Empört euch nicht.

Oder anders.

Wenn man oft in den Sozialen Netzwerken unterwegs ist, fällt einem irgendwann zwangsläufig auf, wie viele Menschen sich empören. Empören scheint ein Volkssport geworden zu sein. Man empört sich über politische Themen genauso, wie über den Nachbarn mit der anderen Meinung.

Nein, eigentlich empört man sich sogar noch lieber über den mit der anderen Meinung.

Und am liebsten empört man sich über den mit der anderen Meinung bei anderen, die sich auf über den mit der anderen Meinung empören, wenn der mit der anderen Meinung sich empört.

Was niemand mehr macht, ist einfach mal die Meinung des anderen stehenzulassen, sie auzuhalten.

Jetzt zum Jahreswechsel ist die Empörung wieder themenabhängig:

  • über Böllern
  • gegen öffentliche „Böllern, nein danke“-Meinung
  • gegen die Meinung, gegen „Böllern, nein danke“ zu sein
  • über gute Vorsätze
  • über diejenigen, die gute Vorsätze haben
  • über diejenigen, die ihre guten Vorsätze öffentlich sagen
  • über diejenigen, die gegen diejenigen sind, die ihre guten Vorsätze…

Ach, Sie wissen schon.

Es ist so unfassbar müßig. Ich verstehe einfach nicht, was es Menschen bringt, sich ständig über andere Menschen zu empören, die ihre (andere) Meinung kundtun, nur um dann seine eigene Meinung kundzutun, sich dabei für besser zu halten, obwohl man das gleiche tut?

Muss immer alles kommentiert werden? Halten wir uns und unsere Meinung für so wichtig, dass wir zu jedem Furz des anderen unseren Blasebalg anwerfen müssen?

Es geht den wenigsten Menschen noch um den Austausch. Die meisten möchten einfach nur ihre Ansichten loswerden. Und wenn sie nichts zu sagen haben, empören sie sich eben darüber, dass andere was zu sagen haben. Oder nichts zu sagen habe und es trotzdem tun.

Worüber sich kaum jemand wirklich empört, sind die wichtigen Themen: der Abbau der Sozialpolitik, die Folgen der jahrelangen Einsparungen bei der Bildung, der Abbau von Polizeistärke und sozialem Wohnungsbau, die Gentrifizierung, Kinder- und Altersarmut, die schlechte Bezahlung der Stützen der Gesellschaft, der Rechtsruck in der Gesellschaft, die Toleranz gegenüber rechten Gewalttaten, die Beeinflussung der Entscheidungen dieses Landes durch Lobbyisten und Parteispenden, die Diskrepanz zwischen Arm und Reich, die gravierend unterschiedlichen Bildungschancen, Ungleichbehandlung von Frauen und Männern, gesellschaftliche Akzeptanz von (sexualisierter) Gewalt, die Ausbeutung anderer Länder zu Gunsten unseres Wohlstands, unsere Wegwerfmentalität, unser Konsumverhalten, fehlende Inklusion, Gleichberechtigung aller Menschen, Schutz unserer Umwelt, Aufhalten des Klimawandels…

Die Liste ist so lang und doch sind diejenigen, die sich darüber empören, in der Minderheit. Dafür sind diejenigen, die sich über andere aufregen, die einfach nur ihre Meinung sagen, so viele.

Ich wünsche mir mehr Empörung und weniger Empörung für 2018. Und nehme mir vor, öfter die Meinung anderer einfach mal stehen zu lassen, statt sie zu kommentieren. Und das alles, nachdem ich nicht geböllert habe zu Silvester, weil ich das für die größte Geldverschwendung und Umweltverschmutzung, für Tierquälerei und absolut überflüssig halte.

So.

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Hilflos.

Wir sind unterwegs. Morgensporteln durch Regen und über die Felder. Die Luft tut gut, die Bewegung tut gut. Es ist überall noch still. Zweiter-Weihnachtsmorgen-Stille. Wir laufen vorbei an stillen Wohnhäusern, durch stille Straßen und treffen einen Mann. Zerrissenes Hemd, Hose, nur Socken an den Füßen. Es regnet in Strömen. Er kommt auf uns zu.

Ich frage ihn, ob es ihm gut gehe. Nein, sagt er. Er sei auf kaltem Entzug. Ob ich Alkohol für ihn hätte.

Ich laufe weiter neben ihm her. Möchte ihn nicht allein lassen. Er will zur Tankstelle. Bier holen. Er brauche jetzt sofort Bier. Ist völlig fokussiert auf die Sucht, aber im Kopf erschreckend klar. Wir unterhalten uns.

Er ist bei seinem Bruder zu Besuch. Kommt eigentlich aus Frankfurt. Sein Bruder will ihm keinen Alkohol geben. Wollte ihn am Verlassen der Wohnung hindern. Es muss hart hergegangen sein. Sein Hemd ist zerrissen, sein Arm blau. ich frage ihn, was los ist. Er sagt, er glaube, der Arm sei gebrochen.

Peter geht hinter uns und ruft einen Krankenwagen.

Wir reden weiter. Er erzählt von seinen Versuchen aufzuhören. Morgen hat er den nächsten Termin. Er sagt, er schafft es nicht. Ich weiß, dass er recht hat, versuche ihn aber zu überreden, sich jetzt im Krankenhaus helfen zu lassen. Medikamente, um den Entzug zu lindern, zur Beruhigung, gegen die Schmerzen. Statt zur Tankestelle zu gehen.

Nein, er will Bier. Wir unterhalten uns über seine Sucht. Er sagt, es gäbe Trigger. Die wären gedrückt worden, er weiß, dass ihn die Sucht zu Grunde richtet. Er sagt, manchmal hoffe er, das passiere lieber früher als später. Alkoholiker stürben eher an Hirnschlag, als an Leberzirrhose. Und wenn er jetzt nichts zu trinken bekäme, käme wieder ein Krampfanfall durch den kalten Entzug. Ja, er hat wieder recht. Er kennt seine Krankheit. Viel zu gut kennt er sie.

Der Krankenwagen kommt. Er will sich nicht helfen lassen. Er geht stur geradeaus und will nur zur Tankstelle. Bier holen. Nur Bier holen. Er brauche jetzt zwei Bier.

Die Rettungskräfte sagen, sie könnten ihm nicht gegen seinen Willen helfen. Sie dürfen ihn nicht festhalten, auch wenn er bei 3 Grad im Regen auf Socken rumläuft.

Die Sanitäter rufen bei der Polizei an. Nein, auch sie können nichts machen. Er ist keine Gefahr, er ist nur alkoholkrank und auf Entzug. Alle fahren weg. Pech für ihn und seinen Arm. Niemand kann gezwungen werden.

Wir erreichen die Tankstelle und er hat mir viel erzählt.

Ich bitte ihn, mich anzusehen. Er traut sich kaum, mir in die Augen zu blicken. Ich lächle ihn an und wünsche ihm von Herzen, dass er es für sich schafft.

Er sagt, dass kann nur er allein schaffen. Ja, sage ich. Stimmt. Er wisse, dass ich es gut meine. Aber jetzt ginge es noch nicht. Ich wünsche ihm frohe Weihnachten, er geht in die Tanke, wir gehen weiter.

Wir können nicht jedem helfen, auch wenn wir es wollen. Aber vielleicht denkt er irgendwann mal in einem Moment im Entzug an die Menschen, die ihm mit Respekt begegnet sind, als er selber keinen mehr vor sich hatte.

Vielleicht hilft es ihm dann.

Hobbyshaming.

Seit vielen Monaten formiert sich eine Gegenbewegung zum Bodyshaming. Frauen zeigen ihre Körper und weisen darauf hin, dass man sich von anderen nicht diktieren zu lassen hat, was „normal“, „schön“ oder „richtig“ sei. Der Körper als Kunstwerk, so wie er ist, mit Dehnungsstreifen, Fettpölsterchen, stark hervorstehenden Rippen oder schiefer Nase. Das vorgelebte Schönheitsideal ist eine Erfindung.

Es gibt im Internet durchaus einige Vorreiter*innen, deren Rants hierzu durch hohe Reichweite immer mal wieder in meine Timeline gespült werden. Ich finde das großartig.

Umso mehr erstaunt es mich, wenn aus „mehr Toleranz“-Mündern das Lästern/Beurteilen über andere ertönt, die eben anderes gut finden, als sie selbst oder sich für andere Dinge Zeit nehmen, als sie es tun.

In diesem Fall ging es um das Darstellen von Selbstgebackenem und -gebasteltem bei Instagram, was das auslöst und im Anschluss um die Frage, wie jemand für sowas überhaupt Zeit haben könne.

Schnell fanden sich andere, die applaudierten und flugs einen Typus ausmachten, der sich ihrer Meinung nach mit Plätzchen und Co. in Szene setzt: Yoga machend und an sich selbst denkend, Tee trinkend.

Was ich daran zu traurig finde, ist, dass hier die Lebensweise von Menschen kritisiert (und pauschalisiert) wird, auf die gleiche Weise, wie Bodyshaming betrieben wird: Fette sind unsportlich, Dicke sind disziplinlos – Menschen, die dekorieren und basteln sind nicht so lässig, wie diejenigen, die für sowas keine Zeit haben.

Nein. Sie haben nur anderen Prioritäten und Hobbys.

Vielleicht ist da eine Mutter, die einen Teilzeitjob hat, vier Kinder und sich trotzdem abends noch die Zeit nimmt, um Plätzchen zu backen. Einfach, weil sie es gern tut. So wie vielleicht die Dicke abends Fahrrad fahren geht, um den Kopf frei zu bekommen.

Himmel, und? Muss man jemanden, der andere Prioritäten und Lebensweisen hat, deswegen mit dieser Arroganz begegnen? Besonders dann, wenn man selber anprangert, dass andere einen mit Dummheit und Arroganz beurteilen?

Als jemand dann „Achtsamkeitsmüll“ von sich gab, für mich eine Verurteilung einer Lebensweise, die er/sie halt nicht teilt, bin ich ausgestiegen.

So lange wir nicht unser eigenes Schubladendenken und Verurteilen in Frage stellen und uns über andere lustig machen, so lange dürfen wir uns nicht darüber beschweren, wenn in den Bereichen, die uns treffen und wichtig sind, nicht umgedacht wird.

Toleranz beginnt bei einem selbst.

 

 

Plätzchen

Eigentlich jedes Jahr gibt es für zwei Wochenenden hier die Weihnachtsbäckerei. Ich wälze vorher Plätzchenhefte, durchstöbere Rezepte – und backe dann die gleichen Sorten.

Dieses Jahr nicht. Denn dieses Jahr habe ich nur neue Rezepte ausprobiert:

Eine Sorte ist nichts geworden (so Schoko-Dinger, die einfach nur staubtrocken waren und im Mund immer mehr wurden), zwei mach ich nicht wieder (die Biscotti, weil sie zerbröseln und die Matcha-Herzen, weil sie sehr streng schmecken).

Besonders gut kommen die Engelsaugen an mit Lemon Curd und Kokosummantelung (nur ohne Kokos im Bild, weil die anderen schon weg sind). Auch grandios sind die Makronen mit Tonkabohne. Und die Zimtsterne sind herrlich klebrig-zäh. War auch ziemlich frustrierend zu verarbeiten und erst von Erfolg gekrönt, als ich den Teig noch mit Mehl bestäubt habe vor dem Ausstechen.

Die Rezepte stammen alle aus den bekannten Frauenzeitschriften-Specials, aus Rezeptheften, diversen Internetquelle wie Food-Blogs oder Online-Specials.

Kürbiskernkipferl

Schneeflöckchen

Zimtsterne (aber ohne den Kaffee)

und verfeinerte/modifizierte Standardrezepte aus allen möglichen Bereichen:

Tonkabohnenmakronen

Engelsaugen (Quelle: Basisrezept aus dem Plätzchen-Extra „Für Sie“)

Kardamomkipferl

Überblick.

Ich bin 170 cm hoch. Das ist nicht sehr groß, aber auch nicht sehr klein. Aber eben nicht sehr groß. Ich trage selten hohe Schuhe. Aus gesundheitlichen und Vernunft-Gründen. Und ich gehe gern auf Konzerte.

Bei Menschenmengen bewirkt meine Größe, dass ich sehr häufig die Schultern größerer Menschen im Gesicht habe. Die breiteste Stelle des Körpers der Menschen um mich herum hängt in meinem Gesichtsfeld. Was es sowohl einschränkt, als auch ein beklemmendes Gefühl bereitet.

Auf Konzerten kommt eine gewissen rhythmische Dynamik hinzu: die Menge tanzt. Oder bewegt sich.

Hat man als kleinerer Mensch also gerade eine Position gefunden, um durch eventuelle Lücken dem Geschehen auf der Bühne folgen zu können, wird diese garantiert immer wieder verschlossen.

Für mich bedeutet das, entweder ganz nach vorne zu gehen – oder nach hinten. Nach vorne, um die Wahrscheinlichkeit einen Tower vor mir zu haben zu minimieren, nach hinten, um den Blickwinkel so zu verändern, dass man wenigstens die Köpfe vorne sieht.

Beides hat seinen Nachteil: stehe ich vorne, kommt der Mann (knapp 190 cm hoch) mit und versperrt jemandem die Sicht. Stehe ich hinten, kann es passieren, dass die Leuchttürme dieser Welt trotzdem die Sicht versperren. Erschwerend kommt hinzu, dass ich leicht klaustrophobisch reagiere, wenn mich Menschen körperlich bedrängen. Vorne an der Bühen ist das erfahrungsgemäß ganz sicher so…

Gestern waren wir auf einem Konzert und ich hatte in allen Bereichen Pech: Vorne war sehr voll. Auch die großen Leute standen vorne und mittig. Hinten, wo Platz war, war die Akkustik miserabel. Und zwar so schlecht, dass man teilweise nur ein Bummern und Bollern gehört hat. Vom Gesang konnte ich nur träumen. Und als man sich gerade so mit der Akkustik abgefunden hat, stellten sich zuerst zwei Freundinnen auf 20 Zentimeter Entfernung vor mich und fingen lautstark an zu schnattern (keine Sicht und noch schlechteres Verstehen), dann stellten sich zwei Riesen davor.

Das war toll, weil die Schnatterweibchen sich verzogen – schlecht, weil ich jetzt nichts mehr sah. Außer Rücken.

Zu meiner Verzückung begangen die Männer vor mir auch noch mit dem absoluten No-Go für mich auf Konzerten: Smartphone zücken und filmen.

Liebe Konzertbesucher, ich weiß, ihr könnt nichts für eure Größe. Ich aber auch nicht. Wenn ihr euch also einen Platz sucht, der irgendwo mittendrin ist – macht das doch vor dem Konzert. Nicht mittendrin. Denn damit bewirkt ihr, dass eine kleine Person nichts mehr sieht und sich auch wieder einen neuen Platz suchen muss. Während des Konzerts. Und wenn ihr schon groß seid, dann haltet doch bitte nicht auch noch eure Handys nach oben, um auch noch den letzten Blick durch irgendwelche Lücken zu versperren.

Kann ja gar nicht so schlimm sein? Bitteschön:

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Am Anfang stand ichvor dem Mann mit der Glatze. Bis sich davor zwei Typen hinstellten. Wir stellten uns dann weiter nach hinten.

Bis er kam:

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Tja, nun. Der Gute war locker 2 Meter hoch. Und die davor auch noch breit.

Und so endete unser Konzertbesuch damit, dass ich so gut wie nichts sah und dann auch noch schlecht hörte. Und die Einsicht der großen Menschen war – wie fast immer – eher klein.

 

Schwachfug.

Mein Unwort des Tages: Mitgebseltüte.

Was ist das denn für ein Schwachfug? Da überlegen sich Erwachsene, welche Geschenke sie den Geburtstagsgästen ihrer Kinder machen können. Den Gästen! Geschenke! Ja, geht’s noch?

Auf Nachfrage wurde mir gesagt, dass das zur Kompensation des Süßigkeitenmangels auf den heutigen Kindergeburtstagen diene.

Jetzt, whaaat? Was ist denn bitte mit der Elternwelt los? Wann genau sind Kindergeburtstage zu Rohkostpartys ohne Zucker und mit pädagogisch wertvollen (haha) Gegengeschenken geworden?

Sind diese Mitgebseltüten sowas wie Bestechung? Oder ist das der Schwanzvergleich der Müttercommunity? Wer hat die kreativste, tollste, wertigste, interessanteste und neidhervorrufendste Tüte für die Gäste?

Es gibt Pinterestpinnwände zu dem Thema, Partyplanner bauen da ganze Angebote drumherum inklusive fertig gepackter Tüten, auf Dawanda und Co. findet man supertollgepimpte Tüten mit durchdesignten Motivideen. Und in Foren tauschen sich übereifrige Eltern darüber aus, was die Kinder sich wünschen. Hey, wie wäre es mit einem verkackten Legobausatz vom Millenium Falcon, den wünscht Malte-Lasse sich doch so sehr.

Im Ernst mal: Was genau sollen diese Tüten bringen? Was sollen diese Tüten bewirken? Welche Symbolik haben sie?

Eine Mutter bei Twitter schrieb mir, ihr Kind wäre mit so einer Tüte vom Geburtstag wiedergekommen. Wert: 8 Euro. Eingeladen waren 10 Kindern. Das sind 80 verdammte Euro dafür, Kinder dafür zu belohnen, dass sie eine Einladung angenommen haben, um einen besonderen Tag eines Freundes mit ihm zu feiern, bespaßt zu werden, Kuchen zu bekommen und spielen zu können.

Ich stelle mir ein Kind vor, dass ausgegrenzt wird, keine Gäste bekommt, weil es keine Mitgebseltüten verschenkt.

Oder eine Familie, die monetär nicht so gut gestellt ist und für die schon die Ausrichtung so einer Geburtstagsparty eine kaum zu stemmende finanzielle Belastung sein kann. Nicht alle Familien können mal eben zehn Kinder bewirten. Oder, noch schlimmer, irgendein elendes Event kaufen: Spielpark, Kletterwald, Kino, Zoo…

Das kommt ja auch noch hinzu: Eltern nutzen die Party ihrer Kinder, um ihren eigenen Stellenwert, ihr Ansehen zu erhöhen. Bei den anderen Eltern.

Auf der Strecke bleibt in meinen Augen der Sinn eines Geburtstages: Ein Kind wird gefeiert, spielt mit anderen Kindern, bekommt kleine Geschenke, man lacht und tobt, macht Kindergeburtstagsspiele, wie Topfschlagen, Schokoladeessen, Schnitzeljagd. Die Kinder verbringen drei, vier schöne Stunden miteinander, in denen sie lernen, dass es verdammt viel Spaß macht, wenn man eingeladen wird und jemand anderes im Vordergrund steht. Und das Geburtstagskind steht ein Mal im Jahr alleine oben auf dem Podest. Es darf sich einfach mal feiern lassen. Ohne schlechte Gewissen, ohne dass es diese Position teilen muss.

Mir sagte eine andere Mutter, dass es keinen Süßkram mehr gibt, weil man ja auch nicht mehr um Gewinne spielt. Warum genau macht man das denn jetzt nicht mehr? Um Kinder vor dem Verlieren zu beschützen? Damit sie sich nicht mit Niederlagen auseinandersetzen müssen? Haben die Eltern Angst, dass ihr kleiner Hasipopasi lernt, dass jemand anderes schneller ist, als er? Na, und? Dafür ist Hasipopasi vielleicht besser im Kopfrechnen. Scheiß der Hund drauf.

Ich könnte ja verstehen, dass man den Gästen ein Andenken mitgeben möchte. Ein Andenken an den Tag, an den Freund/die Freundin. Aber Mitgebseltüten mit Pixiebüchern, Haarspangen, Lego und Kartenspiel? Dazu Süßes, das Muddi zuhause auf Unverträglichkeitstauglichkeit kontrollieren kann?

Gebt doch lieber jedem Kind ein Teil der Schatzkarte von der Schnitzeljagd mit. Macht ein Gruppenfoto mit allen Kindern und druckt es aus. Lasst alle was basteln und dann mit nach Hause nehmen. Aber muss es gleich Konsum, Konsum, Konsum ohne Seele sein?

Wenn ihr von Freunden eingeladen werdet zum Geburtstag, ein kleines Geschenk, eine Aufmerksamkeit mitbringt (auf die es nicht ankommt, weil es viel wichtiger ist, dass ihr da seid und Zeit schenkt) und einen schönen Abend verlebt, tolle Gespräche habt, ein lecheres Essen bekommt – erwartet ihr dann auch noch ein Geschenk, das ihr vom Gastgeber bekommt? Oder freut ihr euch einfach darüber, dass ihr eingeladen wart und mit lieben Menschen Zeit verbringen konntet?

Warum also baut ihr bei euren Kindern diesen Druck, diesen Stress, diese Erwartungshaltung auf?

Warum macht ihr euch diesen Stress? Ist es nicht anstrengend genug, einen Geburtstag mit Motto zu planen, Kinder zu bespaßen, Kuchen zu backen, Abendessen zuzubereiten? Braucht ihr da noch diese Selbstinszenierung, wer den tolligsten Scheiß für seine Gäste kaufen kann?

Wessen Bedürfnisse befriedigt ihr da eigentlich?

Nachtrag:
Ich habe gerade von einer Mutter gehört, die auf einem Kindergeburtstag war, auf dem es Mitgebseltüten für die Mütter gab. Mich macht das sprachlos. Mein Mann hingegen fragt, ob es auch Mitgebselmitbringseltüten für nicht anwesende Väter gibt…

Hilflos?

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, dann sehe ich immer wieder Frauenin meinem Umfeld, die Opfer von Gewalt wurden. Verbal, emotional, körperlich. Welche Art von Gewalt ihnen passiert, ist für die Folgen egal, sie bewirken alle dasselbe: Scham, Schuldgefühle, Hilflosigkeit.

Es ist ein großer Schritt, eine große Überwindung erforderlich, um Hilfe zu bitten. Die meisten schaffen es nicht. Bei vielen ist der Ruf nach Hilfe aus der Not, dem Moment geboren, weil es um ihr Leben geht, die Angst die Scham in den Hintergrund drängt – oder weil es jemand mit bekommt und handelt.

Vor einigen Jahren bekam ich mit, wie unsere Nachbarin (damals noch in der anderen Stadt) im Treppenhaus von ihrem Exfreund massiv körperlich angegangen wurde. Er nutzte eine Eisenstange und seine Arbeitsstiefel. Es folgten für ihn Anzeige, Kontaktverbot, Gerichtsverhandlung, Verurteilung wegen Vergewaltigung und Körperverletzung. Für sie folgte Angst, Scham und von Seiten eines Polizisten sogar Misstrauen in Bezug auf den Wahrheitsgehalt der Aussagen sowie das Herunterspielen der Taten.

Wir konnten nicht viel machen, außer da zu sein und sie zu stärken.

Vor nicht so vielen Jahren durchlebte eine Freundin verbale Gewalt von ihrem Exfreund und wir konnten nichts machen, außer in dauernder Rufbereitschaft zu sein.

Jetzt trifft es wieder eine Freundin. Eine alte Freundin, die mir am Anfang meiner Zeit hier in Hessen sehr geholfen hat, für mich da war und uns als Paar sehr weitergeholfen hat. Sie war eine optimistische, fröhliche Person, die viel lachte – trotz vieler Probleme.

Es folgte Privatinsolvenz, Trennung, Scheidung, Verlust der Firma, des Arbeitsplatzes, Umzug, der Versuch des Aufbaus einer neuen Existenz, erneutes Scheitern, psychische Instabilität. Dann kam ein Mann in ihr Leben und nutzte die Chance: trotz seiner psychischen und physischen Erkrankungen gewann er emotionale Macht über sie, machte sie psychisch abhängig und wandte dafür Gewalt in vielerlei Hinsicht an: Erpressung, Beschimpfungen, Bespucken, Bedrohen, körperliche Gewalt.

Wir bekamen davon nichts mehr mit, denn längst war sie weggezogen und meldete sich nicht mehr. Gegenüber anderen alten Freunden gab sie zwar an, dass es nicht so gut laufe, aber nie hörte es sich nach der Hölle an, die sie durchlebte. Wir waren sogar sauer auf sei, weil wir nicht verstanden, warum sie die langjährige Freundschaft wegwarf, uns wegstieß und jede Einladung ablehnte, wenn sie überhaupt reagierte.

Heute hörte ich von ihr.

Eine halbe Stunde lang weinte sie am Telefon. Und erzählte mir von ihrer persönlichen Hölle der letzten zwei Jahre. Sie sprach von Scham, von Hilflosigkeit. Von Angst und von dem paradoxen Gefühl, seine andere Seite zu lieben. Sie sprach davon, dass sie bei „Frauen helfen Frauen“ um Hilfe gebeten hat. Dass sie ihn aber nicht aus der Wohnung bekommt, die sie allein gemietet hat. Und wiederum Angst hat vor ihm, wenn sie ihn rausschmeißen würde. Vor dem, was er dann täte.

Sie erzählte, dass sie so oft daran gedacht hatte, zu uns zu kommen, aber sich schämen würde für das, was sie geworden sei. Und davon, dass er ihr den Kontakt zu anderen untersagen würde.

Jetzt sitze ich hier. Hin- und hergerissen.

Ich habe ihr angeboten, dass sie jederzeit, tags wie nachts, zu uns kommen könne. Dass wir sie auf ihrem Weg begleiten. Dass sie da alleine durchmüsse, aber nicht allein wäre dabei. Dass wir sie begleiten. Für mehr Angebot reichte die Zeit nicht. Ich hoffe, sie nimmt es an und kommt vorbei.

Aber wir sitzen hier und überlegen, was wir machen können. Wir können nicht einfach dahin fahren und ihn vor die Tür setzen, wenn sie das nicht möchte oder uns nicht darum bittet. Aber beim kleinsten Anzeichen, dass sie unsere Hilfe dabei möchte, sind wir da. Wir können sie stärken und sie darin bekräftigen, endlich die Polizei zu rufen, wenn es wieder passiert. Damit die Polizei ihn aus der Wohnung holt. Und seine Sachen. Aber wir können das nicht von uns aus machen.

Sollte ich aber mitbekommen, dass er ihr nochmal weh tut, werde ich Anzeige erstatten. Und ich ziehe die nicht zurück. Es wird auch nicht das Problem sein, einige Freunde zu engagieren, die helfen, ihn höflich, aber bestimmt, mit seinen Sachen aus der Wohnung zu begleiten. Und ihm klar machen, dass sie nicht allein ist und er nicht weiterkommt.

Was bleibt ist die Angst. Und das Gefühl der Hilflosigkeit.

Nicht nur bei ihr. Auch bei mir. Denn trotz aller Hilfsangebote, die es gibt, werden Frauen immer noch zu oft allein gelassen damit, diese Schritte zu gehen. Es ist leicht gesagt, Anzeige zu erstatten, die Polizei zu rufen und um Hilfe zu bitten.

Es ist aber nicht leicht gemacht.

Wer über Monate, Jahre, gedemütigt und gebrochen wurde, wer Angst hat, wer verzweifelt und hoffnungslos ist, wer sich schämt, für den sind auch diese Schritte fast ungehbar. Sie erfordern unfassbar viel Kraft, die oft nicht aufgebracht werden kann. Vermeintlich. Denn man muss diesen Frauen zeigen, dass die Kraft, die sie täglich aufbringen, um diese Hölle zu ertragen, viel größer ist. Doch das müssen sie erstmal sehen lernen.