestagswahl hat gezeigt, dass wir noch viel zu wenig über Politik und ihre Folgen sprechen. Die AfD und ihre Anhänger haben das verstanden und sind omnipräsent mit ihren Aussagen.

Die übrigen hacken derweil lieber auf denen rum, die dagegen halten.

Wir wollten doch noch Kuchen essen.

Annie, ey Du. Hattest Du mir nicht vor ein paar Tagen erst den WhatsApp-Chat mit Sprachnachrichten vollgetextet, weil Du nicht gucken konntest, was Du schreibst? Ich habe Tränen gelacht bei Deinen Worten und mich über jede Deiner Nachrichten gefreut. Auch wenn Du nicht anders konntest, als Dich für sie zu entschuldigen, weil Du niemanden zuspammen wolltest.

Vor zwei Jahren, als Amis Geburtstag kurz bevor stand und Du absagen musstest, weil Deine Kopfkröte operiert werden sollte und jemand auf die Idee kam, Dir ein Päckchen zu schicken, in das jeder auf dem Geburtstag was reinpackt – da war ich skeptisch.

Skeptisch, weil unsere Geschichte ja nicht ganz unproblematisch begonnen hat. Damals vor zehn, zwölf Jahren im damals noch kleinen Bloggerdorf. Als ich noch voller Sarkasmus und schwarzem Humor über Windelblogger lästerte und Du das ganz furchtbar fandest. Als Du dich als Giftzwerg bei mir bitterlich beschwertest, wie man nur so gemein sein könne. Es dauerte lange, bis Du mich so kennenlernen konntest, wie ich wirklich bin. Es dauerte viele Jahre und erst über eine andere Plattform konnten wir uns annähern.

Vor zwei Jahren stand ich vor dem besagten Geburtstag oben auf einem Berg. Und wusste nicht, was ich Dir schenken solle. Jemandem, der mir nur bedingt nahe stand. Den ich nur online kannte. Ich überlegte, dass es sich falsch anfühlen würde, etwas zu kaufen. Etwas einfach zu holen. Und während ich dort oben saß, eine Pause vom Wandern machte und über Dich nachdachte, merkte ich, wie ich mit einem Stein in der Hand spielte. Ein Stein, der irgendwie genau in die Hand passte. An einer Seite weich und rund, an der anderen ein wenig kantig.

Diesen Stein schickte ich Dir. Mit einem Brief mit meinen Gedanken zu Dir, meinen Gedanken dazu, was Berge, Steine und dieser Stein bedeuten. Wofür sie stehen. Symbolisch.

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Du bekamst das Paket und schriebst mich an. Du hast Dich für den Stein bedankt und für meinen Brief, dessen Gedanken Du nachempfinden konntest. Du schriebst mir, wie viel Dir das bedeutet hat, was ich Dir geschickt und geschrieben habe. Wie viel Mut ich Dir damit gemacht hätte.

Später schriebst Du mir immer wieder davon, dass Du diesen Stein bei Dir gehabt hättest. Ihn in die Hand genommen hättest. Mich hat das sehr berührt.

Vor einem Jahr warst Du dann hier.

Auf Deinem Weg nach Heidelberg, machtest Du eine Pause bei uns. Wir aßen Kuchen und quatschten. Viel länger, als Du geplant hattest. Voller Optimismus mit Blick auf die bevorstehende Bestrahlung und die weiteren Behandlungen warst Du damals. Und ich blieb sehr nachdenklich zurück.

Nachdenklich, weil ich noch nie in meinem Leben einen Menschen getroffen habe, der sein Schicksal mit diesem Humor, mit diesem Optimismus und mit dieser Kraft angenommen hat und sich auch noch Gedanken um andere machte. Um Deinen Mann, Deine Kinder. Um die Trulla und den Bootsmann. Um Deine Kollegen, die Du dachtest im Stich zu lassen. Um die Menschen, die sich um Dich sorgen, obwohl Du das doch gar nicht wolltest. Lieber wäre Dir gewesen, dass es allen gut geht.

Und wir alle wollten, dass es Dir gut geht.

Im letzten Dezember gab es eine Spendenaktion für Dich. Die Plattform wurde überrannt und das Ziel, Dir mit Hilfe von Geldspenden die Existenzsorgen zu nehmen, wurde erreicht.

Annie, es waren so viele Menschen, die für Dich sammelten, Dinge verkauften, spendeten, sich engagierten. Die unermüdlich posteten, schrieben und teilten. Das taten sie, weil sie genauso beeindruckt von Dir waren, wie ich. Weil sie Dich seit vielen Jahren so kannten: als einen Menschen mit riesengroßem Herz.

Wir wollten doch noch Kuchen essen. Aber dann konntest Du nicht mehr selber fahren und so ging es für Dich immer direkt non-stop nach Heidelberg und zurück. Monat für Monat. Das Kuchen-Date haben wir immer wieder verschoben. Auf die Zeit „danach“, wenn es Dir besser ginge. Das letzte Mal haben wir uns an Deinem Geburtstag daran erinnert, an den Kuchen.

Kommentar

Deine Sprachnachrichten bei WhatsApp höre ich mir immer noch an. Im letzten Monat ging es Dir „beschissen, richtig beschissen“. Und lachtest darüber, dass Du keinen Kreislauf und keine roten Blutkörperchen hättest. Du lachtest.

Du hast es geschafft, den Menschen das Gefühl zu geben, dass Du ihnen ganz nah bist. Dass sie Dir nah sind. Du hast sie genau ins Herz getroffen mit Deinen Worten. Egal ob geschrieben oder gesprochen. Du hattest diese Gabe.

Ich werde Dein Lachen immer im Ohr behalten. Deinen Optimismus. Deine Kraft. Ich möchte Deine Lebensenergie fest einschließen in meinem Herzen. Sie konservieren.

Wo auch immer Du jetzt bist, ich hoffe Du fühlst, wie viel Du hier bewirkt hast und dass Du diese Welt ein großes Stück besser gemacht hast. Und ich wünsche Deiner  Familie, die so lange mit Dir gekämpft hat, dass sie ihren Schmerz so ertragen können, wie Du deinen ertragen hast: mit dieser unfassbaren Kraft. Und wenn es mal nicht mehr geht, hoffe ich, dass sie viele liebe Freunde haben, die weiterhin für sie da sind.

Annie, ey Du, ich habe uns noch einen Kuchen gebacken. Den habe ich gegessen. In Gedanken mit Dir.

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