Muttergefühle. Zwei.

Vorwort gelesen, zack, verliebt.

So fing es es an, als ich Rike Drust „Muttergefühle. Zwei“ vor mir hatte. Und ich schrieb es ihr auch direkt bei Twitter. Damit könnte diese Rezension eigentlich auch enden, weil ich am Ende der 289 Seiten genau so denke. Zack, verliebt.

Das erste Exemplar ihres ersten Muttergefühle-Buchs kaufte ich damals ein bisschen aus Pflichtbewusstsein. Ich habe mit Rike gefeiert und ihren Weg danach auch aus der Ferne verfolgt, erinnere mich zurück an ihre flammenden Reden zu Frauenrechten nachts auf der Straße vor einem Club in Münster, die sie wutentbrannt wegen eines Typen hielt, lange bevor es schick wurde, sich Feministin zu nennen. Und war immer voller Bewunderung für ihre Power und ihre Leidenschaft.

So kam es, dass ich ihr Buch kaufte und es danach immer wieder tat, um es zu verschenken. Das letzte Mal im vergangenen Dezember, als eine Bekannte Mutter wurde. Ich empfahl ihr Buch meiner Zahnärztin (eine großartige Frau, die bald aus der Elternzeit kommt) und jedem, der es hören wollte. Sie schaffte es, mich als Nicht-Mutter ein Buch über Muttergefühle, Kinderkriegen und Erziehungsthemen lesen zu lassen und mehr als ein Mal laut zu lachen. Und zu weinen.

Die Messlatte beim zweiten Muttergefühle-Buch war bei mir daher sehr hoch. Und ich glaube, bei ihr sowieso.

Ich las das Vorwort und fand es super. Es gibt nicht viele Autoren, die so schreiben, dass ich sie vor Augen habe und jedes Wort glaube, das sie von sich geben. Die sich ebenso trauen zu fluchen, wie mit verbalem Glitzer zu schmeißen oder hemmungslos ihr eigenes Versagen thematisieren.

Dann brauchte ich einige Kapitel, um wirklich ins Buch zu finden. Vielleicht fehlte mir eine erkennbare Chronologie, ein zeitlicher Aufbau, aufeinander aufbauende Kapitel. Vielleicht war ich einfach überrascht über den rosa Himmel, der sich vor mir auftat. Konnte das wirklich jetzt so weitergehen? Sollte das jetzt wirklich ein Buch darüber werden, wie harmonisch und toll alles ist? Sollte Muttergefühle. Zwei tatsächlich ein Glücksbärchi-Gegenstück zum ersten Buch werden?

Kaum hatte ich mich innerlich darauf eingestellt, holte die Realität Rike und mich ein: Der Babyglow verflog und da waren sie wieder, ihre drei Probleme: Schlaf, Schlaf und Schlaf. Und der Rest, der daraus resultiert – und aus der neuen Familienkonstellation mit zwei Kindern. Und ihrem Mann.

Während es im ersten Buch tatsächlich in erster Linie um das erste Kind ging, hatte ich erwartet, dass es im zweiten Buch ums zweite geht. Also hauptsächlich. Doch je mehr ich las, hatte ich den Eindruck, dass es nicht nur um Muttergefühle geht, sondern um Frauengefühle. Und Paargefühle. Und Ehefraugefühle. Es geht viel um Gleichberechtigung, Feminismus, um auszutragende kleine und große Kämpfe und auftretende Gedanken und Probleme – basierend auf der veränderten Familiensituation. Rike behandelt die drängenden Fragen unserer Zeit, die Frauen und Mütter beschäftigen.

Es geht um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um das Selbstverständnis von Männern/Vätern, die finanzielle Zukunft von Müttern und klassische Rollenverteilungen. Es geht um die Anerkennung der Leistung und zwanghaft gegenderte Produkte. Und ich fühle mich als Frau, als Feministin ebenso angesprochen, wie sich wohl Mütter verstanden fühlen. Und sie schafft das alles, während sie von Glitzerbasteln und Netflix schreibt. Der normale Alltag, der zeigt, dass die vermeintlich abgehobenen theoretischen Themen unseren Alltag bestimmen.

Es zeigt aber auch schonungslos auf, dass nicht immer alles mit Kuvertüre überzogen ist, nur weil sich die Familie liebt. Geld, motzende Kinder, Job- und Selbstverwirklichkeitswünsche, die Ansprüche an sich selbst, den Partner und die Kinder und die Ratschläge, die von außen kommen und meist grenzüberschreitend sind. Alles hat seinen Platz.

Rike macht sich viele Gedanken, vielleicht manchmal zu viele, und fasst sie in gewohnt charmanter bis rotziger Art kapitelweise zusammen. Und beginnt dann am Ende des ersten Drittels des Buches auch wieder mit kleinen Zusammenfassungen oder einem Fazit, wie sie es handhaben, was sie draus gemacht hat oder was man machen kann.

Kämpferischer wirkt das Buch auf mich. Es fühlt sich an, als ob sie häufiger den Mittelfinger zeigen möchte. Es ist politischer, wirkt auf mich wütender. Was aber regelmäßig  aufgefangen wird von den Liebeserklärungen an Mann und Kinder, wenn sie von Schnitzelromantik und ihren Lieblingsmomenten schreibt. Fast, als ob sie die unbequemen Gedanken, die sie sich macht und die sie beschreibt, auffangen möchte.

Aber ist es nicht genau das, was Familie und Liebe ausmacht? Ehrlich und offen sein zu können, auch wenn es nicht immer alles pure Harmonie ist? Wege zu finden, Probleme miteinander zu lösen und füreinander da zu sein, auch wenn es unbequem ist? Ist es nicht so viel ehrlicher, über seinen Mann zu schreiben, er sei egoistisch und zu wissen, dass man es als Paar schon geklärt hat – statt zu schlucken und hinzunehmen und sich zu arrangieren? Oder es bloß niemandem zu sagen, weil: was sollen die dann denken…?

Rike fasst so viel Gutes und Schlechtes in einem Kapitel zusammen, dass mir manchmal schwindelig ist, aber nie so sehr, dass mir übel wird. Angenehm schwindelig. Ein bisschen wie zwei Gläser Sekt auf nüchternen Magen an einem sonnigen Samstagmorgen. Oder ein echt gut gemischter Cocktail.

Rike schrieb neulich, dass sie sich manchmal fragt, was Leute von früher von ihr denken, wenn sie sie wiedersehen und sie „so muddimäßig“ wäre und mit mehr Genusskilos. Und dann sagt sie, dass sie Leute, die das doof fänden, gar nicht in ihrem Kreis haben möchten.

Und ich möchte ihr zurufen, dass sie toll ist. Dass sie eine tolle Frau ist mit Gedanken und Ansichten, die vielen eine Inspiration sind. Dass Hoodies eh die besten sind und es uns nicht zu uncoolen Menschen macht, wenn man nicht mehr aussieht wie mit 20. Brauchen wir ja zum Glück auch nicht. Wir haben nämlich mehr erlebt. Und mehr gegessen… Und Kinder bekommen. Und, und, und… Dafür haben wir das Privileg, auf ein rockendes Leben zu blicken, auf Erlebnisse, die uns geprägt haben und prägen und uns darüber Gedanken machen zu können, was das mit uns macht. Ich möchte ihr zurufen, dass sie besser aussieht, als mit Anfang 20 und noch mehr Ausstrahlung hat – weil sie ist, wie sie ist. Und weil sie sich diese ganzen Gedanken macht und noch die Traute hat, es auch aufzuschreiben.

Danke, Rike. Das Buch war toll und ich bin, zack, immer noch verliebt.

………………………………………………………………….

Rike Drust
Muttergefühle. Zwei
Neues Kind, neues Glück

ISBN 978-3-570-10314-2
Erschienen bei C. Bertelsmann
http://www.facebook.com/muttergefuehle

Muttergefühle

Advertisements

Diffus.

Bisher war das Säbelrasseln der Weltmächtigen eher diffus. Es wurden Sanktionen verhängt, wenn Länder bombadiert oder unterstützt wurden, dann immer mit einem unschuldigen Blick, erhobenen Händen und dem Hinweis auf Rechtmäßigkeit. Kein kalter Krieg, sondern ein diffuser. Ein Verschwimmen der Grenzen inklusive. Verbrüderung und Sanktionen im Gleichschritt.

Jetzt der offene Schlagabtausch und die Welt schwankt zwischen Fassungslosigkeit, Kopfschütteln – und Angst, die nicht mehr so diffus scheint.

Ich versuche tatsächlich, die Bedrohungslage weitgehend zu ignorieren, merke aber mit Erschrecken, dass mich das gleiche unterschwellige Unruhe- und Angstgefühl packt, wie in meiner Jugend, als der Krieg noch kalt war.

Vor einiger Zeit schrieb ich mal über die heile Welt, in der wir aufwuchsen: RAF, Kalter Krieg, Tschernobyl und Besatzungszone. Ein latentes Gefühl der Bedrohung prägte meine Kindheit und Jugend.

Dieses Gefühl ist wieder da. Nach vielen Jahren ist es mit zwei Machthabern zurückgekehrt, die ihre Raketen vergleichen wollen. Und man sieht an meiner lachsen Beschreibung, dass ich versuche es zu verharmlosen.

Weil alles andere die Bedrohung näher heran lassen würde, näher an unser tägliches Fühlen und Handeln und damit vielleicht Konsequenzen fordern würde. Die Erkenntnis, dass wir eben – auch als vermeintlich nicht politische Menschen – immer mittendrin stecken und immer betroffen sind.

Wir leben in einer Welt, in der Krieg jeden Tag die Nachrichten füllt. Wir haben uns daran gewöhnt. Die Kriege sind weit weg, die Folgen für uns in Form von Flüchtlingen sichtbar. Aber unser Alltag ging weiter. Zu weit waren die Krisenherde entfernt, die Bomben und die Zerstörung.

Jetzt stecken wir wieder irgendwie mittendrin in der latenten Bedrohung und ich fühle mich genauso ohnmächtig, wie damals als Kind.

 

 

Perspektive.

„Ich habe heute Adipositas.“

Eine liebe Freundin hat mir das neulich erzählt. Dass sie sich manchmal dick fühle. Und ich kenne das nur zu gut. Es gibt diese Tage im Zyklus, da verzweifelt man schier beim Blick in den Spiegel, weil man sich einfach nur dick fühlt. Adipöse Tage. Im doppelten Sinne.

Nun kann ich diese Tage bei mir nur erahnen, merke sie aber, wenn sie da sind (heute zum Beispiel) anhand des adipösen Grundgefühls.

Die Freundin sagte mir, sie schaue an sich herunter und denke „hey, alles ok“, schaue in den Spiegel und denke „hey, alles kacke“.

Ich denke darüber nach und merke, dass viele eine Frage des Blickwinkels, der Perspektive ist. Wie kann der gleiche Körper ok und nicht ok sein? Nur aufgrund des Blickwinkels. Ist es vielleicht sogar der Blickwinkel in unserem Kopf?

Es ändert nichts daran: heute habe ich Adipositas und hoffe, dass es morgen wieder besser aussieht. Oder übermorgen.

Bis dahin überlege ich mir mal, was ich mir heute zu Essen mache. Und handhabe die Spiegelsache einfach, wie ein Vampir.

 

Easy.

Mittwoch. Es ist Mittwoch vormittags. Ich sitze am Schreibtisch und höre das Klackern meiner Tastatur. Und noch was anderes. Ich höre auf zu tippen.

Die Katze schnarcht. Es klingt ein bisschen so, als ob sie Polypen hätte oder einfach eine verstopfte Nase. Sie schnarcht schon, seit wir sie haben. Manchmal so laut, dass man davon aufwacht, nachts.

Draußen fällt eine Autotür zu. Der Motor springt an. Irgendwo hustet eine Frau. Ich schätze mal, es ist die Nachbarin von gegenüber, die Asthma hat. Im Sommer, wenn die Fenster geöffnet sind, hört man sie oft. Man hört auch alles andere:

Im Nachbarhaus spielt jemand Klavier. Auch da ist das Fenster geöffnet. Ich hoffe inständig, dass der Übende bald Fortschritte macht… Ich höre Flöte. In der Nachbarstraße ist eine private Musikschule. Ein Auto fährt vorbei.

Ein Specht scheint auf Nahrungssuche zu sein. Es klopft und klopft in einem der Bäume vor dem Fenster. Eine große Wildkirsche und eine Tanne. Gestern hat es einen lauten Knarz gegeben und von unserem Apfelbaum ist ein morscher Ast runtergekommen. Wir müssen den Baum beschneiden. Er ist so alt, dass sich niemand mehr daran erinnern kann, wer ihn gepflanzt hat. Die Äste hängen gefährlich schief.

Eine Mutter schimpft mit ihrem Kind und ein Hund kläfft. Die Katze hört auf zu schnarchen und guckt Richtung geöffnetem Fenster, durch das das Kläffen hereingetragen wird. Irgendwann ist es ihr langweilig und sie schläft weiter.

Vögel. Ich höre Vögelgezwitscher. Es ist nicht mehr so laut und viel, wie noch vor zwei Monaten, als es früher hell wurde und die Vögel in den Sträuchern Party ab dem Morgengrauen machten. Hauptsächlich die Meisen vor dem Fenster. Die hört man kaum. Stattdessen oft die Eichelhäher und Amseln.

Es rauscht in den Blättern des Kirschbaums und der Specht klopft nicht mehr. Ob er satt ist? Oder einfach weitergeflogen? Ich höre einen Bus, der irgendwo langfährt. Dieses typische Seufzen, das sie von sich lassen. Ächzen und schnaufen.

Im Haus läuft irgendwo Musik. Es hört sich an, wie eine immer gleiche Abfolge von vier Noten. Ich sehne mich nach dem Klavier. Da gab es wenigstens mehr Abwechslung.

Ich höre das Summen des Briefträger-Fahrrads. Ssssssssssssssst. Dann das Klappen des Ständers und das Klappern der Briefschlitze. Ssssssssst, er fährt weiter. Wir haben den besten Briefträger. Keiner, der alles reinstopft, wenn es nicht richtig passt. Er klingelt dann und gibt es persönlich ab. Zu Weihnachten bekommt er einen Stollen von uns mit Trinkgeld. Und eine Weihnachtskarte.

Er summt weiter und ich höre die Tauben auf dem Dach gurren. Ein Flugzeug fliegt über uns hinweg. Man hört das Brummen. Nicht laut. Nicht so laut wie das Auto, das draußen langfährt. Aber es ist da. Je nach Windrichtung gehen die Flugrouten auch über unsere Stadt. Zum Glück sind wir so weit weg vom Flughafen, dass es nicht wirklich laut ist.

Draußen meckert eine Amsel empört. Vielleicht hat jemand in ihr Nest geschissen. Man weiß es nicht.

Mein Schreibtischstuhl knarzt, als ich mich zum Fenster umdrehe, weil ich eine Kreissäge höre. Gleichzeitig fliegt eine Propellermaschine über das Haus. Wahrscheinlich zum kleinen Flughafen fünf Orte weiter. Der Hund bellt wieder und draußen fahren plötzlich mehrere Autos lang. Ich höre zwei Frauen, die sich laut auf Französisch unterhalten und an unserem Haus vorbeilaufen.

Dann ist es plötzlich still. Als ob jemand die Mute-Taste gedrückt hätte.

Vielleicht hört irgendjemand das Klackern meiner Tastatur.

Danach.

Was für eine Woche! Echt, ey. Irgendwas mit Auf und Ab und Rollercoaster.

Gefühlsmäßig sehr in Schieflage, fand das Depeche Mode-Konzert einen Tag nach meiner Vakuum-Saug-Biopsie statt. Nicht tanzen, nicht klatschen, nichts tun, was weh tut :D Und das bei einer meiner liebsten Bands. Katastrophal.

Dank bester Sitzplätze konnte ich oft pausieren, wenn es zu weh tat, das leise Schunkeln zu den neuen Liedern und das leichte Tanzen zu Klassikern, wie Everything Counts, Enjoy the Silence, Stripped, Personal Jesus, Walking in My Shoes.

Ja, ich habe gerne Sitzplätze. Dieses stundenlange Rumstehen in der Menge ist nichts für mich und mein Arthrose-Knie. Und bei meiner Größe ist die Sicht in Menschenmengen nur bedingt gut, bzw. habe ich dann oft die Schultern von Größeren im Gesicht, einen Riesen vor mir oder stehe so weit hinten, dass ich lieber einen Tribünenplatz habe mit Sicht, Platz und der Möglichkeit, aufs Klo zu rennen, ohne dass gleich mein Platz aufgefüllt ist.

Was macht man also, wenn man das beste aller Ergebnisse bekommen hat? Tanzen und schlafen. Also rockte ich innerhalb meiner Möglichkeiten und blutete nach. Die Schmerzen danach waren das Konzert wert. Ich fand, es war eins der besten der letzten Jahre. Die letzte Tour hat mich nicht so erreicht. Diese hat es wieder wett gemacht. Es war typisch DM: dunkel, ein bisschen dramatisch und mit einem tanzenden und rotierenden Dave auf der Bühne, dem man sein Alter zwar ansieht, der aber nichts von seiner unglaublichen Bühnenpräsenz verloren hat. Als eine der ganz wenigen brauche ich den Martin Gore-Teil mit A Question of Lust und Co. nicht wirklich. Aber es gehört halt zu den Konzerten dazu.

Commerzbank Arena Überblick

Danach? Schlafen. Ich war müde und müde und müde. Und wusste noch nichts vom Ergebnis der ersten Biopsie und der zweiten.

Das kam am Mittwoch Mittag. Mit dem Ergebnis, dass es zwar gutartig sei, aber es ein Ärztekonzil gäbe, in der man meinen Fall bespräche und ob man noch eine Biopsie machen müsse. Nach dem Tief der Biopsie, dem Hoch des DM-Konzerts, kam das Hoch-Tief dieser Nachricht. Dicht gefolgt von einem Hoch, denn am Mittwoch Abend wurde mir ein Kindheitstraum erfüllt: Pet Shop Boys live. Ja, ich war als junge Jugendliche / älteres Kind ein Fan. Ich habe mir „Introspective“ zu Weihnachten gewünscht und bekommen.

Auf dem Album sind so Sachen drauf, wie Left to My Own Devices, Domino Dancing und Always on My Mind. Und ich liebte es. Es war die Zeit, als man sonntags in der Eissporthalle war und Hand in Hand zu It’a a Sin übers Eis schlitterte.

Danach holte ich mir noch „Actually“ und „Please“. Westend Girls, Suburbia und Rent liefen in Dauerschleife, später dann auch die übrigen Songs, deren Schlichtheit und Klarheit bei einer tiefen Doppeldeutigkeit und Melancholie, mich heute noch packen.

Als ich sah, dass sie nach Mainz kommen, musste ich hin. Als ich die Kritiken zur Show sah, war es um mich geschehen. Die Phoenixhalle (oder jetzt Halle 45) kannte ich als kleine, feine Location mit Industriecharme – also der perfekte Rahmen für Synthiepop und Lasershow.

Ich tanzte wie bekloppt, war fast eindreiviertel Stunden in einem kleinen Rausch und ertrug auch die kitschigen Parts mit Sonnenuntergang und Co. gelassen. Himmel, die waren schon immer so.

Zwei Stunden ablenken von der Biopsie am nächsten Tag.

Am Freitag kam dann das nächste Konzert: Coldplay. Ich bin kein großer Fan. Ich höre nur einige Lieder einfach gerne mal. Viele sind auf meiner Playlist, die ich zum Putzen laut laufen habe. (Ja, ich habe eine Putzen-Playlist…) Coldplay sind für mich die fleischgewordene gute Laune. Weltverschönerer mit bunten Noten und einem dicken Grinsen im Gesicht. Happy Time in Reinkultur.

Das Konzert ist für mich dann auch so zu beschreiben: Hippies in den 40ern feiern auf LSD einen großen Kindergeburtstag mit Konfettikanonen. Die Masse hebt die Arme und singt und springt auf Kommando, das Stadion leuchtet in allen Farben, und jeder Prediger schaut wohl neidvoll auf die Fähigkeit dieser Band, die Massen mit ihrer Anwesenheit zu begeistern.

Coldplay sind die Mischung aus Yogastunde auf Bali und Love-Parade in Berlin.

Am Samstag dann noch ein Treffen mit Herzmenschen, die das zweite Konzert von Coldplay besuchten und dafür nach Frankfurt anreisten. Ein gemeinsames Essen, ein bisschen Zeit zum Quatschen – und mitgerissen vom Coldplay-Farbrausch und meiner Erleichterung, gönnte ich mir noch ein paar neuer Turnschuhe.

Warum auch immer, aber im Moment steh ich sehr auf bunte Sneaker. Vielleicht, weil Lebenslust und Tanzen zusammen gehören und diese Woche so voll von beidem war. Intensives (er)leben und tanzen.